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Eurowings„Wir haben einen Pilotenmangel“

Fast ein Jahr nach dem Start muss die Lufthansa-Billigtochter Eurowings Flüge streichen und ganze Strecken aufgeben. Schuld daran ist nicht nur die zu optimistische Planung. Nun fehlen vor allem Piloten – aus einem überraschenden Grund.Rüdiger Kiani-Kreß 05.09.2016 - 10:30 Uhr

Lufthansa: Billigtochter Eurowings leidet unter Pilotenmangel.

Foto: dpa, Montage

Im Frühsommer wirkte Eurowings-Chef Karl Garnadt bereits wieder sehr entspannt. Immerhin war es dem im Lufthansa-Vorstand für die konzerneigene Billiglinie zuständigen Manager gelungen, dass seine Maschinen überwiegend pünktlich flogen. Noch im Winter landete teilweise gut jeder dritte Langstreckenflug verspätet und war dabei im Schnitt satte acht Stunden hinter der versprochenen Zeit. „Da haben wir hier und da Lehrgeld bezahlt“, sagte der 59-Jährige selbstkritisch – und hielt die Probleme für weitgehend gelöst.

Das war offenbar ein wenig voreilig. Zwar waren bis zum Sommeranfang zumindest auf der Langstrecke Flüge wie der 43-Stunden verspätete Dienst aus Phuket in Thailand im Mai die Ausnahme. Denn Garnadt hatte den Flugplan im Frühjahr gründlich ausgedünnt. Er setzte dabei auch den Start von Strecken wie in die iranische Hauptstadt Teheran aus und mietet bei anderen Linien zusätzliche Maschinen nebst Mannschaften an. Darum flogen im Juli fast alle der nahezu zwei Millionen Eurowings-Kunden pünktlich.

Doch seit Anfang August wird es eng. Am Ende musste Eurowings wieder öfter Flüge streichen. Dabei fiel auch die verspätet gestartete Route in die US-Metropole Boston. Bereits Ende August, kaum drei Monaten nach dem Start wird sie ganz aufgeben.

Problemfall Eurowings

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von Rüdiger Kiani-Kreß

Das sorgte für reichlich Wirbel in den sozialen Medien. Zwar schaffte es Eurowings Tausende Passagiere auf die Konzernmutter und andere Linien umbuchen. Doch bis dahin war immer wieder die Masse zu groß für den Service und die Call Center.

So gab es trotz der steigenden Überkapazitäten auf dem Nordatlantik in der spätsommerlichen Hauptreisezeit zu wenig Platz anderswo, um alle zum Wunschtermin hin und zurückzubringen. Darum wussten einige Kunden tagelang nicht, ob und wann sie abfliegen.

Europas größte Billigflieger
Stammland: TürkeiGröße der Flotte: 64 FlugzeugeUmsatz: 1,1 Milliarden Euro Stand (Größe der Flotte): Mai 2016Quelle: CAPA, Unternehmensangaben
Stammland: NiederlandeGröße der Flotte: 66 FlugzeugeUmsatz: 1,1 Milliarden Euro
Stammland: TürkeiGröße der Flotte: 67 FlugzeugeUmsatz: 1,1 Milliarden Euro
Stammland: UngarnGröße der Flotte: 67 FlugzeugeUmsatz: 1,4 Milliarden Euro
Stammland: DeutschlandGröße der Flotte: 89 FlugzeugeUmsatz: 1,9 Milliarden Euro
Stammland: NorwegenGröße der Flotte: 98 FlugzeugeUmsatz: 2,4 Milliarden Euro
Stammland: SpanienGröße der Flotte: 105 FlugzeugeUmsatz: 2,0 Milliarden Euro
Stammland: Deutschland/GroßbritannienGröße der Flotte: 108 FlugzeugeUmsatz: k. A.
Stammland: GroßbritannienGröße der Flotte: 249 FlugzeugeUmsatz: 6,3 Milliarden Euro
Stammland: IrlandGröße der Flotte: 351 FlugzeugeUmsatz: 6,5 Milliarden Euro

Manche mussten gar im Urlaub rätseln, mit welchem Flug sie wieder nach Hause kommen. Wenn sie auf die Mail mit der Flugabsage reagierten, bekamen sie nicht selten Standardmails, die sie auf eine Antwort bis zu zwei Wochen nach ihrem Reisebeginn einstimmten.

Zu den Gründen macht die Linie offiziell keine genauen Angaben. „Streckenstreichungen wie Köln-Boston sind sehr seltene Ausnahmen, die wir unter allen Umständen versuchen zu vermeiden – die aber in einem schwierigen Aufbaujahr der Low-Cost-Langstrecke leider nicht ganz auszuschließen sind“, heißt es offiziell.

