Nürburgring: Abramowitschs Einstieg ist Wilds Comeback
Mit dem Einstieg des russischen Milliardärs Viktor Charitonin am Nürburgring schien das Ende des bisher als Käufer vorgesehenen Düsseldorfer Automobilzulieferers Capricorn an der Rennstrecke besiegelt. Capricorn-Chef Robertino Wild konnte die zweite Kaufpreisrate in Höhe von fünf Millionen Euro nicht bezahlen und musste seine Anteile an der Nürburgring-Käufergesellschaft abtreten.
Doch der vermeintliche Verlierer Wild ist tatsächlich der heimliche Gewinner beim Einstieg des neuen Investors: Aus Dokumenten, die der WirtschaftsWoche vorliegen, geht hervor, dass der neue Ring-Chef Charitonin Wild zum stellvertretenden Aufsichtsratschef seiner NR Holding AG gemacht hat. Dieser gehören künftig die Anteile, die bislang von Wilds Capricorn Holding GmbH gehalten wurden.
Wie die WirtschaftsWoche in ihrer Montagsausgabe berichtet, hat Capricorn-Chef Robertino Wild den Deal mit Charitonin selbst eingefädelt – über eine prominente Urlaubsbekanntschaft: den russischen Oligarchen Roman Abramowitsch.
Nach Informationen aus Capricorn-Unternehmenskreisen kennt Wild Abramowitsch seit Jahren aus Urlaubsbegegnungen in den Alpen. Sie haben offenbar in Österreich und der Schweiz mehrfach in denselben beziehungsweise nahegelegenen Hotels logiert.
Schlüsselfigur Roman Abramowitsch
Den Informationen zufolge vermittelte Abramowitsch für Wild den Kontakt zu Charitonin, der allerdings nicht alleiniger Investor ist, sondern Teil eines Konsortiums. Abramowitsch soll das Konsortium zusammengestellt und sich in diesem auch selbst finanziell engagiert haben.
Er wolle aber nach außen nicht in Erscheinung treten, Charitonin sei als Gesicht der Investorengruppe auserkoren worden. Wild wollte die Informationen auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren. „Unsere Sprachregelung ist, dass Herr Charitonin die Anteile übernommen hat“, teilte er telefonisch mit.
Der von 2007 bis 2009 gebaute Freizeit-, Gastronomie- und Hotelkomplex an der weltbekannten Rennstrecke in der Eifel wurde mit öffentlichen Mitteln finanziert, weil private Geldgeber absprangen. Statt der veranschlagten 150 kostete das Projekt rund 330 Millionen Euro. Weil der Freizeitpark rote Zahlen schreibt, diskutieren rheinland-pfälzische Politiker dessen Schließung.
Foto: PressebildDie superschnelle, 13 Millionen Euro teure Achterbahn wurde 2009 gebaut. Sie beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 217 Stundenkilometer.
Nach zwei Test-Unfällen mit sieben Verletzten verweigert der TÜV die Betriebsgenehmigung und legte einen neuen Termin auf Juni 2011.
Foto: PressebildEin 15 000 Quadratmeter großer Indoor-Freizeitpark, der für 500 000 Gäste pro Jahr geplant war. Tatsächlich kamen 2010 weniger als halb so viele. Die neue Planzahl liegt bei 170 000 Besuchern pro Jahr.
Foto: PressebildDer Boulevard ist eine 350 Meter lange, 9000 Quadratmeter große Einkaufspassage parallel zur Start- und Zielgeraden. Statt Läden gibt es einen Nissan-Showroom, ein RWE-Infocenter, Büros von ADAC und TÜV und einen wochentags geschlossenen Klettergarten. 2009 wurde ein Zehntel der geplanten Mieteinnahmen erzielt, für 2010 liegen noch keine Angaben vor.
Foto: PressebildEine Veranstaltungshalle am Ring-Boulevard mit 3500 Sitzplätzen und 1800 Quadratmeter Innenraum. Ende 2010 und Anfang 2011 fielen nach Angaben des Ring-Managements drei von vier geplanten Konzerten „wegen mangelnder Nachfrage“ aus.
Foto: PressebildDie Feier-Meile mit sieben Restaurants, Café und der Disco Eifel- Stadl sollte auch im Winter Leben in die Eifel bringen. Stattdessen sind Lokalitäten wie das Steakhaus „El Chueco“ derzeit oft geschlossen.
