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Energiewende Deutschlands Solarbranche stürzt ab

Mit Subventionen in Milliardenhöhe wollte die Bundesregierung eine global agierende Solarindustrie aufbauen. Doch Deutschlands größter Solarpark ist ein Mahnmal des Niedergangs. Von den deutschen Fördermilliarden profitieren andere.

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Die deutsche Solarindustrie Quelle: dpa

Wer an diesem Mittwochvormittag im August an die Zukunft der Solarenergie in Deutschland glauben möchte, muss mit reichlich Fantasie und Zuversicht gesegnet sein.

Es regnet. Schon seit Stunden. Nicht der schüchternste Sonnenstrahl verirrt sich durch die dunkelgraue Wolkendecke hinab auf die nagelneuen Module des Solarparks Meuro, die sich zu Zehntausenden im 30-Grad-Winkel gen Himmel recken. Auf einer Fläche von 210 Fußballfeldern mit einem Investitionsvolumen von 140 Millionen Euro entsteht rund um das Dorf Meuro einer der größten Solarparks der Republik.

Am tristen Horizont drängt sich die Vergangenheit ins Bild: ein stillgelegter Schaufelradbagger vom benachbarten Braunkohletagebau. Hier in der brandenburgischen Gemeinde Schipkau, im Oberspreewald-Lausitz-Kreis, zwischen Dresden und Cottbus, treffen Vergangenheit und Zukunft der deutschen Energiewirtschaft aufeinander. Der Braunkohletagebau rund um das Dörfchen Meuro ist tot, grüne ersetzt die braune Energie.

Doch Meuro ist nicht allein ein Symbol für die Energiewende in Deutschland. Der Solarpark ist auch ein Lehrstück über den Niedergang der deutschen Solarindustrie, über Aufstieg und Fall einer der hoffnungsvollsten Branchen der vergangenen Dekade. Vor allem die einstigen Börsenstars, die Hersteller von Zellen und Modulen, leiden unter Überkapazitäten und Preisverfall. Einige von ihnen kämpfen ums Überleben.

Ove Petersen dagegen ist ein Gewinner. "In Sektor drei werden gerade Module montiert. Da fahren wir mal hin", sagt der 37-jährige Diplom-Agraringenieur, zieht sich eine schwarze Outdoorjacke mit dem gelben Schriftzug GP Joule über und schwingt sich in einen schwarzen Pick-up.

GP Joule steht für die Projektierfirma aus dem schleswig-holsteinischen Reußenköge bei Husum, deren Gründer und Geschäftsführer Ove Petersen und Heinrich Gärtner sind. GP Joule entwickelt Wind- und Solarparks sowie Biogasanlagen, beschafft Standorte, kümmert sich um Genehmigungen und Finanzierung sowie die kaufmännische und technische Betriebsführung nach dem Bau der Projekte.

Das Unternehmen, das sich den Untertitel "Die Freilandspezialisten" verliehen hat, ist einer der Shootingstars der Solarbranche. 2008 gegründet, erzielte GP Joule mit 50 Mitarbeitern 2010 einen Umsatz von 180 Millionen Euro. 2011 sollen es rund 250 Millionen Euro werden. Ende des Jahres, wird GP Joule schon mehr als 200 Megawatt erneuerbare Energiequellen installiert haben, die Grünstrom für pi mal Daumen 60 000 Haushalte produzieren können.

Die Nordfriesen rangieren schon auf Platz elf der größten Projektierer der Fotovoltaikbranche weltweit, so eine Studie des britischen Marktforschers IMS Research. Bei Freiflächenanlagen zwischen einem und fünf Megawatt ist es sogar Platz acht. In Deutschland sind nur die Branchenriesen Juwi, Belectric und Q-Cells größer.

Seit April ziehen Petersens Leute auf den Abraumhalden des Tagebaus einen Solarpark der Superlative hoch. Mehr als 300.000 Module werden installiert. Trotz der gigantischen Ausmaße sollen Ende August schon alle am Netz sein. Die Projektverantwortlichen drücken aufs Tempo, um noch die maximal mögliche Einspeisevergütung zu bekommen, bevor wieder gekürzt wird. Die Bundesregierung fördert mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) den Bau von Solaranlagen. Jedoch sinkt die Einspeisevergütung seit Jahren: auf belasteten Freiflächen – dazu zählt der einstige Tagebau – von 45 Cent pro Kilowattstunde auf heute 22 Cent, garantiert für 20 Jahre ab Inbetriebnahme.

