Plastik im Meer: Wie eine Deutsche die Ozeane retten will

ThemaUmweltschutz

Plastikmüll im Meer: Wie eine Deutsche die Ozeane retten will

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Computermodell der Reinigungsanlage: Sie soll täglich mehr als 350 Tonnen Plastikmüll herausfischen

von Dieter Dürand

Eine Architektin aus Aachen will Atlantik und Pazifik von gigantischen Bergen aus Plastikmüll befreien und gleichzeitig saubere Energie gewinnen. Was Marcella Hansch antreibt – und wie realistisch ihr Projekt ist.

Wenn Marcella Hansch über ihr großes Vorhaben spricht, vibriert ihre Stimme vor Leidenschaft. Ihre dunklen Augen funkeln angriffslustig unter dem langen, braunen Haarschopf hervor. Es ist nicht zu übersehen und zu überhören: Der Skandal, dass unsere Weltmeere von den Stränden bis in die Tiefsee an Plastikabfall zu ersticken drohen, bringt die 30-Jährige in Rage. „Wir müssen damit aufhören, die Natur zu zerstören“, sagt sie heftig und ihre Gestik verwehrt jeden Widerspruch.

Doch der Jungarchitektin aus Aachen ist bloße Empörung nicht genug. Sie will etwas Handfestes gegen den Umweltfrevel tun. Dafür hat sie einen kühnen Plan ausgeheckt, dessen Umsetzung sie inzwischen praktisch ihre ganze Freizeit opfert, der sie kaum noch eine Sekunde loslässt. „Da hängt mein Herz dran“, sagt sie.

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Schwimmende Plattformen, groß wie Kreuzfahrtschiffe, sollen die Millionen Tonnen Kunststoff herausfischen, die sich überall angesammelt haben. Ob im Atlantik, im Indischen Ozean, in der Nordsee oder im Pazifik: Der Plastikschrott gefährdet über die Nahrungskette das Leben von Mensch und Tier.

Jungarchitektin Marcella Hansch zieht ihr Projekt gegen alle Zweifler durch. Quelle: Presse

Jungarchitektin Marcella Hansch zieht ihr Projekt gegen alle Zweifler durch.

Bild: Presse

Und nicht nur das. Hanschs Konzept sieht vor, den Müll vor Ort zu Wasserstoff und Kohlendioxid (CO2) zu verarbeiten. Der Wasserstoff soll die Anlagen mittels Brennstoffzellen mit sauberer Energie versorgen: Strom und Wärme. Mit dem CO2 will sie Algen füttern und aus ihnen wiederum biologisch abbaubare Kunststoffe herstellen. „Der Kreislauf wäre geschlossen“, sagt sie. Und ebenso wichtig: Ein Schritt zur Finanzierung des Projekts ist getan, ohne die all die schönen Ideen Makulatur bleiben. Doch wird das Projekt dadurch schon realistisch? Und kann die komplexe Technologie, die in der Plattform steckt, wirklich funktionieren?

"Nörgler gibt es immer"

Hansch kennt solche Einwände zur Genüge. Als Architektin, die für das Aachener Planungs- und Beratungsbüro Carpus + Partner mit Standorten in Frankfurt und München arbeitet und dort Bürokonzepte oder Forschungsgebäude etwa für Konzerne wie den Darmstädter Chemie- und Pharmakonzern Merck entwirft, ist sie jedoch geerdet genug, keine Luftschlösser zu bauen. „Ich verplempere meine Zeit nicht mit Utopien“. Was sei denn die Alternative, fragt sie rhetorisch? Den Zustand der Meere beklagen und Nichtstun? Wohl kaum. Es müsse dringend eine Lösung her.

Dass sie dabei Neuland betritt, ist ihr klar. Und gerade daraus bezieht sie Anreiz, Motivation und Kraft, das Projekt gegen alle Widrigkeiten, Herausforderungen und teils hämische Zweifel („Nörgler gibt es immer“) durchzuziehen. Als Mädchen vom Land, erzählt sie, habe sie früh gelernt, die Natur als kostbares Gut zu schätzen. Zugleich entwickelte sie in diesen Jahren ihre Abneigung, nur eingetretenen Pfaden zu folgen. Als 2013 die Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums anstand, war für sie rasch klar, keines der üblichen Themen zu wählen, etwa einen Kindergarten oder ein Theater zu entwerfen. "Das hat mich nicht gereizt."

Dennoch war es purer Zufall, dass sie sich zur Retterin der Meere aufschwingen sollte. Auf dem Flug zu einem Tauchurlaub auf den Kapverdischen Inseln vor Westafrika las sie in einer Zeitschrift zum ersten Mal von dem Problem der zunehmenden Vermüllung mit Kunststoffen. Und als sie sich bei ihren Unterwasserausflügen selbst immer wieder in Plastikflaschen und –tüten verhedderte, stand ihr Entschluss fest: Darüber schreibst du deine Arbeit.

Plastik Tütenverbot schützt Meere kaum

Plastiktüten und -flaschen müllen seit Jahren unsere Meere zu. Immer mehr Unternehmen verbannen ihre kostenlosen Tüten. Doch das hilft kaum: Denn unbemerkt geben wir jeden Tag Plastikmüll in die Umwelt ab.

Plastikmüll in der Hanauma Bay vor der Küste der hawaiianischen Insel Oʻahu Quelle: AP

Heraus kam das Konzept, das Hansch „Pacific Garbage Screening“ (PGS) taufte,  weil im Nordpazifik zwischen Hawaii, dem nordamerikanischen Festland und Asien die größte Müllhalde der Welt wabert und inzwischen die zweifache Größe Deutschlands erreicht hat. Um diese unglaubliche Fläche zu reinigen, darüber brauchte sie nicht lange nachzudenken, musste sie eine Anlage konzipieren, die tägliche riesige Mengen unschädlichen machen könnte.

Die zweite Herausforderung: Strömungen und der Austausch zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser in den Ozeanen ziehen einen Großteil des Plastiks wie ein Strudel bis zu 50 Meter unter Wasser, obwohl es eigentlich an der Oberfläche schwimmt, weil die Kunststoffe leichter als Wasser sind. Hansch musste also etwas konstruieren, dass den Müll auch in diesen Tiefen zuverlässig einsammelt.

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