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WohlfahrtsverbändeCaritas und Diakonie bedienen sich beim Staat

Ob Kita-Ausbau, Ganztagsschule oder Altenpflege – in den Wachstumsfeldern des Sozialstaats spielen die kirchlichen Wohlfahrtsträger Caritas und Diakonie die entscheidenden Rollen. Unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit haben sie ein expansives Perpetuum mobile konstruiert: Sie erfinden sich selbst immer neue Aufgaben, der Staat gibt das Geld.Konrad Fischer 20.11.2012 - 00:00 Uhr

Caritas

Der Deutsche Caritasverband besteht aus 900 lokalen Organisationen, dazu gehören auch der Malteser-Hilfsdienst und Bahnhofsmissionen.
Altenpflege und Krankenhäuser betreibt die Caritas an 5000 Standorten. Die Marktanteile sinken tendenziell.

Werkstätten für Behinderte gehören ebenso zu den klassischen Einrichtungen.

Flüchtlingshilfe ist ein relativ neuer Bereich, wegen des geringen kirchlichen Bezugs intern umstritten.

Foto: CLARK/obs

Diakonie

Die evangelische Diakonie ist etwas kleiner als das katholische Pendant und besteht aus insgesamt 21 Mitgliedern, die meisten davon sind Landeskirchen.

Sozialkaufhäuser und Tafeln sind umstritten. Die Diakonie betreibt sie, die Caritas nicht.

Obdachlose zu versorgen ist eine der wenigen Aufgaben, die teilweise aus Eigenmitteln bestritten werden.

Kitas und andere Bildungsleistungen sind das große Wachstumsfeld der Wohlfahrt.

Foto: dpa

Deutsches Rotes Kreuz
Der größte nicht konfessionelle Anbieter ist – anders als die anderen Anbieter – nicht nur in sozialen Diensten, sondern auch im Katastrophenschutz und in der internationalen Hilfe tätig.

Foto: dpa

Arbeiterwohlfahrt

Nach dem ersten Weltkrieg von SPD-Abgeordneten als Selbsthilfeorganisation der Arbeiterschaft gegründet, ist die AWO heute unabhängig und beschäftigt bundesweit mehr als 100 000 Menschen.

Foto: dpa

Der Paritätische

Der ideologisch ungebundene Verband der privaten gemeinnützigen Träger bündelt die Arbeit von 10 000 Vereinen, die sich der Sozialarbeit verschrieben haben.

Foto: REUTERS

Jüdische Wohlfahrt

Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ist mit Abstand der kleinste der sechs Verbände.

Foto: dpa

Wenn Hans-Georg Liegener neue Märkte erschließt, dann macht er dazu ein verdrießliches Gesicht. Das bereitet vielleicht weniger Freude, als Rohbauten zu taufen oder mit noblen Füllfederhaltern Verträge zu unterzeichnen. Aber so sind nun mal die Regeln des Geschäfts. Wer hier erfolgreich sein will, braucht den Trauerblick.

"Dass viele Menschen heute ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen können, macht uns traurig und betroffen", sagt Liegener. Er leitet die Caritas Krefeld, das Sozialunternehmen der katholischen Kirche am Niederrhein. Neben ihm sitzen ein Umweltminister, ein Herr von der Verbraucherzentrale und einer vom Energieversorger. Durch die Energiewende steigen die Preise für Strom, und jeden der vier betrifft das Folgeproblem der steigenden Zahl von säumigen Stromzahlern irgendwie. Den Mann von den Stadtwerken kosten sie Umsätze, der Verbraucherzentrale bescheren sie übervolle Sprechstunden und dem Umweltminister politischen Ärger. Und Herrn Liegener von der Caritas?

Sauber argumentiert

Für den bedeuten sie eine Marktlücke. Denn aus den Problemen der drei anderen Herren ergibt sich, dass sie Geld ausgeben wollen. In diesem Fall sind es 1,5 Millionen Euro in drei Jahren – für Energieberatung.

Was das mit kirchlicher Arbeit zu tun hat? Schwierig, Liegener fabuliert: "Nothilfe ist eines der obersten christlichen Prinzipien." Dogmatisch ist das sauber argumentiert, plausibel ist etwas anderes: Die Energieberatung ermöglicht es der Caritas, neue Stellen zu schaffen. Zunächst sind es sechs ehemalige Langzeitarbeitslose, die anderen Sorgenkindern der Gesellschaft erklären, wie sie wenigstens diese Sorge loswerden.

