Management-Moment der Woche: Wer ist hier eigentlich loyal?
Das ist passiert
Am vergangenen Montag geschah, was noch nie vorkam in der Geschichte der Bundesrepublik: Erst im zweiten Anlauf wurde Friedrich Merz zum Kanzler gewählt, nachdem er im ersten Wahlgang durchgefallen war. Ihm fehlten sechs Stimmen. Im ersten Wahlgang verweigerten ihm also 18 Abgeordnete von CDU/CSU und SPD die Gefolgschaft.
Das können Sie daraus lernen
Auch in Unternehmen kann es passieren, dass sich Mitarbeiter gegenüber ihren Führungskräften als illoyal erweisen – nicht so offensichtlich wie bei der Kanzlerwahl, sondern schön im Verborgenen. Um festzustellen, ob sie solche Abweichler fürchten müssen, gibt es für Chefs gewisse Anhaltspunkte. Organisationsexperte Raimund Gebhardt empfiehlt eine Kurzformel, um sich selbst zu hinterfragen: „Bekomme ich ehrliche Einwände, schnelle Infos, sichtbare Initiative?“ Ist die Antwort dreimal Nein, steht das Team neben dem Chef nicht hinter ihm, sagt der Coach.
Doch wer sind die illoyalen Mitarbeiter und wie gehen Führungskräfte mit ihnen um?
1. Allen Beteiligten gut zuhören
Managementcoach Hanns-Ferdinand Müller rät Führungskräften, auf allen Ebenen viel zu kommunizieren: Kollegen und Mitarbeitern in der Kantine, aber auch Gesellschaftern und Aufsichtsräten oder den Kunden außerhalb des Unternehmens solle man gut zuhören. „Die Menschen verraten viel, bewusst oder unbewusst“, sagt der Coach, der zuvor jahrelang Vorstand in einem Energiekonzern war. Wichtig sei, solche Gespräche zu suchen und dabei auf die Zwischentöne zu achten.
Müller berichtet von einem typischen Fall: Eine Assistentin trauerte insgeheim ihrem früheren Chef nach und sabotierte den Neuen. Sie sagte dem Neuen nur, dass sein Aufsichtsrat angerufen hat – aber nicht, dass er das schon dreimal tat und wie dringend es war. Deshalb erkannte der Vorgesetzte die Brisanz der Lage nicht, reagierte zu langsam und zog die Wut seines Aufsichtsrats auf sich. Der Chef hätte daraufhin nachhaken müssen, warum seine Mitarbeiterin ihn so auflaufen ließ.
Auch Menschen, die neidisch, gekränkt oder frustriert sind, weil sie etwa selbst den Posten des Chefs haben wollten, sind potenzielle Aufrührer. Mit ihnen lohnt sich unermüdliche Kommunikation ebenfalls.
Chefs sollten auch hellhörig werden, wenn Mitarbeiter immerzu versuchen, ihre Kollegen als illoyal darzustellen. Auch das ist laut Müller ein Hinweis. Sie würden versuchen, von sich selbst abzulenken.
2. Loyalität erkennen
Auf den ersten Blick sind die Mitarbeiter anstrengend, die ihrem Chef offen die Mängel des neuen IT-Systems schildern oder im Großraumbüro für mehr Rückzugsräume eintreten. Aber sie sind auch wertvoll: „Sie schenken ihrem Chef ihre Meinung“, nennt es Coach Müller. Sie zählen nicht zu den Saboteuren – auch wenn Manager sie zuweilen wegen ihres vermeintlichen Widerspruchs im Feindeslager verorten. Richtig sei das Gegenteil. „Eitle Chefs verwechseln das und wittern Illoyalität, doch das ist unprofessionell“, sagt Müller. Heikel sind dagegen Saboteure, die aus Illoyalität oder Abneigung gegen den Chef ihre wahre Gesinnung verheimlichen. Solche Mitarbeiter lehnten das neue IT-System ab, redeten hinter dem Rücken des Managers schlecht darüber und blockieren, ohne es offen anzusprechen.
Vertrauen können Chefs ebenfalls Mitarbeitern schenken, die darum bemüht sind, Misserfolg ohne Schuldzuweisungen aufzubereiten. Verbal setzen sie auf das „Wir“. Dasselbe gilt für Erfolge. Die Sprache zeigt die Haltung, so Raimund Gebhardt. Dann heißt es: „Wir haben etwas Gutes auf die Beine gestellt.“ Und nicht: „Ich habe das Konzept durchgesetzt“.
Andere Hinweise auf gelebte Team-Loyalität seien Schnelligkeit und Selbstverständlichkeit. Wenn der Chef Hilfe braucht, muss er nicht lange bitten, sondern wird spontan unterstützt.
3. Schonungslos ansprechen
Hat der Chef einen illoyalen Mitarbeiter entdeckt, ist offene Kommunikation das beste Gegenmittel, sagt Müller. Nur so kann die Führungskraft herausfinden, wo dessen Problem liegt oder ob derjenige vielleicht doch gar nicht illoyal ist, sondern nur Opfer einer Intrige eines anderen wurde.
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