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Daimler-Chef im InterviewWie steht es um die Elektroautos, Herr Zetsche?

Daimler gibt Milliarden für neue Antriebe aus, erzielt damit aber kaum Gewinn. Dennoch setzt Daimler-Chef Dieter Zetsche weiter auf E-Autos – und schickt bald den ersten Elektro-Mercedes an den Start.Sebastian Schaal 22.07.2016 - 06:00 Uhr

Daimler-Chef Dieter Zetsche: Wann kommen die Elektroautos?

Foto: Stefan Nimmesgern für WirtschaftsWoche

Eine weinrote E-Klasse, ein C-Klasse Cabrio in Metallic-Blau und eine tiefschwarze S-Klasse in der Maybach-Ausführung, ein paar Meter weiter steht noch ein silberner GLE, der beinahe die grüne A-Klasse verdeckt: Der Parkplatz vor dem Gebäude Nummer 137 im Daimler-Stammwerk Stuttgart-Untertürkheim wirkt wie ein Best-of aus dem Prospekt von Mercedes-Benz. Ein Kompaktmodell für den Absatz, ein großes SUV für die Marge und ein Cabrio für die emotionalen Autofahrer – von allem ist etwas dabei.

Von seinem Schreibtisch aus im dritten Stock kann Konzernlenker Dieter Zetsche die Mercedes-Parade vor seiner Türe Tag für Tag verfolgen – und sich im Grunde genommen zufrieden zurücklehnen. Die Gewinne sprudeln, SUV mit dem großen Stern im Kühlergrill verkaufen sich weltweit blendend. Dank der Kompakt-Offensive mit A-Klasse, CLA und GLA ist die Marke auch wieder bei jüngeren Autokäufern beliebt. Und mit der E-Klasse, dem Benz schlechthin, hat man gerade das neue Benchmark für eine Business-Limousine auf den Markt gebracht.

Nur eines fehlt auf dem Parkplatz: ein gut sichtbares Elektroauto. Wo vor der BMW-Zentrale die futuristisch anmutenden i3 und i8 zur Schau gestellt werden, sticht bei Daimler kein serientauglicher Elektroflitzer ins Auge. Das nach dem Auslaufen des E-Smarts einzige Elektroauto des Konzerns, der B 250e, tarnt sich als ein gewöhnlicher Kompakt-Van – und fällt mit dem kleinen „e“ auf dem Kofferraumdeckel zwischen all den Maybachs, AMG und selbst den gewöhnlichen Mercedes-Modellen nicht auf.

Dass an dieser Stelle Nachholbedarf besteht, hat Zetsche erkannt. „Wir werden unsere Aktivitäten rund um die Elektromobilität deutlich ausweiten“, sagt der Daimler-Chef im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Dafür haben wir unsere Planung erheblich anspruchsvoller gestaltet.“

In Zahlen ausgedrückt: In den kommenden beiden Jahren wird der Stuttgarter Konzern 14,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung investieren – mehr als die Hälfte davon soll in grüne Technologien fließen, wie Entwicklungsvorstand Thomas Weber im Juni verkündet hat.

Zur Person: Dieter Zetsche
Dieter Zetsche wurde am 5. Mai 1953 in Istanbul geboren. Sein Vater Herbert war zu jener Zeit an einem Staudammprojekt tätig. Die Familie kehrte 1955 nach Frankfurt zurück, wo Dieter aufwuchs.
Zetsche studierte ab 1971 Elektrotechnik an der Universität Karlsruhe und schloss die Studien als Diplomingenieur ab.
Direkt nach dem Uni-Abschluss 1976 trat Zetsche in den Forschungsbereich der damaligen Daimler-Benz AG ein. 1982 promovierte er berufsbegleitend an der Universität Paderborn zum Dr.-Ing.
Nach verschiedenen Positionen in Südamerika (u.a. ab 1988 Mitglied der Geschäftsleitung Mercedes-Benz do Brasil, ab 1989 Präsident Mercedes-Benz Argentina) wechselte Zetsche 1991 als Präsident zur US-Lkw-Tochter Freightliner nach Portland, Oregon. Bereits 1992 wurde Zetsche allerdings zurück nach Stuttgart berufen, und zwar als stellvertretender Entwicklungsvorstand für die Pkw-Sparte bei der Mercedes-Benz AG.
Nachdem er 1995 zum Vertriebsvorstand von Mercedes-Benz ernannt wurde, wurde Zetsche 16. Dezember 1998 erstmals in den Konzernvorstand der neu formierten DaimlerChrysler AG berufen. Im Folgejahr übernahm er das kurzzeitig das Nutzfahrzeug-Ressort.
Nur ein Jahr nach der Fusion übernahm Zetsche als CEO und Präsident die Geschäfte von Chrysler in den USA. Unter seiner Führung gelang es, Chrysler aus der Verlustzone zu bringen.
Nach dem Rückzug von Jürgen Schrempp von der Spitze DaimlerChryslers wurde Zetsche zum 1. Januar 2006 zum neuen Vorstandsvorsitzenden berufen. Unter seiner Führung wurde die 1998 als "Hochzeit im Himmel" gestartete Fusion mit Chrysler beendet, die Chrysler-Anteile wurden verkauft. Seitdem firmiert der Konzern als Daimler AG mit den Geschäftsfeldern Mercedes-Benz Cars, Daimler Trucks, Mercedes-Benz Vans, Daimler Buses und Daimler Financial Services. Nach einem Korruptionsprozess gegen den Konzern in den USA und einem im Vergleich zu Audi und BMW schlechten Abschneiden stand Zetsche wiederholt in der Kritik. Dennoch wurde sein Vertrag verlängert, zum Halbjahr 2016 hat Mercedes-Benz die beiden Premium-Konkurrenten weit hinter sich gelassen. Aktuell hat Zetsche einen Vertrag bis zum 31. Dezember 2019.

