Resilienz: „Mental starke Menschen machen ihr Glück nicht abhängig von Anderen“
WirtschaftsWoche: Herr Walter, „Bürokratie macht mürbe und krank“, hieß es 2024 auf dem Deutschen Ärztetag. Stimmen Sie als Psychologe zu?
Jürgen Walter: Nein. Bürokratie macht nur krank, wenn ich mich krankmachen lasse.
Wie schaffe ich es, mich dagegen abzuschirmen?
Indem ich erkenne: Wenn ich Dinge nicht verändern kann, muss ich den Quatsch mitmachen. Ich muss mir das schönreden.
Das ist viel verlangt.
Viele Menschen stellen sich bei Bürokratie als Erstes die Frage: Wollen die mich ärgern? Darauf antworte ich in 100 Prozent der Fälle: Nein, keiner will mich ärgern.
Nehmen wir Bürokratie zu persönlich?
Ja. Dass Dinge oft nicht optimal geregelt sind, ist eine andere Frage. Wie bei den neuen Verschlüssen von Plastikflaschen, die sich nicht abmachen lassen. Das war gut gemeint. Aber die Leute kaufen jetzt wieder mehr umweltschädlichere Dosen.
Die Verschlüsse lassen sich allerdings leicht abreißen. Ist das Gefühl der Hilfslosigkeit bei Bürokratie also oft übertrieben?
Wir stehen ja auch im Stau oder an der Kasse im Supermarkt und regen uns nicht so sehr auf. Aber da sind wir in einer Gruppe und fühlen uns nicht so alleingelassen. Muss ich ein Formular ausfüllen, bin ich hingegen ganz alleine mit mir. Außerdem sinkt allgemein die Frustrationstoleranz, das Fell wird dünner. Das lässt sich sehr gut an der zunehmenden Aggression im Straßenverkehr beobachten.
Schaden wir uns mit dem Frust über Bürokratie am Ende nur selbst?
Das würde ich sagen. Wenn der Blutdruck und die Stresshormone steigen, muss ich mich fragen: Ist es mir das wirklich wert? Wenn ich mich über etwas ärgere, gebe ich dem Amt oder dem verspäteten Bus sehr viel Macht über mich und mein Wohlbefinden. Die wichtigste Person in meinem Leben bin aber ich selbst. Deswegen muss ich dafür sorgen, dass es mir gut geht. Also: Macht euch nicht abhängig von Anderen.
Das ist leichter gesagt als getan. In einigen Berufen nimmt Bürokratie überhand.
Ich halte es mit dem alten Spruch: „Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.“ Dazu gehört, dass man vielleicht nicht immer 100 Prozent liefern muss. Oftmals reichen auch 80 Prozent Aufwand.
Halten Sie das auch so?
Ich müsste in meinem Betrieb eigentlich alle Stifte zählen. Das mache ich aber natürlich nicht, sondern schätze und trage 80 ein. Ich bewerbe mich mittlerweile auch nicht mehr um Aufträge im öffentlichen Dienst. Mir ist der bürokratische Aufwand zu groß. Das kann ich ja aber selbst entscheiden.
Nervt Bürokratie auch deshalb, weil sie uns unsinnig erscheint?
Ich wüsste keine einzige bürokratische Maßnahme, bei der ich den tieferen Sinn nicht verstehe, wenn ich mich wirklich anstrenge. Bürokratie muss nun einmal alle Fälle abdecken und passt deshalb nicht genau für jedes individuelle Anliegen.
Fühlen wir uns persönlich angegriffen, weil wir zu sehr unsere eigene Sichtweise in den Mittelpunkt stellen?
Wenn ich gesehen werden will, sollte ich nicht auf das Amt hoffen. Dasselbe gilt für den Chef. In meinem Coaching beschwerte sich jemand kürzlich: „Mein Chef wollte dringend Listen von mir. Letztendlich hat er sie aber doch nicht gebraucht.“ Ich sage dann: „Wo ist das Problem? Sie haben doch trotzdem gute Arbeit gemacht. Dafür bekommen Sie schließlich Geld.“
Ein Lob für die Mühe wäre trotzdem schön.
Ich habe vielleicht eine extreme Meinung. Aber ich finde, man sollte nicht an den Arbeitsplatz gehen, um gelobt zu werden. Klar: Wertschätzung muss sein. Aber mental starke Menschen machen ihr Glück nicht abhängig von Anderen.
Ist es also ein Warnzeichnen, wenn ich mich über Bürokratie sofort aufrege?
Ich kann nur sagen: Vorsicht, wenn mich so etwas schon ärgert. Wir ziehen unsere Kraft nicht nur aus dem Beruf, sondern auch aus zwischenmenschlichen Kontakten und Hobbys. Wenn der Job oder die Bürokratie nerven, reagiere ich mich halt privat ab, aber bitte nicht am Partner oder den Kolleginnen. Gehen Sie joggen oder Holz hacken.
Aber ich darf mich schon ärgern?
Natürlich, Sie sollen den Frust ja nicht herunterschlucken. Aber überlegen Sie, was das letztlich für Ihr Wohlbefinden bedeutet und wer den Ärger abbekommt.
Kann ich auch aktiv etwas gegen Bürokratie unternehmen?
Wenn ich denke, dass etwas wirklich unsinnig ist, hab ich doch einige Möglichkeiten. Ich kann bei der Behörde anrufen. Manchmal lassen Beamte durchaus mit sich reden. Und oft erscheint der Bürokratie-Berg viel höher, als er ist. Halte ich etwas für einen massiven Fehler, kann ich das einem Mitglied des Stadtrats schildern. Das ändert nicht sofort etwas. Aber vielleicht landet das Thema ja irgendwann im Bundestag.
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