Ranking Gesundheitsdienstleister: So umgarnen Kliniken und Pflegeheime ihre Beschäftigten
Nach bestandener Probezeit geht es raus in die Natur. Genauer gesagt: In den Kurwald in Bad Griesbach bei Passau. Das Motto: Wandern, Spaß haben, Natur erkunden. Gemeinsam legen die Rehatherapeuten während ihrer Exkursion etwa ein Waldmandala – eine Collage aus Rinden, Blättern, Steinen und anderen Fundstücken des Waldes.
Später können sie auch gleich testen, ob ihnen die neuen Kolleginnen und Kollegen die nötige Orientierung geben. Während ihres Ausflugs in die Natur versuchen sie jeweils, mit verbundenen Augen, ihren Weg zu gehen.
Bei den Magic Outdoor Tagen geht es auch um Teambuilding und -spirit. Und das ist nur eine von vielen Maßnahmen, mit denen die Rehaklinik Passauer Wolf versucht, Beschäftigte zu gewinnen. Das Unternehmen mit dem eigenwilligen Namen – der Wolf ist das Wappentier der Stadt Passau und einer der Gründer nannte sein Hotel Passauer Wolf – lockt zudem etwa mit flexiblen Arbeitszeiten, großzügigen Urlaubsregelungen und einem eigenen Bildungszentrum.
Pflegekräfte fehlen
Solcher Aufwand ist auch nötig. Wohl nie zuvor war es in der Gesundheitsbranche so wichtig, die Mitarbeitenden bei Laune und im Betrieb zu halten. In Arztpraxen, Rehakliniken, Krankenhäusern, Seniorenheimen, bei Physio- und Ergotherapeuten mangelt es zunehmend an Fachkräften. Trotz Krise am Arbeitsmarkt: Derzeit fehlen allein etwa 200.000 Pflegekräfte. Auch ein Mangel an Ärztinnen und Ärzten zeichnet sich ab – die Boomer unter den Medizinern gehen zunehmend in Rente. Dabei steigt gleichzeitig der Bedarf. Denn die Deutschen werden immer älter und kränker. Bereits jetzt zählen 18,1 Millionen Menschen hierzulande 65 Lebensjahre und mehr. Das ist rund ein Viertel der Bevölkerung – und der Anteil wird künftig noch weiter wachsen.
Wie sich Mitarbeiter in diesen demografisch herausfordernden Zeiten motivieren lassen, zeigen beispielhaft die Sieger im aktuellen WirtschaftsWoche-Ranking Beste Gesundheitsdienstleister – darunter die Rehaklinik Passauer Wolf.
Boombranche Gesundheit
Das Sozialwissenschaftliche Institut Schad (SWI) aus Hamburg hat dazu 251 deutsche Dienstleister aus allen Teilen der Gesundheitsbranche befragt. Besonders viel versprechen sich die Arbeitgeber, so stellte es sich bei der Untersuchung heraus, von familienfreundlichen Arbeitszeiten und guten Weiterbildungsmöglichkeiten. Die Bedeutung der Branche ist immens. Über sechs Millionen Menschen arbeiten in der Gesundheitsbranche. Zum Vergleich: In der deutschen Automobilindustrie sind es gerade mal etwas mehr als 700.000. Drei Viertel der Beschäftigten in der Gesundheitsbranche sind weiblich. Und ein Großteil der Mitarbeitenden ist unzufrieden. Ein Grund dafür ist, dass in den Gesundheitsberufen häufig Schichtarbeit an der Tagesordnung ist.
Bezahlung bessert sich
Laut einer Studie des Bundesgesundheitsministeriums wünschen sich viele der Beschäftigten höhere Löhne, mehr Kolleginnen und Kollegen, weniger Arbeitsbelastung sowie eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Auch verlässlichere Dienstpläne sowie digitale Unterstützung sind ihnen wichtig – zahlreiche der vorgeschriebenen Patientendokumentationen könnten genauso gut elektronisch erledigt werden. Nicht zu unterschätzen sind auch die sogenannten weichen Faktoren – dazu zählen unter anderem die Stimmung im Team, eine wertschätzende Arbeitskultur sowie ein eher partnerschaftlicher Führungsstil.
Immerhin: In den vergangenen Jahren hat sich zumindest die Bezahlung der Pflegekräfte verbessert. Die durchschnittlichen Stundenlöhne in der Pflege sind zuletzt nach einer Auswertung des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen um 4,9 Prozent auf 23,70 Euro gestiegen. In anderen Bereichen – etwa bei der Digitalisierung oder bei der Wertschätzung der Beschäftigten – gibt es oft noch Nachholbedarf.
Vor allem in eher ländlichen Regionen ist es für Arbeitgeber deshalb wichtig, ihren Angestellten ein attraktives Arbeitsumfeld zu bieten. Weil es die potenziellen Bewerber eher in die großen Städte zieht, ist der Konkurrenzkampf um Pflegekräfte in kleineren Städten und auf dem Land besonders hart.
Beispiel Bad Wildungen: In dem nordhessischen Kurort gibt es allein 17 Rehakliniken. „Da müssen Sie als Pflegekraft nur die Straßenseite wechseln, und schon haben Sie einen neuen Job“, erklärt der Manager einer der führenden Kliniken am Platz. Deswegen bieten viele Betriebe dort auch Startprämien von bis zu 1000 Euro, Weiterbildungsmöglichkeiten und spezielle Mentorenprogramme an.
Mehr gewonnen als verloren
Und so ist es vermutlich kein Zufall, dass viele der Sieger im WirtschaftsWoche-Ranking aus ländlichen Regionen kommen. So wirbt das Seniorenwohnheim Löffler aus dem bayrischen Altenstadt schon auf seiner Website mit „Mitsprache bei der Dienstplangestaltung“ und „Übernahme der Kosten für die Kinderbetreuung“. Auf Wunsch lässt der Arbeitgeber auch über einen Dienstwagen mit sich reden. Aus dem gleichen Grund investiert auch die Rehagruppe Passauer Wolf intensiv in ihre Beschäftigten-Programme. Von den vier Standorten des Unternehmens befinden sich drei in ländlichen Regionen: in Bad Griesbach, Bad Gögging und Nittenau. Lediglich die vierte Einrichtung in Ingolstadt kann sich auf einem etwas urbaneren Arbeitsmarkt bedienen.
Neben gemeinsamen Feiern und kostenlosen Sprachkursen sowie Unterstützung bei Behördengängen für ausländische Kräfte gibt es etwa ein besonderes Arbeitszeitmodell. Danach können Beschäftigte unter der Woche weniger und am Wochenende mehr arbeiten – um so die Kinderbetreuung besser organisieren zu können.
Der Aufwand lohnt sich, davon ist Personalleiter Andreas Herzog überzeugt: „Wir konnten bisher in jedem Jahr deutlich mehr neue Mitarbeiter gewinnen, als dass wir Mitarbeiter verloren haben“, erklärt er. Ob er denn sagen kann, welcher der zahlreichen Anreize besonders bei der Belegschaft zieht? Die Magic Outdoor Tage? Die flexiblen Arbeitszeiten? Das eigene Bildungszentrum? Oder vielleicht etwas ganz anderes? Das, sagt Herzog, lasse sich unmöglich exakt zuordnen. Am Ende ist es wohl der Mix aus all den Maßnahmen, der bei den Beschäftigten die gewünschte Wirkung zeigt.
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