Baselworld 2016: Uhrenhersteller zittern vor der Smartwatch
Rolex ist die erfolgreichste Marke der Schweiz. Auf der Baselworld zeigt das verschwiegene Unternehmen dieses Jahr seine Neuheiten.
Foto: APDie Hersteller mechanischer Uhren kennen harte Zeiten. Mit der Quarzkrise ist in den Achtzigerjahren den Herstellern von Zahnrädchen, Federn und Zeigern das erste Mal Angst und Bange geworden. Unternehmen verschwanden, eine Branche schien am Boden zu liegen. Es war zu einem großen Anteil Nicolas G. Hayeks Verdienst, mit der Marke Swatch als Ausgangspunkt der Schweizer Uhrenindustrie zu einer weiteren Blütezeit zu verhelfen. Mechanische Uhren als Luxusprodukt feierten in den vergangenen Jahren einen Erfolg nach dem anderen.
Nun zittern sie zwischen Genf und Biel wenigstens wieder ein klein wenig. Schuld ist der Siegeszug der Smartwatch – allen voran die Apple Watch. Deren genaue Verkaufszahlen sind zwar immer noch ein Geheimnis. Aber der Durchschnitt aller Analystenschätzungen ergäbe eine Summe von knapp vier Millionen Stück - allein im dritten Kalenderquartal 2015. So befinden sich die Uhrenhersteller plötzlich in einem Wettbewerb mit Unternehmen, die gar nicht auf der Baselworld ausstellen. Die chinesischen Hersteller von Smartphones wie Huawei zählen ebenso dazu wie Angebote von den Marktführern bei Activity Trackern und Sportuhren wie Fitbit, Polar oder Garmin.
Und erstmals seit 2009 sind die Umsätze der Schweizer Uhrenhersteller leicht gesunken. 20 Milliarden Franken waren es 2015. Der Konzern Richemont, zu dem unter anderem Cartier, IWC, Jaeger-LeCoultre und Lange & Söhne gehören, erklärte, 350 Stellen in der Schweiz abzubauen.
Die Marke Tudor, die zu Rolex gehört und ihre Verwandtschaft optisch auch nicht verhehlt, setzt auf ein Textilarmband an einem Gehäuse aus Bronze und Aluminium. Die "Black Bay Bronze" lehnt sich an frühe Taucheruhren der Marke an.
Foto: PRIn den Achtzigern hatte Swatch mit der Jellyfish ein durchsichtiges Gehäuse auf den Markt gebracht. Die Marke Hublot macht nun mit der Bing Band Unico Sapphire fast das gleiche. Nur ist das Gehäuse aus Saphirglas. Und die Uhr mit rund 53000 Euro etwas teurer als damals die Swatch.
Foto: PRDie Genfer Manufaktur Patek Philippe fügt das hauseigene Chronographen-Uhrwerk zusammen mit der Funktion Weltzeituhr, auf der 24 Ort der Welt angezeigt werden.
Foto: PR"Neomatik" steht in Rot auf dem Zifferblatt und ist der Hinweis auf das von Nomos in Glashütte entwickelte Automatikwerk, das eine eigene Spiralfeder, dem Herzstück einer Uhr, enthält. Ein Bauteil, das nur sehr wenige Marken selber herstellen können.
Foto: PRDie Avenger Hurricane von Breitling hat einen Durchmesser von fünf Zentimetern. Damit das Tragen ob der Größe nicht zur Belastung wird, ist das Gehäuse aus dem "Breitleight" genannten Material, das Breitling hier verwendet. Leichter als Titan, härter als Stahl. Zerkratzt nicht, rostet nicht, soll unkaputtbar sein.
Foto: PRDas Unternehmen Bell & Ross setzt seit jeher auf eine unverkennbare Optik, die an Fluginstrumente gemahnen soll. Dieses Jahr stellt das Unternehmen mit Desert Type eine schlichte Farbvariante vor.
Foto: PRKlassisch, schlicht in dunkelblau: Senator von Glashütte. Die obere kleine Anzeige informiert über die Gangreserve. Der unsichtbare Mehrwert der Uhr: Als zertifizierter Chronometer geht sie besonders genau.
Foto: PRRolex zeigt mit der Oyster Air King ein Unisex-Modell. Vergangenes Jahr wurde der Schriftzug noch auf den Modellen entfernt, nun ist Air King wieder zu lesen.
Foto: PRSchmuckspezialist Tiffany zeigt ein Modell mit Quarzwerk und um 90 Grad verdrehtem Zifferblatt. Die Variante der East West Mini Collection kann beim raschen Ablesen der Uhrzeit zu Problemen führen.
Foto: PRAuf den ersten Blick: Nichts spektakuläres, nur ein hübsches Blau. Aber dieser Ring hat eine Funktion. Die Ziffern gehen bis 31. und ist deswegen die Datumsanzeige. Dort wo der Zeiger mit dem kleinen Halbmond steht, ist die Tageszahl auf der Mühle von Glashütte.
Foto: PRDer Mond ist der Hingucker und der Clou der Uhr. Seine Darstellung in der Omega Seamaster Planet Ocean 600M Master Chronometer ist so genau wie auf einem hochauflösenden Foto.
Foto: PRSie wollen ein abnehmbares Tattoo? Romaine Jerome liefert mit dem Modell Tattoo-DNA by Xoil das Armband, das eines grob antäuscht. Die Unruh wurde freigelegt durch einen mutigen Schnitt durchs Zifferblatt.
Foto: PresseTitan und Carbon sind die Materialien, die TAG Heuer für diesen Chronographen verwendet. Er enthält zudem einen "Fliegenden Tourbillon" (bei 6 Uhr), der die Genauigkeit verbessern soll, vor allem aber auch hübsch aussieht.
