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Lotto, das MilliardengeschäftWie Bund und Länder beim Glücksspiel kassieren

Ein EU-Verfahren bringt das staatliche Glücksspielmonopol ins Wanken und mit ihm eine chronisch filzgefährdete Allianz von Politikern und Lottofunktionären. Das Endspiel um das staatseigene Milliardengeschäft beginnt.Henryk Hielscher, Andreas Macho 24.05.2016 - 16:50 Uhr

Lotto: Der Traum vom Glück ist ein Milliardengeschäft von dem Bund und Länder profitieren.

Foto: Illustration: Dmitri Broido

Am Kölner Friesenplatz verbirgt sich das Glück hinter einer staubigen Schaufensterfront mit sechs aufgeklebten roten Kreuzen. Eine künstliche Orchidee und vergilbte Grußkarten zieren die Auslage. Daneben kündet ein gelbes Plakat vom Ende aller finanziellen Sorgen: 33 Millionen Euro.

Die stolze Summe war am Samstag vor Pfingsten im Lotto-Jackpot und sorgte deutschlandweit für Hochbetrieb in Kiosken und Lottobuden. Millionen Glücksritter drängten zu den Scheinen, um der statistischen Wahrscheinlichkeit von 1:139.838.160 zu trotzen. Am Friesenplatz klaubte noch kurz vor Annahmeschluss ein Rentner Kleingeld aus dem Portemonnaie und schob seinen Tippschein mit den Worten „diesmal lohnt es sich ja richtig“ über die Theke.

Eine Aussage, der sich die Chefs der 16 staatlichen Lotteriegesellschaften anschließen dürften. Wenn ein üppig gefüllter Jackpot lockt, steigen ihre Umsätze.

Lotto am Mittwoch: Wie häufig die Deutschen auf das Glücksspiel setzen
In einer stichprobenartigen Umfrage wurden 2015 insgesamt 23.090 Personen ab 14 Jahren gefragt, wie oft sie Lotto am Mittwoch spielen. Die Ergebnisse im Überblick.Quelle: IFAK; Ipsos; GfK Media and Communication;
0,83 Millionen Personen machten keine Angabe zu ihrem Spielverhalten.
1,18 Millionen Deutsche setzen lediglich einmal in einem halben Jahr auf das Glücksspiel.
1,8 Millionen Menschen versuchen immerhin einmal alle drei Monate ihr Glück bei der Lotto-Ziehung am Mittwoch.
Etwas häufiger - nämlich einmal im Monat - spielen 2,01 Millionen Deutsche Lotto am Mittwoch.
Auch wenn nicht jede Woche: 2,22 Millionen Personen spielten im vergangenen Jahr mindestens zwei Mal pro Monat Lotto am Mittwoch.
Deutlich mehr Umfrageteilnehmer gaben an, nur "selten" Lotto am Mittwoch zu spielen. Laut Hochrechnung war das im Jahr 2015 bei 4,92 Millionen Deutschen der Fall.
Im vergangenen Jahr spielten hochgerechnet 6,44 Millionen Menschen wöchentlich Lotto am Mittwoch.
Die große Mehrheit der Deutschen (49,85 Millionen) hat 2015 ganz auf das Glücksspiel verzichtet und spielte - nach eigenen Angaben - nie.

Im Lotto-Normalgeschäft herrscht dagegen Spielverdruss. Kein Wunder: Den staatlichen Glückmachern droht Unbill aus Brüssel. In den kommenden Wochen will die EU-Kommission ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland einleiten und die Öffnung des bisher staatlich geschützten Marktes für Sportwetten und Onlinecasinos erzwingen.

In der Folge könnte auch das staatliche Lotteriemonopol ins Wanken geraten, das die 16 Gesellschaften bisher vor den Widrigkeiten des Wettbewerbs schützt. Denn Sportwetten und Casinospiele sind allen Statistiken zufolge deutlich suchtgefährdender als Lotto. Wenn sie liberalisiert werden, warum dann nicht auch das vergleichsweise harmlose Kreuzchenspiel? Das Endspiel um einen milliardenschweren Jackpot beginnt.

