Getränkekartons und die "Recyclinglüge": Streit um Verpackungen eskaliert

Getränkekartons und die "Recyclinglüge": Streit um Verpackungen eskaliert

von Michael Billig

Wie ökologisch sind Getränkekartons? Um diese Frage streiten Umweltschützer und die Industrie.

Das grüne Image des Getränkekartons bekommt Kratzer. Seine Hersteller stellen ihr Produkt ökologischer dar als es ist, lautet der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Der Interessenverband der Verpackungshersteller musste jetzt eine Unterlassungserklärung wegen falscher Behauptungen zur Recyclingfähigkeit abgeben. Der DUH ist das aber noch nicht genug.

So ein Getränkekarton ist ziemlich praktisch. Er ist leicht, handlich und wiederverschließbar. Kein Wunder, dass die Deutschen davon jedes Jahr mehr als neun Milliarden Stück aus den Supermärkten tragen. Vor allem bei Milch greifen sie viel öfter zum Karton als zur Flasche.

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Ein guter Griff, wie das staatliche Umweltbundesamt (UBA) findet. Weil ein Getränkekarton zum größten Teil aus Papier, einem nachwachsenden Rohstoff besteht, fällt seine Öko-Bilanz besonders gut aus.

Recyclingquote von 70 Prozent?

So gut, dass ihn das UBA als „ökologisch vorteilhaft“ einstuft und der Gesetzgeber ihn damit von der Einwegpfandpflicht befreit – was ihn gleich noch viel praktischer macht. Die Verbraucher müssen leere Getränkekartons nicht zurück in den Handel bringen, sie können sie getrost über den Gelben Sack entsorgen.

Die Recyclingquote soll dann bei rund 70 Prozent liegen. Die Idee: Papierfabriken gewinnen Zellulose-Fasern aus der Verpackung zurück und stellen daraus neue Produkte her, zum Beispiel Wellpappe und Pizzakartons. Was sie nicht gebrauchen können, sind die anderen Bestandteile: Kunststoff, der die Packung abdichtet und Aluminium, das die Getränke vor Licht und Luft schützt.

Doch auch diese Materialien finden eine neue Verwendung, und zwar im Drehofen eines Zementwerks. Das Plastik dient als Brennstoff und ersetzt Kohle. Das Alu substituiert das Aluminiumerz Bauxit, das als Zuschlagsstoff in der Zementherstellung eingesetzt wird.

Unterschied von Theorie und Praxis

Nichts wird verschwendet, so scheint es ... und dennoch wachsen die Zweifel am grünen Image des Kartons.

Daran sind nicht zuletzt die Hersteller selbst schuld, die, wenn sie die ökologischen Vorteile ihres Produkts bewerben, gern einmal übers Ziel hinausschießen. Sie stellen den Karton besser dar, als er ist. Marktführer Tetra Pak hat beispielsweise damit geworben, dass seine Verpackungen „vollständig recycelt“ werden. Eine falsche Behauptung, gegen die die Deutsche Umwelthilfe (DUH) vor drei Jahren erfolgreich geklagt hat.

Seither behauptet Tetra Pak nur noch, dass die Kartons zu „100 % recycelbar“ sind.

Theoretisch mag das stimmen, praktisch findet es aber nicht statt. Auch, weil die Verbraucher einen beträchtlichen Teil der Kartons im Restmüll versenken. Das größte Problem fürs Recycling aber sind die Material-Verbünde, aus denen die Verpackungen bestehen: Folien aus dem Kunststoff Polyethylen (PE), die schier untrennbar mit der Schicht aus Aluminium verklebt sind.

Der Herstellerverband FKN behauptete zudem über Jahre hinweg, dass der Alu-Anteil in einer Recycling-Anlage in Merseburg, Sachsen-Anhalt, „im großvolumigen Maßstab sortenrein“ zurückgewonnen wird. Doch handelte es sich dabei nur um eine weitere „Recyclinglüge“, wie die DUH jetzt mitteilt.

Pfand auf den Karton

Die Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation aus Berlin rang dem FKN eine Erklärung ab, diese Behauptung künftig zu unterlassen. Für jede Verletzung dieser Unterlassungserklärung sei eine Vertragsstrafe zu zahlen, heißt es darin.

FKN-Sprecher Michael Kleene räumt gegenüber WiWo Green ein, dass es sich bei der Rückgewinnung in Merseburg lediglich um einen Versuch handelte, der nie über diesen Status hinaus kam. „Die PE-Alu-Verbunde wurden trotzdem verwertet“, verteidigt Kleene seinen Verband.

