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Deutsche Offiziere von Bord Warum Reeder nicht unter deutscher Flagge segeln wollen

Deutschland hat die viertgrößte Handelsflotte der Welt. Aber nur noch 200 Schiffe fahren unter deutscher Flagge. Die Politik bietet den Reedern Steuervergünstigungen an. Doch ob das den deutschen Seemann rettet, ist unklar.

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Immer weniger Schiffe fahren unter deutscher Flagge. Die Frankfurt Express der Reederei Hapag-Lloyd ist eine der seltenen Ausnahmen. Die Cap San Raphael der Konkurrenten Hamburg Süd hingegen fährt unter dem Banner von Liberia. Quelle: dpa

Das Steuer rumreißen will die Reederei NSB nicht mehr: Alle zwei Monate lässt Reederei-Geschäftsführer Tim Ponath die deutsche Flagge bei einem seiner Schiffe einholen. 65 Schiffe hat das Schifffahrtsunternehmen aus Buxtehude in seiner Flotte. Zum Jahresanfang fuhren davon noch 38 unter deutscher Flagge, heute noch 33. In zwei Jahren soll es keines mehr sein.

Auch wenn der Bundestag nun über Steuervergünstigungen für Schiffe mit der schwarz-rot-goldenen Flagge diskutiert, für die Reederei NSB sind die Kosten für die Flagge zu hoch - und auch die Heuer der deutschen Seeleute. Im Dezember letzten Jahres hat Ponath seinen Mitarbeitern die Nachricht überreicht: Alle 486 deutschen Seeleute verlieren ihren Job bei NSB. Ohne den Schritt, da ist sich Tim Ponath sicher, hätte das 1982 gegründete Familienunternehmen bald aufgeben müssen.

Die beliebtesten Flaggen der deutschen Reeder

Ponath ist einer der Letzten in der Branche, der überhaupt noch unter deutscher Flagge fährt. Dabei ist die Macht der deutschen Reedereien unbestritten: Mit 3240 Schiffen hat Deutschland laut den Daten des Branchenanalysten IHS nach Griechenland, Japan und China die viertgrößte Handelsflotte der Welt. Am Heck der Schiffe lässt sich das nicht mehr erkennen: Die Flaggen von Liberia, von Antigua und Barbuda flattern dort im Wind, manchmal auch die von Dänemark oder den Niederlanden. Aber Schwarz-Rot-Gold? Fehlanzeige.

Den Reedern sind die Kosten zu hoch, die Vorschriften zu streng. 2008 gab es noch 645 Schiffe mit deutscher Flagge. Dann kam die Krise, die Weltwirtschaft brach ein, und für die vielen Containerschiffe auf den Weltmeeren gab es auf einmal kaum noch Ladung. Sieben Jahre später haben sich die Reedereien immer noch nicht davon erholt. Die Preise erreichen neue Tiefststände, viele Unternehmen schreiben Verluste. Die Reeder sparen deshalb auch an dem Symbol ihrer Heimat: Heute haben nur noch 360 Schiffe nach Angaben des Bundesamt für Seeschifffahrt die deutsche Flagge gehisst. Lediglich etwa 200 davon fahren auch in internationalen Gewässern.

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    Wie die Flagge verschwinden auch die teuren deutschen Offiziere und Schiffsmechaniker: Nur noch 6705 deutsche Seeleute im Sommer diesen Jahres in Deutschland beschäftigt, geht aus den Zahlen der Knappschaft Bahn-See hervor. So niedrig war die Zahl noch nie.

    Das sind die wichtigsten Flaggen der Schiffe auf den Weltmeeren
    Die Deutsche FlaggeNur noch 350 Schiffe sind derzeit unter der deutschen Flagge registriert, davon 150 Behördenschiffe und Fähren, denen ein Ausflaggen faktisch verwehrt ist. Einen Großteil der restlichen Handelsschiffe stellt die Containerreederei Hapag-Lloyd, die immer noch 40 ihrer 188 Dampfer unter deutschem Hoheitszeichen betreibt. Im Sicherheitsranking der europäischen Hafenstaatskontrollen (Paris Memorandum of Understanding) belegt die Flagge Platz 15 hinter China und Griechenland. Quelle: dapd
    Die Schwarze Liste Quelle: dpa
    Die Ausbildung an BordFür die Ausbildung an Bord gibt es zwar Bundeszuschüsse von jährlich 30 Millionen Euro, die Beantragung ist aber aufwendig und bürokratisch. Das gilt auch für die Registrierung. Zuständig sind neben den Amtsgerichten das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrologie, die See-Berufsgenossenschaft und zahlreiche weitere Behörden. Quelle: dpa
    Flagge zeigenBillig-Flaggen liegen im Trend: Nur noch 350 der 3.100 deutschen Handelsschiffe fahren deshalb unter Schwarz-Rot-Gold zur See. Quelle: dpa
    Die Flagge von Panama Quelle: AP
    Die Flagge von Zypern Quelle: AP
    Die Flagge von MaltaAuch Malta profitiert von der Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Die Billigflagge kann aber mitunter recht teuer werden. Treten Probleme mit Behörden auf, können sie nur über eine eingeschaltete Rechtsanwaltskanzlei gelöst werden. Quelle: AP

    Die Bundesregierung will der kriselnden Branche nun mit Steuervergünstigungen zur Hilfe kommen. Einen entsprechenden Antrag hat der Bundestag am Donnerstag bereits diskutiert. Dass die Regierungskoalition ein darauf beruhendes Gesetz verabschieden wird, gilt als so gut wie sicher. Am Montag und Dienstag will die Bundesregierung ihr Konzept bei der Maritimen Konferenz in Bremerhaven vorstellen.

