Trendwende im Energiemarkt: Goodbye, Öl

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Trendwende im Energiemarkt: Goodbye, Öl

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Die traditionelle Ölförderung geht kontinuierlich zurück. Foto: Sebastian Widmann

von Benjamin Reuter und Philipp Mattheis

Es ist eine historische Zäsur: Die Industrienationen verbrauchen immer weniger Erdöl, in den Schwellenländern steigt die Nachfrage längst nicht mehr so schnell. Hinter der Abkehr vom schwarzen Gold stecken drei überraschende Megatrends.

Es war ein blutiger Kampf in der Wüste, der weltweit die Märkte aufschreckte. Im Morgengrauen des 18. Juni griffen Dutzende vermummte Männer auf Jeeps und zu Fuß die größte Erdölraffinerie im Irak an. Die Kämpfer mit den Kalaschnikows und Granatwerfern gehörten zur radikalen Bewegung „Islamischer Staat in Irak und Syrien“, die derzeit im Nahen Osten das Dreiländereck von Syrien über den Irak bis nach Jordanien destabilisiert.

Sechs Tage wüteten die Kämpfe in der Stadt Baidschi gut 200 Kilometer nördlich von Bagdad. Regierungstruppen, teilweise in Zivil, eilten herbei. Hubschrauber und Flugzeuge warfen Bomben auf die Rebellen-Jeeps. Es nützte nichts. Am 24. Juni eroberten die Islamisten die Raffinerie. Es war eine Demonstration der Stärke, die den Ölpreis Ende Juni auf ein Jahresrekord von 115 Dollar trieb. Mit der Begründung, die „globalen Energiemärkte“ schützen zu wollen, schickte US-Präsident Barack Obama Hunderte Militärberater in das Land.

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Das Wachstum der Ölnachfrage könnte sich 2015 erstmals dauerhaft abschwächen. In Prozent; ab 2014.

Das Wachstum der Ölnachfrage könnte sich 2015 erstmals dauerhaft abschwächen. In Prozent; ab 2014.

Zwar ist der Ölpreis wieder gesunken, und die Fördergebiete im Süden und Norden des Irak scheinen sicher – doch in Baidschi zeigte sich wie unter einem Brennglas unsere immer noch enorme Abhängigkeit vom Öl. Ohne den Rohstoff geht nichts: Autos, Flugzeuge, Schiffe blieben stehen, die Kunststoffproduktion geriete ins Stocken, Heizungen würden kalt, die Stromversorgung bräche in manchen Ländern zusammen. Doch diese Abhängigkeit beginnt zu enden. Denn weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, vollzieht sich eine historische Zäsur: die Abkehr vom Erdöl.

In den Industriestaaten sinkt der Ölverbrauch bereits seit 2005. Das kommende Jahr könnte einen globalen Wendepunkt markieren, erwarten die Experten der Internationalen Energieagentur IEA in Paris. Ihren Prognosen zufolge wird der Durst nach Erdöl 2016 erstmals langsamer zunehmen als im Vorjahr, ohne dass eine Rezession wütet. Um 2030 herum könnte dann der Verbrauch sogar weltweit zurückgehen.

Mit Ausnahme der Ölkrisen in den Siebzigerjahren würde die Nachfrage nach dem Rohstoff damit zum ersten Mal dauerhaft abnehmen. Erstmals seit der Abenteurer Edwin Drake im US-Bundesstaat Pennsylvania im Jahr 1859 die erste erfolgreiche Ölbohrung in den Boden trieb.

Auslöser der Zeitenwende sind vor allem drei Megatrends: erstens effizientere Technik, gefördert durch immer strengere Klimaschutzregeln. Zweitens ernsthafte Konkurrenz für den Energieträger Öl. Drittens ein verändertes Mobilitätsverhalten durch das explosionsartige Wachstum der Städte.

Doch wie vollzieht sich der Abschied vom Öl konkret? Die Spurensuche sollte dort starten, wo alles begann: vor unserer Haustür.

Deutschland: Vorbild in Sachen Effizienz

Im Morgengrauen an einem Dienstag im August 1996 rollte sich eine Handvoll Greenpeace-Aktivisten aus ihren Betten und bereitete im schweizerischen Luzern eine beinahe historische Demonstration vor. Nicht mit Schlachtrufen oder Plakaten, sondern mit Technik.

Die Umweltschützer starteten mit einem umgebauten Renault Twingo eine 200 Kilometer lange Testfahrt über Zürich und zurück. Techniker hatten für sie die Aerodynamik des Miniwagens verbessert, ihn auf Gewichtsdiät gesetzt und den Motor optimiert. Der Lohn: Der Wagen verbrauchte auf den Schweizer Straßen nur 3,2 Liter auf 100 Kilometer – etwa halb so viel wie vergleichbare Kleinwagen der Zeit.

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7 Kommentare zu Trendwende im Energiemarkt: Goodbye, Öl

  • Liebes Handelsblatt, mal darf- kann man- mal darf- kann man nicht kommentieren. Ob das gut ist für das Blatt...? Auch darauf werden aufmerksame Lesern bald reagieren. Jetzt kommentiere ich die Situation ums Öl: Ölförderung geht zurück. Das ist gut so! Selbst eigens inszenierte Kriege halten die Veränderung nicht mehr überzeugend auf.

    Drei Faktoren sind als Verursacher identifiziert, der technologische Fortschritt, neue Energieformen und die veränderte Mobilität in Ballungszentren. Im Moment ist Ölrückgang auch noch Folge von mehr Effizienz, die pendelt sich aber gegen Null-/Steigerungsfähigkeit ein. Künftig wird E-Mobilität den Durchbruch ermöglichen. Öl ist dann immer noch ein wertvoller Rohstoff aber in ganz anderer Verwendung, auch das ist gut so. Entscheidende Spuren wird die Chemie bei dieser Umstellung "weg vom Öl" hinterlassen. Die Ölländer täten gut daran, wenn sie sich rechtzeitig befähigten diesen Trend vorteilhaft zu begleiten.

    China nimmt eine Schlüsselrolle ein. Dort ist die Zukunft schneller, radikaler und vielleicht sogar sehr gut und vorbildlich, stattfinden. Die Autoindustrie wird dort ihren größten Abschied von ihrem immer gedeckten Tisch erleben, das wird bald und gründlich auch bei uns beginnen. Wir müssen uns von Dingen trennen, die wir für unverzichtbar halten. Das muss aber kein Nachteil sein und es kann sich schon jetzt lohnen, damit zu beginnen. Beachten Sie sorgsam die Zeichen der Zeit, dann können Sie die Richtung vielleicht auch noch vorteilhaft mitbestimmen!

  • Hallo,

    sind sie sich sicher das die Fahrzeuge mit LNG und nicht mit CNG unterwegs sind??
    Eine so große Sensation ist das übrigens nicht, Thailand hat die Umstellung fast schon komplett hinter sich...

  • Zur Historie vom Satansspeck in Deutschland siehe:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Wietze
    Mir fehlt die ökonomische Argumentation im Artikel. Ein Barrel (159 Liter) enthält ca. 1590 Kilowattstunden Gesamtenergie. Im Automotor wird diese nach Verlusten zu ca. 25 bis maximal 40% zu Bewegungsenergie.
    Wird die Begegungsenergie alternativ, z.B. durch Photovoltaik erzeugt, dann kann auf den Wert des Mineralöls für mechanische Bewegungszwecke geschlossen werden.
    100 USD / für 1590 kWh die effektiv am Rad nur knapp 400 kWh sind, ist ziemlich teuer. Für 18 €-Cent gibt es reichlich Ökostrom Alternativen.

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