Hans-Werner Sinn: "Wir können den Sozialstaat nicht für die ganze Welt öffnen"

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InterviewHans-Werner Sinn: "Wir können den Sozialstaat nicht für die ganze Welt öffnen"

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Im März scheidet Hans-Werner Sinn, Professor für Nationalökonomie und Präsident des ifo-Instituts, altersbedingt aus dem Amt.

von Bert Losse und Malte Fischer

Mit Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts, geht der wohl umstrittenste deutsche Spitzenökonom Ende März in Pension. Über seine Bilanz, die Flüchtlingskrise und die Zukunft des Euro spricht er im Interview.

Wer Deutschlands streitbarsten Ökonomen besuchen will, muss von München gut 45 Minuten in Richtung Südwesten fahren. Sinn und seine Ehefrau Gerlinde, ebenfalls Ökonomin, leben seit über 30 Jahren in Gauting nahe des Starnberger Sees in einem gediegenen Viertel. Vor der Haustür grüßen drei Hasenfiguren. Wir treffen Sinn in seinen Arbeitsräumen. Hier gibt es viel dunkles Holz, viele Bücher – und in einer Ecke alte Fotoapparate, ein Hobby des ifo-Chefs.

WirtschaftsWoche: Professor Sinn, Ende März scheiden Sie nach 17 Jahren an der Spitze des ifo Instituts aus dem Amt. Dürfen sich die Veranstalter von Kreuzfahrten auf einen neuen Kunden einstellen?

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Hans-Werner Sinn: Um Himmels Willen! Die Vorstellung, mit 4000 Leuten gleichzeitig über die Hafenkneipen herzufallen, finde ich abschreckend.

Also bekommen die Verleger ökonomischer Journale und populärwissenschaftlicher Bücher neue Angebote?

Es wurde allerlei an mich herangetragen. Aber ich will erst einmal Abstand gewinnen und ein paar Dinge nacharbeiten, unter anderem ein Buch mit eigenen älteren, ins Englische übersetzten Aufsätzen herausgeben, die ursprünglich auf Deutsch erschienen sind. Ich will auch noch forschen, so wie ich es halt schaffe. Man weiß ja nie, wie lange es noch geht. Ich behalte ein kleines Büro mit einem Sekretariat am Institut und darf weiterhin dessen Ressourcen nutzen. Auch werde ich noch einige Doktoranden betreuen und vermutlich die eine oder andere Vorlesung halten.

Zur Person

  • Hans-Werner Sinn

    Sinn, 67, ist Professor für Nationalökonomie an der Ludwig-Maximilians-Universität München und seit 1999 Präsident des ifo Instituts. Der streitbare Ökonom, ein gebürtiger Westfale, scheidet im März altersbedingt aus dem Amt.

  • Gerlinde Sinn

    Gerlinde Sinn ist Volkswirtin und hat mit ihrem Mann das viel beachtete Buch „Kaltstart“ zur Wiedervereinigung geschrieben. Das Paar hat zwei Söhne und eine Tochter – Ökonomie studieren wollte von den Kindern aber keines.

Haben Sie ein Problem damit, bald nicht mehr im Scheinwerferlicht der Medien zu stehen?

Nein. Das war mühsam. Dafür wird jetzt mein Nachfolger bezahlt. Meine Aufgabe als Leibniz-Forscher war es, die Brücke vom Elfenbeinturm in den öffentlichen Diskurs zu schlagen. Ich sah und sehe mich als politischen Ökonom, der eine Bringschuld gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen hat. Nun hoffe ich, dass die Schuld in meiner langen Dienstzeit großenteils abgetragen ist.

Der Trend in der Ökonomenzunft geht in die andere Richtung. Es dominieren theoretische und empirische Forscher, die normative Aussagen möglichst vermeiden.

Stimmt. Ich habe früher auch mit Leidenschaft intertemporale Gleichgewichtsmodelle konstruiert und Risikotheorie gemacht, alles hoch mathematisch. Mit der Übernahme der ifo-Präsidentschaft musste ich praktischer forschen. Ich habe mich auf die Tradition der Kathedersozialisten und Ordoliberalen besonnen, die der Volkswirtschaftslehre eine gesellschaftspolitische Aufgabe zusprechen. Dass sich viele andere Volkswirte in den letzten Jahren ebenfalls an öffentlichen Debatten beteiligt haben, ist zu begrüßen.

Finden Sie, dass die akademische VWL sich auf dem Holzweg befindet?

Ein theoretisches Fundament in der volkswirtschaftlichen Allokationstheorie ist für die Politikberatung unabdingbar. Das vermisse ich heute bisweilen. Viele steigen in die Tiefen der ökonometrischen Forschung ein und begnügen sich damit zu prüfen, wie frühere Politikmaßnahmen gewirkt haben. Aber mit diesem Ansatz komme ich für die Politikberatung häufig zu spät. Die meisten Politikfragen müssen entschieden werden, bevor eine Datenbasis vorhanden ist, und dazu braucht man die Theorie. Man stochert empirisch im Nebel und kann dank der Theorie schemenhaft bestimmte Gefahren erkennen. Richtig ist freilich, dass man auf vergleichbare Erfahrungen in anderen Ländern zurückgreifen sollte, wenn sie vorliegen. Dafür braucht man vergleichende Synopsen, deskriptive Statistik und Ökonometrie.

Hans-Werner Sinn und seine Frau Gerlinde. Quelle: Wolf Heider-Sawall für WirtschaftsWoche

Hans-Werner Sinn und seine Frau Gerlinde.

Bild: Wolf Heider-Sawall für WirtschaftsWoche

Besonders umstritten war ihre These von Deutschland als Basarökonomie, wonach die Fertigungstiefe im Inland immer stärker zurückgehe. Sehen Sie das heute auch noch so?

Es war eine zutreffende Beschreibung der Fakten. Als ich mein Buch „Die Basarökonomie“ schrieb reichte die Datenbasis bis 2003. Der Trend ging danach noch fünf Jahre lang ungebrochen weiter. Dann kam die Krise, und die Unternehmen reduzierten das Outsourcing. Einige Leute, die offenkundig mein Buch nicht gelesen haben, interpretierten in den Begriff „Basarökonomie“ wegen der semantischen Anmutung etwas hinein, was ich gar nicht gesagt hatte. Ich hatte in meinem Buch nicht behauptet, dass die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe wegbricht, sondern ganz im Gegenteil, dass es zu Lasten der Binnenwirtschaft eine geradezu pathologische Erhöhung der Wertschöpfung im Export und einen übermäßigen Kapitalexport in Form überhöhter Leistungsbilanzüberschüsse gab. Leider hat die semantische Umdeutung in der öffentlichen Wahrnehmung gegenüber meiner eigenen Theorie obsiegt. Selbst gemalte Zerrbilder kann man eben am Leichtesten kritisieren.

Sinn eilt zum Bücherregal, holt sein Buch „Basarökonomie“ hervor und liest zur Bestätigung einige Passagen vor. Es klingelt an der Tür. Sinns Frau Gerlinde kommt hinzu und hat den ältesten Sohn und ein Enkelkind im Schlepptau, das bei Opa Hans-Werner auf den Schoß hüpft.

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