Die Grundregeln der Unternehmensführung

Grundregeln der Unternehmensführung: Unternehmerfamilien geben sich einen Ehrenkodex

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Dem Familienkodex verpflichtet: Nicola Leibinger-Kammüller (l) und Gatte Mathias Kammüller (r).

von Claudia Tödtmann

Unternehmer legen Werte und Grundsätze in einem Kodex nieder. So wie bei Familie Leibinger-Kammüller, die den Maschinenbauer Trumpf führen. Der Kodex hilft, Streit zu vermeiden und das Lebenswerk zu sichern.

An ihrem 16. Geburtstag bekommen alle Kinder der Familie ein ganz besonderes Geschenk. Feierlich überreichen ihre Eltern ihnen eine in Leder gebundene Familiencharta. Die haben Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller und ihre zwei Geschwister selbst verfasst, um der folgenden dritten Unternehmergeneration ihre Werte mit auf den Weg zu geben.

In dem Schriftstück geht es um Anstand, um Regeln, um Maßhalten und Bescheidenheit, um Leitlinien zum Umgang mit anderen Menschen, zum sozialen Engagement und zur Haltung gegenüber der Kirche. Ein reines Moralkompendium ist der Kodex aber nicht. So legt er etwa auch fest, was Familienmitglieder können müssen, wenn sie selbst im Unternehmen arbeiten wollen.

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Die Familie fühlt sich dem Kodex verpflichtet

Rechtlich verbindlich sind die Grundsätze nicht, mehr als salbungsvolles Dekor aber schon. Jedes Familienmitglied fühle sich dem Kodex verbunden, sagt Leibinger-Kammüller. Wenn die Kinder ihn an ihrem 16. Geburtstag unterschreiben, kommt das einer Initiation gleich. Fortan gehören sie zur Familienrunde, sind in deren Entscheidungen eingebunden. Das Prozedere mag altmodisch wirken. Der Nachwuchs aber wisse die ehrenvollen Vorgaben zu schätzen, so die Trumpf-Chefin.

Dass ein Kodex sinnvoll ist, meint nicht nur Leibinger-Kammüller. 35 Prozent der deutschen Unternehmerfamilien haben sich eine eigene Verfassung gegeben, zeigt eine Untersuchung der WHU – Otto Beisheim School of Management und der Beratung PwC. „Der übergeordnete Zweck von Familienverfassungen ist es, durch transparente Regeln für wiederkehrende Themen Enttäuschungen zu vermeiden“, sagt PwC-Partner Dominik von Au. „Hat man sich erst mal auf Spielregeln verständigt, ist eine Familiencharta ein richtiger Erfolgsfaktor.“

Über die Inhalte ihrer Grundordnung schweigen sich die Clans meist aus. Im Schnitt legen die Chartas auf 30 bis 40 Seiten keine detaillierten Geschäftsprozesse, sondern Grundregeln der Unternehmensführung und des Zusammenwirkens fest. Nur in ganz alten Verfassungen fänden sich noch antiquiert wirkende Vorschriften wie die zwangsweise Nachfolge durch den ältesten Sohn, berichtet von Au.

Maschinenbauer Trumpf "Veränderung ist wichtiger als Wachstum"

Die Leibinger-Kammüllers führen den Maschinenbauer Trumpf. Wie das als Ehepaar funktioniert, wie die Digitalisierung alles ändert und warum Europa gerade seine Zukunft verspielt.

Trumpf: Wie die Digitalisierung beim baden-württembergischen Maschinenbauer alles ändert. Quelle: dpa Picture-Alliance

Dafür geben sich gerade große Unternehmen zunehmend sogar neue Verfassungen, um weit verzweigte Eigentümerfamilien zusammenzuhalten. Der 80-seitige Kodex der unter anderem an Metro beteiligten Unternehmerfamilie Haniel etwa ist erst kürzlich fertig geworden. Er soll die Interessen der rund 680 Gesellschafter in Einklang bringen. Das jährliche Familientreffen in Duisburg dürfte harmonisch ablaufen, wenn sich alle an die Regeln halten.

Modern ist auch der Kodex der mit einem Vermögen von geschätzt 33 Milliarden Euro reichsten Sippe Deutschlands. Die Reimanns, unter anderem am Reinigungsmittelhersteller Reckitt Benckiser und mehreren Kaffeeunternehmen wie Jacobs beteiligt, sollen sich aus dem operativen Geschäft heraushalten und möglichst diskret leben. So dürfen sie sich nicht bei Facebook oder anderen sozialen Netzwerken im Internet anmelden, keine Fotos veröffentlichen und erst recht keine Interviews geben. Zur medialen Enthaltsamkeit sollen sich die Kinder am 18. Geburtstag per Unterschrift verpflichten.

Wichtiger als Regeln zum Umgang mit dem eigenen Bild ist der Einfluss der Verfassungen auf Konflikte innerhalb der Familien. Wenn inhabergeführte Unternehmen scheitern, liegt das vor allem an unterschiedlichen Interessenlagen der Eigentümer, sagt Arist von Schlippe vom Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten-Herdecke. Dabei geht es nicht nur um rationale Fragen der geschäftlichen Entwicklung, sondern auch um starke Gefühle wie Liebe, Eifersucht und Rücksichtnahme. Solche Emotionen sind unberechenbar, entfalten aber umso mehr Sprengkraft in der Familie – und damit gleichzeitig im Unternehmen. Eine Charta kann eine rationale Grundlage schaffen und so die Gefühle bremsen.

Wie umfangreich und detailliert sie das tun sollte, hängt davon ab, wie heterogen die Interessen der Mitglieder einer Familie sind. Jeder Kodex sollte individuell ausgehandelt sein und die Werte nur einer Familie abbilden. Denn jede Konstellation ist unterschiedlich und birgt damit unterschiedliches Konfliktpotenzial.

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