Sinnvolle Arbeit: Ein Workshop zum Abschied
Unternehmen, die Stellen abbauen wollen, haben verschiedene Möglichkeiten: Manche setzen zum Beispiel auf eine strikte Zurück-ins-Büro-Politik – und kalkulieren ein, dass einige Mitarbeiter da nicht mitmachen und von sich aus kündigen. Anzeichen dafür hat etwa Yuye Ding von der University of Pittsburgh in einem aktuellen Forschungspapier niedergeschrieben.
Ein anderer Weg, weitaus verbreiteter, auch in Deutschland: Kompensation durch Abfindungsprogramme. Ein Anreiz, zu gehen.
Das Problem: Das Management kann kaum im Vorfeld abschätzen, wer sich dafür entscheidet. Das Unternehmen soll überleben – und das möglichst mit den besten Leuten. Auch deshalb setzen einige auf Mobbing gegen Minderleister, Low Performer genannt. Sie geben denjenigen, die sie loswerden wollen, nur noch belanglose Aufgaben oder völlig unrealistische Deadlines. Sie stecken sie in immer kleinere Büros oder Meetings mitten in der Nacht, damit der eine Kollege in Australien dabei sein kann. Quiet Firing nennt sich das. Effizient ist das nicht, erlaubt schon gar nicht.
Elon Musk wiederum verschickte 2022 nach seiner Twitter-Übernahme Abfindungsangebote an Mitarbeiter, die sich in seinen Augen dem Unternehmen gegenüber nicht verpflichtet genug fühlten, per Mail. Enthusiasmus nur vorzugaukeln war in dem Moment mit Kosten verbunden, wenn man sich das Paket entgehen ließ. Viele schlugen ein.
Forscher der Universität Rotterdam haben schon vor einigen Jahren herausgefunden: Abfindungsprogramme sollten keine permanente Praxis sein, sonst nutzten Menschen sie teilweise aus. Damit Mitarbeitende ein solches Programm nicht im Vorhinein einkalkulieren, müsse es überraschend kommen.
Mehr Kündigungen nach Workshops
Ein weiteres Problem: Diejenigen, die das Geld nehmen, haben oft sehr gute Chancen, schnell einen neuen Job zu finden. Es lohnt sich also, genau zu überlegen, was man mit dem Abfindungsprogramm bezwecken will – und wer auf keinen Fall gehen soll.
Doch es gibt einen sanfteren und günstigeren Weg, wie eine neue Studie der London School of Economics und der University of Chicago zeigt. Grob gesagt geht es darum, die Mitarbeiter reflektieren zu lassen, ob sie ihre Arbeit sinnvoll finden – oder nicht womöglich woanders glücklicher wären. Die Wissenschaftler befragten knapp 3000 Büroangestellte eines weltweit tätigen Konsumgüterunternehmens mit rund 124.000 Mitarbeitern zum Sinn ihrer Tätigkeit, Purpose im Managementsprech. Sie sollten angeben, was ihnen wichtig ist und ob der Job sie erfüllt. Nicht die Unternehmensperspektive stand im Vordergrund, also Sinn und Zweck, den sich das Unternehmen selbst zuschreibt, sondern die ganz individuelle Sicht.
Ergebnis des Experiments: In den Monaten nach den Workshops stiegen die Kündigungszahlen unter den Teilnehmenden der Befragungen denen gegenüber, die nicht mitgemacht hatten, substanziell. Besonders interessant: Die Rate derer, die sich verabschiedeten, erhöhte sich vor allem unter Mitarbeitern mit niedrigeren Performancewerten. Die Produktivität stieg.
Sinnvolle Arbeit für bessere Leistungen
Die Forscher nannten die Intervention „Entdecke deinen Purpose“. Sie beobachteten Reaktionen und Verhalten der Mitarbeiter über einen Zeitraum von zwei Jahren. Weitere Gründe für die steigende Performance waren neben Kündigungen auch Versetzungen in einen anderen Bereich und tatsächliche Verbesserungen der Arbeit. Die Kündigungen und interne Versetzungen stiegen in den ersten sechs Monaten des Versuchs gegenüber der Kontrollgruppe um 88 Prozent.
Die Ergebnisse aus Harvard und Chicago helfen also nicht nur, Mitarbeiter loszuwerden, sondern auch, sie zu halten und gemeinsam zu überlegen, welcher Aufgabenbereich ihnen womöglich besser liegt.
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