Kampflos, so viel ist sicher, werden sich die staatlichen Losverwalter nicht geschlagen geben. Zu viel steht auf dem Spiel. Schließlich könnten nur über das staatliche Monopol segensreiche Sozial-, Kultur- und Sportprojekte gefördert werden, argumentieren die Lottofunktionäre. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Nach Recherchen der WirtschaftsWoche und des ZDF-Magazins „Frontal21“ gerät mit dem staatlichen Glücksspielmonopol auch ein System in Bedrängnis, das zu Filz einlädt und sich durch eine dubiose Nähe zur Politik auszeichnet.

ZDF: Frontal 21

Wie die Politik vom Glücksspiel profitiert

Gemeinsam mit der WirtschaftsWoche beleuchtet Frontal21 den Kampf um das Milliardengeschäft mit den Lotto-Prämien. Der Film der ZDF-Journalisten wird am 24. Mai um 21 Uhr ausgestrahlt.

Die hessische Lottozentrale im Villenviertel von Wiesbaden wirkt wie ein Werbebild für die nächste Sonderauslosung: Auf dem adrett gestutzten Rasen plätschern zierliche Springbrunnen. Rechts führt der Weg zu einem weitläufigen Anwesen, links spiegelt sich die Sonne in einem wuchtigen Glasbau. Im ersten Stock sitzt Hessens Lottochef Heinz-Georg Sundermann in seinem Büro. Hinter Sundermanns Schreibtisch lagert gut ein Dutzend Fußbälle in den Farben der Frankfurter Eintracht, vor seinen Füßen dösen Arusha und Melody, zwei Dalmatiner, die gelangweilt ihre Schnauzen heben, sobald Besuch eintritt.

Seit 2002 führt der promovierte Jurist Sundermann die Geschäfte von Lotto Hessen. „Eine heile, friedliche Welt“, fand er vor, als er den Job antrat, eine Welt ohne große Onlinekonkurrenz, „in der die Lotto-Geschäftsführer wie Lotto-Könige waren“. Doch inzwischen habe sich der Markt gedreht, sagt Sundermann.

Zwar verteidigen die staatlichen Anbieter ihre Hoheit über die Annahmestellen. Schließlich ist ihr Kugelmonopol im Glücksspielstaatsvertrag der 16 Bundesländer fest verankert. Doch im boomenden Digitalgeschäft bringt das wenig. Unternehmen wie Lottoland oder Tipp24 wildern im staatlichen Revier und bieten von Gibraltar und England aus Onlinetippscheine an, die im Prinzip Wetten auf die deutschen Lottoziehungen sind.

Haushaltsbruttoeinkommen

Einem durchschnittlichen Haushalt steht ein Bruttoeinkommen von 4.101 Euro im Monat zur Verfügung. Netto bleiben durchschnittlich 3.147 Euro übrig. Insgesamt haben 7.646 Haushalte im Rahmen der Laufenden Wirtschaftsrechnungen (LWR) für das Jahr 2014 Auskunft über ihre Einnahmen, Ausgaben und Konsumausgaben gegeben. Haushalte von Selbstständigen berücksichtig die LWR nicht. Das Bruttoeinkommen speist sich im wesentlichen aus fünf Quellen: dem Bruttoeinkommen aus selbstständiger und unselbstständiger Erwerbstätigkeit; dem Einkommen aus staatlichen Transferzahlungen wie Renten, Pensionen, Kindergeld, Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe; den Einnahmen aus eigenem Vermögen; dem Einkommen aus nichtöffentlichen Transferzahlungen wie Betriebsrenten und privaten Versicherungen sowie schließlich Einkünften aus Untervermietung.

Foto: dpa

Das Einkommen aus nichtöffentlichen Transferzahlungen beinhaltet unter anderem die Leistung von privaten Versicherungen, Betriebsrenten und die Unterstützung von privaten Haushalten. Insgesamt macht das Einkommen aus nichtöffentlichen Transferzahlungen und Untervermietung einen Anteil von 4,9 Prozent am Bruttoeinkommen eines Haushalts aus. Das sind im Schnitt rund 200 Euro.

Foto: REUTERS

Zu den Einnahmen aus dem Vermögen gehören auch die Erträge aus Vermietung und Verpachtung. Insgesamt machen die Vermögenseinnahmen 9,9 Prozent des Bruttoeinkommens eines Haushalts in Deutschland aus. Das sind durchschnittlich rund 404 Euro pro Monat.

