Wiwo History: Der Erfinder, der keiner war
Am 18. März 1935 treffen sich zwei Männer, beide Mitte 30, im Flatiron Building in Manhattan. Der eine, Robert Barton, leitet den Spielehersteller Parker Brothers. Der andere, Charles Darrow, hat auf eigene Faust eine Ein-Produkt-Firma aufgebaut. Barton ist vom Unternehmergeist – heute würde man es wohl „Start-up-Mentalität“ nennen – seines Gegenübers begeistert. Und von seinem Produkt: dem Brettspiel Monopoly.
Noch am Folgetag erwirbt der Manager die Rechte an dem Spiel. Monopoly verkauft sich weltweit Hunderte Millionen Mal, hievt Bartons Firma, die 1991 vom US-Spielzeugriesen Hasbro aufgekauft wird, von der Beinahe-Insolvenz in neue Sphären. Und Charles Darrow ist der erste Spieleentwickler, der Millionär wird. Er geht mit 46 in den Ruhestand, lebt bis zu seinem Tod nur noch von den Monopoly-Tantiemen. Win-win. Happy End für alle Beteiligten. Mythos Ende.
Tatsächlich aber ist die Sache seinerzeit weitaus vertrackter – auch wenn dieser Ursprungsmythos des Monopoly-Erfolgs später über Jahrzehnte hinweg so verbreitet wird: Der Vertrag mit Darrow besagt zwar, dass dieser das Spiel, dessen Rechte er abtritt, erfunden habe. Darrow unterschreibt das auch, ohne zu zögern. Als Parker Brothers sich jedoch das Patent für das Spielprinzip von Monopoly sichern will, tauchen mehrere Patente für ähnliche, bereits existierende Brettspiele auf. Eines ist zehn Jahre alt, eins reicht bis 1904 zurück. Der vermeintliche Erfinder muss einräumen: Er hat nur eine vorhandene Idee neu verkleidet.
Die wahre Erfinderin des Spiels ist Elizabeth Magie. Sie ist eine Verfechterin des Georgismus, einer wirtschaftlichen Philosophie, nach der privates Eigentum aus eigener Arbeit entsteht, während natürliche Ressourcen – vor allem Land und Boden – allen Menschen gemeinschaftlich zustehen. Ihr Vorgänger von Monopoly, The Landlord’s Game, hat noch eher didaktischen Charakter – und ist dabei dem Kapitalismus explizit abgeneigt.
Über Jahre hinweg verbreitet sich das Spiel per Mund-zu-Mund-Propaganda, in wechselnden Varianten und mit unterschiedlich benannten Feldern. Und auch Darrow entwirft eben seine eigene Version mit individuellen Anpassungen – etwa einem neuen grafischen Layout, das so bis heute nahezu unverändert auf Monopoly-Spielbrettern auftaucht. Darrows Verdienst sei der, so später Parker-Manager Barton, Elizabeth Magies Spielidee den „perfekten Touch“ verliehen zu haben.
Am Ende kauft Parker Brothers Magies Patent. Für 500 Dollar. Tantiemen erhält sie nicht. Sie stimmt dem Deal zu – in der Hoffnung, dass sich ihre wirtschaftliche Ideologie dadurch „unter den Menschen im Land verbreitet“. Das hat sie nicht erreicht. Dafür ist ihre eigene Geschichte zu einem Lehrstück geworden, das ihr gefallen könnte. Es handelt von den Fallstricken des Kapitalismus.
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