Too Good To Go: App rettet Lebensmittel vor dem Mülleimer

Too Good To Go: App rettet Lebensmittel vor dem Mülleimer

von Marius Hasenheit

Gute Lebensmittel landen tonnenweise im Müll. Für Restaurants gibt es jetzt eine Alternative: Take-Away statt Mülleimer.

In der EU wirft im Schnitt jeder Bewohner 123 Kilogramm Lebensmittel pro Jahr in den Müll – das entspricht 16 Prozent aller Lebensmittel, die uns Konsumenten erreichen. Doch nicht nur zu Hause landen oft Lebensmittel im Müll, auch in der Gastronomie werden viele Reste einfach entsorgt. Abhilfe will das Startup Too Good To Go mit einer App bieten: Restaurant können ihre Speisen kurz vor Ladenschluss günstig in Boxen an Selbstabholer verkaufen, anstatt die Lebensmittel wegzuwerfen.

Damit bietet das Startup nun eine Mülleimer-Alternative für eine Branche, die naturgemäß einen großen Anteil an entsorgtem Essen  hat. Einer Studie der Universität Stuttgart zufolge beläuft sich die Masse von weggeworfenen Lebensmitteln in Deutschland insgesamt auf knapp 11 Millionen Tonnen jährlich. Gemäß der Studie fallen bei Großverbrauchern wie Gaststätten, Hotels, Kliniken oder Schulen, allein zwischen 1,5 und 2,3 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle an. Der Hauptanteil dieser Abfälle entsteht in der Gastronomie: Zwischen 837.000 und 1.015.000 Tonnen pro Jahr.

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Sparpotenzial bei der Müllentsorgung

Die Gerichte und Backwaren, die bei Geschäftsschluss übrig bleiben, können nun über Too Good To Go per App und Internetplattform verkauft werden. Die Kunden bezahlen online, bekommen eine Bestätigung aufs Handy und holen sich das Essen dann direkt beim Betrieb ab. Dort können sie sich ihre Box individuell zusammen stellen. Das Startup bietet also eine Art Take-Away-Service für frische Speisen, die ansonsten im Müll landen würden. Ein Gewinn für die Gastronomie, die Kunden, sowie die Umwelt. Schließlich stehen hinter den Lebensmitteln Ressourcen wie Wasser, Boden, Dünger, die andernfalls weggeworfen würden. Auch auch Transportwege wären vergebens zurückgelegt worden.

Von dem Preis von 2,50 Euro pro Box, geht ein Euro an das Startup, das sich um die digitale Infrastruktur und den Kundenservice kümmert. Reich werden Restaurants so voraussichtig nicht, allerdings kommen zu den mutmaßlich vierstelligen Einnahmen durch den Boxverkauf im Jahr etwaige Einsparungen bei der Müllentsorgung.

300 Partner in Dänemarkhttps://youtu.be/xS_3YuWTrOk

 

„Die Idee ist so bestechend – ich fragte mich warum noch keiner früher darauf kam“, sagt Mai Goth Olesen. Die dänische Umweltwissenschaftlerin stieß mit ihrem Partner Jon Frisk im letzten Jahr auf einen Blogpost, in dem die Gründer Stian M. H. Olesen und Thomas Bjørn Momsen das Konzept vorstellten und diskutieren. Begeistert stiegen Mai Goth Olesen und Jon Frisk in das Startup ein. Sie kündigten ihre Jobs und zogen nach Deutschland um Too Good To Go auch hier aufzuziehen. In ihrem Heimatland Dänemark ging derweil das Startup durch die Decke: Es gab 120.000 Downloads – die Hälfte davon allein in zwei Wochen. Inzwischen kooperieren dort 300 Betriebe mit dem Startup.

Verpackungen aus Zuckerrohrfasern

Wie die meisten Startups ohne großes Werbebudget setzte das Team bei seiner Öffentlichkeitsarbeit auf die sozialen Medien. Mit kleinen Gewinnspielen und kostenlosen Mahlzeiten locken sie ihre Kunden. Manche von ihnen lobten auch den sozialen Charakter des Startups. Die Boxen können nämlich auch an Obdachlose gespendet werden.

Ökologisch ist das Startup sowieso. Zwar ließe sich der Verpackungsmüll der Boxen kritisieren, doch auch an dieser Stelle versucht das Jungunternehmen konsequent zu handeln. Ein Teil der Wegwerfboxen wird beispielsweise aus Zuckerrohrfasern gefertigt. Bei der Beurteilung ob diese Boxen wirklich nachhaltiger sind als die herkömmlichen, recycelbaren Plastikboxen, kann es nicht schaden, dass sich ein Teil des Teams mit Produktzyklusanalysen auskennt.

Ob nun Plastik oder Zuckerrohr: Auf Nummer sicher geht man in puncto Nachhaltigkeit mit einer wiederverwendbaren Metallbox. Der deutsche Ableger von Too Good To Go setzt daher auf die Tiffin-Swing aus Berlin. Die Box wurde bereits durch das Tiffin-Projekt, das die Box im Take-away-Bereich zu etablieren versucht, bekannt.

Internationalisierung ist im vollem Gange

25 Leute arbeiten bereits für das deutsche Team – Tendenz steigend. Dazu gibt es Ableger in Norwegen, Frankreich, Italien, Großbritannien und bald in Schweden. Das ist durchaus beachtlich, bedenkt man, wie jung das Unternehmen ist. Zumal Lebensmittelverschwendung bislang eher als Thema für engagierte Einzelpersonen, denn als Unternehmensprojekt erschien. Plattformen wie Lebensmittelretten, über die Privatleute kostenfrei Reste abholen können, standen im Vordergrund. Einen Wettbewerb wolle man auch nicht anzetteln, sagt Mai Goth Olesen. Sie betont, dass es mit der Plattform keine Konkurrenz gäbe. Schließlich retteten die einen die Lebensmittel vor dem Ladenschluss, die anderen danach. Bei 11 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle in Deutschland könnte man außerdem davon ausgehen, dass es genug für alle gebe.

Konkurrenz muss die freie Szene, in der Menschen aufgrund von ökologischer Überzeugung dumpstern oder containern, also Lebensmittel aus den Tonnen der Supermärkte holen, also nicht fürchten. Jedoch ist diese Form des Rettens ist für manche nicht nur etwas unappetitlich, sondern auch rechtlich nicht eindeutig geklärt und kaum eine Lösung für die Problematik der Lebensmittelverschwendung. Unternehmen die mit den übrig gebliebenen Nahrungsmitteln arbeiten, sind auch eher Einzelphänomene. Bisher gibt es bloß einige Caterer oder ein geplantes Restaurant.

Skype-Gründer zeigt InteresseToo Good To Go beweist jedoch, dass hinter der Lebensmittelverschwendung nicht nur eine große Ressourcen- und Geldvergeudung steckt, sondern auch ein Markt. Es ist daher wenig überraschend, dass sich auch die Skype-Gründer für das Jungunternehmen interessieren. Einer von ihnen, Niklas Zennström, managt den Wagniskapitalfonds Atomico, der in der europäischen Startupfinanzierung eine große Rolle spielt. Und das sind nicht die einzigen Investoren die sich das Konzept anschauen.

Ob Nahrungsmittelreste nun unentgeltlich über eine Plattform, oder bequem für einen kleinen Preis über eine App vor dem Mülleimer gerettet werden: Es scheint ganz so, als hätte nun die Verwertung von Lebensmittelresten ihre Nische verlassen. Too Good To Go gibt es bislang für Android und iOS, auch eine webbasierte Version existiert.

***Dem Autor auf Twitter folgen: @MariusHasenheit

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