Foto: CLARK/obs

Das Einkommen aus öffentlichen Transferzahlungen macht mit 23,1 Prozent den zweitgrößten Anteil des Einkommens privater Haushalte aus. Das sind im Durchschnitt rund 947 Euro monatlich. Darunter fallen unter anderem Renten der gesetzlichen
Rentenversicherung, Kindergeld und Arbeitslosengeld.

Foto: dpa

Den größten Anteil am Haushaltseinkommen macht selbstverständlich das Bruttoeinkommen aus der Erwerbstätigkeit aus. Im Schnitt liegt es bei mehr als 2.550 Euro im Monat pro Haushalt. Das sind 62,2 Prozent vom Gesamteinkommen. Das durchschnittliche Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit beträgt dabei übrigens monatlich rund 2.522 Euro, das aus selbstständiger Arbeit nur 30 Euro.

Foto: dpa

Private Haushalte geben im Durchschnitt 2.375 Euro monatlich für Konsum aus. Insgesamt haben 7.646 Haushalte im Rahmen der Laufenden Wirtschaftsrechnungen (LWR) für das Jahr 2014 Auskunft über ihre Einnahmen, Ausgaben und Konsumausgaben beim statistischen Bundesamt gegeben. Die Konsumausgaben gliedern sich in Ausgaben für Wohnen, Verkehr, Nahrung, Freizeit, Bekleidung und Sonstige.

Foto: dpa

4,5 Prozent der gesamten Konsumausgaben geben die Deutschen für Bekleidung und Schuhe aus. Das sind im Durchschnitt rund 107 Euro monatlich pro Haushalt.

Foto: dpa

Für die Freizeitgestaltung, Unterhaltung und Kultur gibt ein durchschnittlicher Haushalt in Deutschland rund 248 Euro monatlich aus. Das sind 10,4 Prozent von den gesamten monatlichen Konsumausgaben eines Haushalts.

Foto: dpa

326 Euro pro Monat gehen bei einem deutschen Haushalt durchschnittlich für Essen, Trinken und Rauchen drauf. Das sind 13,7 Prozent der gesamten monatlichen Konsumausgaben.

Foto: dpa

Genauso viel geben die Deutschen für Verkehr aus. Auch hier beträgt der Anteil an den gesamten monatlichen Konsumausgaben eines Haushalts 13,7 Prozent.

Foto: dpa

Der größte Posten ist der für Wohnen, Energie und Wohnungsinstandhaltung. Hierfür geben die Deutschen monatlich rund 856 Euro aus. Das sind 36 Prozent der gesamten monatlichen Konsumausgaben.

Foto: dpa

Zu den sonstigen Konsumausgaben zählen unter anderem Ausgaben für Gesundheit, Bildung und Telekommunikation. Insgesamt geben die Deutschen hierfür über 500 Euro pro Monat und Haushalt aus. Das entspricht einem Anteil von 21,8 Prozent an den gesamten monatlichen Konsumausgaben eines privaten Haushalts.

Foto: dpa

Solche Zweitlotterien hätten inzwischen „einen Marktanteil von mehr als 50 Prozent im Onlinegeschäft“, sagt Sundermann. „Wir haben in den vergangenen Jahren Hunderttausende Lotto-Spieler an illegale Anbieter verloren“, klagt auch Westlotto-Chef Andreas Kötter. Auf rund 800 Millionen Euro Umsatz taxiert er derlei „Schwarzlotterien“, die „dem Gemeinwohl schaden“. Für den Westlotto-Chef ist der Frontverlauf der nächsten Jahre damit klar: „Es geht um Gut gegen Böse, legale gegen illegale Anbieter.“

Doch ganz so eindeutig ist die Rollenverteilung nicht. Denn auch gegenüber den staatlichen Spielmachern regt sich Kritik. „Die Lotto-Taliban fürchten um ihre Pfründe“, sagt etwa der schleswig-holsteinische FDP-Fraktionschef Wolfgang Kubicki.

„Es gibt immer noch genug Lotteriegesellschaften, in denen die Geschäftsführer wie Sonnenkönige auftreten, und genug Landesregierungen, die die Lotto-Mittel als eine Art Schattenhaushalt betrachten“, so Kubicki.

