Schokolade: „Vor einigen Jahren gab es Eigenmarken noch für um die 35 Cent pro Tafel“
WirtschaftsWoche: Herr Hütz-Adams, der Kakaopreis hat sich in den vergangenen Jahren zwischenzeitlich verdreifacht. Wie ist es dazugekommen?
Friedel Hütz-Adams: Hier greifen mehrere Dinge ineinander. Die Ernte 2023/24 war deutlich schlechter als erwartet. Dürre auf der einen Seite, zu viel Regen auf der anderen – und dann kam in Westafrika der massive Krankheitsbefall der Kakaobäume dazu. Die Preise kletterten so auf 4000, 5000, 6000, 7000 Dollar pro Tonne. Bis wir irgendwann bei zwischenzeitlich 12.000 Dollar angekommen sind.
Gestiegen sind dann auch die Preise, etwa für Schokolade, im Einzelhandel. Zu Recht?
70 Prozent der weltweiten Ernte kommen von der Côte d’Ivoire und Ghana. Die hatten einen deutlichen Einbruch bei der Ernte, aber wenn man sich die Zahlen der Internationalen Kakao-Organisation (ICCO) anschaut, war die Ernte am Ende nur elf Prozent schlechter als im Vorjahr. Es war also nicht so, als sei plötzlich kein Kakao mehr auf dem Markt gewesen. Als an Weihnachten 2023 schon die Schokoladenpreise stiegen, dachte ich: Den Kakao haben die Hersteller doch noch zum alten Preis gekauft. Einige der Schokoladenunternehmen haben ja dann auch steigende Gewinne bekannt gegeben.
Seit Jahresanfang ist der Kakaopreis wieder etwas abgeflacht, wenn auch auf hohem Niveau. Wieso?
Wir haben jetzt eine Ernte, die fast wieder so gut ist wie vor der Krise. Dazu kommt eine leicht gesunkene Nachfrage. Letztlich hätte man sogar erwarten können, dass der Preis noch deutlicher fällt. Angebot und Nachfrage decken sich jetzt ungefähr. Dass der Preis aber noch auf diesem generell hohen Niveau liegt, erklärt sich vermutlich schon durch die Verunsicherung, was die nächste Erntesaison bringen wird. Für die Industrie sind die Entwicklungen in Ghana und Côte d’Ivoire entscheidend.
Was bedeuten die etwas gesunkenen Kakaopreise für Verbraucher – wird die Schokolade im Supermarkt auch wieder günstiger?
Ich gehe von leicht sinkenden Preisen aus, weil jetzt gerade die Spitzen eingepreist sind. Es hat zuvor aber auch schon einige Mitnahmeeffekte gegeben.
Inwiefern?
Vor einigen Jahren gab es die Eigenmarken im Einzelhandel noch für um die 35 Cent pro Tafel. Ich weiß von einer Einzelhandelskette, dass sie mit dieser Tafel einen Cent pro Tafel Gewinn gemacht hat. Aber: Es ging gar nicht primär um den Gewinn, die Tafel Schokolade ist ja eher ein Anker- oder Lockprodukt. Mittlerweile sind aber auch diese Marken bei 69 oder 79 Cent und die Händler machen damit vermutlich eine höhere Marge – trotz gestiegener Kakaopreise. Markenhersteller haben die Preise auch kräftig erhöht.
Für wie volatil halten Sie den Markt?
Die Erwartungen sind einfach sehr unsicher. Wir haben zum Beispiel die Pflanzenkrankheit namens Swollen Shoot, bei der niemand weiß, wie viele Kakaobäume wirklich befallen sind. In Ghana heißt es mal, 30 Prozent seien betroffen, mal 70 Prozent. Côte d’Ivoire wiederum hat dazu nie Zahlen bekannt gegeben.
Wieso ist die Krankheit ein so großer Faktor?
Befallene Bäume tragen dann jedes Jahr weniger Kakao, bis sie irgendwann absterben. Und eigentlich muss man einen befallenen Baum ausreißen und verbrennen. Das kann sich aber niemand leisten, der am Existenzminimum lebt, wie das in den Jahren vor den Preiserhöhungen eben war. Wenn ich zwei Hektar mit 2500 Bäumen in Ghana habe und muss sie alle ausreißen, verdienen die Bauern auf Jahre keinen Cent – und es gibt eben weniger Kakao.
Welche Probleme haben die Bauern noch?
Wegen der niedrigen Preise in den Jahren vor der Krise gingen die Erträge pro Hektar ohnehin schon zurück. Die Bauern konnten sich oft keinen Dünger oder Pestizide mehr leisten – und die Preise sind nach dem russischen Überfall auf die Ukraine explodiert. Das rächt sich jetzt alles.
Wie belastet der Klimawandel die Anbauländer?
Die Flächen in Ghana und Côte d’Ivoire sind größtenteils abgeholzt. In Ländern wie Nigeria oder Kamerun hatte man auch in der Katastrophensaison normale Ernten, weil die dortigen Wälder das Wetterphänomen El Niño abfedern können. In Ghana und Côte d’Ivoire federt aber so gut wie nichts mehr, Côte d’Ivoire hat eine Bewaldung von unter zehn Prozent, nach Regierungsangaben. Zum Vergleich: Deutschland hat 30 Prozent.
Inwiefern liefern die hohen Kakaopreise also sogar vielleicht die Chance für einen nachhaltigen Umbau der Branche?
Das ist die einzige Chance, die dieser Sektor hat. Auch um die weitverbreitete Armut in den Kakao anbauenden Familien und die damit verbundene Kinderarbeit zu reduzieren. Aber etwa in Liberia, Kamerun und Gabun wird nun abgeholzt. Die Demokratische Republik Kongo ist hier das neue potenzielle El Dorado. Aber: Bald greift hoffentlich die europäische Entwaldungsverordnung, nach der keine Waren mehr in der EU verkauft werden dürfen, für die Wälder abgeholzt wurden. Alles andere wäre desaströs.
Wie wird sich die Situation in der Branche und den Anbauländern weiterentwickeln?
Mir hat mal jemand von einem großen Schokoladenkonzern gesagt, dass die große Herausforderung der Zukunft nicht mehr sein wird, günstigen Kakao zu bekommen, sondern verlässlich ausreichende Mengen. Wir leben eben in Zeiten des Klimawandels, die Märkte ändern sich.
Lesen Sie auch: Warum Kaffee immer teurer wird
