BörsenWoche 509: Editorial: Go Big or go Home

Als Anleger träumt man davon, an der Börse einen richtigen Geheimtipp zu entdecken. Etwa eine kleine Softwareschmiede, die plötzlich groß rauskommt und Aktionäre reich belohnt. Oder ein Biotech-Start-up, das einen Durchbruch schafft. Das gelingt jedoch in den seltensten Fällen.
Viel aussichtsreicher ist die gegenteilige Herangehensweise: auf Unternehmen zu setzen, deren Erfolg so offensichtlich ist, dass die Investmentthese fast schon banal klingt. Es gibt einige Marktführer, die zwar theoretisch Konkurrenz haben, aber praktisch eine Klasse für sich sind. Und deren Aktien laufen oft besonders gut.
Der Streaming-Anbieter Netflix ist ein schönes Beispiel dafür. Ende des vergangenen Jahres zählte Netflix weltweit 302 Millionen Abonnenten. Kein anderer Streaming-Anbieter kann mithalten, nicht einmal Disney+ mit seinen beliebten Inhalten. Immer wieder hatten Anleger das Gefühl, den Einstieg bei Netflix verpasst zu haben. Und immer wieder hatten sie Unrecht und die Aktie stieg noch weiter. Mittlerweile ist das Unternehmen fast eine halbe Billion Dollar wert. Bei Nachzügler Disney war genau das Gegenteil der Fall: Die Hoffnung auf eine Trendwende bei der Aktie wird seit zehn Jahren enttäuscht.
Und in der Autobranche? Die befindet sich im Umbruch: Die Kosten sowie die Ansprüche an Technik und Software steigen, Emissionen müssen sinken und es droht neue Konkurrenz aus China. Auch hier gibt es aber klare Sieger. Da ist zum einen der Elektroautopionier Tesla, zum anderen die einzigartige Luxusmarke Ferrari. Die Aktien beider Unternehmen haben sich langfristig hervorragend entwickelt. Ein Investment in andere etablierte Autohersteller hat sich in den vergangenen Jahren dagegen kaum gelohnt.
Ähnlich verhält es sich bei Smartphones. Die waren der große Wachstumsmarkt der vergangenen Jahrzehnte. Wirklich profitiert davon haben aber nur Aktionäre von Marktführer Apple, dessen iPhone zur Gewinnmaschine wurde. Kein anderer Smartphone-Produzent macht so üppige Profite mit den tragbaren Geräten.
Die Dynamik, dass die Aktien von Marktführern oft besonders gut laufen, erklärt auch den Erfolg der großen Technologieunternehmen. Bloß handelt es sich hier meist nicht um Marktführer, sondern um Quasimonopole. Amazon im Internethandel, die Google-Mutter Alphabet bei der Internetsuche, der Facebook-Konzern Meta bei sozialen Netzwerken und Microsoft bei Betriebssystemen. Ihre Aktien sind auf lange Sicht stark gestiegen und zeigen, dass es sich für Anleger oft lohnt, ihre Analyse nicht unnötig kompliziert zu machen.
Das heißt allerdings nicht, dass die Marktführer-Strategie immer funktionieren würde. So sah zum Beispiel der dänische Insulinspezialist Novo Nordisk mit seiner neuen Abnehmspritze eine Zeit lang unerreichbar aus. Mittlerweile muss er sich aber den Markt mit Eli Lilly teilen. Der Aktienkurs hat sich deshalb innerhalb eines Jahres halbiert.
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