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Neijuan in ChinaVon 内卷 sollten Sie schon mal gehört haben

China strampelt sich ab, entwickelt sich in irrem Tempo. Dennoch fühlt sich das in vielen Branchen nicht nach vorankommen an. Das sind die Gründe. Eine Kolumne.KOMMENTAR von Herbert Diess 06.07.2025 - 14:48 Uhr
Nicht nur Besucher, auch die Unternehmen sorgen für ein dichtes Gedränge auf der Shanghai Auto Show. Foto: REUTERS

Neijuan, auf Deutsch Involution – mit diesem Begriff beschreiben die Chinesen, was derzeit in vielen Branchen in China passiert. Der Ausdruck umschreibt in der Ökonomie des Landes eine Situation innerer Verengung, Zurückbildung und eine andauernde Effizienzsteigerung, die keine Ergebnisverbesserungen bringt. Fortschritt oder wirtschaftliches Vorankommen gelingt nicht in gewohntem Maße trotz größter Anstrengung.

Das Phänomen zeigt sich in der chinesischen Autoindustrie – und wird auch international wahrgenommen. Immer härter wird der Wettbewerb gefahren, immer aggressivere Preissenkungen sollen die Kunden zum Kauf bewegen. Immer härter arbeiten Führungskräfte, Mitarbeiter und Zulieferer, um in diesem „Rat Race“ zu überleben.

Zuletzt musste die chinesische Regierung eingreifen, weil auch die führenden Hersteller (nicht die schwächsten) die Zahlungsziele mit ihren Zulieferern auf sechs Monate und teilweise darüber hinaus hochgeschraubt hatten. Sie hatten also Autos gebaut, darauf gehofft, sie zu verkaufen und dann ein halbes Jahr später für die dafür benötigten Teile zahlen wollen. Jetzt lautet die staatliche Empfehlung: Zwei Monate, dann soll bezahlt werden.

Zu dieser Kolumne
Herbert Diess war bis Mitte 2022 Vorstandschef von Volkswagen, davor unter anderem Vorstandsmitglied bei BMW. Derzeit ist er Aufsichtsratschef des Chipkonzerns Infineon und Vorsitzender des Verwaltungsrats von The Mobility House, einem Anbieter von Ladeinfrastruktur für Elektroautos.
... Ex-VW-Chef Herbert Diess, die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, dm-Geschäftsführer Christoph Werner und die ehemalige Cum-Ex-Ermittlerin Anne Brorhilker.

Dabei wird der Kapitalbedarf auch der führenden Spieler immer höher. BYD hat erst rund sechs Milliarden Dollar neues Kapital geschöpft und plant wohl bereits eine weitere Eigenkapitalemission in ähnlicher Höhe. Die Preissenkungen, die der Marktführer in diesem Rennen vorgibt, beschleunigen die Abwärtsspirale.

Das Vorgehen kann nur so verstanden werden, dass damit Verfolger in die Knie gezwungen werden sollen. Denn die eigene Unternehmensbewertung leidet natürlich auch unter dem chronischen Margenrückgang. Rund 25 Prozent hat die Marktkapitalisierung von BYD in den letzten Monaten nachgegeben.

Zunehmend wird der einst „eindeutige Sieger der Antriebswende zum E-Fahrzeug“ kritischer gesehen und mit Wachstumsstorys verglichen, die am Ende doch nicht aufgegangen waren.

Viele Autohersteller müssen die (sehr attraktiven!) Autos, die beim Kunden landen, mit jeweils 5000 bis über 10.000 Euro frischem Eigenkapital stützen – in der Hoffnung auf weiteres Wachstum, Skaleneffekte und Effizienzsteigerungen, um bei noch niedrigeren Preisen im Markt zu bleiben.

Jede Provinz hat so mindestens eine, manchmal mehrere Automarken gebannt im Blick. Denn die Position und Zukunft des Provinzgouverneurs hängt insbesondere an der Steigerung der Wirtschaftsleistung, gemessen am Bruttosozialprodukt der Provinz. Das Auto ist (weltweit) für die Steigerung der Wirtschaftsleistung so beliebt, weil der Umsatz (Preis mal Menge) bei diesem teuren Wirtschaftsgut – bei Erfolg – schneller als in vielen anderen Industrien wachsen kann. Außerdem ist die Wertschöpfung über viele Fertigungsstufen vom Rohstoff Stahl, von Komponenten und Systemen ebenfalls sehr hoch – das kurbelt Beschäftigung und Wohlstand an.