Es ist nur eine kleine Episode, doch so alltäglich sie ist, verrät sie viel über die Untiefen des deutschen Sozialsystems. "Die Wohlfahrtsverbände sind erfolgreich darin, Krisenphänomene erst zu erfinden, um dann die Leistungen zu ihrer Lösung anzubieten", fasst der Münchner Theologe Friedrich Wilhelm Graf zusammen. Der umtriebige Professor hat mit seinem kritischen Buch "Kirchendämmerung" nicht nur viele Kleriker gegen sich aufgebracht, er hat auch lange Zeit selbst Wohlfahrtsorganisationen beraten.

Mehrung des eigenen Einflusses im Vordergrund

Mehr als eine halbe Million Mitarbeiter hat die Caritas in Deutschland, beim evangelischen Pendant, der Diakonie, sind es etwas weniger. Die beiden Sozialkonzerne sind die größten privaten Arbeitgeber in Deutschland, wer vom Sozialstaat spricht, der meint eigentlich die Wohlfahrtsorganisationen. Nicht von langer Hand geplant, sondern aus reiner Gewohnheit hat sich in Deutschland der Modus eingespielt: Wo Wohltaten zu verteilen sind, werden die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen mit ins Boot geholt. Ob das aber auch zum Wohle einer Gesellschaft ist, in der die Kirche eine immer geringere Rolle spielt, wurde lange nicht hinterfragt.

Zwar sind die Verbände steuerlich dem Gemeinwohl verpflichtet, doch in der Praxis kümmern sie sich zuvorderst um die Mehrung des eigenen Einflusses. Dabei helfen Privilegien, die einst für die innere Organisation der Kirche erdacht waren. Sie müssen keinerlei Unternehmensdaten veröffentlichen, ihre Aufträge erhalten sie in vielen Feldern ohne öffentliche Ausschreibung, und ihren Mitarbeitern ist es untersagt, sich gewerkschaftlich zu organisieren. Am Dienstag fällt das Bundesarbeitsgericht ein Urteil, das zumindest das Streikverbot kippen könnte. In den kirchlichen Organisationen ist man vor diesem Tag nervös, doch nicht allein wegen des Urteils selbst. Denn es könnte eine ganz andere Diskussion auslösen: Wie gut tun die kirchlichen Wohlfahrtsverbände Gesellschaft und Staatshaushalt überhaupt?

Wohlfahrtsunternehmen wie die Diakonie oder Caritas sind hauptsächlich straff organisierte Konzerne

Foto: AP

Steiler Anstieg. Die Zahl der Beschäftigten bei Caritas und Diakonie

Foto: WirtschaftsWoche

Im Büro von Adolf-Leopold Krebs wird klar, dass die Wohlfahrtsverbände vor allem eines sind: straff geführte Konzerne. "Wir haben einen viel direkteren Draht zu den Sorgen der Menschen, als es die Politik je haben kann", sagt Krebs. Er ist Vorstandsvorsitzender der Diakonie Düsseldorf, einer der großen Gliederungen der evangelischen Organisation in Deutschland, und sieht sich als Erfüllungsgehilfen von allem Guten, was in der Stadt so passiert. Und das ist viel.

Allein das Jugendamt der Stadt gibt jedes Jahr fast 400 Millionen Euro aus, ein bedeutender Teil davon landet bei Krebs. Über einen ganzen Straßenzug erstreckt sich die Niederlassung des Diakonischen Werks rund um den Platz der Diakonie in der Nähe des Düsseldorfer Hauptbahnhofes. Hinter den Mauern der kantigen Klinkerbauten verbergen sich Schuldnerberatung, Altenheim, Wohnungen, Kindergarten, Drogenberatung und Verwaltung.

Krebs ist stolz darauf, dass der Verein Diakonie funktioniert wie ein Unternehmen. Die Geschäftsführung wird von einem Aufsichtsrat überwacht, der sich aus den verrenteten Größen der lokalen Politik und Wirtschaft zusammensetzt. Jedes Vierteljahr erhält der Aufsichtsrat einen Quartalsbericht. Die Jahresabschlüsse werden zwar nicht veröffentlicht, aber vom Wirtschaftsprüfer testiert.

Von Raucherentwöhnung bis Catering

Leute wie Krebs sind die Provinzfürsten der Wohlfahrtsverbände, an die sich halten muss, wer etwas über die Organisationen erfahren will. Denn die Spitzen von Caritas und Diakonie sind lediglich Bundesverbände, unter deren Dach sich ganz unterschiedlich aufgestellte lokale Organisationen versammeln. Aktiv sind die Wohlfahrtsunternehmen, deren gemeinsamer Umsatz sich auf grob geschätzte 40 Milliarden Euro beläuft, vor allem in der Altenpflege, in der Kinder- und Jugendhilfe, der Betreuung von Behinderten, im Bildungsbereich und bei Maßnahmen für Arbeitslosen.