Tatsächlich sind die Länder die größten Profiteure des Zahlenspiels. Von den 7,3 Milliarden Euro, die die Mitglieder des Deutschen Lotto- und Totoblocks im vergangenen Jahr einnahmen, wurde rund die Hälfte an Spieler ausgeschüttet. 2,9 Milliarden Euro flossen per Lotteriesteuer an die Länder oder wurden direkt in Sozial-, Kultur- und Sportprojekte investiert. Das weckt Begehrlichkeiten.

Lotto

76 Millionen Euro reichen nicht, um reich zu sein

von Thorsten Firlus

Erst vor wenigen Tagen verschaffte eine Anfrage der bayrischen Grünen-Politikerin Claudia Stamm eine Ahnung von den finanziellen Gepflogenheiten bei Lotto-Bayern. Stamm wollte vom bayrischen Finanzministerium wissen, wie hoch die Provisionen sind, die an die Leiter sogenannter Bezirksstellen fließen. Diese würden im Schnitt jeweils rund 141 Lotto-Buden betreuen und sich um die Verwaltung, „Beratung und Schulung der Vertriebsorgane“ ihres Sprengels kümmern, teilten die Finanzministerialen mit.

Erst auf Nachfrage rückten sie aber konkrete Provisionszahlen heraus: Insgesamt 14,9 Millionen Euro wurden demnach 2015 an die 25 bayrischen Bezirksstellen ausgeschüttet. Von den durchschnittlich knapp 600.000 Euro pro Bezirksstelle dürften vor allem deren Leiter profitieren. „Die verdienen Unsummen“, sagt eine Kioskbetreiberin.

Andernorts stürmen eher die Spitzenkräfte unter den staatlichen Losverwaltern die Jackpots. Bei einigen der Lotto-Granden summieren sich Jahresgehalt und Pensionsansprüche auf den Gegenwert eines Sechsers im Lotto.

So verdiente der im Frühjahr in den Ruhestand verabschiedete Westlotto-Chef Theo Goßner 2015 rund 323.000 Euro. Sein Nachfolger Kötter verbuchte als Mitglied der Westlotto-Geschäftsführung Bezüge von 295.000 Euro. Auch in Berlin musste das Führungsdoppel mit jeweils rund 190.000 Euro nicht darben. 170.000 Euro ließ sich 2015 selbst das kleine Bremen seinen Lotto-Frontmann kosten.

Glücksspielland Deutschland: Es mangelt nicht an neuen Angeboten und spektakulären Gewinnversprechen. Im Internet sind Glücksspiel- und Wettangebote auf dem Vormarsch, neben dem klassischen Lotto gibt es den länderübergreifenden Eurojackpot. Dennoch versuchen sich nach den offiziellen Zahlen immer weniger Deutsche an Glücksspielen. Allerdings: Junge Männer sind anfälliger für illegale Wetten.

Quelle: dpa

Foto: dpa

Die staatlichen Lotto-Gesellschaften und einige Länder sehen sich daher bestätigt und wollen an der bisherigen Glücksspielregulierung festhalten – trotz Fehlschlägen. Durch die Hängepartie bei Sportwett-Lizenzen aber boomen der unregulierte und der „schwarze“ Markt. Viele Spieler zocken bei obskuren Anbietern in rechtlichen Grauzonen – aber offen.

Foto: dpa

Es geht um einen weltweit wachsenden Markt - und um viel Geld. Neben klassischen Casino-Spielen gibt es Spielautomaten, Lotterien und Wetten. 2012 wurden in Deutschland nach früheren Angaben der Beratungsfirma Goldmedia rund 10,7 Milliarden Euro an Brutto-Spielertrag erwirtschaftet. Im sogenannten regulierten Glücksspielmarkt entfällt auf Spielautomaten der weitaus größte Marktanteil. Mitte 2015 gab es nach Angaben der Branche etwa 316.000 Spielautomaten, davon 269.000 Geld-Spiel-Geräte. Laut der Automatenindustrie VDAI nutzen schätzungsweise fünf Millionen Menschen pro Jahr diese Geldspielgeräte.

