Renault: Kaum ist der Chef weg, werden die Probleme offenbar
So hat sich Renault-Finanzvorstand Duncan Minto seinen ersten Tag als Interimschef des französischen Autobauers wohl eher nicht vorgestellt: Kurz nach der Verkündung seiner neuen Rolle gab Renault am Dienstagabend Zahlen für das erste Halbjahr bekannt – gemeinsam mit einer Gewinnwarnung. Die Aktie des Konzerns sackte am Mittwoch ab, zum Handelsschluss stand ein Minus von 18 Prozent. Das war der größte Tagesverlust seit März 2020.
Der Autohersteller macht den größten Anteil seines Umsatzes in Europa und ist daher von den Zollkonflikten und der Preisschlacht bei Elektroautos in China kaum betroffen. Dennoch erwartet Renault für das Gesamtjahr nur noch einen Free Cash-Flow zwischen einer und anderthalb Milliarden Euro – zuvor rechnete der Autobauer mit mindestens 2 Milliarden Euro. Im schlimmsten Fall könnte der Free Cash-Flow für das Gesamtjahr also nur noch bei der Hälfte der ursprünglich erwarteten Summe liegen.
Auch bei der Marge machen die Franzosen Abstriche: Statt mehr als sieben Prozent hält Renault nunmehr rund 6,5 Prozent Marge für realistisch. Aus der jüngsten Prognose gehe hervor, dass der Gewinn um acht bis zehn Prozent niedriger ausfallen dürfte als bislang angenommen, sagte Berenberg-Analyst Romain Gourvil der Nachrichtenagentur „Reuters“.
Das zeigt, dass es beim französischen Autobauer offenbar größere Probleme als nur den Abgang des Konzernchefs Luca De Meo gibt. De Meo hatte das Amt als Renault-Chef im Juli 2020 übernommen, den Autobauer aus einer tiefen Krise geführt und wieder profitabel gemacht. Vor wenigen Wochen gab er bekannt, nach Jahrzehnten in der Autoindustrie, mit Stationen bei VW und Stellantis, zum Luxusgüterhersteller Kering zu wechseln.
Schlechter Start für Renault-Interimschef Minto
Duncan Minto, der als Interimschef übernimmt, ist seit mehr als 25 Jahren im Konzern. Minto war für Renault international in verschiedenen Funktionen im Bereich Finanzen tätig. Bevor er im März 2025 Finanzchef des gesamten Konzerns wurde, agierte er bereits in der gleichen Rolle bei den Renault-Marken Dacia und Alpine.
Als Grund für die Entwicklung im ersten Halbjahr nannte Minto nun vor allem die schwache Nachfrage von Kunden und einen zunehmenden Wettbewerbsdruck in Europa.
Vor allem ein Bereich bereitet dem Konzern Sorgen: So habe der Autobauer an einer „unterdurchschnittlichen Performance im Nutzfahrzeug-Geschäft“ gelitten. Besonders im Juni haben sich die Zahlen demnach schlechter entwickelt als erwartet.
Renault-Deutschlandchef Florian Kraft hatte im Gespräch mit der WirtschaftsWoche im Mai bereits die Zahlen bei den Nutzfahrzeugen als „enttäuschend“ bezeichnet. Renault sei in der Sparte noch „hinter unseren Erwartungen, was unsere langfristigen Ziele angeht“, sagte Kraft. Im ersten Halbjahr 2025 wurden laut Renault auf dem deutschen Markt rund 36 Prozent weniger leichte Nutzfahrzeuge verkauft als im Vorjahreszeitraum. Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass das nicht nur in Deutschland ein Problem ist.
Schwache Zahlen kommen überraschend
Renault habe bereits erste Sparmaßnahmen eingeleitet, unter anderem in der Verwaltung, Entwicklung und Produktion. Die Senkung der Prognose kam für Beobachter überraschend, hatte sich Renault in den letzten Jahren doch als einer der wenigen europäischen Autobauer etabliert, bei dem es gut lief.
Immer wieder übertraf Renault die eigenen Margenziele. 2024 erwirtschaftete die Gruppe einen Nettogewinn von fast drei Milliarden Euro, die Umsatzrendite lag bei 7,6 Prozent.
Der Architekt dieses Erfolgs ist Luca De Meo. Der 58-jährige Italiener hatte bereits bei der VW-Tochter Seat/Cupra und beim italienischen Autobauer Fiat mit seinen Qualitäten als Krisenmanager überzeugt. Bei Renault steigerte er die Rentabilität vor allem durch eine Höherpositionierung der Marke im C- und D-Segment. De Meo legte den Fokus nicht auf den Absatz, sondern auf die Rentabilität einzelner Modelle. Unprofitable Modelle nahm er aus der Produktion.
Außerdem startete De Meo eine Elektrooffensive, unter anderem mit den elektrischen Neuauflagen der Kleinwagenklassiker Renault 4 und Renault 5. 2026 soll noch der neue vollelektrische Twingo folgen – und weniger als 20.000 Euro kosten.
Renault hält an Strategie fest
Renault werde weiter an seiner Strategie festhalten, bei der „Wertschöpfung klar vor dem Absatzvolumen steht.“ Dabei sind einige wichtige strategische Entscheidungen bei Renault weiterhin offen.
Dazu zählt die Allianz mit dem japanischen Autobauer Nissan. Renault hatte seinen Anteil an Nissan schrittweise reduziert. Die Franzosen hatten zuletzt angekündigt, den Wert der Beteiligung abzuschreiben. Deswegen werde für die erste Jahreshälfte ein außerordentlicher Verlust in Höhe von 9,5 Milliarden Euro verbucht. Derzeit halten die Franzosen noch 35,7 Prozent an Nissan, davon 17,05 Prozent direkt und den Rest über eine Stiftung.
Zudem steht noch eine Entscheidung über das weitere Vorgehen bei der E-Auto-Sparte Ampere an. De Meo hatte geplant, Ampere im Frühjahr 2024 an die Börse zu bringen. Letztendlich verschob er den Börsengang im Januar 2024 aber wegen ungünstiger Marktverhältnisse.
Der Übergangsmanager Minto wird wohl nicht alle diese Entscheidungen treffen. Laut Renault kommt die Suche nach einem Nachfolger für De Meo gut voran. Als Namen werden der derzeitige Dacia-Chef Denis Le Vot und Maxime Picat, der zuletzt für den Einkauf beim Renault-Rivalen Stellantis zuständig war, gehandelt.
Die detaillierten Halbjahresergebnisse will Renault am 31. Juli veröffentlichen. Klar ist: Statt von den Erfolgen De Meos zehren zu können, stehen für den Nachfolger des Italieners also nun erstmal die Aufgaben im Fokus, die De Meo ungelöst gelassen hat.
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