Folgen des Erdbebens von 2010

Am 12. Januar 2010 bebt auf Haiti die Erde. Das Beben erreicht eine Stärke von 76,3 auf der Richter-Skala. 250.000 Menschen sterben, 300.000 sind schwerverletzt, mehr als 1,5 Millionen Menschen werden obdachlos. Das Beben zerstört fast alles - von den Hütten in den Armensiedlungen bis zum Präsidentenpalast. Im Rahmen des internationalen Caritas-Netzwerks wurden Lebensmittel für 1,5 Millionen und Zelte für 100.000 Menschen bereitgestellt; 350.000 Personen wurden in den Gesundheitszentren behandelt. 19,1 Millionen Euro Spenden gingen beim Hilfswerk der deutschen Caritas für die Haiti-Hilfe ein.

Doch die Folgen dieser Katastrophe sind auch noch ein Jahr später bei weitem nicht behoben...

Foto: dpa

Cholera-Epidemie auf Haiti

Im Chaos des Erdbebengebiets sind die hygienischen Zustände verheerend. Eine Cholera-Epidemie breitet sich mit rasender Geschwindigkeit aus. Ärzte ohne Grenzen, UNICEF und viele andere Hilfsorganisationen sind vor Ort. Allein die Medecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen) behandeln mehr als 110.000 Menschen gegen die Durchfallerkrankung. Erst im Februar 2011 geht die Zahl der Neuerkrankungen langsam zurück.

Die Hilfsorganisation der Ärzte setzt in Haiti 104 Millionen Euro Spendengelder ein, das Budget für 2011 liegt bei rund 46 Millionen Euro.

Foto: Reuters

Tsunami und Atomkatastrophe in Japan

Am 11. März 2011 ereignet sich vor der Küste Japans ein Seebeben mit der Stärke 9,0. Es löst eine Tsunamiwelle aus, die die Ostküste auf einer Länge von 700 Kilometern verwüstet. Bis zu 40 Meter hoch sind die Wellen, die bis weit ins Landesinnere für Chaos sorgen. Die schlimmste Folge: In den Atomkraftwerken von Fukushima fällt das Kühlsystem für die Brennelemente aus. In zwei Reaktoren kommt es zu einer Kernschmelze. Bis heute ist unklar, wie groß das verstrahlte Gebiet tatsächlich ist.

Die internationale Hilfe rollt unmittelbar an: Die Caritas verteilt allein zwischen dem 13. März und 25. April Hilfsgüter an 45.000 Katastrophen-Opfer. In Laufe des Jahres 2011 unterstützt die kirchliche Organisation Kleinunternehmer, die ihre Geschäfte an der Küste verloren haben und damit ihrer Existenzgrundlage beraubt wurden.

Auch die UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen ist vor Ort. Eine Ausnahme, denn ....

Foto: dpa

… normalerweise ist UNICEF nur in den ärmsten Ländern der Welt vor Ort. Die Nothilfe in Japan ist ein Sonderfall. Spezialisten von UNICEF International haben nach der Katastrophe in Absprache mit der japanischen Regierung ein Hilfsprogramm in den betroffenen Gebieten aufgesetzt. UNICEF hat keinen breiten Spendenaufruf gestartet, aber Solidaritätsspenden entgegen genommen. Insgesamt waren dies 2,5 Millionen Euro.

Foto: dpa

Bürgerkrieg in Libyen

Tausende Männer, Frauen und Kindern flohen vor der Gewalt in den libyschen Städten. Das Internationale Rote Kreuz und der Rote Halbmond Tunesien betreute die Flüchtlinge, die körperlich erschöpft und traumatisiert in den Lagern ankamen. Die Hilfsorganisation stellte nicht nur, Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und Unterkünfte bereit, sondern organisierte auch Weitertransporte der Flüchtlinge zu Bekannten oder Verwandten in Tunesien.

Auch Teams von Ärzte ohne Grenzen leisteten medizinische und psychologische Unterstützung für Vertriebene und Gefangene in den Städten Tripolis und Misrata.

Foto: Reuters

Flut und Monsun in Pakistan

Im Sommer 2010 führen außergewöhnlich starke Monsunregen im nordwestlichen Pakistan zur fatalen Überschwemmungen. Mehr als 2.000 Menschen kommen ums Leben. Fast 180.000 Häuser werden zerstört.

