Sprach-Unsinn: "Vorständinnen" auf dem Vormarsch

Kathrin Menges ist im Vorstand des Henkel-Konzerns für Personalfragen zuständig. Sie ist die erste Frau in der Chefetage seit Gründung des Unternehmens vor 136 Jahren. "Vorständin" wird sie allerdings nicht genannt - zumindest in offiziellen Texten nicht.
Foto: dpaDer Wunsch nach „geschlechtergerechter“ Sprache kann schnell auch in die Lächerlichkeit führen. Mann muss der Bundeswehr, die sonst nicht gerade berühmt ist als sprachpflegerische Institution, deswegen dankbar sein, dass sie die deutsche Sprache trotz aller militärischen Gleichstellerei immerhin vor der „Frau Hauptfrau“ bewahrt hat. Wobei das vorschriftsmäßige „Frau Hauptmann“ auch nicht gerade unlächerlich klingt. Nun hat also die Duden-Redaktion die „Vorständin“ in Ihr Lexikon aufgenommen. In der Online-Version steht sie bereits und in die nächste Auflage des gedruckten „Duden“ werde sie demnächst wahrscheinlich auch aufgenommen, wie Redaktionsleiter Werner Scholze-Stubenrecht bekannt gab.
Bevor man nun dieses Neuwort mit gutem Gewissen gebraucht, weil es der Duden absegnet, sollte man wissen, dass die Duden-Redaktion wie die meisten etablierten Sprachwissenschaftler in Deutschland nur ein Kriterium für die Veränderung der Sprache und damit des Wörterbuchs kennen: Den allgemeinen Sprachgebrauch. Wenn die deutschen Sprecher ein unsinniges Wort nur oft genug nutzen, dann ist es für die Duden-Redaktion bald korrektes Deutsch. Die meisten deutschen Sprachwissenschaftler sehen sich als neutrale Beobachter und Chronisten des Sprachgebrauchs. „Sprache ist letztlich auch nur Gewohnheit“, behauptet Scholze-Stubenrecht.
Falsch: Der Ärger ist vorprogrammiert
Richtig: Der Ärger ist programmiert
Wer etwas programmiert, seien es alte Videorekorder, Wecker, Software oder eben Ärger, tut dies in der Regel vor Benutzung. Man programmiert den Videorekorder eben im Vorfeld, damit er einen Film aufzeichnet. Wenn etwas vorprogrammiert ist, handelt es sich also um eine Wortdopplung - ähnlich wie der weiße Schimmel oder der schwarze Rappe.
Foto: dpaFalsch: Gang und gebe
Richtig: Gang und gäbe
Bei vielen ist es leider gang und gäbe, selbige Redewendung falsch zu schreiben. Vom Wortursprung bezieht sich "gang und gäbe" auf Zahlungsmittel, die weit verbreitet und damit gültig waren. So ist in Europa beispielsweise der Euro gang und gäbe, der Keks zum Kaffee ist dagegen bloß üblich.
Foto: ScreenshotFalsch: Das ist der einzigste, der noch übrig ist
Richtig: Das ist der einzige, der noch übrig ist
Einzig lässt sich genauso wenig steigern wie perfekt, optimal, völlig, letzte oder tot. Bei diesen sogenannten Absolutadjektiven gibt es dafür auch keine Abschwächung. So gibt es weder "ein bisschen absolute" Lösungen, "weniger schwangere" Frauen oder "nicht ganz so leere" Gläser. Weniger oder mehr geht einfach nicht.
Foto: dpaFalsch: Der Erfolg kam dank Mund-zu-Mund-Propaganda
Richtig: Der Erfolg kam dank Mundpropaganda
Da niemand anderen Menschen etwas in den Mund sagt, müsste es - wenn überhaupt - Mund-zu-Ohr-Propaganda heißen. Wer darauf setzt, dass sich etwas herumspricht, vertraut auf Mundpropaganda.
Foto: gmsFalsch: Das ist der Super-GAU
Richtig: Das ist der GAU
Bei einem GAU handelt es sich um den Größten Anzunehmenden Unglücksfall. Das lässt sich einfach nicht mehr steigern. Schließlich sagt auch niemand: "Das ist das Super-Allerschlimmste, was hätte passieren können."
Foto: APFalsch: Das ist ein echter Wehmutstropfen.
Richtig: Das ist ein echter Wermutstropfen.
Wer einen Tropfen Wermut in einen ansonsten süßen Cocktail mischt, sorgt für einen bitteren Beigeschmack. Kein Grund, wehmütig zu werden.
Foto: dpa/dpawebFalsch: Die Kinder mögen keine Gemüse-Spaghettis
Richtig: Die Kinder mögen keine Gemüse-Spaghetti
Wie auch immer Sie gerne Ihre Pasta essen: Spaghetti, Ravioli, Tortellini und Co. sind bereits mehr als eine Nudel. Im Italienischen steht das "i" schon für den Plural. Man isst ja auch keine Nudelns mit Sauce.