Solarmodule einer Quelle: REUTERS

Finanziert wurde das 140-Millionen-Euro-Projekt von der HSH Nordbank. Eigentümer des Parks ist Luxcara Asset Management. Das auf grüne Investments spezialisierte Unternehmen aus Hamburg kauft Solarparks und legt Solarfonds auf. Luxcara kassiert damit auch die Einspeisevergütung: Bei einer prognostizierten Solarstromernte von mehr als 70 Millionen Kilowattstunden könnten rechnerisch pro Jahr knapp 16 Millionen Euro fließen. Über die garantierten zwei Jahrzehnte wären das weit mehr als 300 Millionen Euro. Die Förderung der Erneuerbaren zahlt über die EEG-Umlage jeder Stromkunde mit.

Grundlage für die Berechnung ist die Differenz zwischen der festgelegten Vergütung pro Kilowattstunde Ökostrom und dem Vermarktungserlös, den der Strom tatsächlich an der Börse erzielt. Den meisten Studien zufolge wird die Höhe der Umlage in den kommenden Jahren bei etwa drei Cent pro Kilowattstunde stagnieren oder nur geringfügig wachsen, um dann ab etwa 2016 kontinuierlich zu sinken.

Während die kargen Kippenböden in der Lausitz den Investoren eine ertragreiche Zukunft bescheren, ist der brandenburgische Megapark für die deutschen Zell- und Modulhersteller ein Mahnmal des Niedergangs. Hochgejubelte Stars wie Phoenix Solar, Q-Cells, Conergy oder Solon verlieren nicht nur international den Anschluss an die Konkurrenz, vor allem aus China. Sie werden zunehmend auch vor der eigenen Haustür von ausländischen Anbietern überrannt. Das Ziel, mit viel Geld eine global agierende Solarindustrie aufzubauen, die Zigtausende neue Arbeitsplätze schafft, scheint gescheitert. Profitiert haben von den Fördermilliarden vor allem die asiatischen Hersteller: 2010 stammte bereits mehr als die Hälfte der in Deutschland installierten Solarmodule aus China.

Das ist auch in Meuro so: GP-Joule-Chef Petersen lässt hier mehr als 300 000 Module des kanadischen Herstellers Canadian Solar installieren, die allesamt in China produziert worden sind. Warum? "Als wir 2010 die Aufträge vergeben haben, war Canadian eines der ersten Unternehmen, das die Preise gesenkt hatte", sagt Petersen. Um rund sieben Prozent hätten die Kanadier mit ihren China-Modulen unter vergleichbaren Angeboten gelegen. An der Qualität gebe es kaum noch etwas zu mäkeln. Module made in China hätten sich längst zu Spitzenprodukten entwickelt.

Von der Not zu Tugend

Die Gründer von GP Joule haben es gar nicht so sehr mit den Superlativen rund um ihren Park. "Bald werden uns größere Parks überholen", sagt Petersen, der kürzlich mit seinem Kompagnon Gärtner den Bayerischen Gründerpreis erhalten hat. Beide studierten an der Fachhochschule Weihenstephan bei München Landwirtschaft und kehrten zur Jahrtausendwende auf die elterlichen Bauernhöfe zurück. Ein paar Jahre später besuchte Gärtner seinen Studienkumpel Petersen auf dessen Hof in Nordfriesland – just zu einer Zeit, als die Preise für Weizen und andere Agrarrohstoffe im Keller waren. Neue Einnahmequellen mussten her.

Und so entstehen die ersten Solaranlagen, erst auf Scheunendächern, dann auf Wiesen und Äckern. Später kommen Biogasanlagen hinzu. Die beiden Landwirte treten als Betreiber auf. Seit der Gründung von GP Joule 2008 übernehmen sie auch für Kunden die Planung, Konzeption und Umsetzung. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen 50 Mitarbeiter, 30 davon in Reußenköge, auf Petersens Bauernhof. Dort hat er in ehemaligen Schweineställen und einer Maschinenhalle Büros gebaut.

Eine Photovoltaikanlage Quelle: dpa

Für die Gemeinde Schipkau mit ihren 7200 Einwohner verteilt auf sechs Dörfer – Meuro ist das zweitkleinste mit 750 Bewohnern –, sind die Einnahmen aus den Solarparks überlebenswichtig. Vor der Wende lebten hier noch über 10 000 Menschen, malochten im Braunkohletagebau. Doch die meisten Gruben sind stillgelegt, die Arbeitslosigkeit liegt bei knapp 15 Prozent. Größter Arbeitgeber ist ein Seniorenstift. Neue Jobs bringen die Sonnenparks zwar kaum, spülen aber Gewerbesteuer in die Gemeindekassen.