Foto: dpa

In der Tat. Er will einerseits Spielsucht eindämmen und illegale Anbieter vom Markt drängen, gleichzeitig aber mehr Umsätze erwirtschaften, Steuern einnehmen und sich gegenüber Privaten behaupten. Der Staat ist Akteur und zugleich Aufsichtsbehörde.

Foto: dapd

2012 konnten die Länder das seit Jahren umstrittene staatliche Lottomonopol noch einmal retten. Dieses Monopol wird damit begründet, dass nur so Verbraucher-, Daten- und Jugendschutz gesichert werden könnten. Doch mit dem damals neu ausgehandelten Glücksspielstaatsvertrag musste der lukrative Markt für Private geöffnet werden. Für sieben Jahre sollten eigentlich 20 Konzessionen an Sportwetten-Anbieter vergeben werden.

Foto: AP,AP

Das Verfahren gilt als gescheitert. In vielen Fällen wird daher in einer rechtlichen Grauzone gezockt. Der Schwarzmarkt boomt, ehrliche Anbieter müssten in die Röhre schauen, und Internetspieler hätten keine Möglichkeit, ein Angebot auf Seriosität zu prüfen, meinen Kritiker. Obwohl derzeit kein privates Unternehmen reguliert ist und über eine Konzession nach dem aktuellen Glücksspielstaatsvertrag verfügt, agieren private Sportwetten-Anbieter sichtbar in der Öffentlichkeit und zahlen auch reichlich Steuern an den Fiskus.

Foto: dpa

Das zeigen zumindest die aktuellen Zahlen des staatlichen Lotto- und Totoblocks und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Trotz millionenschwerer Jackpots verlieren Lotto und andere Glücksspiele ihren Reiz. 37,7 Prozent der Befragten im Alter zwischen 16 und 70 Jahren gaben an, im zurückliegenden Jahr an einem Glücksspiel teilgenommen zu haben. Im Jahr 2007 lag der Anteil der gelegentlich oder gewohnheitsmäßig Spielenden noch bei 55 Prozent.

Foto: dpa

Auch das Interesse am klassischen Lotto „6 aus 49“ verbuchte einen weiteren Rückgang. Nicht einmal jeder vierte Bundesbürger (22,7 Prozent) spielte dies im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: 2009 machten noch 40 Prozent der Bürger ihre Kreuze auf dem Lottoschein. Erstmals seit Beginn der Studie 2007 würden auch Geldspielautomaten weniger genutzt. Und der Anteil der Jugendlichen, die alle Glücksspielangebote - außer privat organisierte - nutzen, sei auch gesunken. Das Suchtproblem sei weiterhin eher gering.

Foto: dpa

Aus Sicht staatlicher Lottogesellschaften zumindest. Viele Experten und auch Ländervertreter sehen das aber anders und nennen die Glücksspielregulierung gescheitert. Auch die EU-Kommission könnte bald einschreiten. Kritiker verweisen darauf, dass seit Jahren die Umsätze im von staatlichen Anbietern dominierten regulierten Markt sinken.

Foto: dapd

Gleichzeitig verzeichnet der unregulierte Bereich, der private Online-Casino- und -Pokerspiele sowie Online-Sportwetten umfasst, wachsende Geschäfte, betrieben von Unternehmen aus dem Ausland heraus mit gültiger Lizenz eines EU-Landes. Der Europäische Gerichtshof hatte Privaten jüngst den Rücken gestärkt. Schließlich lockt aber noch der Schwarzmarkt etliche Zocker.

Foto: AP

Dass sich derlei gut dotierte Posten nicht unbedingt in den Jobdatenbanken der Arbeitsagenturen finden, liegt auf der Hand. Vorteilhafter für den Bewerbungsprozess scheinen da schon gute Beziehungen zur Politik zu sein.