17,2 Millionen Euro an Spenden gingen im Jahr 2010 bei der Caritas für die Hilfe in Pakistan ein. 1,07 Millionen Euro flossen in Nothilfeprojekte. Für 2,5 Millionen wurden Zelte und provisorische Unterkünfte errichtet. An dieser Hilfe beteiligten sich das Auswärtige Amt und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Im Jahr 2011 sind etwa fünf Millionen Euro für langfristige Projekte zum Wiederaufbau geplant.

Und die Hilfe ist dringend notwendig. Im Sommer 2011 bringt der Monsun erneut überdurchschnittlich viel Regen. Die Provinz Sindh im Süden des Landes ist diesmal am schwersten Betroffen. Behörden sprechen von fast 9 Millionen Betroffenen, 450 Toten und 640.000 Tausend Obdachlosen und einer halben Million zerstörter Häuser. Das Deutsche Rote Kreuz ist seit 2010 in Pakistan aktiv, ebenso die Ärzte ohne Grenzen, die UNICEF und viele weitere kleinere Organisationen.

Foto: dpa

Hungersnot am Horn von Afrika

Die Hungerkrise am Horn von Afrika bedrohte mehr als 11,5 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Kenia, Dschibuti und Eritrea. Die UNICEF bezifferte die Zahl der unterernährten Kinder in der Region auf mehr als zwei Millionen. Die Anbausaison 2010/2011 war eine der trockensten seit 1950. Zu geringe Regenfälle während der Hauptregenzeit von März bis Juli hatten die Hungersnot ausgelöst.

Das Schicksal der hungernden Massen bewegte auch viele Deutsche zu einer Spende. Allein für die UNICEF-Hilfe in Ostafrika haben die Bundesbürger bis Ende November über 16 Millionen Euro gespendet.

Foto: dapd

Erdbeben in der Türkei

Im Oktober und November 2011 erschüttern gleich mehrere Beben die Provinz Van im Südosten der Türkei. Am 23. Oktober werden mehr als 4.000 Menschen verletzt, mehr als 600 getötet. Das Beben erreicht eine Stärke von 7,2. Das zweite Beben am 9. November erreicht 5,7 Punkte auf der Richter-Skala.

Der Türkische Rote Halbmond, die Schwesterorganisation des Deutschen Roten Kreuzes, ist unmittelbar nach der Katastrophe vor Ort. Die Helfer bringen 6.000 Zelte, 16.000 Decken, Brot, Wasser und andere Lebensmittel ins Erdbebengebiet. Auch die Ärzte ohne Grenzen verteilen weitere 2.000 winterfeste Zelte und Kochsets an die Mensch aus Van und Ercis, den vom Beben am stärksten betroffenen Städten.

Foto: AP

Der Kampf gegen AIDS

Der Kampf gegen HIV ist kein Noteinsatz im eigentlichen Sinne, sondern ein dauerhaftes Engagement vieler Hilfsorganisationen. Ärzte ohne Grenzen warnte anlässlich des Welt-AIDS-Tags am 1. Dezember 2011 davor, dass die Finanznot beim Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria schwerwiegende Auswirkungen auf Millionen HIV-Patienten haben werde. Im Zuge der Finanzkrise hätten mehrere Geberländer ihre Zusagen nicht eingehalten, nun sei das Geld für neue HIV- und AIDS-Programme knapp. Einige Länder hätten sogar Probleme bestehen Programme fortzusetzen.

Ärzte ohne Grenzen behandelt derzeit 170.000 HIV-Patienten in 19 Ländern mit HIV-Präparaten.

Foto: dapd

Die konkreten Dienstleistungen reichen von Schulsozialarbeit über Raucherentwöhnung bis Catering. Die örtlichen Werke sind dabei höchst unterschiedlich organisiert. Die meisten als Vereine, immer mehr als gemeinnützige GmbHs. Daneben gibt es große Stiftungen, die sich historisch aus mildtätigen Klöstern oder Initiativen einzelner Geistlicher herleiten, wie die Münchner Augustinum-Gruppe, die bundesweit 22 Seniorenresidenzen betreibt und 300 Millionen Euro Umsatz erzielt.

Ein bunter Strauß an Leistungen

Aus Sicht des Staates hat die Zusammenarbeit mit der Wohlfahrt ihre Vorteile. Statt teure und unflexible Beamte auf dem eigenen Lohnzettel zu haben, kümmern sich die Kirchen zu vermeintlich günstigeren Konditionen. Außerdem können die Organisationen auf Spenden zählen und auf ehrenamtliche Mitarbeit. So kann sich die Politik mit einem bunten Strauß an Leistungen brüsten – und ein bisschen nach Wettbewerb sieht es auch noch aus.

