Und dann änderte sich alles: „Ich schuf meinen eigenen Showdown“
Ich saß auf der Bettkante in meinem Hotel in New York. Der Wecker hatte um neun Uhr Ortszeit Hamburg geklingelt, denn ich hatte mir selbst ein Ultimatum gestellt. Schon dreimal hatte ich es vergeblich versucht, dies sollte das letzte Mal sein. Ich schuf meinen eigenen Showdown, ich wollte endlich eine Entscheidung.
Würde ich auch dieses Mal nicht zu Achim Twardy, dem Strategie- und Finanzvorstand von Gruner + Jahr vorgelassen, würde ich den Job bei der berüchtigten Kommunikations- und Marketingagentur doch annehmen: als weltweit verantwortlicher Markenstratege in New York. Zugegeben: Die Aufgabe war reizvoll, aber nach zehn Jahren wollte ich die Agenturwelt verlassen. In dieser hektischen, arg hedonistischen Branche wollte ich nicht altern.
Mein Drängeln zahlte sich diesmal aus: Bei meinem vierten Anruf kam ich endlich durch. Twardys Sekretärin bot mir einen Termin in zwei Wochen an. Ich nahm an und lehnte noch am selben Tag das Angebot der Agentur ab. Twardy empfing mich in Hamburg ganz als Gentleman. Er entschuldigte sich, dass es so lange gedauert hatte mit dem Termin, und nahm mir so die Peinlichkeit, dass ich mich ihm aufgedrängt hatte. Es gab ja nicht mal eine ausgeschriebene Stelle. Kurz danach fing ich in der Unternehmensstrategie bei Gruner + Jahr an. Ich war mir sicher, ich könnte einiges bewegen. Was sich dann auch bewahrheitet hat.
Der Bau von Gruner + Jahr am Baumwall im Hafen faszinierte mich schon, seit ich als Kind im Auto mit meinen Eltern daran vorbeifuhr. Damals war das Medienhaus der größte Verlag Europas.
Mein selbst erschaffener Showdown in New York strahlt bis heute nach. Ich habe gelernt, dass ich auf das Ungewisse setzen kann, solange ich nur entschlossen genug bin. 14 Jahre später tat ich das erneut, als ich eine ungeliebte Aufgabe übernommen hatte und vieles nicht mehr meinen Überzeugungen entsprach. Dann brach die Coronapandemie aus, und aus meiner geplanten Weltreise wurde erst mal nichts. Aber so ergaben sich andere Optionen: Als Berater kam ich zu Bastei Lübbe, um den Verlag mit neuer Strategie wieder auf Wachstumskurs zu bringen. Dass ich das Unternehmen nun im vierten Jahr als Vorstandschef leiten würde, ahnte ich da nicht.
- Geboren: 16. Mai 1972 in Teheran
- Studium: Kommunikation in Lüneburg
- Erster Job: Werbetexter bei Ammirati Puris Lintas
- Verantwortlich: Für 114 Millionen Euro Jahresumsatz
In unserer Artikelreihe erzählen Menschen aus der Wirtschaftswelt über einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben. Hier finden Sie alle Beiträge der Serie „Und dann änderte sich alles ...“