CO2-Speicherung: „Wir verlieren ein gutes Jahr“
Zement ist der Hauptbestandteil von Beton - und damit einer der wichtigsten Rohstoffe für den Baubranche.
Foto: WirtschaftsWoche, imago images (4)Heidelberg-Materials-Chef: „Sich mal durchzubeißen ist auch keine schlechte Qualität“
Alles andere als zufrieden ist die Zementindustrie mit der vergangenen Sitzungswoche des Bundestages. Anders als bis zuletzt erhofft, ist das lange diskutierte Gesetz zur Speicherung von Kohlendioxid gescheitert. Es wird in dieser Legislaturperiode nicht mehr kommen. Grüne und SPD hatten sich dagegen ausgesprochen. Martin Schneider, Hauptgeschäftsführer des Vereins Deutscher Zementwerke (VDZ), ist enttäuscht: „Die Politik hat viel Arbeit in den Entwurf des Gesetzes gesteckt und verabschiedet es letztlich nicht, das ist mehr als nur betrüblich, sondern vielmehr unverständlich und ärgerlich.“
Da der Großteil der Emissionen bei der Zementherstellung unvermeidbar ist, ist Schneiders Branche auf die Abscheidung und Speicherung von Kohlenstoffdioxid, kurz „CCS“, angewiesen. Der Einsatz der Technologie ist in Deutschland umstritten: Die einen sehen darin eine Allzweckwaffe gegen die Klimakrise, die anderen eine riskante Wette.
Nun bleibt der rechtliche Rahmen fürs Erste ungeklärt. Mit Folgen: „Wir verlieren bestimmt ein gutes Jahr im Aufbau einer CO2-Infrastruktur“, so Schneider. Das Scheitern des Gesetzes empfindet die Industrie als Rückschlag – Umweltverbände können ihm jedoch etwas abgewinnen.
Heidelberg Materials startet CCS in Norwegen
Außerhalb von Deutschland dagegen tastet sich die Zementbranche bereits seit Jahren an das Verfahren CCS heran. Der deutsche Zementhersteller Heidelberg Materials eröffnet in diesem Jahr sein erstes Zementwerk mit CO2-Abscheidung. Bis zu 400.000 Tonnen CO2 will das Unternehmen abscheiden, das entspricht der Hälfte der gesamten Werksemissionen. „Ab Mitte des Jahres werden wir weltweit die Ersten sein, die einen Net-Zero-Zement anbieten“, sagt CEO Dominik von Achten stolz im WirtschaftsWoche-Podcast Chefgespräch. Zu welchem Preis er den grünen Beton verkaufen wird, verrät er jedoch nicht.
Doch das geht nur, weil das Werk im norwegischen Brevik steht. Die CO2-Speicherung vor der Küste von Bergen übernimmt der norwegische Projektpartner Northern Lights. In Deutschland dagegen darf CO2 laut aktuellem Gesetzesstand zwar abgeschieden, aber nicht großtechnisch gespeichert werden – und auch der Transport ist de facto nicht möglich, weil ein rechtlicher Rahmen fehlt.
In der Zementbranche herrsche nun „Unsicherheit“, wie es weitergehe, so der VDZ. Auch in Deutschland planen Konzerne CCS-Projekte. 2029 will Heidelberg Materials eine solche Anlage im nordrhein-westfälischen Geseke eröffnen. Auch der mexikanische Zementhersteller Cemex plant ein Werk in Rüdersdorf, der Schweizer Baustoffhersteller Holcim eines in Lägerdorf in Schleswig-Holstein.
Nicht nur die Zement- und Kalkbranche, auch die Abfallwirtschaft und die Landwirtschaft sind auf CO2-Abscheidung und Speicherung angewiesen. Das Verfahren ist längst Teil der Netto-Null-Szenarien des Weltklimarats IPCCC. Verschleppt Deutschland hier mal wieder die Klimawende?
Scheitern als Chance?
Das kommt darauf an, wen man fragt. Ohne Gesetz fehle die Planungs- und Investitionssicherheit, kritisiert Lea Nesselhauf vom Thinktank Agora Energiewende. „Wir brauchen CCS für unvermeidbare Restemissionen sowie langfristig für die Erzeugung von Negativemissionen“, betont die Expertin für Klimarecht. Allerdings könne ein neuer Entwurf einiges besser machen. Nesselhauf plädiert für einen Fokus auf unvermeidbare Emissionen und einen Ausschluss von Gaskraftwerken. Des Weiteren müsse der Staat nicht nur den rechtlichen Rahmen bieten, sondern die entsprechende Infrastruktur planen und Förderung bereitstellen. Bisher seien die Punkte nicht aufeinander abgestimmt.