Hans Günther Mischke huscht ein bitteres Schmunzeln übers Gesicht, als er die Worte "Wohlfahrt" und "Wettbewerb" in einem Satz hört. Mischke, 58 Jahre alt, lernte sein Handwerk als Sozialpädagoge einst bei der Diakonie. Mehr als 30 Jahre ist das inzwischen her, seit 1979 betreibt er seinen eigenen Betreuungsdienst für Jugendliche im Städtchen Plettenberg am westlichen Rand des Sauerlandes, dort wo all der Regen fällt und sich in Stauseen sammelt, der das Ruhrgebiet mit Frischwasser versorgt.

Angestellten der Wohlfahrer droht oft die Kündigung, sobald sie nicht der Wunschvorstellung ihrer Unternehmen entsprechen

Foto: dpa

8. Platz

Natur- und Umweltschutz liegen den Deutschen nicht so stark am Herzen wie andere Projekte. Von einem Gesamtspendenvolumen von 2.282 Millionen Euro im Jahr 2010 gingen nur 3,9% an Umweltorganisationen, wie beispielsweise Greenpeace.

Foto: dapd

7. Platz

Das architektonische Erbe in Städten und Gemeinden ist den Deutschen zwar wichtig, aber nicht übermäßig. Für den Bereich der Kultur- und Denkmalpflege wurden 4,3% aller Spendenbeiträge aufgewendet.

Foto: AP

6. Platz

Hund, Katze, Kaninchen - ja, die Deutschen sind ein Volk von Tier-Liebhabern. Immerhin 4,5% des Spendenaufkommens fielen dem Bereich Tierschutz zu.

Foto: dpa

5. Platz

Den bei weitem größten Anteil an Spendenbeiträgen macht mit insgesamt 79,2% die Humanitäre Hilfe aus. Davon machen 6,25 % den Bereich der langfristige Entwicklungsprojekte aus.

Foto: Reuters

4. Platz

Ganze 7,5% des Spendenaufkommens kamen dem Bereich Krankheit und Behinderung zugute. Hierzu gehört auch die Deutsche Aids-Hilfe, die ihre Spenden noch auf herkömmliche Art und Weise, per Spendendose, sammelt.

Foto: dpa

3. Platz

Das Herz der Deutschen ist groß und es schlägt ganz besonders für die Kinder dieser Welt. Ein weitaus größerer Teil von 20,3% des Gesamtspendenaufkommens fällt dem Bereich Kinder zu.

Foto: Reuters

2. Platz

Hilfsorganisationen, die bei akuten Notständen Katastrophenhilfe leisten, erhielten 21,1% des Spendenaufkommens.

Foto: dpa

1. Platz

Den mit 21,7% größten Anteil an Spendengeldern erhielten kirchliche und religiöse Organisationen, wie die Diakonie. Die restlichen 10,45% gingen an Organisationen, die nicht einen thematischen Feld zuzuordnen sind.

Foto: dpa

Auch die Lösungen für ihre sozialen Problemfälle suchen die Ruhrkommunen gerne in der ländlichen Idylle. "Ich habe mit der Vorstellung angefangen, ich könnte einfach meine Dienstleistung anbieten, und dann würde ich schon Kunden finden", sagt Mischke, der die Betreuung von Pflegekindern in Familien organisiert. Doch schnell zeigte sich: Er hatte den Businessplan ohne die Oligopolisten gemacht.

Von den wichtigen Tätigkeitsbereichen der Wohlfahrtsverbände ist die Jugendhilfe bis heute das Feld, in dem die bedenkliche Nähe zwischen Staat und Sozialkonzernen besonders offensichtlich ist. Formal gilt hier das Dreiecksverhältnis zwischen Jugendamt, Eltern und Einrichtung. Das Geld für Leistungen wie Erziehungshilfen oder Heimplätze kommt vom Amt, die Eltern wählen den Anbieter, dieser erhält den Auftrag. So weit die Theorie.

In der Praxis aber sitzen die Wohlfahrtsverbände an allen entscheidenden Schalthebeln, um die Mittelvergabe in ihrem Sinne zu regeln. Das beginnt mit einer Sonderregelung für die kommunalen Jugendhilfeausschüsse. Ein Drittel der Ausschusssitze ist den Vertretern der Wohlfahrtsverbände vorenthalten. Neben den kirchlichen Organisationen zählen dazu das Deutsche Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der paritätische Wohlfahrtsverband und ein jüdischer Verband.

