Studie warnt vor enormem Fachkräftemangel: 2040 könnten in Deutschland 3,3 Millionen Fachkräfte fehlen
Ohne schnelles Umsteuern droht der deutschen Wirtschaft nach Einschätzung von Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsforschern langfristig eine große Fachkräftelücke. Allein bis 2030 könnte sich die Zahl der fehlenden Facharbeiter, Techniker, Forscher und medizinischen Fachkräfte auf bis zu 3,0 Millionen belaufen und bis 2040 gar auf 3,3 Millionen, geht aus einer am Mittwoch veröffentlichten Studie des Basler Forschungsinstitut Prognos hervor. Politik und Wirtschaft verfügten aber über die „passenden Maßnahmen“, um dies rechtzeitig zu verhindern, heißt es.
Als Hauptgrund für den drohenden Mangel führt Prognos die zunehmende Überalterung der deutschen Gesellschaft an: „Im Zuge des demografischen Wandels wird sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt in den nächsten 10 bis 20 Jahren erheblich verschärfen“, betont Studienautor Oliver Ehrentraut. Auch wenn man inzwischen nicht mehr mit einem so starken Schrumpfen der Bevölkerung rechne, die Zahl der Menschen im arbeitsfähigen Alter werde dennoch weiter kräftig sinken - um gut 10 Prozent bis zum Jahr 2040.
Hinzukomme, dass mit dem wachsenden internationalen Wettbewerb, anderem Konsumverhalten und der Digitalisierung in fast allen Wirtschaftsbereiche manche Berufe nach und nach an Bedeutung verlieren würden. Umgekehrt werde es an Menschen mit dem künftig dringend gefragten Fachwissen fehlen, so die Prognos-Wissenschaftler.
Platz 12: Softwareentwicklung und Programmierung
Die Top-Zwölf wird vom Bereich "Gesundheit und Pflege" sowie technischen Berufen dominiert. In diesen beiden Branchen sind die Engpässe besonders ausgeprägt. Im Zuge der Digitalisierung wird nach IT-Fachkräften besonders verlangt. Das gilt auch für Experten in der Softwareentwicklung und Programmierung. Zwar übersteigt die Anzahl der Arbeitslosen die der offenen Stellen (147 auf 100 Stellen); trotzdem liegt die Vakanzzeit mit 143 Tagen noch deutlich über dem Durchschnitt aller Berufe.
Quelle: kursfinder.de, Bundesagentur für Arbeit
Stand: Dezember 2016
Platz 11: Friseurmeister
In der Körperpflege-Branche werden vor allem Spezialisten gesucht, nämlich Friseurmeister. Die Arbeitslosenquote ist bei 1,6 Prozent äußerst gering. Auf 100 offene Stellen kommen gerade einmal 121 Arbeitslose. Die Vakanzzeit liegt bei 158 Tagen.
Foto: dpaPlatz 10: Elektrotechnik
Der Bedarf an ausgebildeten Elektromeistern ist noch höher: Die berufsspezifische Arbeitslosenquote liegt bei unter einem Prozent. Eine ausgeschriebene Arbeitsstelle in diesem Bereich bleibt durchschnittlich 130 Tage unbesetzt. Auf 100 Stellen kommen gerade einmal 109 Arbeitslose.
Foto: dpaPlatz 9: Mechatronik und Automatisierung
In der Branche "Mechatronik und Automatisierung" übersteigt die Anzahl der offenen Stellen die Anzahl der Arbeitssuchenden: 100 ausgeschriebenen Stellen stehen 94 Arbeitslose gegenüber. Bis qualifizierte Fachkräfte und Spezialisten in der Branche gefunden werden, vergehen im Durchschnitt 131 Tage.
Foto: dpaPlatz 8: Orthopädie- und Rehatechnik
Auch in der Orthopädie- und Rehatechnik fehlen ausgebildete Fachkräfte und Spezialisten. 89 Arbeitslose stehen 100 freien Stellen gegenüber. Im Schnitt bleibt eine Stelle 139 Tage unbesetzt. Die Arbeitslosenquote liegt bei 1,6 Prozent.
Foto: FotoliaPlatz 7: Energietechnik
Ein ähnliches Bild ergibt sich in der Energietechnik-Branche: 87 Jobanwärter kommen auf 100 ausgeschriebene Stellen. Fachkräfte werden händeringend gesucht. Die Vakanzzeit für eine Stelle in dieser Branche beträgt stolze 141 Tage.
Foto: dpaPlatz 7: Klempnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik
Bei den technischen Berufen nehmen laut Ranking Fachkräfte und Spezialisten in der Klempnerei, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik eine Pole-Position ein. 80 Arbeitslose stehen 100 gemeldeten Stellen gegenüber. Die Vakanzzeit beträgt 90 Tage. In dieser Berufsgruppe liegt die Arbeitslosenquote bei 1,9 Prozent.