Foto: dapdFalsch: Da fehlt doch wieder der Imbus-Schlüssel
Richtig: Da fehlt doch wieder der Inbus-Schlüssel
Mit Bussen hat der Sechskant-Schraubenschlüssel nämlich gar nichts zu tun. Das Werkzeug von der Firma Bauer Und Scharte ist nämlich ein INnensechskantschlüssel und kein IMnensechskant-Schlüssel Bauer Und Schaurte.
Foto: dpa/dpawebFalsch: Das Baby kam zur Welt, kurz nachdem die Mutter in den Kreissaal geschoben wurde.
Richtig: Das Baby kam zur Welt, kurz nachdem die Mutter in den Kreißsaal geschoben wurde.
Es gibt Worte, deren Anzahl an Konsonanten nicht mit der neuen Rechtschreibung verdoppelt oder verdreifacht worden sind. Dazu gehören Dinge, die nach ihrem Erfinder benannt sind, wie die Litfaßsäule, die nichts mit einem Fass zu tun hat, sondern Ende des 19. Jahrhunderts von Herrn Ernst Litfaß erfunden wurde.
Da sich durch die Rechtschreibreform nichts an Namen ändert, bleibt auch das ß bestehen. Gleiches gilt für den Kreißsaal: Das Wort kommt nämlich nicht von Kreis, sondern vom altdeutschen Wort "kreißen" für "Wehen haben" beziehungsweise "schreien".
Foto: dpaFalsch: Die Krake hat acht Beine
Richtig: Der Krake hat acht Beine
Nicht nur bei aus dem Englischen übernommenen Worten wie Blog oder Laptop herrscht große Unsicherheit, ob es nun der, die oder das heißt. Auch bei Nutella, Klientel, Kraken und Eutern sind sich viele uneins. Zumindest Kraken sind im Deutschen männlich, es heißt also der Krake. Das Euter ist dagegen Neutrum, die Klientel feminin. Bei Blogs und Laptops hat sich der Artikel "der" eingebürgert.
Foto: dpaDass das Wort „Vorständin“ eigentlich ein unsinniges Nicht-Wort ist, weil der „Vorstand“ kein Mann, sondern ein Gremium ist, und es für die Frauen und Männer, die in ihm sitzen, ein korrekteres und sogar absolut geschlechtsneutrales Wort – nämlich „Vorstandsmitglied“ – gibt, spielt für die Entscheidung keine Rolle. Es gebe ausreichend Hinweise darauf, dass die „Vorständin“ in Deutschland bereits im allgemeinen Sprachgebrauch angekommen ist. Einige Firmen oder Institutionen bezeichneten die weiblichen Mitglieder des Gremiums bereits als „Vorständin“. Das reicht Herrn Scholze-Stubenrecht.
Sprache ist Macht
Eine Petitesse ist das alles keineswegs. Denn Sprache ist nicht so harmlos wie Scholze-Stubenrecht und seine Kollegen meinen: Die Veränderung der Sprache beeinflusst, wie und was die Menschen denken. Die Apostel der „geschlechtergerechten“ Sprache wissen das ebenso wie die Machthaber in George Orwells Dystopie „1984“, die mit ihrem „Neusprech“ die Kommunikationsfähigkeit der Bevölkerung so einschränken, dass „Gedankenverbrechen“, also freies Denken, unmöglich wird. Es mag hinter vielen neuen Vokabeln der Unternehmenswelt schlichte Gedankenlosigkeit stecken.
Aber es ist sicher keine vom Himmel gefallene Gewohnheit, dass Unternehmen zum Beispiel von "Personalabbau" sprechen. Denn diese nüchterne, architektonische Metapher verschleiert mögliche Folgeschäden für die Betroffenen, aber auch Nachteile für das Unternehmen und vor allem für die Gesellschaft, die die Kosten für die künftigen Arbeitslosen tragen muss.
Der Gleichgültigkeit der deutschen Sprachwissenschaft und der Dudenredaktion muss man daher entgegenhalten, was der große Journalist Friedrich Sieburg einmal im Zorn ausrief: „Wer nicht Deutsch kann, kann nicht denken.“
Für Nicht-Sprachwissenschaftler, denen die Klarheit des Deutschen und vielleicht sogar seine Schönheit am Herzen liegt, wird der Duden also nicht das letzte Wort haben. Denkfreudige und freiheitsliebende Menschen in Unternehmen und überall sonst sollten sich sprachfaulen Verknappungen ebenso verweigern wie verkrampften Wortverboten - Stichwort Neger und Zigeuner - von politisch korrekten Tugendwächtern und pseudomodernen Anglizismen von dümmlichen Allerweltsanglophilen.