Sozialkonzerne haben Vorgriffsrecht auf Leistungen

Welcher Anbieter überhaupt zum Zug kommen, entscheidet das Jugendamt. Auch hier befinden sich die Verbände in einer privilegierten Position. Im nach der gesetzlichen Grundlage "78er-Ausschuss" genannten Gremium stimmen sie ihre Preisvorstellungen ab, die dann dem Jugendamt mitgeteilt werden. Fast immer folgt das ihren Ideen. "Es kann nicht sein, dass die Wohlfahrt auf beiden Seiten der Entscheidung steht", sagt Daniel Zimmer, Vorsitzender der Monopolkommission. "Es ist zu vermuten, dass die Ergebnisse eher im Sinne der Wohlfahrt als des Steuerzahlers ausfallen." In ihrem nächsten Gutachten werde die Kommission sich damit auseinandersetzen, kündigt Zimmer an.

In vielen Städten haben die Sozialkonzerne sogar ein Vorgriffsrecht bei neuen Leistungen. Nur wenn die Verbände sich nicht in der Lage sehen, Leistungen zu erbringen, kommen andere zum Zuge. In manchen Städten bestehen sogar feste Verträge, die eine Vergabe an die bestimmten Wohlfahrtsverbände vorschreiben. Es ist das vermutlich am besten eingespielte Kartell Deutschlands – auf alle Fälle aber das einzige, das gesetzlichen Schutz genießt.

Für kleine gewerbliche Anbieter wie Mischke heißt das: Entweder man lässt sich mit den Wohlfahrern ein, oder man geht auf Konfrontation – doch das geht meist nicht lange gut. Mischke entschied sich zunächst dennoch für Letzteres. "Ich selbst bin ja aus der Diakonie ausgestiegen, weil ich dort mit den Leistungen nicht zufrieden war." Zu viel Bürokratie, wenig individuelle Entscheidungsbefugnisse der Mitarbeiter, das waren seine Gründe.

Adolf-Leopold Krebs. Mit seinem geistlichen Kompagnon managt er die Düsseldorfer Diakonie, die von Raucherentwöhnung bis Kinderbetreuung immer neue Geschäftsfelder erschließt

Foto: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche

Breites Angebot. Die Aufteilung der Caritas-Mitarbeiter nach Geschäftsbereichen

Foto: WirtschaftsWoche

Seine ersten Kunden waren Jugendämter, denen es ähnlich ging. Doch bald lernte er seine Grenzen kennen: Er konnte so lange existieren, wie man ihn gewähren ließ. Bei der Verteilung neuer Mittel oder der Festsetzung von Preisen spielte er keine Rolle. Als marktwirtschaftliches Feigenblatt war er erwünscht, als Wettbewerber würde man ihn nie akzeptieren. Gemeinsam mit ein paar anderen Unternehmern hat er einen Verband gegründet, um zumindest gehört zu werden.

Nach langem juristischem Kampf hat er zumindest eine formale Gleichstellung mit den Liga-Mitgliedern auf Landesebene erreicht. Gegen die informellen Einflusskanäle ist er dennoch chancenlos: Beim Kita-Ausbau gewährt das Land NRW zwar auch gewerblichen Trägern generös das Recht, Einrichtungen zu betreiben. Das Recht auf Landeszuschüsse jedoch wurde auf die Wohlfahrt begrenzt, gewerbliche Träger gehen leer aus.

Seit drei Jahren prozessiert Mischkes Verband gegen diese Regel, die erste Instanz hat Zustimmung signalisiert. Doch bis es zu einer Entscheidung kommt, wird der Großteil der Zuschüsse längst vergeben sein. Und die Wohlfahrer werden um einen beherrschten Markt reicher sein. "Gegen den politischen Einfluss von Caritas und Diakonie haben sie als freier Unternehmer keine Chance", sagt Theologe Graf. Einmal hat er sich die Mühe gemacht, alle Gremien, Arbeitskreise und Verbände zu zählen, in denen die Organisation aktiv war: Er landete bei 140.

Nur ein kleiner Teil der Mittel kommt von der Kirche

Dass die Wohlfahrtsverbände in Deutschland mit einer so immensen Macht ausgestattet sind, lässt sich vor allem mit dem wachsenden Sozialstaat ab den Sechzigerjahren erklären. Dabei setzten sie zwei Grundsätze im Sozialrecht durch: Das Subsidiaritäts- und das Selbstkostenprinzip sorgten dafür, dass die Wohlfahrt selbst über Aufgaben und Ausgaben entscheiden konnte. Es folgte ein hemmungsloses Wachstum, gekrönt durch die Expansion nach Ostdeutschland. Zwar schaffte die Politik zumindest das Prinzip der Kostendeckung Mitte der Neunzigerjahre wieder ab, doch da waren die Machtverhältnisse längst zementiert.