Seit Jahrzehnten pflegen Parteien und Landesregierungen entbehrliche, aber verdiente Würdenträger an die Spitzen der Lottogesellschaften zu befördern. So wacht in Brandenburg Exfinanzstaatssekretär Horst Mentrup über den Spielbetrieb. In Rheinland-Pfalz leitet der frühere Innenstaatssekretär Jürgen Häfner das Geschäft mit den Kreuzchen. Die saarländische Glückszentrale wird derweil von Michael Burkert, zuvor Präsident des Stadtverbandes Saarbrücken, und von Peter Jacoby, dem Exfinanzminister des Landes, gesteuert. Und im Ländle erfüllte sich für Marion Caspers-Merk, einst Drogenbeauftragte der Bundesregierung, 2013 der Traum vom Lotto-Glück – als Chefin von Lotto Baden-Württemberg.

Der bislang unbekannte Spieler aus Tschechien knackte mit seinen sieben richtigen Zahlen den bisherigen Rekordgewinn im Eurojackpot von 61,2 Millionen Euro aus dem Jahr 2014. Von dem Geld könnte der Gewinner etwa 75.000 Mal um die Welt oder zusammen mit vier Freunden ins All fliegen.

Foto: dpa

491 Millionen:

Der mit 656 Millionen Dollar – nach damaligem Kurs rund eine halbe Milliarde Euro – bisher größte Jackpot der Lotto-Geschichte wird Ende März 2012 in den USA geknackt. Die Rekordsumme der Lotterie Mega Millions mussten sich drei Spieler aus den US-Bundesstaaten Kansas, Maryland und Illinois teilen. 18 Ziehungen in Folge hatte es niemand geschafft, den Jackpot zu knacken. Daraufhin war in den USA ein wahres Lottofieber ausgebrochen, mit langen Schlangen an Tankstellen und Zeitungsständen.

Foto: AP

454 Millionen:

Im Mai 2013 räumt eine 84-Jährige aus Florida bei der US-Powerball-Lotterie mehr als 590 Millionen Dollar ab. Da man die volle Gewinnsumme in den USA aber nur erhält, wenn sie über mehrere Jahre ausbezahlt wird, entschied sich die hochbetagte Gewinnerin für eine Einmalzahlung von "nur" 370.000 Dollar.

Foto: REUTERS

190 Millionen:

Der bislang höchste Einzelgewinn in Europa geht im August 2012 an das Ehepaar Adrian und Gillian Bayfort aus England. Sie hatten in der Mehrländerlotterie EuroMillions gewonnen. Wegen des schwachen Wechselkurses wurden damals allerdings "nur" 148,6 Pfund ausgezahlt.

Foto: dpa

185 Millionen:

Ein Jahr zuvor hatte das schottische Ehepaar Chris und Colin Weir 185 Millionen Euro gewonnen, damals rund 161.000 Pfund. Daher gilt der Gewinn des Weir-Ehepaars in Großbritannien als höchster Gewinn. Den Glückspilzen bescherte der Geldregen damals einen Platz unter den 30 reichsten Schotten.

Foto: WirtschaftsWoche

58,7 Millionen:

Die richtige Zahlenkombination macht im Dezember 2014 einen Handwerker aus Hessen beim Eurojackpot um knapp 60 Millionen Euro reicher. Der Mittezwanziger gewann mit seinen persönlichen Glückszahlen: 11, 25, 32, 42 und 47 sowie die beiden Zusatzzahlen 4 und 9. Es ist der bisher höchste Lottogewinn, der jemals in Deutschland ausgeschüttet wurde.

Foto: dpa

Im Gegenzug ist auf die staatlichen Glücksritter oft Verlass, wenn die Landespolitik um Unterstützung bittet. Zwar hat jedes Bundesland eigene Regeln, wie die Lotto-Millionen unters Volk gebracht werden sollen. Doch es gibt Spielräume: Soll etwa bei der jährlichen Hengstparade des landeseigenen Gestüts etwas draufgesattelt werden oder fehlt Geld, um das Sommerfest der Landesvertretung in Berlin aufzupeppen, hilft Lotto aus. Auch der politische Frohsinn kommt nicht zu kurz – zumindest in Nordrhein-Westfalen, wo Westlotto für Karnevalspartys des Landtags schon mal närrische Orden spendiert.