    Umstritten ist, ob die Maßnahmen das Untergehen des deutschen Seemanns verhindern können - oder ob sie am Ende nur den Reedereien helfen.

    500.000 Euro teurer als andere Flaggen

    Der wichtigste Punkt in der neuen Strategie der Bundesregierung: Reeder, deren Schiffe unter deutscher Flagge fahren, sollen zukünftig keine Lohnsteuern mehr für ihre Besatzung zahlen müssen. Schon bisher erlässt die Regierung den Reedern 40 Prozent der Lohnsteuern. Trotzdem ist das deutsche Banner nach Berechnungen des Verbands deutscher Reeder (VDR) bis zu 500.000 Euro teurer als andere.

    826.000 Euro kostet die deutsche Flagge selbst für ein kleines Containerschiff mit einer Kapazität von 2500 Standardcontainern zur Zeit. Selbst die Kosten für die niederländische und dänische Flagge sind erheblich niedriger: Die Reeder müssten dort für den gleichen Schiffstyp nur knapp 570.000 Euro zahlen. Auch, weil in den Niederlanden und Dänemark die Reeder schon lange keine Lohnsteuer zahlen. Deutschland will nun nachziehen.

    Reeder fordern weitere Maßnahmen

    Den Reedern fordern deshalb weitere Maßnahmen: "Die deutsche Flagge unterliegt im internationalen Vergleich bei der Besetzung den strengsten Vorschriften", kritisiert VDR-Geschäftsführer Ralf Nagel. Mindestens vier europäische Seeleute müssen auf einem Schiff mit deutscher Flagge beschäftigt sein - und ein Schiffsmechaniker.

    Alleine die Heuer und die Lohnnebenkosten für den Schiffsmechaniker kosten die Reedereien um die 100.000 Euro. Dabei bräuchte man solch spezialisierten Fachkräfte nur auf bestimmten Schiffstypen, sagt Nagel. Die Gewerkschaft Verdi kämpft für den Erhalt des Berufs. Schiffsmechaniker seien Fachkräfte mit Fähigkeiten, die überall gebraucht werden könnten.

    Die größten Reedereien der Welt
    Platz 10Kapazitäten zum Transport von 509.065 Standardcontainer hat die Reederei Mitsui O.S.K Lines nach Angaben des Branchendienstes Alphaliner am 1. November 2012. Das sind drei Prozent Weltmarktanteil. Damit landet das japanische Unternehmen auf dem zehnten Platz der größten Reedereien der Welt. Foto: die Alligator Bravery im Hafen von Oakland, Kalifornien. Quelle: AP
    Platz 9CSCL Die Reederei China Shipping Container Lines mit Sitz in Schanghai verfügt über eine Flotte von über 150 Schiffen. Am 1. November 2012 hatte sie Platz für 554.607 Standardcontainer, was etwas über drei Prozent Weltmarktanteil bedeutet. Das bringt in der Rangliste der größten Reedereien den neunten Platz. Foto: Der Containerriese „CSCL Europe“.
    Platz 8Die American President Lines (APL) konnte am Stichtag 577.143 Standardcontainer gleichzeitig bewegen und belegt damit den achten Platz des Rankings. Das Unternehmen ist eine Tochter der Neptune Orient Lines (NOL) aus Singapur. Foto: APL Terminal am Hafen von Los Angeles.
    Platz 7Mit einem Transportvolumen von 578.114 geht die Reederei Hanjin Shipping auf dem siebten Platz vor Anker. Das Unternehmen sitzt in Seoul und gehört mit weiteren Unternehmen wie der Fluggesellschaft Korean Air zur Hanjin Group. Die Schiffe von Hanjin fahren hauptsächlich zwischen Ostasien, Europa und der Westküste der USA. Foto: Das Containerschiff „Hanjin Cairo“.
    Platz 6Das Hamburger Logistikunternehmen Hapag-Lloyd entstand 1970 aus einer Fusion der Reedereien Hamburg-Amerikanische Packetfahrt-Actien-Gesellschaft (Hapag) und Norddeutscher Lloyd aus Bremen. Mit einer Kapazität von 636.214 Standardcontainern landet die Reederei auf dem sechsten Platz. Foto: Containerschiff Hamburg Express von Hapag-Lloyd am Terminal Hamburg-Altenwerder.
    Platz 5Auf Position fünf des Rankings: Die Reederei Cosco beziehungsweise Coscon mit Sitz in Peking besitzt am 1. November 2012 dem Branchendienst Alphaliner zufolge eine Kapazität von 719.652 Standardcontainer. Das sind über vier Prozent Weltmarktanteil. Das Unternehmen ist im Besitz der Volksrepublik China. Foto: Ein Cosco Container im Terminal des Hafens von Hongkong.
    Platz 4Mit 734.845 Containern Kapazität schafft es Evergreen Line auf Position sieben. Noch zum Jahresanfang hatte die Reederei drei Plätze weiter hinten in den Top Ten rangiert. Die Evergreen Group setzt sich aus fünf Unternehmen zusammen: Evergreen Marine Taiwan, Italia Marittima, Evergreen Marine UK, Evergreen Marine Hong Kong und Evergreen Marine Singapore. Die Schiffe der Flotte tragen übrigens alle auch den Zusatz „Ever“ im Namen. Foto: Evergreen Containerschiff am Hafen von Los Angeles.