Wann sich diese Milliarden-Investitionen für Daimler auch in nennenswerten Marktanteilen für E-Autos auszahlen, will Zetsche nicht voraussagen. Volkswagen zum Beispiel wird da deutlicher: Die Wolfsburger hoffen, dass im Jahr 2025 jedes dritte verkaufte Auto einen Elektromotor hat.

Für Zetsche ist der Weg in die Elektromobilität unstrittig – die Herausforderung sei es, den richtigen Zeitpunkt zu treffen. „Das ist wie mit der umgedrehten Ketchup-Flasche. Wenn man draufschlägt, weiß man, irgendwann kommt was raus“, so Zetsche. „Du weißt nicht wann, aber wenn’s kommt, dann richtig. Dann ist es schlecht, wenn man nicht bereit ist.“

Die Ansage war klar: Nur eine Woche nach Bekanntwerden der Manipulationen von Abgaswerten bei Volkswagen ließ Daimler-Chef Dieter Zetsche keinen Zweifel: „Wir halten uns grundsätzlich an die gesetzlichen Vorgaben und haben keinerlei Manipulationen an unseren Fahrzeugen vorgenommen“, sagte Zetsche im September der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Trotzdem hat der Dieselskandal auch Daimler eingeholt.

Foto: REUTERS

Zwar wurden dem Stuttgarter Autokonzern nach wie vor keine Manipulationen im Stile von Volkswagen nachgewiesen. Doch nicht nur die US-Justiz beschäftigt sich inzwischen mit der Frage, ob die Schwaben bei der Auslegung der Abgasvorschriften nicht etwas zu weit gegangen sind. Die Diesel-Baustellen des Konzerns im Überblick.

Foto: REUTERS

Deutsche Behörden

Trotz aller Angriffe von US-Verbrauchern und Umweltschützern betont der Stuttgarter Autobauer, sich bei der Abgasnachbereitung in Dieselfahrzeugen an geltendes Recht zu halten. Streitpunkt ist ein so genanntes Thermofenster, das in bestimmten Temperaturbereichen die Abgasnachbereitung herunterregelt. Nach der Argumentation der Hersteller wird das genutzt, um Bauteile im Motor zu schützen. Umweltschützer wie die Deutsche Umwelthilfe (DUH) kritisieren, dass die Ausnahmeregelungen aus der entsprechenden EU-Verordnung zu weit ausgelegt werden. Im April einigte sich Daimler wie andere Hersteller auch mit dem Kraftfahrtbundesamt (KBA) darauf, 247.000 Fahrzeuge „freiwillig“ zurückzurufen, um die Technik anzupassen. Ganz so einfach scheint das nicht zu sein. Für die Autos der Kompaktklasse schafft Daimler das erst zum Ende des Jahres, für den Van (die V-Klasse, im Bild) wartet der Autobauer noch auf die finale Freigabe des KBA.

Foto: dpa

Deutsche Zivilklage

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat eine Unterlassungsklage wegen Verbrauchertäuschung vor dem Landgericht Stuttgart eingereicht (Az.: 34 O 21/16 KFH). Die Umwelthilfe wirft dem Autobauer vor, Verbraucher mit Werbung über saubere Dieselmotoren in die Irre zu führen. Der Verein kritisiert ebenfalls die Einrichtung, die in einigen Dieselmotoren dafür sorgt, dass die Abgasnachbereitung in bestimmten Temperaturbereichen heruntergeregelt wird. Die Umwelthilfe hatte deshalb den Entzug der Typgenehmigungen eines Modells (C-Klasse 220 CDI, im Bild) gefordert und in einem Rechtsgutachten die Praxis für nicht rechtens erklären lassen. Einen Verhandlungstermin gibt es noch nicht. Laut Gericht dürfte das Verfahren aber im Herbst stattfinden. Gegen Opel konnte die Umwelthilfe in einem ähnlichen Verfahren die Rücknahme der Aussagen vor Gericht durchsetzen.

