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Bildungskatastrophe DeutschlandSo lächerlich sind Mathe-Prüfungen in NRW

Anfang 2016 testete die Düsseldorfer Landesregierung den Lernstand von Achtklässlern. Die Aufgaben waren zum großen Teil geradezu lächerlich einfach. Die Bildungspolitik betrügt sich selbst.Ferdinand Knauß 17.03.2016 - 14:00 Uhr
Foto: WirtschaftsWoche
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Striche abzählen. Damit dürfte ein durchschnittlich begabter Zweitklässler nicht überfordert sein. In Nordrhein-Westfalen fragt man mit dieser anspruchslosen Aufgabe den „Lernstand“ von Achtklässlern ab. Also 13- bis 14-Jährige, die drei Jahre später eine Berufsausbildung beginnen sollen.

Wie niedrig die Ansprüche sind, die man in Düsseldorf an die Kompetenzen der Landeskinder stellt, zeigen auch viele andere Aufgaben. Wer lesen kann und Augen im Kopf hat, findet die Lösungen meist schon im Aufgabentext oder in mitgelieferten Grafiken.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung will wie andere Landesregierungen wissen, was die Schüler in ihrem Bundesland können. Zumindest gibt sie das vor. Denn ihre Ansprüche an die vor wenigen Tagen in den Realschulen des Landes getesteten Schüler der achten Klassen sind so bescheiden, dass sie kaum Aufschluss über die tatsächlichen Fähigkeiten der Kinder geben.

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Das erfolgreiche Abschneiden aller Schüler hat ganz offensichtlich Vorrang. Der Verdacht drängt sich auf, dass der Sinn der alljährlichen Lernstandserhebungen weniger der Sicherung der tatsächlichen Qualität des Unterrichts dient, sondern in erster Linie der Dokumentation des angeblichen Erfolgs der Bildungspolitik.

Lernstandserhebungen laufen ähnlich ab wie normale Klassenarbeiten. Die Aufgaben werden als "diagnostische Testinstrumente" vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) im Auftrag der Länder erstellt. Die Ergebnisse gehen nicht in die Benotung des einzelnen Schülers ein, sondern in die Statistiken der Landesministerien.

Bildung

„Deutschland ist auf dem Weg in die Inkompetenz“

Lernstandserhebungen sind eine Reaktion auf den „PISA-Schock“ von 2000. Die Vergleichsstudien der OECD hatten damals einen angeblichen Rückstand der Kompetenzen deutscher Schüler gezeigt. Bildungspolitiker sprechen seither von einer so genannten "empirischen Wende": Die tatsächlich erreichten Ergebnisse des Unterrichts, im Bildungsexpertenjargon „Wirkungsqualität“ genannt, sollen also die Steuerung des Bildungssystems entscheidend beeinflussen.

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Ministerin Sylvia Löhrmann und ihre Mitarbeiter wollen anhand dieser Erhebungen also belegen, dass die jungen NRWler auf dem Weg sind, das selbstgesteckte Ziel der Realschulen zu erfüllen - „sachbezogene Qualifikationen und Kompetenzen“ zu erwerben, um „sich auf den raschen Wandel der Lebensumstände einzustellen“.

Das können Aufgaben von derart niedrigem Niveau allerdings kaum ernsthaft belegen. Die bildungspolitische Devise der Düsseldorfer Landesregierung – „kein Kind zurücklassen!“ – wird ganz offensichtlich so interpretiert: Um niemanden zurücklassen zu müssen, schreitet man erst gar nicht wirklich voran.

Sehr viel höher als die in der Lernstandserhebung für Achtklässler gestellten Ansprüche sind auch die in der zentralen Abschlussarbeit für den „mittleren Bildungsabschluss“ (nach zehn Schuljahren) zum Teil nicht. Ein stellvertretender Schulleiter, der gerne ungenannt bleiben möchte, berichtet: "Der Niveauverlust an meiner eigenen Schule hat in der letzten Zeit dramatische Züge angenommen."

Zum Beispiel sei in einer Abschlussaufgabe das Zeichnen von zwei Quadraten mit zwei und einem Zentimeter Kantenlänge schon mit drei von insgesamt erreichbaren 87 Punkten belohnt worden. „Eine wesentlich schwierigere Aufgabe“, berichtete der Mathematiklehrer, „wurde dagegen nur mit zwei Punkten belohnt.“

In einer anderen Teilaufgabe wurde ein Lösungsansatz verlangt, der dann in der Aufgabenstellung der nächsten Teilaufgabe genannt wurde.

Dazu kommt, dass Abschlussarbeiten bereits mit 73,6 Prozent der Gesamtpunktzahl als „gut“ bewertet werden, während einige Jahre zuvor dafür noch 85 Prozent die übliche Schwelle waren.

Der grassierende Niveauverlust beschränkt sich längst nicht nur auf nordrhein-westfälische Realschulen, sondern betrifft ebenso die Abiturprüfungen an Gymnasien. Kritiker bemängeln, dass deutschlandweit der Niveauverlust und die dadurch gestiegenen Abitur-Zahlen und Notenschnitte als Erfolg von Bildungspolitik verkauft würden.

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