Für die Verbraucher scheint diese Entwicklung zunächst großartig, weil viele der Autos unter den wahren Herstellungskosten verkauft werden. Nicht mehr so schön fühlt es sich an, wenn man das Auto gebraucht verkaufen will, es aber eventuell den Hersteller nicht mehr gibt oder auch nur die Preise weiter verfallen sind in der Zwischenzeit. Der Kunde trägt den Wertverlust.

Involution auch in der Solarbranche

Die Involution zeigt sich in vielen Zukunftsbranchen, in denen China eine wichtige Rolle spielt. Auch in der Solarindustrie erwirtschaften die chinesischen Hersteller – trotz weltweiter Dominanz und jährlich 30 Prozent Wachstum – nicht mehr ihre Kapitalkosten. Innovationen bleiben damit auf der Strecke, die Handlungsspielräume der Unternehmen werden immer kleiner. Ähnlich sieht es bei Onshore-Windrädern und Batteriespeichern aus – vielleicht mit der Ausnahme des Unternehmens CATL.

Involution tritt in China nicht nur in der Wirtschaft als Phänomen auf, auch im Bildungssystem spricht man davon. Obwohl die Studierenden immer härter arbeiten, der Wettbewerb immer unmenschlicher wird, kommt es zu keiner Ergebnisverbesserung und keiner Verbesserung der Ausbildungsqualität mehr.

Eine Produktionsstätte für Solarpaneele in der Provinz Jiangsu. Foto: picture alliance / ASSOCIATED PR

Durch diesen harten Wettbewerb sind viele chinesische Unternehmen sehr effizient geworden. Sie sind in vielen Prozessen wie der Fertigung und der Entwicklung deutlich effizienter als ihre westlichen Wettbewerber.

Nur effektiv ist das deswegen bisher nicht. Man tut die Dinge richtig, aber tut man die richtigen Dinge (= Effektivität)? Da sieht man bei chinesischen Unternehmen manchmal noch wenig Konzept, Vorausschau und Strategie, aber viel Versuch und Irrtum. Es werden erst Schiffe gebaut, um die Autos nach Europa zu schaffen. Ein vertrauenswürdiges Handelsnetz oder gar einen konsistenten Markenauftritt hat man noch nicht. „China Speed“, also schnell loszulaufen, ist eine großartige Fähigkeit. Aber „China Speed“ reicht nicht alleine, um nach vorn zu kommen. Man muss auch in die richtige Richtung laufen.

Zukunftstechnologien mit Rendite-Problemen

Auch global gilt das derzeit für viele Zukunftstechnologien (Elektroautos, Windenergie, Fotovoltaik, Batteriespeicher, Ladenetze usw.), die eine von fossilen Kraftstoffen befreite Welt kreieren können. Die jeweiligen Geschäftsmodelle erwirtschaften trotz teilweise herausragendem Wachstum keine ausreichenden Renditen, um genügend neues Kapital anzulocken. Woran liegt das? Involution durch die chinesischen Wettbewerber? Oder wurde schon zu viel Kapital zur Verfügung gestellt und weltweit zu viel Wettbewerb zu schnell geschaffen?

‚China Speed‘ reicht nicht alleine, um nach vorn zu kommen. Man muss auch in die richtige Richtung laufen
Herbert Diess
WirtschaftsWoche-Kolumnist

Historisch konnte man dieses Phänomen schon häufiger beobachten.

Nach der Erfindung der Eisenbahn in England in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts war schnell erkannt, dass die Eisenbahn viele Kutschen ersetzen und den Güter- und Personentransport um ein Vielfaches effizienter und billiger machen würde.

Schnell war viel Kapital verfügbar, um beispielsweise drei Eisenbahngesellschaften zu gründen, die London mit Birmingham verbinden sollten. Keine von ihnen wurde nachhaltig profitabel. Es entstand genug Wettbewerb, damit die Kunden nahezu alleine den gesamten Nutzen dieser Innovation abschöpfen konnten. Und vielleicht einige kleinere Teilnehmer in Bereichen der neuen Wertschöpfungsketten, in denen weniger Wettbewerb herrschte.

Auf die richtigen neuen Technologien zu setzen und damit schnell zu wachsen, ist alleine also keine Erfolgsgarantie. Auskömmliche Margen erwirtschaften und schützen zu können, bleibt im Wettbewerb mindestens genauso wichtig.

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