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Billig-Mode Die Leder-Produktion in Bangladesch stinkt zum Himmel

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Das verseuchte Wasser macht die Arbeiter krank

Gut 100 Dollar verdient Laktumiah im Monat, das ist viel Geld hier. Sein Chef zahlt sogar Überstunden. Nur für die medizinische Behandlung muss er aufkommen. Alle zwei, drei Monate muss er zum Arzt. „Dann tränen mir die Augen, und das Herz schlägt schnell“, sagt er. Jedes Mal sage ihm der Doktor, das komme von den Chemikalien. „Ich fahre dann aufs Land, und es hört auf.“ Nach einer Woche kehrt er zurück.

Der Doktor heißt Belal Ahmet. Er hasst das Viertel, das er den „schwarzen Ort“ nennt, dessen Dunst die Menschen krank mache. Jeden Abend sperrt er, wenn er seine Vorlesungen als Professor an der örtlichen Universität beendet hat, sein zwei mal zwei Meter großes Arztzimmer auf. Und dann kommen sie, die Kranken. Kopfschmerzen und Hauterkrankungen sind am häufigsten, sagt der Doktor.

Es häufe sich Krebs, er glaubt, das liege am verseuchten Wasser. „Die meisten Patienten sind arme Menschen aus den Dörfern, Analphabeten“, sagt Doktor Ahmet, „sie wissen nicht, wie sie ihre Gesundheit schützen können.“ Einer habe die Säure- mit der Wasserflasche verwechselt und sich den Kehlkopf weggeätzt. Immer wieder würden Arbeiter in die Maschinen gezogen, die das Leder walzen. Der Doktor sagt: „Die meisten Fabrikanten sehen ihre Arbeiter als Betriebsmittel und sich selbst als Wohltäter, weil sie die Leute aus der Armut befreien.“ Gute Behandlung sei eine Frage des Charakters – und weil viele Fabrikbesitzer keinen hätten, müssten die Einkäufer Druck machen, damit sich die Arbeitsbedingungen verbessern.

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Über Zwischenhändler in den Westen

Die Einkäufer also. Niemand von ihnen, besonders wenn er für westliche Modemarken arbeitet, bekennt sich zum Einkauf in Dhaka. Nur, irgendwie findet das Leder aus Hazaribagh seinen Weg zum Kunden in Europa. Wo soll es schließlich sonst bleiben?

Wer Zweifel hat, sollte bei Mofazal Hossein nachfragen. Er ist einer der vielen Händler, die Leder aus Hazaribagh exportieren. Seine Firma namens Angle’s Trading International versteckt sich in einem Hinterhof des Gerberviertels. Er sagt: „Natürlich ist es möglich, dass deutsche Kunden Leder aus Hazaribagh kaufen.“ Es sei unter internationalen Kunden üblich, die Ware indirekt über Zwischenhändler wie ihn zu beziehen. Jeden Monat, behauptet Hossein, liefert er bis zu 15 Container mit verarbeitetem Leder nach Vietnam und Taiwan, ein kleiner Teil gehe auch nach Italien. Dort übernehmen lokale Importeure Lederwaren und verkaufen sie weiter – oft an weitere Mittelsmänner, die für Einkaufsagenturen arbeiten. Letztere wiederum lassen im Auftrag westlicher Marken oder Einzelhändler Leder zu Modeware verarbeiten.

So verliert sich die Spur der Ware, indem die Lieferkette länger und länger wird.

Produktionsbedingungen in der Textilfabrik
Das brennende Gebäude Quelle: dapd
Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Slum von Bangladeschs Hauptstadt Dhaka Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in Bangladesch Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Männer verladen Altpapier Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Näherinnen in einer Fabrik Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche
Frauen in einer Fabrik mit vergitterten Fenstern Quelle: Probal Rashid für WirtschaftsWoche

Intransparenz ist natürlicher Zustand

Adidas, Puma und C&A schließen aus, dass sie Leder aus Bangladesch beziehen; H&M will dies den Lieferanten sogar vertraglich verboten haben. Otto, Metro und Primark räumen ein, dass der Lieferant für die Einhaltung der Standards vertraglich verantwortlich ist – und sie deren Fehlverhalten nicht ausschließen können. Bei Karstadt, Esprit, S’Oliver und McNeal will man die Herkunft der Lederwaren nicht offenlegen. Bei Marc O’Polo ignoriert man die Frage, wieso der Premiumhersteller in Kleidungsstücke keine Herkunftsländer druckt.

Intransparenz ist angesichts dieser Handelsstrukturen mit ihrer unendlichen Kaskade aus Händlern, Zwischenhändlern, Subunternehmern und Lieferanten ein natürlicher Zustand. Am Leder klebt kein Etikett, kein Strichcode. Im Prinzip kann jedes Teil von überall herkommen. „Ich wäre sehr vorsichtig, Schindluder entlang der Lieferkette generell auszuschließen“, sagt Berater Karl Borgschulze. Es gebe immer irgendeinen Lieferanten, der seine Aufträge in Spitzenzeiten an unsaubere Fabriken auslagere. Auch Nick Lin-Hi, Professor für unternehmerische Verantwortung an der Universität Mannheim, sagt: „Je länger die Wertschöpfungskette ist, desto schwieriger wird es, sie im Griff zu behalten.“

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