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Einzelhandel Gutachter billigt deutsche Regelungen für Apotheken

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Medikamenten-Angebot bei Schlecker: Mit einer Versandapotheke und einer Eigenmarke will der Drogist den Pillenmarkt aufmischen Quelle: Andreas Körner für WirtschaftsWoche

Der Versandhändler Quelle will im Januar mit einem eigenen Medikamenten-Angebot im Internet starten. Amazon werden ähnliche Pläne nachgesagt. Auch die Otto-Gruppe beobachtet den Markt. Die Versandhändler werden künftig wahrscheinlich keine Apothekenketten betreiben und sind auch von der EuGH-Entscheidung nicht betroffen. Vom Medikamenten-Geschäft wollen sie dennoch profitieren.

Andere Unternehmen sind zurückhaltender. Manager des Kölner Handelskonzerns Rewe trafen sich zwar im Frühjahr mit DocMorris-Chef Ralf Däinghaus, um eine Zusammenarbeit auszuloten. Doch inzwischen zögern die Rewe-Granden, sobald es um das Arzneigeschäft geht. „Es gibt nur wenige Filialen, die sich dafür eignen“, sagt ein Sprecher. Bei Edeka hält sich die Begeisterung ebenfalls in Grenzen. „Das passt nicht zu uns“, heißt es offiziell.

„Einige Handelskonzerne haben erkannt, dass das Apothekengeschäft seine Tücken hat“, sagt Peter Homberg, Experte für Apothekenrecht bei der Anwaltskanzlei Jones Day in München. Denn auch in einem liberalisierten Apothekenmarkt müsse ein approbierter Pharmazeut hinter dem Medikamenten-Tresen stehen. Eröffnen nun viele Konzerne Apothekenketten, dürfte die Nachfrage kräftig steigen. „So viele freie Pharmazeuten gibt es auf dem Markt gar nicht“, sagt Homberg. „Außerdem verfügen viele Drogisten und Einzelhändler gar nicht über die erforderlichen Flächen.“

Denn ein Hindernis für die Expansionslust ist die Apothekenbetriebsordnung: Darin ist eine Mindestgröße von 110 Quadratmetern vorgeschrieben, Labor, Lagerraum und Nachtdienstzimmer sind Pflicht.

Etablierte Apotheken investieren in Marketing und Service

Hürden wie diese sind der Grund dafür, dass Jurist Homberg vor allem Pharmagroßhändler wie Celesio oder Phoenix als künftige Tablettenverkäufer erwartet hatte: „Sie haben im Ausland bereits längere Erfahrung mit Apothekenketten.“

Die zur Haniel-Gruppe gehörende Celesio betreibt etwa 2000 Apotheken unter anderem in Großbritannien, Norwegen und Tschechien. In Deutschland verstärkte sich der Stuttgarter Pharmagroßhändler im Frühjahr 2007 durch den Kauf von DocMorris. Der frühere Branchenschreck betreibt rund 150 Apotheken – ganz legal, auf Franchisebasis und mit selbstständigen Inhabern.

Im ersten Jahr nach der Liberalisierung wollte Celesio-Chef Fritz Oesterle 30 bis 50 eigene Apotheken kaufen oder eröffnen. Gleichzeitig hatte er geplant, die Kooperation mit den DocMorris-Apothekern auszubauen. Insgesamt hatte Celesio vor, in drei bis fünf Jahren 500 Pharmazien zu betreiben.

Über ein Dutzend Celesio-Mitarbeiter sind aktuell damit beschäftigt, die besten Standorte klarzumachen. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Immobilien-Tochtergesellschaft Inten, die im Auftrag des Konzerns bei Apothekern vorstellig wird und als Zwischenmieter auftritt. Die Mietverträge sind, entsprechend den normalen Laufzeiten für Gewerbeimmobilien, auf fünf bis zehn Jahre angelegt – danach kann Celesio die Apotheke dann komplett übernehmen.

Dabei hat es Oesterle weniger auf die Top-Standorte in den Fußgängerzonen abgesehen – ihm ist mehr an Apotheken mit Stammkundschaft gelegen. Interessant sind Lagen mit angeschlossenem Einkaufszentrum oder einem Ärztehaus in der Nähe. Es darf aber auch eine Vorortapotheke sein.

Ähnliche Pläne dürfte der Mannheimer Pharmagroßhändler Phoenix hegen, der im Ausland mehr als 1200 Apothekenfilialen betreibt. Einige Hundert Pharmazien soll Phoenix bereits in Deutschland angesprochen haben, heißt es in der Branche. Phoenix beliefert unter anderem 1450 Apotheker, die sich in einer Kooperation unter der Dachmarke Linda zusammengeschlossen haben. Dass Phoenix die Linda-Apotheker nach erfolgter Liberalisierung für eine Apothekenkette gewinnen möchte, galt als ausgemacht. Ein Sprecher der kooperierenden Pharmazeuten betont freilich, dass der Linda-Verbund unabhängig bleiben möchte.

Phoenix gehört zum Firmenimperium des in Finanznöte geratenen schwäbischen Milliardärs Adolf Merckle. „Wenn Merckle gezwungen ist, Phoenix zu verkaufen, könnten ausländische Pharmagroßhändler wie die britische Alliance Boots oder die niederländische OPG Interesse haben, dort einzusteigen“, sagt Berater Brodtkorb. Die Briten halten bereits etwa 30 Prozent am Pharmagroßhändler Anzag, der nach eigenen Angaben keine Apothekenkette eröffnen möchte. Möglicherweise wäre Alliance bei Phoenix an der besseren Adresse.

Ob die Liberalisierung nun kommt oder nicht: Der Apothekenmarkt wird jedoch auch künftig nicht nur von Pharmagroßhändlern und Konzernen beherrscht. „Es wird auch weiter selbstständige Apotheker geben“, ist Berater Brodtkorb sicher. Nach Branchenschätzungen dürften mehr als die Hälfte der selbstständigen Apotheker mittelfristig überleben. Die zu erwartende neue Konkurrenz hatte die Traditions-Pharmazeuten schon jetzt auf Trab gebracht: Viele investieren in Service und Marketing.

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