US-Anleihen: Anleger, bitte wachsam bleiben!

Theoretisch sollten die Finanzen eines Staates nach ähnlichen Regeln funktionieren wie die im eigenen Portemonnaie: Wer viel Geld ausgeben möchte, der muss auch viel verdienen. Auch, wenn man die Vereinigten Staaten von Amerika ist. Weil die größte Volkswirtschaft der Welt mehr Waren im Ausland kauft als verkauft und so ein enormes Leistungsbilanzdefizit angehäuft hat, muss sie dieses Defizit an anderer Stelle ausgleichen.
Bisher funktionierte das ganz passabel. Kein Investor stellte die Rolle des Dollar als zentrale Reservewährung infrage, US-Staatsanleihen waren die sichere Geldanlage, stets gefragt und in vielen Depots. Weil insbesondere ausländische Investoren auf diese Weise Billionen Dollar in die amerikanische Staatskasse spülten, wog das Handelsdefizit nicht so schwer.
Ein bröckelndes Privileg: Denn die USA bekommen ihr Schuldenproblem nicht in den Griff. Und allmählich sinkt unter Investoren die Bereitschaft, das Washingtoner Defizit zu finanzieren. Der Mittwoch hat das eindrücklich gezeigt. Bei einer Auktion 20-jähriger US-Staatsanleihen hatte Finanzminister Scott Bessent Mühe, die Papiere loszuwerden. Über fünf Prozent Rendite forderten die Investoren, weit mehr als die 4,6 Prozent, die als Benchmark veranschlagt waren. Dass auch der Dollar parallel weiter abwertete, ließ bei vielen Investoren die Alarmglocken schrillen. Das Wort Käuferstreik macht die Runde.
Anleger sollten das Problem nicht unterschätzen. Nur weil der Zollkonflikt gerade für 90 Tage Pause hat, täuschen die steigenden Kurse von Dax und Co. noch darüber hinweg, dass sich jenseits des Atlantiks eine explosive Schuldenlawine aufbaut.
US-Anleihen gelten lange als unverzichtbar. Die Märkte haben das Schuldenproblem der US-Wirtschaft deshalb lange nicht eingepreist. Das könnte sich rächen. Schon 2024 lag die Schuldenquote der USA bei 98 Prozent der Wirtschaftsleistung, laut offiziellen Schätzungen könnte sie bis 2035 auf 134 Prozent steigen. 2026 könnten die Ausgaben für Zinsen erstmals die Billionengrenze durchbrechen.
Die Bondwächter („Bond Vigilantes“) haben das Problem erkannt. Sie verkaufen Anleihen hoch verschuldeter Staaten und treiben so die Renditen in die Höhe, um die Politik zum Sparen zu bringen. Gut so, denn von allein wird Donald Trump den Gürtel nicht enger schnallen. Im Gegenteil, der US-Präsident plant gerade Steuersenkungen, die das Defizit noch mal um bis zu fünf Billionen Dollar vergrößern könnten.
Anleger sollten daher wachsam bleiben. Wenn die Bondwächter Trumps Schuldenorgien nicht bremsen können und internationale Investoren bei US-Assets bei ihrem Käuferstreik bleiben, schwappt die Verkaufswelle von Anleihen schnell zu den Aktienmärkten über. Dann dürfte der Zollcrash nur ein Vorgeschmack auf das sein, was noch droht.
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