Siemens: Übernimmt sich Siemens mit diesem Kauf?
Es ist die zweite milliardenschwere Übernahme innerhalb weniger Monate: Am Mittwochabend gab Siemens bekannt, die US-Firma Dotmatics für 5,1 Milliarden Euro zu übernehmen. Damit wolle man seine „führende Position bei Industriesoftware weiter ausbauen“, so Vorstandschef Roland Busch.
Dotmatics wurde 2005 in London gegründet. Heute aber hat das Unternehmen seinen Sitz in Boston. Dotmatics ist ein Anbieter von wissenschaftlicher Forschungs- und Entwicklungssoftware. Eigentlich hat das Unternehmen einen Fokus auf „Life Sciences“ und will laut eigenen Angaben Softwarelösungen anbieten, „die Forschungsteams in den Bereichen Biologie, Chemie, Biopharmazeutik und Materialwissenschaften unterstützen.“
Etwas verwundert darf man sein: Mit „Life Sciences“ hatte Siemens zuletzt nur noch wenig zu tun, sich aus diesem Feld sogar bewusst zurückgezogen: Die Medizingeräte-Sparte, zu der dies noch am ehesten passen würde, hatte man 2018 unter Siemens Healthineers ausgegliedert. Warum also jetzt der Zukauf von Dotmatics?
Vor allem die Expertise im Bereich Materialwissenschaften und KI macht das Unternehmen für Siemens’ Digitalstrategie interessant. Der „Siemens Xcelerator“ soll die Produktionsprozesse endgültig ins 21. Jahrhundert führen, und die digitale Welt mit der analogen verschmelzen. Dazu gehört unter anderem das Anfertigen eines „digitalen Zwillings“ von Fabriken. Produktionsprozesse müssen nicht mehr erprobt, sondern können digital simuliert werden. Das spart dem Kunden Zeit und Kosten.
Der „Xcelerator“ umfasst jedoch mehr als „digitale Zwillinge“. Nicht nur Maschinen, sondern auch Teile – zum Beispiel die Tür einer S-Bahn – produzieren Daten, die an Siemens zurückgesendet und ausgewertet werden. So kann, um beim Beispiel des öffentlichen Nahverkehrs zu bleiben, eine S-Bahn-Tür ausgetauscht werden, bevor sie kaputtgeht, da zuverlässige Daten über deren Verschleiß vorliegen. Produktlebenszyklusmanagement, kurz PLM, heißt das im Branchensprech.
Die totale Digitalisierung
Genau an diesem Punkt dürfte der Kauf von Dotmatics ansetzen. Die firmeneigene KI-Plattform ist spezialisiert darauf, große Datenmengen zu verarbeiten. Die Übernahme ermöglicht Siemens, einen „end-to-end digital thread“ – also eine durchgängige digitale Verbindung – von der Forschung bis zur Produktion zu ermöglichen. Zudem bietet Siemens Automatisierungslösungen wie die SIMATIC-Systeme und MES-Software, die in der pharmazeutischen Produktion genutzt werden. Auch hier dürfte Dotmatics das Angebot schärfen.
Vor der Übernahme durch Siemens im Jahr 2025 gehörte Dotmatics dem Investor Insight Partners, einem bekannten Private-Equity-Unternehmen, das in Technologie- und Softwarefirmen investiert. Dotmatics rechnet für das laufende Jahr mit einem Umsatz von 300 Millionen Dollar. Mit einer Marge von 40 Prozent und nur 800 Mitarbeitern gilt es als hochprofitabel, und der Kaufpreis damit mit dem der vorausgegangenen Übernahme vergleichbar.
Healthineers-Beteiligung wird reduziert
Tatsächlich geht es derzeit Schlag auf Schlag mit den Zukäufen bei Siemens. Erst vergangene Woche hatte man den Kauf von Altair, einem Software-Spezialisten aus den USA, vollzogen. Mit zehn Milliarden Euro war es die bisher teuerste Übernahme in der Firmengeschichte.
Die Übernahme soll zum Jahreswechsel vollzogen werden. Finanziert wird sie mit dem Verkauf von Healthineers-Beteiligungen – was CFO Ralf Thomas noch im Dezember vergangenen Jahres angekündigt hatte. Siemens hält dort noch eine Beteiligung von 70 Prozent. Die Mehrheitsbeteiligung stehe auf dem Prüfstand, so Thomas.
Bleibt zu hoffen, dass sich Siemens mit der Übernahme nicht verzettelt. Denn so passgenau wie das Portfolio von Software-Spezialist Altair ist das von Dotmatics nicht.
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