WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Betrugsmasche „CEO Fraud“ Abgezockt vom falschen Chef

Kriminelle Banden haben mit dem CEO Fraud eine lukrative Betrugsmasche entwickelt. Quelle: dpa

Eine Betrugsmasche macht Karriere: Beim „CEO Fraud“ geben sich Betrüger als Chefs aus, um Geld zu ergaunern - teils Millionensummen. Ermittlungen des Bundeskriminalamts vermitteln nun eine Ahnung, wie hoch der Schaden ist.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Herr Becker bittet um Diskretion. Das Thema ist heikel: Die Bundesregierung benötige für den Freikauf deutscher Geiseln hohe Lösegelder, berichtet der Referent des Bundeskanzleramts am Telefon. Da es um zwei- bis dreistellige Millionenbeträge gehe, sei sie auf Spenden aus der Wirtschaft angewiesen. Etwa 40 Millionen Euro fehlten immer noch – ob der Geschäftsführer das wichtige Anliegen unterstützen könne?

So mancher Vorstand und Familienpatriarch hat sich diese spektakuläre Geschichte in den vergangenen Wochen vermutlich angehört. Am anderen Ende spricht allerdings – wie viele wohl gleich vermuten – kein Beamter, sondern ein Betrüger. Es handelt sich um eine Masche, die Experten als CEO Fraud bezeichnen, auf Deutsch: Chefbetrug. Dabei geht es darum, Unternehmen unter einem Vorwand zu Zahlungen ins Ausland zu bewegen.

Das Bundeskriminalamt (BKA) warnt vor einer Welle von Anrufen im Namen eines Herrn Becker aus dem Kanzleramt. Diese steht stellvertretend für die Karriere eines kriminellen Geschäftsmodells. „Das Phänomen hat in den letzten drei bis vier Jahren eine besondere Bedeutung erlangt“, sagte BKA-Vizepräsident Peter Henzler am Montag in Wiesbaden. Gemeinsame Ermittlungen mit sieben Bundesländern zeigen, dass allein eine Bande aus Israel einen Schaden in Höhe von 175 Millionen Euro verursacht hat – und andere Kriminelle sie sich zum Vorbild nehmen.

