Hirnforschung: Das miese Geschäft mit unserem Gehirn

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Hirnforschung: Das miese Geschäft mit unserem Gehirn

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Besonders junge Menschen vertrauen der Neurowissenschaft

von Maximilian Nowroth

Ein Reigen von Beratern will mit Erkenntnissen der Hirnforschung unser Alltags- und Berufsleben erleichtern. Und bringen die Forscherzunft in Verruf. Denn eins zu eins übertragen lassen sich die Ergebnisse nicht.

Vergessen Sie Steve Jobs oder Mark Zuckerberg. Der wahre Held der modernen Arbeitswelt heißt Hans-Dietrich Genscher. Hirnforschung sei Dank erfahren wir endlich, warum der ewige FDP-Außenminister immer den gleichen gelben Pullunder trägt: Lange vor Apple-Gründer Jobs (stets im schwarzen Rollkragenpullover) und Facebook-Chef Zuckerberg (nie ohne graues T-Shirt) muss Genscher die neuronalen Prozesse erkannt haben. Anders ist nicht zu erklären, dass er morgens bei der Wahl der Oberbekleidung stets die gleiche Entscheidung traf.

Klingt abwegig? Ginge es nach der amerikanischen Beraterin Tara Swart, wäre Genscher ein Paradebeispiel für angewandte Hirnforschung im Arbeitsalltag. Swart vermarktet ihr Buch „Neuroscience for Leadership“, will also Führungskräften erklären, wie sie mithilfe von „neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung“ zu besseren Managern werden. Ein simpler Tipp: Schafft euch morgendliche Routinen und spart eure geistige Energie für wirklich wichtige Entscheidungen. Macht es wie Zuckerberg und Jobs oder wenigstens wie US-Präsident Barack Obama –und verwendet möglichst wenig Energie auf die Kleidungswahl. Denn: Es ist wissenschaftlich erwiesen.

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Angst um den Ruf der Hirnforschung

Tipps wie diese bereiten nicht nur der Modeindustrie Kopfschmerzen. Hirnforscher Peter Mohr, Professor für Neuroökonomie an der Freien Universität Berlin und Leiter der Arbeitsgruppe für Neuroökonomie am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), sieht eine Gefahr für seine ganze Branche: „Wenn allgemeine Erkenntnisse überverkauft werden, schadet das dem Ruf der Hirnforschung und lässt sie unseriös erscheinen.“ So ist es bei dem Rat zur einheitlichen Arbeitsuniform: Zwar zeigen Studien, dass eine geringere Zahl von Entscheidungen bessere Entscheidungen ermöglicht. Daraus auf die Zahl der Farben im Kleiderschrank zu schließen, ist reine Spekulation.

Wann Überzeugungen zu Handlungen führen

  • Gewinn

    Ohne einen erkennbaren, individuellen, hohen und relativ sicheren Gewinn, ändert kein Mensch sein gewohntes Verhalten. Dieser Gewinn muss und sollte nicht nur materiell sein. Materielle Belohnungen wirken schnell und sättigen schnell. Sozialer Gewinn (zum Beispiel Anerkennung) wirkt nachhaltiger. Die einzige nicht sättigende Belohnung ist die intrinsische, die man sich selbst gibt.

  • Umsetzung

    Ins Blaue hinein ändern wir unser Leben nicht gern. Die Umsetzung der Neuerung muss daher klar vorgezeichnet und praktikabel sein.

  • Vorbilder

    Pioniere können und wollen nur die wenigsten Menschen sein. Die meisten anderen brauchen Vorbilder, denen sie nacheifern können. Und die müssen vor allem glaubwürdig sein.

  • Hindernisse

    Die erwartbaren Widerstände gegen das neue Leben sollten nicht zu groß sein. Das Festhalten an Gewohntem trägt eine starke Belohnung in sich. Der Anreiz muss doppelt so stark sein, wie die Bremskräfte.

Die Lücke in der Forschung ist das Geschäftsmodell von selbsternannten Experten, die ihre Ideen unter dem Schlagwort „Neuroleadership“ vermarkten. Sie verstehen sich als Lautsprecher der zurückhaltenden Wissenschaftler und nehmen für sich in Anspruch, das Beste aus zwei Welten zu vereinen. In Wirklichkeit aber kreieren sie eine Scheinwelt.

Der amerikanische Unternehmensberater David Rock hat das Konzept 2006 entworfen und das „Neuroleadership Institute“ gegründet. Weder von ihm, noch von seinen Nachahmern sind wissenschaftliche Aufsätze über Hirnforschung zu finden. Unbeirrt davon verspricht Rocks Ratgeberbuch die Erkenntnis darüber, „wie wir mithilfe der Neurowissenschaft die Mechanismen unseres Gehirns effektiv nutzen und so zu Spitzenleistungen gelangen können“.

Hirn-Drinks und neurologische Führungskunst

Anscheinend gibt es genügend kaufkräftige Kunden, die solchen Versprechen glauben. Rock und Swart haben jeweils ihre eigenen Beratungsfirmen und bieten Seminare an, die mehrere Tausend Dollar kosten – pro Tag. Ihre deutschen Kollegen heißen Sebastian Spörer, Unternehmensberater, oder Gerald Hüther, Pop-Hirnforscher. In Weiterbildungs-Workshops für Manager sprechen sie über „Wertschöpfung unter neuro-psycho-sozio-endokrin-immunologischen Aspekten“ (Spörer) und „Neurowissenschaft und Führungskunst“ (Hüther). Tara Swart verkauft auf ihrer Homepage sogar ein Getränk, das auf Basis von neuesten Erkenntnissen aus der Na-Sie-wissen-schon-Forschung gebraut wurde. Die Inhaltsstoffe: grüner Tee, Gurkenwasser und Kokosnussöl. Der Preis für den Neuro-Drink: acht Euro für 0,25 Liter.

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