Foto: PRVor 60 Jahren stellte Blancpain die erste Ladybird vor. Das Geburtstagmodell mit Baguette-Diamanten in der Lünette und guillochiertem Zifferblatt.
Foto: PresseReduce to the max - das ist das Motto der Serie "Sistem 51" von Swatch. Das mechanische Automatikwerk kommt mit 51 Bauteilen aus und wird von Maschinen zusammengebaut.
Foto: PR
Nick Hayek bewahrt sich dennoch seinen Optimismus. Hayek ist Chef der Swatch Group, zu der Marken wie Omega, Breguet, Glashütte Original, Longines, Tissot, Rado oder Calvin Klein gehören. In der Krise sieht er auch etwas Gutes. Denn immerhin: „Apple verführt mit seiner Kampagne dazu, eine Uhr zu tragen“, sagte Hayek in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung"
Wenn die führenden Schweizer Hersteller von luxuriösen mechanischen Uhren von Rolex bis Patek Philippe ihre neuen Modelle bis zum Ende der Messe am 24. März den Händlern vorlegen werden, ist dennoch die Zeit eine andere als vor zwei Jahren, als das Thema Smartwatches die Branche kaum beunruhigte.
Die Deloitte Switch Watch Study 2015 ermittelte, dass im Jahr 2014 gerade mal 11 Prozent der Unternehmenschefs die Smartwatches als eine Bedrohung sahen. 2015 war es immerhin schon ein Viertel der Befragten.
Die Anzahl der nachdenklichen CEOs dürfte weiter steigen. Oder sie üben sich in Zweckoptimismus, so wie der stets überenergetische Jean-Claude Biver. Er kaufte 1982 für 22.000 Franken die Marke Blancpain und verkaufte sie zehn Jahre später an Swatch. Heute ist er im Luxuskonzern LVMH Moët Hennessy – Louis Vuitton für die Marken Hublot, TAG Heuer und Zenith verantwortlich. Vergangenes Jahr gab TAG Heuer eine Zusammenarbeit mit Intel und Google bekannt. Dieses Jahr sollen rund 50.000 Smartwatches von TAG Heuer verkauft werden, 2017 sollen es schon 200.000 sein.
Die Technik stammt von Samsungs Gear S2, Optik und Gehäuse von deGrisogono.
Foto: PresseAndere Marken aus dem Luxussegment suchen ihr Glück teilweise im Kompromiss. Das hamburgische Unternehmen Mont-Blanc hat mit dem E-Strap zumindest einen Activity Tracker im Angebot, der am Armband der mechanischen Uhr befestigt wird. Die Marke deGrisogono wiederum hat sich mit Samsung zusammengetan und präsentiert die Gear S2 by dG. Fossil zeigt ebenso eine Smartwatch mit Display statt Zeigern, hat aber auch Hybridmodelle, die einen Schrittzähler enthalten, aber analoge Zeiger besitzen.
Je teurer die Uhren, desto schwieriger die Integration elektronischer Komponenten, meint Jean-Claude Biver in einem Interview mit Schweizer Zeitung "Finanz und Wirtschaft". Vor allem die Uhrenmodelle bis 2000 Euro würden den Druck zu spüren bekommen. Hersteller, die überhaupt nur Uhren jenseits von 5000 Euro anböten, könnten laut Biver jedoch keine elektronische Uhr anbieten, ohne ihre Marke zu schädigen.
Die mechanischen Preziosen, die teils Kalender enthalten, die 100 und mehr Jahre nicht gestellt werden müssen, beziehen ihre Anziehungskraft auch aus der Langlebigkeit - Bauteile, die nach wenigen Jahren veraltet wären, passen nicht dazu.
Swatch-Chef Hayek bleibt betont gelassen. Schließlich sei die operative Gewinnmarge im Uhren- und Schmuckgeschäft zwar gefallen – aber nur von 22,1 auf 18,8 Prozent. Und mit der Konzerntochter Belenos, die bei Batterien weit vorne liegt, sei man andererseits beim technischen Fortschritt dabei.
Doch auch die Hersteller von Uhren, die mit Preisen jenseits der 10.000 Euro vornehmlich eine andere Klientel bedienen, haben 2016 auf der Leitmesse Baselworld keinen Grund zum Jubel. Noch immer steckt vielen die Aufhebung des fixen Wechselkurses des Franken zum Euro in den Büchern. Die Uhren wurden weltweit deutlich teurer, geplante Preissteigerungen wurden verschoben oder gleich ausgesetzt.
Rückgang in China
Dazu kommt der Rückgang der Umsätze in einem der wichtigsten Märkte für die Luxusuhrenhersteller: China. Das Anti-Korruptionsgesetz zeigte Wirkung, zudem kauften auch immer mehr Chinesen lieber unauffälligere Uhren als noch vor Jahren. Und eine schlichte Stahl-Uhr bringt eben deutlich weniger Umsatz als eine aus Gold mit möglichst reichlich Diamanten am Gehäuse.
Entsprechend zurückhaltend sind die 1500 Aussteller aus 40 Nationen auf der Baselworld mit einem Feuerwerk an Innovationen. Modellpflege und Konsolidierung stehen im Vordergrund. Die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie sind im Januar weltweit um 7,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Nach Hong Kong, einem der wichtigsten Märkte für die Luxusindustrie, sogar um 33 Prozent. Entsprechend sind die Lager der Händler voller, so dass sie zurückhaltender bei den Produzenten bestellen dürften.
Und alle schielen am 21. März mehr oder minder nervös aus der Schweiz nach Kalifornien: Dort lädt Apple in Cupertino zu einer Präsentation ein. Und zeigt vielleicht den Nachfolger der erfolgreichsten Smartwatch der Welt.