Selbst wenn die Hersteller mit dem vermeintlichen Greenwashing aufhören, die DUH will keine Ruhe geben. Für die Umweltschützer ist der Karton schon längst keine umweltfreundliche Getränkeverpackung mehr.

Sie fordern deshalb wie bei Dosen und Einwegflaschen ein Pfand auf den Karton. „Ökologisch vorteilhaft“ – diese Einstufung sei überholt, sagen sie.

Zum Beispiel sind die Verpackungen schwerer geworden, wie die DUH in Stichproben herausgefunden hat. Ein Karton wiegt heute durchschnittlich 35 Gramm pro Liter, neun Gramm mehr als vor zehn Jahren. Ein kleiner, aber feiner Unterschied, den die Kunden beim Einkauf freilich nicht merken.

Doch in großer Menge auf einem Lastwagen führt das Mehr an Gewicht zu höherem Spritverbrauch und mehr Emissionen beim Transport, was die Öko-Bilanz der Getränke-Kartons schmälert.

Contra der Hersteller

Der Grund für die Gewichtsprobleme: In einem Getränkekarton steckt heute mehr Kunststoff als früher. Es gibt kaum noch Tetra Paks ohne einen Verschluss aus Plastik. Laut der DUH nimmt der Papieranteil dagegen ab. Es seien Verpackungen im Umlauf, die sich zu rund 50 Prozent aus PE-Folien zusammensetzten. Von einem Karton oder gar von „einer Verpackung, die nachwächst“, wie der FKN auf seiner Internetseite wirbt, könne in diesen Fällen keine Rede sein.

Die Hersteller weisen die Vorwürfe als „abenteuerliche Zahlenspielchen“ zurück.

In einer Stellungnahme ihres Lobbyverbandes berufen sie sich auf Studien zur Öko-Bilanz der Getränkekartons. Diese Untersuchungen, die in ihrem Auftrag erfolgten, bestätigten die Einstufung durch das UBA. Ein Pfand auf Getränkekartons lehnen sie ab.

Kritik, dass auch die von ihnen propagierte Recyclingquote der Kartons zu hoch angesetzt sein könnte, treten sie mit Verweis auf die amtliche Statistik entgegen.

Statistiken sind fehlerhaft

Doch auch die staatlichen Statistiker führen in die Irre, wie unsere Recherche zur Abfallstatistik kürzlich zeigte. Sie zählen, was in eine Recycling-Anlage hinein wandert, nicht was am Ende herauskommt. Schmutz und Feuchtigkeit, die an einer weggeworfenen Verpackung haften, Reste von Saft oder Milch, die noch in ihrem Inneren lagern, werden mitgewogen und -gezählt statt abgezogen.

Die Zahlen verzerrt zusätzlich Müll wie alte Folien und Pappen, der fälschlicherweise bei den Kartons gelandet ist. Das passiert bei Getränkekartons wie bei jedem anderen Abfallstrom und führt zur Verzerrung der Mengenangaben und somit zu falschen Quoten.

Die tatsächliche Recyclingquote der praktischen Getränkeverpackung liegt nach Berechnungen der DUH bei nur rund 35 Prozent und damit um die Hälfte niedriger als offiziell behauptet. Der große Rest der Verpackungen landet zu Verbrennung in Zementwerken. „Dort sind die Rohstoffe verloren“, sagt Thomas Fischer, Experte für Kreislaufwirtschaft bei der DUH.

Er würde es lieber sehen, wenn die Materialien recycelt würden. Oder besser noch: Wenn die Kunden Mehrweg-Flaschen statt Kartons kauften. Die wiesen die bessere Öko-Bilanz auf.

Mehrweg zieht sich mangels Nachfrage allerdings seit Jahren aus den Regalen der Supermärkte zurück. Dass ein Pfand auf Getränkekartons diesen Trend umkehren kann, ist unwahrscheinlich.

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Lesetipp: Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Abfall ist in Deutschland ein Dogmenstreit. Jetzt schaffen es innovative Unternehmen, Recycling und Verbrennung intelligent zu verknüpfen. Unser Feature zeigt, wie sie Müll in hochwertige neue Produkte verwandeln – und wertvollen Brennstoff. Den Text finden Sie unter diesem Link: green.wiwo.de/grosse-fluff/

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