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Unesco Wie das Welterbe den Tourismus durcheinander rüttelt

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"Vintage-look" statt wahrem Alter

In dem Komitee, das den Mehrheitsbeschluss fällt, sitzen keine Experten, sondern Unesco-Botschafter und damit Diplomaten. Die treffen meist sehr bewerberfreundliche Entscheidungen. So hatte Icomos 2014 für 10 von 26 Bewerbungen eine Aufnahme empfohlen. 18 Bewerber wurden dann direkt aufgenommen, allen anderen wurde eine spätere Aufnahme in Aussicht gestellt. Sogar der Meeresarm von Dubai mit seiner nahezu komplett rekonstruierten „Altstadt“ in der Pufferzone darf noch hoffen.

So wächst das Erbe der Menschheit in beeindruckendem Tempo. In Italien gibt es bereits 50 Stätten. In Deutschland wären es, wenn dieses Jahr neben Naumburg auch die Hamburger Speicherstadt Erfolg hat, 41. Die Gründerväter der Welterbekonvention wollten einst höchstens 100 Stätten vermerkt sehen, bereits im vergangenen Jahr wurde die Schallmauer von 1000 durchbrochen.

Zehn skurrile Sehenswürdigkeiten
Sandskulpturen-Festival, Belgien: Ein Künstler vermisst eine der riesigen Disney-Skulpturen aus Sand, die im Sommer 2014 zum ersten Mal in der belgischen Hafenstand Ostende zu sehen waren. Das Sandskulpturen-Festival, das zuvor jahrelang in Blankenberge stattgefunden hat, ist in diesem Jahr nach Ostende umgezogen. Auf mehr als 8000 Quadratmetern erschaffen die Künstler Gebäude und Attraktionen aus den Disney-Comics. Im Zentrum des Ganzen erhebt sich das „Sleeping Beauty Castle“. Quelle: REUTERS
„Die Welt steht Kopf“, Deutschland: In Trassenheide auf der Insel Usedom wurde 2008 Deutschlands erstes auf dem Kopf stehendes Haus eingeweiht. Die Idee dazu hatten die beiden polnischen Unternehmer Klaudiusz Gołos und Sebastian Mikiciuk, die aus einer anfänglichen Stammtisch-Alberei eine echte Touristenattraktion machten: Das Kopfüber-Haus zieht Besucher aus aller Welt auf die Ostsee-Insel. Besonders faszinierend: die vollständige Einrichtung, die selbstverständlich auch verkehrtherum steht. Weltweit gibt es mehrere dieser sogenannten „Upside Down Houses“, unter anderem in China, Russland und Österreich. Quelle: AP
„Carhenge“, USA: Das Kunstwerk von Jim Reinders befindet sich im Bundesstaat Nebraska und ahmt die steinzeitlichen Megalithkreise von Stonehenge in England nach. Statt aus Steinen besteht „Carhenge“ jedoch aus 38 amerikanischen Autos, die mit grauer Farbe besprüht sind. Die Oldtimer stehen in einem Kreis von 29 Metern; einige von ihnen sind senkrecht im Boden verankert. Obwohl das Kunstwerk bereits 1987 entstand, wurde erst im Jahr 2006 ein öffentliches Besucherzentrum eingerichtet. Foto: Nobi-nobita, eigenes Werk. Lizenz Creative Commons Attribution 3.0 Quelle: Creative Commons
Iglu-Dorf, Schweiz: Hier laufen Besucher durch die schmalen Gänge des Iglu-Dorfes Engelberg in der Schweiz. Auf 1800 Höhenmetern können die Touristen durch das Innere der Eis-Welt laufen, die dort errichteten Kunstwerke betrachten und sogar im Dorf übernachten. Inzwischen gibt es mehrere dieser faszinierenden Eisgebäude, vor allem in den kühlen Regionen Skandinaviens, Kanadas und Alaskas. Übernachtungen sind jedoch recht teuer. Quelle: dpa/dpaweb
„Floating Dutchman“, Niederlande: Seit Sommer 2011 gibt es in Amsterdam eine neue Besucherattraktion: Ein als Kanalschiff umgebauter Reisebus bringt die Touristen durch die Grachten bis zum internationalen Flughafen Schiphol. Der „Schwimmende Holländer“ ist 14 Meter lang, etwas mehr als drei Meter hoch und seine Bauweise wurde speziell an die Amsterdamer Grachten angepasst. Quelle: dpa
„Big Lobster“, Australien: Der 17 Meter hohe Riesen-Hummer, der auch „Larry, the Lobster“ genannt wird, zieht jährlich Millionen Besucher ins südaustralische Kingston. Die Konstruktion aus Stahl und Glasfaser wurde 1979 von Paul Kelly entworfen und sollte ursprünglich für regionale Meeresspezialitäten werben. Der „Big Lobster“ wiegt rund vier Tonnen. Foto: riana_dzasta - eigenes Werk. Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Quelle: GNU
„Xiushan Island Mud Theme Park“, China: Junge Leute toben im Schlamm. Im Jahr 2005 eröffnete im Südosten Chinas der sogenannte „Mud Theme Park“ – ein Park, indem die Besucher im Matsch baden und sich damit bewerfen können. Der Themenpark liegt in der Provinz Zhejiang, direkt am Strand des Ostchinesischen Meeres. Der Meeresschlamm eignet sich übrigens nicht nur zum Bewerfen, sondern ist gleichzeitig auch noch gesund: Die darin enthaltenen Mineralien und Salze sollen – so heißt es – eine schöne Haut machen und sogar Rheuma vorbeugen. Quelle: AP

„Das System weist wachsende Zeichen der politischen und bürokratischen Verknöcherung auf“, kritisiert Henry Cleere, Icomos-Berater und Dozent an der London School of Economics. Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und Vorsitzende des Welterbekomitees, räumt ein: „Die Entscheidungen sind in den vergangenen Jahren zu stark politisiert worden.“ Sie will die anderen Mitglieder von Reformen überzeugen. „Ich schlage vor, die Zahl der Bewerbungen pro Jahr auf rund 25 zu begrenzen“, so Böhmer. „In Zukunft sollten sich Mitglieder des Komittees für die Dauer der Amtszeit mit Bewerbungen zurückhalten.“

In Arbeit
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Vielleicht ist es für solche Reformen längst zu spät, und aus der Welterbeorganisation ist ein gigantisches Nullsummenspiel geworden. Die Gelder des „Welterbefonds“ der Unesco, der dem Erhalt der Stätten in ärmeren Ländern dienen soll, geht zu 80 Prozent für die Evaluierung drauf – und verbleibt damit in der Organisation. Und Ökonom Patuelli hat nicht nur ausgerechnet, wie sich das Welterbe auf den Tourismus vor Ort auswirkt, sondern auch, ob benachbarte Regionen profitieren. Ergebnis: „In Nachbarregionen hat das Welterbe sogar einen negativen Einfluss.“ Wenn vor der Auszeichnung die Hälfte der Touristen in Nordhessen nach Kassel gefahren wäre und die andere nach Marburg, so fahren danach zwar mehr nach Kassel – aber weniger nach Marburg.

In Kassel sind solche Rechnungen weit weg. Die meisten Bewohner sind so stolz wie erstaunt, dass die Plakette diesen Boom auslöste. „Wir versuchen jetzt, die Touristen aus dem Park auch in die Stadt zu holen“, sagt Stadtvermarkterin Hüppe. Im Herbst öffnet die Grimm-Welt, ein „Museum mit Erlebniselementen“ rund um die Schriften der Gebrüder Grimm. Die sind seit 2005 „Weltdokumentenerbe“ der Unesco.

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