Womit die Lufthansa ihr Geld verdient
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 32,1 Milliarden Euro Angaben für 2015Quelle: CAPA, Unternehmensangaben
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 16 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 5,4 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 4,5 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 10,1 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 2,1 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 2,1 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 1,9 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 2,0 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 2,4 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 0,1 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 5,1 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 8,8 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 3 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): 2,8 Prozent
Umsatz (inklusive interner Umsätze): 2,5 Milliarden EuroGewinnmarge (Ebit): -15,2 Prozent

Doch hinter den Kulissen klingt das deutlich klarer. Bei der ersten Pannenserie im Winter hatten die Planer unterschätzt, wie oft die Jets Pannen hatten und wie lange die Beschaffung von Ersatzteilen oder Personal dauern kann.

Nun drückt ein neuer Grund: „Wir haben einen Pilotenmangel“, erklärt ein Lufthansainsider. Besonders im Langstreckenbetrieb fehlt derzeit Cockpitpersonal.

Dafür sorgt eine skurrile Geschichte, die mit dem Unglück einer Germanwings-Maschine im Frühjahr 2015 begann. Weil der Co-Pilot die Maschine bewusst zum Absturz brachte, einigte sich die Lufthansa mit den Piloten und der Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) auf eine strengere Ausbildung. Es sollte auch ein Signal sein, dass Lufthansa beim Flugdiscounter bei der Sicherheit keine Kompromisse macht. Ob Lufthansa, Tochtergesellschaften oder eine beauftragte Linie: Wer künftig irgendwo im Kranichkonzern fliegen wollte, musste nicht nur die gesetzliche Ausbildung absolviert haben, sondern auch die anspruchsvollen Test der konzerneigenen Fluglehrer mit Bravour bestehen.

Platz 10: Jet 2

Jet 2 ging aus der 1978 gegründeten Channel Express hervor und nahm im Jahr 2013 ihren Flugbetrieb auf. Sie fliegt vor allem Urlaubsdestinationen am Mittelmeer sowie europäische Hauptstädte an. Der britische Billigflieger mit Sitz in Leeds startete im Juli 1846 Mal, verfügte über 345.414 Sitze und flog 516 Strecken.

Quelle: Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt; Ranking auf Grundlage der Starts im Juli 2017

Foto: WirtschaftsWoche

Platz 9: Transavia

Als Transavia Limburg, später Transavia Holland 1965 gegründet, sind die Niederländer mit Sitz in Haarlemmermeer heute eine Tochter von Air France. Die Billig-Airline unterhält noch bis Oktober einen Stützpunkt auf dem Flughafen München. Im Juli wurden von Transavia bei 1961 Starts mit 359.149 Sitzen insgesamt 371 Strecken geflogen.

Foto: REUTERS

Platz 8: Aer Lingus

Die nationale Fluggesellschaft Irlands wurde 1936 noch als Aer Lingus Teoranta gegründet, seit September 2015 ist sie eine Tochter der International Airlines Group (IAG), eine Holding mit Sitz in Madrid. Im Juli starteten die Iren 2181 Mal, bedienten 214 Strecken und verfügten über 328.946 Sitze.

Foto: AP

Platz 7: Wizz Air

2003 gegründet ist die Wizz Air heute die größte Airline Ungarns und die wichtigste Billigfluggesellschaft in Mittel- und Osteuropa. Seit 2015 sind die Aktien der Dachgesellschaft Wizz Air Holdings an der Londoner Börse gelistet. Wizz Air startete im Juli 2017 genau 3346 Mal, flog 1028 Strecken und verfügte über 661.080 Plätze.

Foto: AP

Platz 6: Norwegian Air Shuttle/ Norwegian Air International

Norwegian Air Shuttle, im Außenauftritt schlicht Norwegian, wurde 1993 als Regionalfluggesellschaft gegründet. 2013 gründete die Billig-Airline die Tochter Norwegian Air International für die Durchführung von Langstreckenflügen in die USA und nach Thailand. Die Skandinavier hoben im Juli 4371 Mal ab und bedienten bei einem Angebot von 315.113 Plätzen insgesamt 428 Strecken.

Foto: REUTERS

Platz 5: Flybe

Die als Jersey European Airways 1979 gegründete Fluggesellschaft hat bereits mehrere Umbenennungen hinter sich, 2002 stand dann der Name Flybe fest – das „be“ steht für British European. Größeres Aufsehen erregte die Billig-Airline 2008: Auf der Strecke Norwich – Dublin setzte sie angeblich Schauspieler als bezahlte „Fluggäste“ ein um ein vertraglich vereinbartes Passagierkontingent zu erfüllen. Für Fluggäste egal welcher Motivation standen im Juli 315.113 Plätze zur Verfügung, sie konnten 4371 Mal mit flybe abheben und 428 Strecken fliegen. Dass die Airline um Juni 2017 eine begonnene Expansion aufgrund von wirtschaftlichen Verlusten stoppte, macht sich auch im Ranking bemerkbar: Sie rutschte im Vergleich zum Januar 2017 vom dritten auf den fünften Platz ab.

Foto: REUTERS

Platz 4: Eurowings/Germanwings

Die beiden Lufthansa-Töchter Germanwings und Eurowings fliegen seit 2015 nur noch unter der Marke Eurowings. Eurowings fliegt vor allem Ziele in Deutschland und Europa an. Im Juli 2017 nahm die Fluggesellschaft eine neue Langstreckenverbindung nach Namibia auf. Die Airline ist mit einem Marktanteil von 52 Prozent derzeit der größte Anbieter in Deutschland - und will mit der geplanten Übernahme von Teilen der Air-Berlin-Flotte noch weiter wachsen. Im Juli starteten die German- und Eurowings-Maschinen 4388 Mal, boten 662.473 Plätze an und flogen 1006 Strecken.