Online-Käufer von Sportwetten und Lottospielen
Für die Inanspruchnahmen von Dienstleistungen sind Online-Plattformen gefragt wie nie. Dieser Trend macht auch bei Wetten keinen Halt. 2013 haben 2,01 Millionen Menschen Sportwetten über das Internet abgeschlossen oder online Lotto gespielt.Quelle: IfD Allensbach
Die Tendenz ist steigend. Ein Jahr später (2014) haben bereits 2,5 Millionen User ihr Glück online versucht.
Im vergangenen Jahr haben sogar noch mehr Menschen online Lotto gespielt oder Sportwetten abgeschlossen - nämlich 3,06 Millionen in ganz Deutschland.

Nicht minder generös geht’s im Hauptquartier der westfälischen Spielmacher in Münster zu. Vor dem schwarzen Klotz aus Beton und Glas wehen gelbe Flaggen mit dem Aufdruck „Jackpot“ im Wind. Im Foyer ist eine alte Lostrommel aufgebaut, aus der einst unter notarieller Aufsicht die Kugeln mit den Gewinnzahlen klackerten. Eine Etage darüber, im alten Auszählraum, werteten in prädigitalen Zeiten Hunderte Mitarbeiter mit Schablonen die Lottoscheine aus.

Heute ziert abstrakte Kunst die Wände, darunter ein 2,50 Meter breites Farbfeuerwerk des Künstlers Walter Stöhrer. Die Bilder gehören zur Kunstsammlung von Westlotto, die allerdings selbst eifrigen Museumsgängern bisher entgangen sein dürfte. Denn an den Bildern dürfen sich zwar Mitarbeiter und Gäste des Hauses erfreuen, nicht aber die Öffentlichkeit. Ausstellungen seien aktuell nicht geplant, heißt es bei Westlotto.

Sonderbare Wege nimmt das Lotto-Glück auch in der Hauptstadt. So liegen der Deutschen Klassenlotterie Berlin nicht nur die üblichen Sozial-, Kultur- und Sportakteure am Herzen, sondern auch die parteinahen politischen Stiftungen. Deren Projekte wurden seit 2006 mit insgesamt 27,5 Millionen Euro aus dem Berliner Lotto-Topf gepäppelt.

Verantwortlich für die Vergabe der Mittel ist der Stiftungsrat der Deutschen Klassenlotterie Berlin (DKLB). In dem Gremium sitzen neben Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller (SPD) auch zahlreiche weitere Berliner Politiker. De facto nehmen damit Vertreter der Parteien Einfluss auf die Vergabe von Lotto-Millionen an ihnen nahestehende Stiftungen. „Die Stiftungen müssen sich in einem offenen Wettbewerb der Konkurrenz um die Lottomittel stellen und mit ihren Projekten überzeugen und nicht mit ihrer Parteinähe“, fordert Heiko Herberg, Parlamentarischer Geschäftsführer der Berliner Piraten-Fraktion.

Der Deutsche Lotto- und Totoblock (DLTB) will die Nähe zur Politik nicht kommentieren. Das sei Sache der einzelnen Gesellschaften. Die Position der Dachorganisation lässt beim Blick auf deren eigenes Personaltableau aber ohnehin kaum Fragen offen: So leitet Martin Stadelmaier, früherer Staatskanzleichef in Rheinland-Pfalz, die Hauptstadtrepräsentanz des DLTB. Zudem arbeitet eine Beratungsgesellschaft von Hamburgs Exbürgermeister Ole von Beust für den Lotto-Block.

„In der deutschen Glücksspielordnung ist derzeit viel Bewegung“, sagt Torsten Meinberg, Chef der derzeit federführenden DLTB-Gesellschaft Lotto Hamburg, dazu. „Umso mehr brauchen wir gute Leute, die gute Kontakte mitbringen und etwas von der Materie verstehen.“

Vor allem das drohende Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission dürfte die Lotto-Lobbyisten auf Trab halten.

Dem Vernehmen nach dürfte Brüssel zunächst zwar auf die Liberalisierung des Marktes für Onlinecasinos und Sportwetten drängen. Doch „in vielen Landesregierungen und bei den Lotto-Gesellschaften fürchtet man einen Dominoeffekt“, sagt FDP-Mann Kubicki. Entsprechend hart wird seit Jahren um die Marktöffnung gerungen – mit fatalen Folgen.