Foto: dpaPlatz 5: Fahrlehrer
Auf eine Stelle als Fahrlehrer bewerben sich längst nicht genügend qualifizierte Spezialisten - gerade einmal 73 Arbeitslose kommen auf 100 freie Stellen. Diese bleiben daher im Schnitt 160 Tage unbesetzt. Die Arbeitslosenquote liegt bei gerade einmal 0,5 Prozent.
Foto: dpaPlatz 4: Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte
Gleich fünf Berufsgruppen aus dem Bereich "Gesundheit und Pflege" sind in der Top-Zwölf vertreten. Die Anstellungsaussichten für Fachkräfte sind rosig, ähnlich wie bei den technischen Berufen. Examinierte Gesundheits- und Krankenpflegekräfte haben bei der Arbeitsstelle freie Wahl: Lediglich 64 Arbeitslose stehen 100 offenen Stellen gegenüber. Bis eine geeignete Fachkraft gefunden wird, vergehen durchschnittlich 132 Tage.
Foto: dpaPlatz 3: Physiotherapeuten
Physiotherapeuten werden noch dringender gesucht. Im Schnitt stehen 37 Arbeitslose 100 freien Stellen gegenüber. Die Vakanzzeit liegt bei 134 Tagen, die Arbeitslosenquote bei rund einem Prozent.
Foto: dpaPlatz 2: Examinierte Altenpflegekräfte
Die Einstellungschancen für Fachkräfte und Spezialisten sind im Bereich der Altenpflege mitunter am höchsten. Der dort herrschende, mitunter durch den demografischen Wandel bedingte Engpass an Fachkräften und Spezialisten, ist bereits seit einigen Jahren akut. Die Arbeitslosenquote liegt bei gerade einmal 0,8 Prozent. 36 Arbeitslose kommen auf 100 verfügbare Stellen. Das erklärt, wieso die Vakanzzeit bei stolzen 162 Tagen liegt.
Foto: dpaPlatz 1: Hörgeräteakustik
Mit rechnerisch 28 Arbeitslosen auf 100 gemeldete Stellen wird die Liste von Fachkräften und Spezialisten der Hörgeräteakustik angeführt. Dort bleiben offene Stellen mit einer Vakanzzeit von 198 Tagen am längsten unbesetzt. Allerdings gab es im Jahresdurchschnitt (November 2015 bis Oktober 2016) auch nur 447 sozialversicherungspflichtige Stellen.
Foto: dpa
Nach der Vorhersage der Baseler Forscher werden etwa viele Sicherungs- und Überwachungstätigkeiten wegfallen. Auch Lastwagenfahrer und Packer müssten damit rechnen, dass ihre Arbeit künftig von Robotern und Automaten erledigt werde. Gleiches gelte für Buchhalter, Kreditsachbearbeiter und Immobilienmakler - elektronische Systeme dürften solche Berufe langfristig ersetzen. Dagegen werde es schon 2020, stärker aber bis 2030 einen Mangel an Managern, Forschern, Ingenieuren, Ärzten, Pflegern und medizinischen Assistenten geben, in geringem Umfang auch an Kreativen und Journalisten.
Um die Fachkräftelücke zu verkleinern oder zu schließen, sprechen sich die Baseler Bevölkerungsforscher auch für eine „Bildungsoffensive“ aus: Vor allem die berufliche Ausbildung müsse gezielt gefördert werden, um mehr jungen Menschen zu einem Berufsabschluss zu verhelfen. Bei der akademischen Ausbildung habe sich dagegen viel getan. Für Menschen im Berufsleben sei eine „effektivere Weiterbildung“ erforderlich, die sie auf neue Jobs vorbereiten, die mit dem Einzug des Internets in den Fabrikhallen entstünden.
Zudem sollte Frauen und Männern nach einer Familienpause die Rückkehr in das Erwerbsleben erleichtert werden. Ältere sollten dazu motiviert werden, länger zu arbeiten. Mit beiden Maßnahmen könnte der drohende Arbeitskräftemangel langfristig um rund zwei Millionen Beschäftigte verringert werden. Schließlich sollten Teilzeitkräfte dafür gewonnen werden, ihre wöchentliche Arbeitszeit zu verlängern. In allen Szenarien ist bereits eine durchschnittliche jährliche Zuwanderung von 200 000 Migranten unterstellt. Angaben dazu, wie stark die zuletzt zugewanderten Asylbewerber gegen den Fachkräftemangel helfen können, ist in den Prognos-Szenarien nicht enthalten.
Die Bundesagentur für Arbeit hat sich noch nicht so dramatisch zum Fachkräftemangel geäußert. Ihre Denkfabrik, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), sieht derzeit noch keine eklatante Lücke, sondern spricht lediglich von Engpässen in einigen Branchen, etwa im Maschinen- und Autobau und der Informatik.