Kleider aus Milch: Wie ein Startup aus Hannover die Textilindustrie umkrempelt

Kleider aus Milch: Wie ein Startup aus Hannover die Textilindustrie umkrempelt

von Benjamin Reuter

Anke Domaske produziert mit ihrem Unternehmen Qmilch Textilfasern aus "Abfallmilch". Die Industrie ist begeistert.

Auch in diesem Jahr ist WiWo Green Medienpartner der GreenTec Awards, einem der größten Preise für grüne Technologien, Initiativen und Unternehmen in Europa. Die Awards werden am 29. Mai in Berlin verliehen. Der Gewinner in der Kategorie Produktion ist in diesem Jahr das Startup Qmilch aus Hannover. Was deren Innovation so besonders macht, lesen Sie hier:

Die Geschichte, die die Textilindustrie nachhaltig verändern könnte, begann im Jahr 2009 in einer Küche in Hannover. Dort hatte Anke Domaske, damals 26 Jahre alt und gerade am Ende ihres Mikrobiologie-Studiums, einen Kuchenmixer, ein großes Marmedaleneinkoch-Thermometer und jede Menge Eiweißpulver versammelt.

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Die Utensilien hatte sie zuvor im Supermarkt um die Ecke gekauft. Domaskes Ziel: Sie wollte aus dem Eiweißpulver eine Faser herstellen, aus der sich Kleidungsstücke machen lassen.

Einige Monate zuvor hatte Domaske angefangen, über Milchfasern zu recherchieren. Die sind schon seit Jahrzehnten bekannt, allerdings konnten sie nur unter Zugabe von massenhaft Chemikalien in einem langwierigen Prozess hergestellt werden. Domaske wollte das ändern.

Ersteinmal will sie aber klein anfangen. Vier Jahre nach der Gründung von Qmilch beschäftigt Domaske 20 Mitarbeiter und hat mehr als fünf Millionen Euro eingesammelt, um eine Produktionshalle zu mieten und sich Maschinen anzuschaffen; sozusagen professionelle Versionen ihres ersten Versuchaufbaus in der Küche.

Vereinfacht gesagt funktioniert die Herstellung dann so: Aus der Milch wird das Eiweiß abgetrennt, das in einem zweiten Schritt mit Wasser und natürlichen Zusatzstoffen, die Qmilch geheim hält, vermischt wird. Daraus entsteht eine Art Teig, der sich durch eine Düse zu Fasern pressen lässt, die dünner als ein menschliches Haar sind.

Künftig will sie auch das Fett und andere Inhaltsstoffe der Milch nutzen. Bei der Produktion der Textilfaser soll kein Abfall übrig bleiben.

Immerhin 2000 Tonnen Fasern, genug für mehrere Millionen T-Shirts, können die Maschinen in Hannover pro Jahr produzieren. Preislich liegt die Milchfaser gleichauf mit Wolle, allerdings ist sie günstiger als Seide.

Milchplastik spart Energie

Aber bei den Textilien soll es nicht bleiben. Kosmetikprodukte aus der Milch bietet Domaske schon an. Sie und ihr Technikchef Christoph Nagler haben auch Kunststoffe zum Beispiel für Folien im Blick. Aus denen könnten Verpackungen werden oder gar Bauteile für die Automobilindustrie.

Für die Verarbeiter hat das Milchgranulat einen entscheidenden Vorteil: Im Gegensatz zu herkömmlichen Kunststoffen, die erst bei knapp 200 Grad schmelzen, kommt das Milchplastik mit weniger als der Hälfte der Temperatur aus. Das spart den Verarbeitern eine Menge Energie. Sind die Teile reif für den Abfall lassen sie sich einfach kompostieren – wie die Kleidungsstücke auch.

700 Anfragen aus der Textilindustrie gibt es für die ersten Milchfasern schon, 200 aus der Kunststoffindustrie kommen hinzu. 2016 sollen die ersten Milchprodukte auf den Markt kommen.

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Die Preisverleihung der Greentec-Awards können Sie bei WiWo Green am 29. Mai im Livestream verfolgen.

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