Foto: PR

US-Zivilklagen

In den USA muss sich Daimler mit mehreren Abgas-Sammelklagen befassen. Die Kanzlei Hagens Berman vertritt Autobesitzer aus zahlreichen Bundesstaaten, die dem Konzern vor allem irreführende Werbung und einen zu hohen Stickoxidausstoß bei zahlreichen Dieselmodellen vorwerfen. Wie die Umwelthilfe kritisieren auch die US-Amerikaner das Herunterregeln der Abgasreinigung, wenn es draußen kälter ist. Klagende Aktionäre stoßen ins gleiche Horn: Daimler habe mit Angaben über ihre vermeintlich sauberen Dieselmotoren falsche Erwartungen geweckt, Anleger hätten durch Kursverluste nach Bekanntwerden der Vorwürfe Geld verloren. Daimler weist die Anschuldigungen zurück: „Das Unternehmen hält die Sammelklagen für unbegründet und wird sich dagegen mit sämtlichen juristischen Mitteln zur Wehr setzen.“

Foto: dpa

US-Justizministerium

Im April wurde es richtig ernst für den Autobauer: Das US-Justizministerium forderte Daimler zu einer internen Untersuchung im Zusammenhang mit den Abgaswerten der Autos aus dem Hause Mercedes-Benz auf. Seitdem ermittelt Daimlers interne Revision mithilfe einer Anwaltskanzlei im Konzern. Auch VW hat sich für die internen Abgas-Ermittlungen eine Kanzlei ins Haus geholt. „Wir kooperieren vollumfänglich mit den Behörden“, heißt es von Daimler und der Konzern verspricht: „Etwaigen Hinweisen auf Regelverstöße werden wir konsequent nachgehen und die erforderlichen Maßnahmen selbstverständlich treffen.“ Zu Ergebnissen der Untersuchung schweigt der Autobauer bislang.

Foto: dpa

Sprich: Daimler wird sein Angebot an Elektro-Fahrzeugen rasch ausbauen. Auf der Nutzfahrzeug-IAA im September will Daimler Trucks einen Elektro-Lkw zeigen, auch die Batterie-Variante des neuen Smart steht in den Startlöchern.

Die größte Neuheit wird aber auf der Automesse in Paris Anfang Oktober zu sehen sein. Dann zeigt Mercedes einen emissionsfreien Ableger des Kompakt-SUV GLC – wohl mit einer bislang einzigartigen Kombination aus einer einfach aufladbaren Batterie (Reichweite ungefähr 50 Kilometer) und einer Brennstoffzelle, die 500 Kilometer Reichweite verspricht.

Zuletzt hieß es in Medienberichten, Mercedes wolle mit dem Elektro-SUV eine neue Submarke starten – analog zum Luxus-Ableger Mercedes-Maybach, den Sport-Modellen Mercedes-AMG oder eben der Münchner Elektro-Konkurrenz BMW i. Bestätigen wollte Zetsche diese Gerüchte nicht – aber auch nicht dementieren. „Marken sind eine gute Möglichkeit, um das Angebot nach innen und außen klar zu differenzieren“, sagt der 63-Jährige. „So gesehen kann es Sinn machen, der E-Mobilität auch eine Eigenständigkeit zu geben.“ Man könne das E-Auto auch nur als technische Variation des Antriebs definieren. „Wahrscheinlich ist es aber viel mehr.“

Die Elektromobilität werde zusammen mit den anderen Megatrends Konnektivität, Autonomes Fahren und Sharing über den Erfolg in der Zukunft entscheiden. „Die interessantesten Entwicklungen entstehen aus der Kombination“, sagt Zetsche. „Wir müssen deshalb überall vorne dabei sein. Aber wie genau die neuen Dienste aussehen werden, kann ich heute noch nicht sagen.“

Welche Dienste Daimler dennoch erprobt, wie Zetsches Zeitplan für das Autonome Fahren aussieht und wie er den ganzen Konzern wegen der Digitalisierung umbauen will, lesen Sie im umfassenden Interview.

Cabrio oder SUV? Schampus oder Bier? Ein Kurzinterview mit Daimler-Chef Dieter Zetsche über die schönen Dinge des Lebens.

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