Elf Anzeichen, dass Sie gehackt wurden
Software installiert sich selbstständigUngewollte und unerwartete Installationsprozesse, die aus dem Nichts starten, sind ein starkes Anzeichen dafür, dass das System gehackt wurde. In den frühen Tagen der Malware waren die meisten Programme einfache Computerviren, die die "seriösen" Anwendungen veränderten - einfach um sich besser verstecken zu können. Heutzutage kommt Malware meist in Form von Trojanern und Würmern daher, die sich wie jede x-beliebige Software mittels einer Installationsroutine auf dem Rechner platziert. Häufig kommen sie "Huckepack" mit sauberen Programmen - also besser immer fleißig Lizenzvereinbarungen lesen, bevor eine Installation gestartet wird. In den meisten dieser Texte, die niemand liest, wird haarklein aufgeführt, welche Programme wie mitkommen. Quelle: gms
Was zu tun istEs gibt eine Menge kostenlose Programme, die alle installierten Applikationen auflisten und sie verwalten. Ein Windows-Beispiel ist Autoruns, das zudem aufzeigt, welche Software beim Systemstart mit geladen wird. Das ist gerade in Bezug auf Schadprogramme äußerst aussagekräftig - aber auch kompliziert, weil nicht jeder Anwender weiß, welche der Programme notwendig und sinnvoll und welche überflüssig und schädlich sind. Hier hilft eine Suche im Web weiter - oder die Deaktivierung von Software, die sich nicht zuordnen lässt. Wird das Programm doch benötigt, wird Ihnen das System das schon mitteilen… Quelle: AP
Die Maus arbeitet, ohne dass Sie sie benutzenSpringt der Mauszeiger wie wild über den Bildschirm und trifft dabei Auswahlen oder vollführt andere Aktionen, für deren Ausführung im Normalfall geklickt werden müsste, ist der Computer definitiv gehackt worden. Mauszeiger bewegen sich durchaus schon einmal von selbst, wenn es Hardware-Probleme gibt. Klick-Aktionen jedoch sind nur mit menschlichem Handeln zu erklären. Stellen Sie sich das so vor: Der Hacker bricht in einen Computer ein und verhält sich erst einmal ruhig. Nachts dann, wenn der Besitzer mutmaßlich schläft (der Rechner aber noch eingeschaltet ist), wird er aktiv und beginnt, das System auszuspionieren - dabei nutzt er dann auch den Mauszeiger. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Wenn Ihr Rechner des Nachts von selbst "zum Leben erwacht", nehmen Sie sich kurz Zeit, um zu schauen, was die Eindringlinge in Ihrem System treiben. Passen Sie nur auf, dass keine wichtigen Daten kopiert oder Überweisungen in Ihrem Namen getätigt werden. Am besten einige Fotos vom Bildschirm machen (mit der Digitalkamera oder dem Smartphone), um das Eindringen zu dokumentieren. Anschließend können Sie den Computer ausschalten - trennen Sie die Netzverbindung (wenn vorhanden, Router deaktivieren) und rufen Sie die Profis. Denn nun brauchen Sie wirklich fremde Hilfe. Anschließend nutzen Sie einen anderen (sauberen!) Rechner, um alle Login-Informationen und Passwörter zu ändern. Prüfen Sie Ihr Bankkonto - investieren Sie am besten in einen Dienst, der Ihr Konto in der folgenden Zeit überwacht und Sie über alle Transaktionen auf dem Laufenden hält. Um das unterwanderte System zu säubern, bleibt als einzige Möglichkeit die komplette Neuinstallation. Ist Ihnen bereits finanzieller Schaden entstanden, sollten IT-Forensiker vorher eine vollständige Kopie aller Festplatten machen. Sie selbst sollten die Strafverfolgungsbehörden einschalten und Anzeige erstatten. Die Festplattenkopien werden Sie benötigen, um den Schaden belegen zu können. Quelle: dpa
Online-Passwörter ändern sich plötzlichWenn eines oder mehrere Ihrer Online-Passwörter sich von einem auf den anderen Moment ändern, ist entweder das gesamte System oder zumindest der betroffene Online-Dienst kompromittiert. Für gewöhnlich hat der Anwender zuvor auf eine authentisch anmutende Phishing-Mail geantwortet, die ihn um die Erneuerung seines Passworts für einen bestimmten Online-Dienst gebeten hat. Dem nachgekommen, wundert sich der Nutzer wenig überraschend, dass sein Passwort nochmals geändert wurde und später, dass in seinem Namen Einkäufe getätigt, beleidigenden Postings abgesetzt, Profile gelöscht oder Verträge abgeschlossen werden. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Sobald die Gefahr besteht, dass mit Ihren Daten handfest Schindluder getrieben wird, informieren Sie unverzüglich alle Kontakte über den kompromittierten Account. Danach kontaktieren Sie den betroffenen Online-Dienst und melden die Kompromittierung. Die meisten Services kennen derartige Vorfälle zu Genüge und helfen Ihnen mit einem neuen Passwort, das Konto schnell wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Einige Dienste haben diesen Vorgang bereits automatisiert. Wenige bieten sogar einen klickbaren Button "Mein Freund wurde gehackt!" an, über den Dritte diesen Prozess für Sie anstoßen können. Das ist insofern hilfreich, als Ihre Kontakte oft von der Unterwanderung Ihres Kontos wissen, bevor Sie selbst etwas davon mitbekommen. Werden die gestohlenen Anmeldedaten auch auf anderen Plattformen genutzt, sollten sie dort natürlich schnellstmöglich geändert werden. Und seien Sie beim nächsten Mal vorsichtiger! Es gibt kaum Fälle, in denen Web-Dienste E-Mails versenden, in denen die Login-Informationen abgefragt werden. Grundsätzlich ist es immer besser, ausschließlich Online-Dienste zu nutzen, die eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangen - das macht es schwieriger, Daten zu entwenden. Quelle: dapd
Gefälschte Antivirus-MeldungenFake-Warnmeldungen des Virenscanners gehören zu den sichersten Anzeichen dafür, dass das System kompromittiert wurde. Vielen Anwendern ist nicht bewusst, dass in dem Moment, wo eine derartige Meldung aufkommt, das Unheil bereits geschehen ist. Ein Klick auf "Nein" oder "Abbrechen", um den Fake-Virusscan aufzuhalten, genügt natürlich nicht - die Schadsoftware hat sich bestehende Sicherheitslücken bereits zunutze gemacht und ist ins System eingedrungen. Bleibt die Frage: Warum löst die Malware diese "Viruswarnung" überhaupt aus? Ganz einfach: Der vorgebliche Prüfvorgang, der immer Unmengen an "Viren" auftut, wird als Lockmittel für den Kauf eines Produkts eingesetzt. Wer auf den dargestellten Link klickt, gelangt auf eine professionell anmutende Website, die mit positiven Kundenbewertungen und Empfehlungen zugepflastert ist. Dort werden Kreditkartennummer und andere Rechnungsdaten abgefragt - und immer noch viel zu viele Nutzer fallen auf diese Masche herein und geben ihre Identität freiwillig an die Kriminellen ab, ohne etwas davon zu merken. Quelle: dpa/dpaweb

Bislang ließ sich das Problem CEO Fraud höchstens umreißen. Nur wenige Fälle sind publik geworden, beispielsweise beim Autozulieferer Leoni, der 40 Millionen Euro verlor, gestückelt in zahlreiche kleine Zahlungen. Die US-Bundespolizei FBI schätzte 2016, dass Betrüger rund eine Milliarde Dollar erbeuten konnten. Eine halbwegs repräsentative Statistik für Deutschland gibt es aber nicht – nur Polizeiberichte über anonyme Einzelfälle.

Wie groß die Schäden sind, lassen nun Zahlen erahnen, die das BKA mit anderen Polizeibehörden ermittelt hat: Es sei gelungen, „eine Tätergruppierung zu identifizieren, die aus Israel heraus agiert“, sagte Sabine Vogt, die die Abteilung „Schwere und Organisierte Kriminalität“ leitet. Diese habe es in Deutschland seit 2014 rund 800 Mal versucht, in gut 100 Fällen mit Erfolg. Dabei seien den Opfern 175 Millionen Euro verloren gegangen.

Merkregeln für sichere Passwörter

Das sind jedoch nur die Schäden, die eine einzelne, wenn auch professionelle Gruppe verursacht hat. Dass das BKA und andere Polizeibehörden gemeinsam einige Täter festnehmen konnten, darf nicht als Entwarnung gelten. „Wir wissen, dass auch andere Täterstrukturen aktiv sind“, sagte Vogt. Das BKA erwarte, dass CEO Fraud auch künftig ein Problem sein werde. Damit nicht genug: „Die Täter werden ihre Methoden weiterhin verändern.“ Unternehmen müssen also wachsam bleiben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%