Foto: PressebildSeit 2009 betreibt Lindner das Congress- & Motorsporthotel (vier Sterne) mit 154 und das Eifeldorf Grüne Hölle (drei Sterne) mit 65 Zimmern. Das ältere Dorint-Hotel (vier Sterne) hat 207 Zimmer. Lindner vergibt die Doppelzimmer im Vier-Sterne- Haus schon mal für 65 Euro pro Nacht.
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Abramowitsch, der nach Schätzungen über ein Vermögen von mehr als neun Milliarden US-Dollar verfügt und als Mäzen des Londoner Fußballklubs FC Chelsea bekannt ist, hat seit Jahren enge geschäftliche Beziehungen zu Charitonin. 2003 gründeten die beiden mit weiteren Investoren den Arzneimittelkonzern Pharmstandard. Inzwischen hat Charitonin den Medikamentenhersteller aus einem Vorort von Moskau zum größten heimischen Pharmaproduzenten in Russland gemanagt.
Wild zieht in Aufsichtsrat ein
Charitonin wurde vom Forbes-Magazin 2013 mit einem geschätzten Vermögen von gut einer Milliarde Dollar auf Platz 1342 der reichsten Menschen der Welt geführt, 2014 allerdings aus der Liste gestrichen, nachdem die in London notierten Aktien des Unternehmens aufgrund der Krim-Krise abstürzten. Pharmstandard und Charitonins Investmentfirmen, von denen zwei als Briefkastenadressen auf Zypern residieren, reagierten nicht auf Nachfragen zum Nürburgring-Deal.
Belegt ist unterdessen, dass der neue Nürburgring-Haupteigentümer Charitonin Wild zum stellvertretenden Aufsichtsratschef seiner NR Holding AG gemacht hat, die nun die bisher von Capricorn gehaltenen Anteile von zwei Dritteln an der Nürburgring-Käufergesellschaft Capricorn Nürburgring Besitzgesellschaft mbH (CNBG) übernommen hat.
Die Ernennung ist im Handelsregister bereits eingetragen. Sie erfolgte, obwohl Wild oder seine Firmen nun keinerlei Anteile an der CNBG mehr besitzen. Wild bestätigte die Informationen auf Nachfrage und teilte mit, dass er demnächst auch wieder Geschäftsführer der CNBG werden solle.
Fehler bei Sicherheiten für die zweite Rate
Von dieser Position war Wild Anfang Oktober abberufen worden, nachdem der 51-Jährige seine CNBG-Anteile auf Druck der Nürburgring-Insolvenzverwalter Jens Lieser und Thomas Schmidt an einen Treuhänder hatte übertragen müssen. Grund dafür war, dass Wild die ursprünglich Ende Juli fällige zweite Kaufpreisrate in Höhe von fünf Millionen Euro nicht hatte zahlen können und für einen Zahlungsaufschub bis 31. Oktober seine Kunstsammlung als Sicherheit stellte, obwohl diese bereits anderweitig verpfändet war.
Wild bezeichnet die doppelte Verpfändung heute als „einen Fehler, der juristischer Unkenntnis geschuldet war“. Der Gläubigerausschuss der Nürburgring GmbH hatte den Zuschlag für den Nürburgring am 11. März 2014 an Capricorn und seinen Mitbieter Getspeed vergeben – für einen offiziell ausgewiesenen Kaufpreis von insgesamt 77 Millionen Euro. Dieser teilt sich unter anderem auf in drei Eigenkapitalraten zu je fünf Millionen Euro mit Fälligkeitsterminen Ende März, Ende Juli und Ende Dezember.
Unmut im Gläubigerausschuss
Während Getspeed um Hauptgesellschafter Axel Heinemann – ein früherer Partner der Boston Consulting Group – die erste Rate aufbrachte, wurde die zweite, Ende Juli fällige Rate zunächst nicht bezahlt. Insolvenz-Sachwalter Jens Lieser verlängerte die Frist Mitte August rückwirkend bis Ende Oktober.
Der Gläubigerausschuss hatte der Verlängerung nicht zugestimmt, nach Angaben der Insolvenzverwalter war dies auch nicht erforderlich. Strittig ist, ob der Gläubigerausschuss nun dem Weiterverkauf der CNBG-Anteile an die Charitonin-Holding noch zustimmen muss.
Im Gläubigerausschuss regt sich Widerstand dagegen, dass Lieser auch diese Transaktion ohne Zustimmung des Gremiums durchführte und die Mitglieder lediglich benachrichtigte, dass der Weiterverkauf vollzogen worden sei. Die nächste Nürburgring-Gläubigerausschusssitzung findet am 10. November 2014 statt.