Mobiles Mini-Labor: Wie der Gentest per Handy Leben rettet

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Mobiles Mini-Labor: Wie der Gentest per Handy Leben rettet

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Noch vor zehn Jahren lagen die Kosten für die Entschlüsselung des Genoms bei etwa 10 Millionen US-Dollar.

von Susanne Kutter und Andreas Menn

Gentests sind teuer und aufwändig? Das ist bald Vergangenheit. Dann verrät der Genscan per Handy im Handumdrehen, wer gesund und wer krank ist. IT-Konzerne wie Apple, SAP oder IBM steigen in das Geschäft ein.

Wer bei Erbgutanalysen an riesige Labore mit großen Automaten denkt, lebt in der Vergangenheit. Der Genscanner der Zukunft ist mobil, hat einen USB-Anschluss, passt in jede Hosentasche und ist keine Science-Fiction mehr: Das britische Start-up Oxford Nanopore bietet – weltweit einzigartig – so ein Gerät namens Minion für knapp 900 Euro Forschern bereits zum Testen an.

Das Winzlabor im Format eines alten Nokia-Handys zu bedienen ist ein Kinderspiel: Der Besitzer klappt es auf und träufelt ein wenig zuvor aufbereitete Spucke oder Blut in eine kleine Öffnung. Im Innern wird das Erbgut, das strickleiterartige Doppelhelix-Molekül DNA, entlang der Mitte in zwei Einzelfäden gespalten. Und dann wie eine Perlenschnur durch ein winziges nur wenige Nanometer, dem Millionstel Teil eines Millimeters, großes Loch gezogen. Dabei rutschen die Buchstaben des Gencodes einzeln durch die Nanopore und erzeugen ein typisches elektrisches Signal, das ein Chip erkennt.

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Erste Nutzer schwärmen von ganz neuen Möglichkeiten, die das Leichtgewicht bietet. Ärzte könnten mit der mobilen Analyseeinheit selbst in entlegensten Gebieten schnell herausfinden, welcher Erreger einen Menschen erkranken ließ, und sofort die richtigen Medikamente geben.

Kontrolle rund um die Uhr Die Tücken der Gesundheits-Apps

Nutzer von Gesundheits-Apps sollten sich über die Gefahren bewusst sein. Sie verleiten dazu, den Arztbesuch auszulassen. Hinzu kommen teure Folgen, wenn Versicherungen an die App-Daten kommen.

Google-Managerin Ellie Powers stellt im Juni 2014 die Plattform Google Fit für Fitness-Daten vor. Sie sammelt und analysiert Daten verschiedener Fitness-Apps. Was Datensammler freut, sehen Datenschützer, Politiker und Verbraucherschützer skeptisch. Quelle: dpa

Noch bedeutender: Mit solchen simpel zu bedienenden Minilaboren kann bald auch jeder Laie sein Erbgut zu Hause untersuchen. Einmal in den Handyaufsatz gespuckt – und fertig. Anschließend kann er die Ergebnisse nach Lust und Laune mit der Familie, Freunden oder dem Hausarzt teilen. So wie es viele heute schon mit ihren Fitnessdaten tun oder dem Rhythmus ihres Herzschlags. Die Selbstvermessung des Menschen, seit dem Boom der Tracking-Bänder und smarten Uhren ein immer beliebterer Trend, stieße in eine ganz neue Dimension vor.

Die Demokratisierung des Erbguts

An entsprechenden Geräten für jedermann arbeitet Nanopore bereits. Clive Brown, Technik-Vorstand der 250 Mitarbeiter starken Firma, sagt: „Wir verschmelzen Biologie und Informationstechnik.“

Mit dieser Idee sind die findigen Briten nicht allein: Auch Größen wie der Schweizer Diagnostik- und Pharmakonzern Roche setzen auf Chips mit Nanoporen. Noch entscheidender: IT-Konzerne wie IBM oder SAP steigen in die Erbgutanalyse ein. Ernst zu nehmenden Gerüchten zufolge bereitet auch Apple den Schritt gerade vor. Mit solchen Anbietern könnte die Erbgutanalyse zum echten Massenphänomen werden. Denn sie verfügen über genügend Rechenpower, um die riesigen Mengen an Erbdaten auszuwerten. Und sie haben – anders als jedes Biotech-Start-up – Zugang zu Millionen Kunden. Gerade die Marketingmaschine Apple mit weltweit 750 Millionen verkauften iPhones könnte sich erneut als Trendsetter erweisen.

Gentests für alle würden nicht nur die Medizin radikal verändern. Sie hätten auch Folgen für die Gesellschaft insgesamt (siehe folgende Übersicht):

Die Folgen von Gentests für alle

  • Infos über Krankheitsrisiken

    Durch die Demokratisierung des Erbguts könnte jeder viel mehr über seine genetisch bedingten Krankheitsrisiken erfahren, etwa Veranlagung für einen Herzinfarkt, Diabetes oder Krebs – und gezielt gegensteuern. Zum Beispiel mit viel Bewegung und Vorsorgeuntersuchungen. Das könnte die Krankenkassen um Milliardenbeträge entlasten.

  • Personalisierte Medizin

    Ärzte können das Wissen über die Gene ihrer Patienten nutzen, um die wirksamsten Medikamente für sie zu finden: Die personalisierte Medizin würde endlich wahr.

  • Unabhängigkeit von Ärzten

    Zugleich macht die Gensequenzierung per Handy-Gadget die Menschen unabhängiger von den Halbgöttern in Weiß: Die Schnelldiagnose von Geschlechtskrankheiten oder Krebs wird dann so simpel wie ein Schwangerschaftstest, beruhigt bei negativem Ergebnis und erspart manchen Praxisbesuch.

    Aber: Die Technik lässt die Menschen im Falle einer positiven Diagnose auch allein mit ihrem Wissen, wenn die Dienste nicht zugleich Hilfe und Beratung vermitteln.

  • Big Data

    Auch die Forscher würden von der massenhaften Auswertung des menschlichen Erbguts profitieren: Je breiter die Datenbasis, desto besser können sie die Zusammenhänge von Krankheit, Lebensstil und Erbgut verstehen und bessere Therapien entwickeln. Angesichts der immens komplexen Datenmengen spielt künstliche Intelligenz dabei eine wachsende Rolle.

Daher ist der Schritt der IT-Firmen in Richtung Genforschung logisch und konsequent. Nach Schätzungen des US-Netzwerkausrüsters Cisco wird die Zahl der analysierten Genbuchstaben in diesem Jahr auf eine Trillion anwachsen: eine Zahl mit 18 Nullen. Allein um diese Informationen zu speichern, wären 1,5 Milliarden DVDs nötig, der Stapel wäre 1800 Kilometer dick und würde von Berlin bis Barcelona reichen. Und er wird immer dicker, weil die Preise für die Analyse kompletter Genome auch in klassischen Sequenzierlabors inzwischen auf wenige Hundert Euro gefallen sind.

Attraktiv ist das weltweit boomende Geschäft mit der Gesundheit allemal, auch für Datenkonzerne. Bis vor Kurzem haben sich Apple, Google und viele andere Anbieter mit relativ unbedeutenden Gesundheits-Apps rund um Fitness, Schlaf oder Kalorien abgegeben, sagt Markus Müschenich, der Vorstand des Bundesverbands Internetmedizin. Er nennt das „funny health“. Nun würden die IT-Giganten den ernsthaften Gesundheitsmarkt erstürmen und wollten mit „serious health“ den Patienten in seinem Alltag erreichen. Der Alltag, in dem die Patienten bislang von der traditionellen Gesundheitsbranche allein gelassen wurden.

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