Wie wenig die Verbände heute noch mit dem kirchlichen Kerngeschäft zu tun haben, zeigt sich an ihrer Finanzierung: Geschätzte fünf Prozent der Mittel von Caritas und Diakonie stammen aus Kirchensteuern, der Rest sind staatliche Zuwendungen und ein kleiner Teil Spenden. Beispielhaft nachvollziehen lassen sich die Dimensionen an Erzbistum und Caritas München, einem der wenigen Häuser, das Zahlen nennt: Von den 463 Millionen Euro Kirchensteuern, die das Bistum 2012 erhält, gehen gut 20 Millionen an die Caritas – das entspricht gerade einmal sechs Prozent des Gesamtbudgets von 337 Millionen Euro. Angesichts solcher Zahlen lässt sich fragen, mit welchem Recht Regeln der inneren Organisation kirchlicher Gruppierungen auf die Sozialkonzerne übertragen werden – und ob dies nicht dazu führt, den Sozialverbänden Vorteile im Wettbewerb mit der privaten Konkurrenz zu verschaffen?

Gefeuert wird, wer nicht er Moral entspricht

Bis heute regeln Diakonie und Caritas ihre inneren Angelegenheiten nach Kirchenrecht – ein Privileg, das Verdi-Chef Frank Bsirske treffend als "vordemokratisch" bezeichnet. Denn das kirchliche Arbeitsrecht ist beseelt von der Idee eines fürsorglichen Herrn, der seine Schafe besser behüten kann als sie selbst. Es sieht keine Arbeitnehmervertretung vor, nur eine "Mitwirkung" in der arbeitsrechtlichen Kommission. Ähnlich beim Kündigungsrecht: Da christliche Vereine als Tendenzbetriebe besonderer Art gelten, bei denen vom Büroputz bis zum Deutschunterricht für muslimische Einwanderer jede Tätigkeit Teil des "Verkündigungsauftrags" ist, dürfen sie fristlos feuern, wer ihren Moralvorstellungen zuwiderhandelt.

Im Sommer traf es die Erzieherin Bernadette Knecht aus Königswinter bei Bonn. Jahrelang hatte sie einen Kindergarten der Caritas geleitet, die Eltern waren zufrieden. Dann trennte sie sich von ihrem Ehemann und zog bei ihrem neuen Lebensgefährten ein. Knecht wurde gefeuert. Ähnlich rabiat handeln die Wohlfahrer bei Scheidung, Kirchenaustritt oder unehelichen Kindern.

Je nachdem, wie ausgeprägt das Verständnis des einzelnen Kirchenfürsten für seine Mitarbeiter ist, so gut oder schlecht werden sie behandelt. Im Zweifel geht bei den meisten Sozialunternehmen dabei Profitabilität vor Nächstenliebe. Zwar rühmt sich die Diakonie mit überdurchschnittlichen Löhnen, doch die Ausreißer nach unten sind zahlreich. Rund 35.000 Mitarbeiter hätten die kirchlichen Wohlfahrtsverbände in günstige Subunternehmen ausgegliedert, schätzt der Diakoniewissenschaftler Johannes Eurich von der Universität Heidelberg. Das lohnt sich offenbar: Während die Gesamtwirtschaft schon vor der nächsten Rezession zittert, herrscht bei der Wohlfahrt ein stabiler Aufwärtstrend, der hauseigene "Geschäftsklimaindex" der Caritas hat gerade den zweithöchsten Stand aller Zeiten erreicht.

Widerspruch zwischen Klerikern und Wohlfahrern

Nicht nur vonseiten der Gewerkschaften, auch aus der Kirche selbst gibt es jedoch zunehmend Kritik. "Die Kirchen versuchen alles, um Diakonie und Caritas wieder zu klerikalisieren", sagt Theologe Graf. Die Kirchenväter sehen vor allem die offensichtlichen Widersprüche zwischen den Worten der Kleriker und den Taten der Wohlfahrer mit Sorge.