Christoph Schmidt trägt Jeans zum Sakko und setzt sich mit einem dynamischen Hallo an den großen Besprechungstisch in seinem Münchner Büro. An der Wand hinter ihm hängt ein altes Stadionposter, darunter steht ein Tischkicker. Schmidt ist Geschäftsführer der ODS. Das Kürzel steht für Oddset Deutschland Sportwetten, einer Gesellschaft, an der Lotto-Bayern, Westlotto und weitere Lotto-Gesellschaften beteiligt sind.

Schmidts Aufgabe: Er soll mit ODS dafür sorgen, dass die staatliche Oddset-Sportwette nicht mehr nur in Kiosken angeboten wird, sondern auch im Internet. Im Juli 2011 wurde ODS gegründet. 23 Mitarbeiter arbeiten für das Unternehmen. Doch bis heute hat ODS im Internet keine einzige Sportwette vermittelt.

Wie es dazu kommen konnte? Schmidt schüttelt den Kopf: „Das kann man eigentlich niemandem erklären“, sagt er, um schließlich doch einen Versuch zu starten. Im Grunde, so Schmidt, seien die Weichen schon vor einer Dekade gestellt worden, als das Bundesverfassungsgericht urteilte, dass ein Glücksspielmonopol nur dann zulässig sei, wenn es sich konsequent an der Spielsuchtbekämpfung orientiert.

Das Urteil löste in den Staatskanzleien der 16 deutschen Bundesländer Entsetzen aus. Im Schnelldurchgang zimmerten die Politiker einen Glücksspielstaatsvertrag, der ihnen weiter die Hoheit über Spieltische und Annahmestellen sichern sollte. Die Eindämmung der Spielsucht galt fortan als oberstes Credo des staatlichen Glücksspielwesens. Werbung für Lotto, Oddset und Co. wurde radikal eingeschränkt, und alle Onlineangebote wurden aus dem Spielbetrieb verbannt.

Allein, die Spieler spielten nicht mit. Sie pokerten, wetteten und daddelten trotz der Onlineprohibition weiter im Netz – nur eben nicht mehr auf deutschen Internetseiten. Zudem erwies sich der Staatsvertrag als europarechtlich nicht haltbar. Erneut mussten die Länderchefs ran.

Sie verständigten sich Ende 2011 auf Änderungen, die eine homöopathische Öffnung des Marktes vorsahen. Für eine Testphase von sieben Jahren sollten bundesweite Sportwettenkonzessionen an bis zu 20 Firmen vergeben werden. Auch ODS bewarb sich. „Wir waren euphorisch, bald loslegen zu können“, erinnert sich Schmidt.

Doch die Begeisterung verflog, als abgelehnte Bewerber gegen die Spielverderber vom Amt vor Gericht zogen und gegen die starre Begrenzung auf 20 Anbieter klagten. Das Verfahren entwickelte sich zu einem bürokratischen Monstrum und wurde schließlich von Gerichten gestoppt. Die Folge: Bis heute wurde keine einzige Konzession erteilt.

Angesichts des drohenden EU-Verfahrens starten die Länderchefs nun den nächsten Versuch, um das verkorkste Verfahren zu retten. Ihr Plan: Statt 20 sollen bis zu 40 private Anbieter Konzessionen erhalten. Player wie ODS, die im ersten Durchgang die Mindestvoraussetzungen bei der Auswahl erfüllt haben, dürfen mit einer vorläufigen Erlaubnis rechnen.

Ob das die Probleme löst? „Jede willkürlich festgelegte Zahl an Konzessionen ist eine Einladung an alle abgelehnten Bewerber, gegen das Verfahren zu klagen“, sagt der Heidelberger Jurist Jörg Hofmann. Ähnliche Bedenken äußert die hessische Landesregierung und fordert statt der Erhöhung der Konzessionen einen neuen gesetzlichen Rahmen für den gesamten Glücksspielmarkt. Andernfalls „würden wir dann aus dem Glücksspielstaatsvertrag aussteigen“ und „ein eigenes Glücksspielgesetz in Hessen“ auf den Weg bringen, kündigt Innenminister Peter Beuth an.

Werden sich die anderen Länder darauf einlassen? Hessens Lotto-Chef Sundermann hat daran Zweifel. Die Politik würde auf Zeit spielen. In vielen Bundesländern laute das Motto: „Nach mir die Sintflut.“

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