    Dabei sind die Ausbildungsstandards in Deutschland und Europa längst mit denen in Sri Lanka, Indonesien oder den Philippinen vergleichbar. Die Löhne der asiatischen Seeleute betragen dabei oft nur ein Viertel. Und im Gegensatz zu den europäischen Seeleuten müssen die Reeder die asiatische Besatzung nicht für die Monate bezahlen, in denen sie auf Land bei ihrer Familie sind. „Indische und Philippinische Seeleute arbeiten für einen kleinen Teil des Geldes, auf dem Niveau kann kein deutscher Seemann eigenständig eine Familie zuhause ernähren“, sagt Klaus Schroeter, Leiter der Bundesgruppe Schifffahrt bei Verdi.

    Im harten Wettbewerb auf der See will keine Reederei mehr auf diese Kostenvorteile verzichten. Die Reederei NSB holt nun Seeleute und Offiziere aus Sri Lanka, China oder Osteuropa auf ihre Schiffe, die mittlerweile unter portugiesischer Flagge fahren. Im Gegensatz zur deutschen ist mit der portugiesischen Flagge keine Besetzung der Schiffe mit bestimmten Nationalitäten.

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      58 Millionen Euro Subventionen in einem Jahr

      „Diese Vorschriften, die die Beschäftigung von deutschen Seeleuten eigentlich sicherstellen sollen, bewirken genau das Gegenteil. Die deutsche Flagge hat erst mit einer flexibleren Regulierung eine Zukunft“, sagt Branchenvertreter Ralf Nagel. Wenn die Besetzungsverordnung geändert würde, könne das Ausflaggen vielleicht gestoppt werden, sagt er. Davon, dass die Zahl der Schiffe unter deutscher Flagge wieder mehr werden, redet er nicht.

      Trotzdem, die Abgeordneten der Regierungsparteien haben in ihrem Antrag bereits signalisiert, die Reedereien noch mehr zu unterstützen und diese Regularien zu lockern. Dabei fördert die Regierung die Branche bereits mit 58 Millionen Euro im Jahr. Damit erhält die Schifffahrt laut dem jüngsten Subventionsbericht der Bundesregierung den Platz 19 der Branchen mit den höchsten Subventionen. Weitere 20 Millionen Euro steckt die Regierung über die Stiftung Schifffahrtsstandort Deutschland jedes Jahr in die Ausbildung von nautischem und technischen Personal.

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      Verbessert hat sich die Beschäftigungssituation der deutschen Seeleute dadurch bisher nicht. "Zu viele Absolventen gehen direkt in die Arbeitslosigkeit", sagt Verdi-Experte Schroeter. 2009, zu Beginn der Krise, fanden noch 829 Berufseinsteiger einen Job auf See. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 441, so das Ergebnis einer Untersuchung der Unternehmensberatung PWC.

      Die Gewerkschaftler ist skeptisch, ob die neuen Subventionen nun das Verschwinden des deutschen Seemanns beenden können. „Die Politik unterstützt die Reeder, ohne dass daran ausreichende Bedingungen geknüpft sind", sagt Schroeter. Er verlangt, dass die Reeder im Gegenzug für die Steuervergünstigungen auch in die Pflicht genommen werden, wieder mehr deutsches Personal zu beschäftigen. "Solange von den Reedern keine Arbeitsplätze mit deutschen Seeleuten besetzt werden, hilft das den deutschen Seeleuten nicht."

      Für die Mitarbeiter bei NSB kommt die Gesetzesinitiative der Bundesregierung es ohnehin zu spät: Man bedauere es, dass die Maßnahmen nicht bereits vor zwei Jahren auf der politischen Agenda gestanden hätten, heißt es aus der Zentrale in Buxtehude. Vielleicht gäbe es dann heute noch mehr Schiffe mit deutscher Flagge - und deutschen Seeleuten.

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