US-Notenbank senkt Zinsen: Die Fed steht vor der Zerreißprobe

Er hat es zwar versucht, aber so richtig gelungen ist es ihm nicht. Eine Frage, vielleicht die wichtigste, konnte Fed-Chef Jerome Powell auf der Pressekonferenz nach der Zinsentscheidung am Mittwochabend partout nicht beantworten.
Wie soll jemand, der immer noch für das Weiße Haus arbeitet, politisch unabhängige Entscheidungen für die US-Notenbank treffen, wollten die Journalisten wissen.
Die Rede ist von Stephen Miran, dem neuesten Mitglied im Entscheidungsgremium der Notenbank und treuen Gefolgsmann von US-Präsident Donald Trump. Wie treu der Fed-Gouverneur ist, lässt sich den Wirtschaftsprojektionen entnehmen, die ebenfalls am Mittwochabend veröffentlicht wurden. Darin sieht man eine anonyme Stimme, die weit abseits des Konsens liegt: Mirans Einschätzung nach, so muss man vermuten, wäre ein Leitzins von unter drei Prozent gerechtfertigt. Eine Forderung, die ganz nach dem Geschmack Trumps sein dürfte, hatte er doch wiederholt Powell als „Dummkopf“ beschimpft, da dieser den Leitzins lange nicht senken wollte.
Insgesamt reicht die Spannbreite der Einschätzungen für einen angemessenen Zins von unter drei Prozent bis nahe 4,5 Prozent. Für die zwei noch in diesem Jahr anstehenden Zinsentscheidungen im Oktober und Dezember heißt das nichts Gutes. Denn das Gremium muss zu einer einstimmigen Entscheidung kommen. Und zu starke Meinungsverschiedenheiten könnten die Notenbank schwächen, während der US-Präsident weiter versucht, Gouverneure mit Ökonomen nach seinem Geschmack zu ersetzen.
Wie absurd Mirans Position ist, zeigt seine Einschätzung, die Fed hätte neben der Sicherung der Preisstabilität und der Förderung von Vollbeschäftigung auch ein drittes Mandat: und zwar, ein moderates Zinsniveau zu halten. Das stimmt nicht. Wenn die Notenbank es schafft, Preise stabil und den Arbeitsmarkt am Laufen zu halten, ermöglicht das moderate Leitzinsen – aber sie sind kein Selbstzweck.
Zum Glück hatte es Trump nicht kurzfristig geschafft, die Gouverneurin Lisa Cook aus dem Entscheidungsgremium hinauszuwerfen. Sollte ihm das vor der nächsten Zinssitzung gelingen, würde die Zerreißprobe für die Fed nur noch größer.
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