Deutlich zeigt sich das beim Ausbau der Kinderbetreuung. Nirgends gibt es zurzeit so viel Geld zu verteilen, zudem verfügen die Kirchen über Grundstücke in zentralen Lagen, die sich hervorragend für Kitas eignen. In kurzer Zeit sind Caritas und Diakonie zum größten Anbieter geworden. Nur inhaltlich passt das nicht in ihr Weltbild. So konnte man dieser Tage beobachten, wie Vertreter von Caritas und Diakonie das neue Betreuungsgeld heftig kritisierten – und dann von Klerikern zurückgepfiffen wurden: "Ich finde es beschämend, dass ausgerechnet ein Verband der römisch-katholischen Kirche sich gegen eine Anerkennung elterlicher Erziehungsleistungen ausspricht", schrieb der Eichstätter Bischof Gregor Maria Hanke den eigenen Leuten.

Politik und Wohlfahrt gegen das Sparen

Dahinter steckt ein grundsätzliches Dilemma. Um ihren gesellschaftlichen Einfluss zu erhalten, müssen sich die kirchlichen Wohlfahrtsorganisationen zu verlängerten Staatsorganen machen. Dennoch wollen sie nicht auf ihre Privilegien verzichten. Doch von der politischen Seite müssen die Wohlfahrer trotz dieser Doppelzüngigkeit nichts fürchten. Gerade machen Verbände und Politiker aller Fraktionen Front gegen eine EU-Initiative, die das Vergaberecht auf soziale Dienstleistungen ausweiten will – obwohl der Staat dadurch wohl eine Menge Geld sparen könnte.

Die Allianz müsste verwundern, gäbe es da nicht so viele Menschen wie Jens Petring. Der Grünen-Politiker dokumentiert seine Distanz zum Establishment durch abgelaufene Turnschuhe, eine Fruchtgummischale auf dem Konferenztisch und ist Mitglied im Jugendhilfeausschuss der Stadt Düsseldorf. Trotzdem trifft man ihn nicht im Rathaus, sondern bei der Wohlfahrt. Denn Petring ist im Hauptberuf Geschäftsführer des Kinder- und Jugendhilfeverbunds Rheinland, Mitglied im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Mit anderen Worten: Als Politiker entscheidet er über Mittel, von denen er dann als Geschäftsmann profitiert. In jeder anderen Branche würde das auf öffentliche Kritik stoßen.

"Die Jugendhilfe funktioniert nicht wie andere Politikbereiche, hier steht die Kooperation traditionell im Mittelpunkt", sagt Petring. Zumindest damit ist er zweifellos im Recht. Mit keiner Lobby ist die Politik so eng verbandelt wie mit den Wohlfahrtsunternehmen. Rund ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten hat zugleich eine Leitungsfunktion bei Diakonie oder Caritas inne, auf kommunaler Ebene sind die Verbindungen noch frappierender, mancherorts betreiben Staat und Wohlfahrt sogar gemeinsame Tochtergesellschaften.

Unter so engen Verbündeten verzeiht man dann schon mal, wenn die Wohlfahrer gar nicht so gemeinnützig wirtschaften, wie es ihre Steuerklasse vermuten lässt. "Gemeinnützig ist an den meisten Wohlfahrtsunternehmen nur ihr steuerlicher Status", sagt Wohlfahrtsskeptiker Graf.

Umsatz gegen Wandel absichern

Dieser Status schreibt ihnen vor, dass am Ende jedes Jahresabschlusses eine schwarze Null stehen muss. "Daraus zu schließen, dass sie keine Überschüsse machten, ist allerdings Quatsch", sagt Graf. Stattdessen heißt es: Sie müssen ihre Gewinne reinvestieren – ob in Armenküchen oder neue Geschäftsräume, bleibt ihnen allerdings selbst überlassen. Gerade hat das Diakonische Werk eine neue Hauptverwaltung für den Bundesverband in Berlin eröffnet, Kostenpunkt: 65 Millionen Euro. Auf kommunaler Ebene wird von Dienstwagen-Fuhrparks berichtet, die viele Politiker klein aussehen lassen.

Auch Adolf-Leopold Krebs, der ansonsten gesprächige Geschäftsführer der Düsseldorfer Diakonie, wird bei diesem Thema wortkarg. Zu Umsatzzahlen oder Rücklagen könne er nichts sagen, "die habe ich nicht im Kopf", heißt es noch im Gespräch, man werde sie aber nachreichen. Es folgt wochenlanges Schweigen, dann die Auskunft, die Diakonie habe sich "dagegen entschieden", Zahlen zu nennen, aber zur inhaltlichen Arbeit könne man gern noch mehr erzählen. Es ist die verbreitete Taktik, mit der die staatlich finanzierten Wohltäter versuchen, ihre Pfründe gegen den gesellschaftlichen Wandel abzusichern: stillhalten und frohe Botschaften verkünden. Bisher hat das noch immer funktioniert.

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