Auch im Umweltbundesamt (UBA) sieht man das Scheitern des Gesetzes ambivalent. Für das sichere Erreichen der Treibhausgasneutralität sei es ein Nachteil, dass das Gesetz nicht zustande gekommen sei, sagt Katja Purr, die im UBA für Klimaschutzstrategien zuständig ist. CCS für Gaskraftwerke zu nutzen, wie es der Gesetzentwurf vorsah, sei aber „nicht zielführend“, da es nicht mehr in erster Linie um die Vermeidung von CO2 gehe. „Wir dürfen unsere begrenzten CO2-Speicherkapazitäten nicht verschwenden“, warnt Purr.
Zudem empfiehlt sie, ein zukünftiges CO2-Transport-Netz sich auf lokale Industriecluster und wenige zentrale Leitungen zu beschränken. Das gescheiterte Gesetz, so Purr, verlangsame die Dekarbonisierung in den betroffenen Branchen möglicherweise. Aber auch ohne CCS gebe es noch vermeidbare Emissionen in der Zementindustrie, die sinken müssen.
Klima, Klinker, Klärschlamm
CO2 entsteht bei der Zementherstellung auf zwei verschiedenen Wegen. Zwei Drittel der Emissionen entstehen durch die chemische Reaktion selbst, wenn Kalksteinkarbonat in Kalk umgewandelt wird – sogenannte unvermeidbaren Emissionen, die sich nur nachträglich wieder einfangen lassen.
Ein Teil der Emissionen lässt sich jedoch bereits im Vorfeld verringern: Je weniger Klinker im Zement enthalten ist, desto weniger CO2 entsteht bei der Reaktion. Statt Klinker können andere Zusatzstoffe bis zu einem gewissen Grad beigemischt werden. Durchschnittlich haben Zemente aus Deutschland einen Klinkeranteil von 71 Prozent – das Ziel sei laut VDZ eine Absenkung auf fast 50 Prozent bis 2050.
Ein Drittel der Emissionen stammt aus dem Brennstoff, mit dem die Öfen beheizt werden. Als Brennstoff setzen die Zementhersteller zum einen Kohle ein, zum anderen alternative Brennstoffe wie Industrieabfälle, darunter fossile – wie Kunststoffreste – und organische – darunter Zellulose, Klärschlamm oder Papier. Laut Martin Schneider vom VDZ liegt der Anteil biogener Bestandteile am Gesamtbrennstoff in der Zementindustrie bei etwa 30 bis 50 Prozent. Ein höherer Anteil hätte auch Klimapotenzial. Denn wenn organische Brennstoffe in Zukunft in Kombination mit CCS eingesetzt werden, könnten sogar negative Emissionen entstehen, weil Kohlenstoff dem Kreislauf entzogen wird.
Erfolg von CCS hängt am CO2-Preis
Klimarechtsexpertin Nesselhof warnt vor einem Hype. „CCS ist gerade, ähnlich wie vor ein paar Jahren Wasserstoff, ein sehr großer Hoffnungsträger“, sagt Nesselhof. „Jedoch ist er mit erheblichen Unsicherheiten bezüglich der Kostenentwicklung und CO2-Einspeisekapazitäten verbunden.“ Derzeit können maximal 90 Prozent des CO2 technisch abgeschieden werden, der Rest entweicht dennoch. Die Kosten für Abscheidung, Transport und Speicherung können stark variieren. Experten gehen von einem Preis von circa 100 Euro pro Tonne abgeschiedenem CO2 aus. Damit sich das auch für die Unternehmen lohnt, müsste der CO2-Preis im EU-Emissionshandel höher sein als der Preis für CCS. Momentan bekommen Zementhersteller noch kostenlose Zertifikate zugeteilt. Das ändert sich jedoch in den kommenden Jahren. Ab 2040 kommen gar keine neuen Zertifikate mehr auf den Markt. Wenn es dabei bleibt, müssen energieintensive Industrien bis dahin (netto-)klimaneutral sein.
Die Branche fordert deshalb: Es brauche staatliche Absicherung der wirtschaftlichen Risiken in der Anlaufphase, zum Beispiel durch Klimaschutzverträge. Wenn die Kosten für CCS über dem CO2-Preis im Emissionshandel liegt, übernimmt der Staat für eine gewisse Zeit die Differenz. Liegt die Kosten unter dem CO2-Preis, dann müssen die Zementhersteller zahlen.
In Expertenkreisen ist man sich sicher, dass eine Neuauflage des CO2-Speichergesetzes auf der To-do-Liste der nächsten Bundesregierung stehen wird. Die Zementbranche fordert Planungssicherheit von der nächsten Bundesregierung – und hofft, dass das Gesetz gleich in den ersten 100 Tagen verabschiedet wird.
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