150 Jahre lang wurde in der Lausitz Braunkohle abgebaut, in den vergangenen Jahrzehnten fraßen Tagebaubagger Krater in die Landschaft. Einst hatte dort auch Klaus Prietzel geschuftet, als Schlosser. Heute ist der braun gebrannte 44-Jährige Bürgermeister der Gemeinde Schipkau – und ein Fan der Sonnenenergie. Das Dach des Carports vor dem Gemeindeamt hat er mit Solarmodulen pflastern lassen, ebenso Dächer von Kitas und Grundschulen.

Schipkau ist eines von vielen Beispielen für die Energiewende im Osten. Grund für den Boom: Länder wie Brandenburg haben viel Platz. Es ist das flächenreichste Land im Osten und außerhalb der Städte dünn besiedelt. Nur wenige Menschen stören sich hier an Wind- und Solarparks. Und es gibt neben den Abraumhalden sehr viele ehemalige Militärgelände mit Truppenübungsplätzen, Flughäfen oder Munitionsdepots. Diese unzerstückelten Areale wurden teilweise für symbolische Preise verkauft oder verpachtet und bieten Investoren aufgrund der Größe Kostenvorteile.

So schön das alles klingt – einen Haken hat die Sache womöglich. Wo Solarstrom anfällt, muss er auch abtransportiert werden. Nach dem EEG sind die Versorger verpflichtet, den aus Sonne, Wind oder Biomasse erzeugten Strom ins Netz einzuspeisen. Dazu ist in der Regel ein kostspieliger Netzausbau nötig, der sich auf die Strompreise niederschlagen könnte.

In Meuro gebe es die Probleme nicht, sagt Martin Konzag, Bauamtsleiter der Gemeinde Schipkau. "Unser regionaler Energieversorger stöhnt zwar, aber noch gibt es keine Engpässe." Zwei von vier Sektoren des Solarparks sind bereits fertig und seit Mitte Juli am Netz. Schließlich sei in Meuro vor dem Fall der Mauer der Strom für die ganze ehemalige DDR produziert worden. "Wir haben hier ziemlich überdimensionierte Leitungen", sagt Konzag.

Gemeindekassen klingeln

Stefan Buscher, Manager beim zuständigen Netzbetreiber Envia Netz, bestätigt: "Es gibt kein Ableitungsproblem in Meuro." Für den ostdeutschen Netzspezialisten gehören Anschlüsse für Solar- und Windparks zum Alltag. Dennoch muss auch in Brandenburg das Netz generell kräftig nachgebessert werden. Envia Netz mit Sitz in Halle steckt 2011 rund 22 Millionen Euro allein in die Modernisierung im Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Insgesamt 375 Millionen Euro investiert die 100-prozentige Tochter des Versorgers Envia Mitteldeutsche Energie, der wiederum mehrheitlich der Essener RWE gehört. Der fällige Netzausbau und seine Finanzierung könnten sogar zum Killer-Faktor für erneuerbare Energien werden. Das gilt vielleicht nicht in Meuro, aber in anderen Städten und Gemeinden wie Prenzlau.

Die Kleinstadt in der Uckermark will ihre Energieversorgung bis 2020 auf erneuerbare Quellen und heimische Energieträger umstellen. Doch dafür reichen die Netze in der Region nicht aus. Die Kosten des Ausbaus werden jedoch nur dort auf die Strompreise umgewälzt, wo er stattfindet. Die Bewohner werden de facto für die Vorreiterrolle bei der Energiewende bestraft.

Käme es überall so, müssten viele Gemeinden auf große Projekte und lukrative Einnahmen verzichten. Auf rund neun Milliarden Euro beziffert das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung in Berlin die kommunale Wertschöpfung mit Solarparks und Windmühlen in diesem Jahr.

Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz habe für die Baugenehmigungen der Solarparks in Meuro und im benachbarten Senftenberg "in diesem Jahr mehr Gebühren eingenommen als im ganzen Jahr 2010", berichtet die Lokalzeitung "Lausitzer Rundschau". Siebenstellig soll der Betrag bisher sein. Und auch Schipkaus Bürgermeister rechnet für sein klammes Gewerbesteuerkonto von 2015 an mit zusätzlichen Einnahmen im sechsstelligen Bereich. In vier Jahren sei die Gewinnzone erreicht, erst dann wird Gewerbesteuer fällig.

Prietzel setzt zudem auf eine just beschlossene Änderung im Gesetz zur Neuregelung des Rechtsrahmens für die Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Demnach ist es künftig möglich, alternativ erzeugten Strom direkt vor Ort zu vermarkten, wodurch ein Teil der sonst üblichen Gebühren und Steuern wegfällt. Damit könnte laut Prietzel der Strom für die Schipkauer um bis zu 20 Prozent billiger werden. "Das ist der Schnaps obendrauf", juxt er – die Belohnung für die Dörfler, die geblieben sind.

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