Foto: dpa

Platz 3: Vueling

Die 2004 gegründete Vueling Airlines mit Sitz bei Barcelona ist wiederum eine Tochter der IAG. 2016 geriet die Airline in finanzielle Turbulenzen, die spanische Polizei musste bei gewalttätigen Tumulten wütender Passagiere eingreifen. Vueling strich daraufhin zahlreiche Strecken – vor allem in Deutschland. Obwohl die Airline damit ihre Flüge um 6 Prozent reduziert hat, kann sie aufholen und macht im Vergleich zum Januar zwei Plätze im Ranking gut. Im Juli 2017 flog Vueling noch 670 Strecken, bei 4528 Starts und 830.436 Plätzen.

Foto: dapd

Platz 2: Easyjet

Die 1995 von dem britischen Milliardär Stelios Haji-Ioannou, Sohn einer griechischen Reeder-Familie, gegründete Easyjet ist die zweitgrößte Billig-Airline Europas – mit deutlichem Abstand zur Nummer drei. Sie bedient heute mehrere hundert Routen zwischen Ländern Europas und Nordafrikas sowie der Türkei und Israel und hat ihr Streckennetz im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um 110 Strecken erhöht. Im Juli 2017 verfügte die Easyjet-Flotte über rund 1,88 Millionen Sitzplätze, hob 11.310 Mal ab und bediente 1587 Strecken.

Foto: dpa

Platz 1: Ryanair

Geschäftsführer Michael O’Leary, seit 1993 im Amt, fuhr schon mal im Weltkriegspanzer am Flughafen vor, um der Konkurrenz den „Preiskrieg“ zu erklären. Doch die exzentrische PR-Strategie hat, wie auch die teils umstrittene Sparpolitik, Erfolg: Ryanair ist nicht nur die größte Billigairline, sondern die größte Fluggesellschaft Europas überhaupt und hochprofitabel. Auch die Zahlen im Juli sprechen eine klare Sprache: mehr als 15.000 Starts, rund 2,9 Millionen Plätze, 2905 bediente Strecken. Damit konnte die Airline ihr Flugangebot gegenüber dem Vorjahr um 10 Prozent steigern, das Streckennetz ist sogar um mehr als 14 Prozent gewachsen. Die Iren thronen über allen.

Foto: dpa

Das klappte gut, bis der Konzern im Herbst 2015 beim Ausbau von Eurowings Gas gab. Um bei den Kosten besser mit Billigkonkurrenten wie Ryanair oder Easyjet mithalten zu können, setzte Konzernchef Carsten Spohr statt auf das eigene Personal oder Beschäftigte des Eurowings-Vorläufers Germanwings lieber auf Neueinstellungen mit niedrigeren Gehältern. Von Linien wie Sun Express holte er Mitarbeiter, für die weder bei den Löhnen noch bei Nebenregelungen der Konzerntarifvertrag galt.

Das wollten die Piloten verständlicherweise verhindern. Weil ihnen die Arbeitsgerichte untersagten, gegen die Leichtlohngruppen bei Eurowings zu streiken, versuchten die Piloten nach Ansicht von Insidern über die Pilotenausbildung Druck aufzubauen. „Wir müssen bei einer Entwertung unserer Jobs ja nicht auch noch mithelfen“, so ein Pilot. Er stellt klar: „Fliegt nicht mehr der Beste, sondern der Billigste, kann die Sicherheit leiden.“

Zwar weist die Vereinigung Cockpit jeden Zusammenhang zurück. „Doch in der Praxis fielen nun auf einmal deutlich mehr Neulinge bei den Lufthansa-Tests durch“, berichtet ein Insider. Dazu hatten offenbar auch viele der Intern Check-Piloten genannten Ausbilder deutlich weniger Zeit für Prüfungen.

Das traf Eurowings. Um bei Pannen, Flugverspätungen oder plötzlicher Krankheit genug Leute zu haben, braucht sie für jeden ihrer bis zu neun geplanten Langstreckenflieger bis zu 20 Piloten. Doch obwohl die Linie auch die Flugtochter des Reiseriesen TUI engagierte und im Frühjahr Routen wie Teheran gestrichen hatte, fehlte dem Vernehmen nach gut ein Dutzend Piloten. Also kappte die Linie erneut Flüge aus Angst vor neuen schlagzeilenträchtigen Verspätungen.

Fragt man nun im Unternehmen nach, sollte das erstmal ausreichen, damit ab dem Herbst alle Flüge wie geplant starten können. Hoch und heilig versprechen will das offiziell derzeit so recht noch keiner. „Wenn eines im Fluggeschäft sicher ist, dann dass die nächste Panne bestimmt kommt“, so ein Insider. „Vielleicht ist sie sogar schon da, während ich das sage.“

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