Management: So schnell sollte ein Start-up optimalerweise wachsen
90 Prozent aller Start-ups scheitern, heißt es oft. Zumindest für Deutschland ist diese Zahl etwas übertrieben. Der Anteil der Unternehmen, die 2017 gegründet wurden und in den folgenden fünf Jahren aufgaben, lag hierzulande laut Institut für Mittelstandsforschung bei gut 60 Prozent. Ein entscheidender Faktor für die Überlebenschance: Größe. Von den Betrieben, die zum Zeitpunkt der Gründung keine Beschäftigten hatten, scheiterten laut dem Institut für Mittelstandsforschung zwei Drittel. Von jenen mit Beschäftigten nur die Hälfte.
Nach der Gründung ist es in vielerlei Hinsicht vorteilhaft, wenn nicht nur der Umsatz, sondern auch die Belegschaft wächst: Aufgaben können besser verteilt werden, Mitarbeiter können sich spezialisieren und fokussieren – und erhalten Karriere- und Entfaltungsmöglichkeiten, die ihnen ein kleines Team nicht bieten kann.
Folgerichtig zeigen drei Forscher aus Chicago, New York und Singapur in einer aktuellen Studie, dass die Mitarbeiterzufriedenheit in neu gegründeten Unternehmen steigt, wenn sich die Belegschaft vergrößert. Allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Denn zu schnelles Wachstum birgt laut der Studie erhebliche Risiken: Vorgesetzte können den Wandel nicht mehr managen, Beschäftigte fühlen sich überfordert, Teams verlieren ihren Zusammenhalt, Konflikte bleiben ungelöst.
Diese Analyse führte die drei Managementforscher James Bort, Johan Wiklund und Wei Yu zu der Frage, welche Wachstumsrate für die Belegschaft von Start-ups optimal ist. Dafür werteten sie Befragungen von rund 8000 Mitarbeitern aus 263 amerikanischen Unternehmen aus. Insbesondere interessierten sie sich dabei für die Zufriedenheitswerte.
Eine magische Zahl
Laut der Studie, die im angesehenen Strategic Management Journal erschienen ist, liegt die optimale Personalwachstumsrate bei genau 138 Prozent. Bis zu diesem Wert nimmt die durchschnittliche Zufriedenheit der Mitarbeiter mit dem Personalwachstum zu. Bei höheren Werten scheint die Stimmung zu kippen – weil die negativen Effekte der Vergrößerung überwiegen.
Ein Start-up, das im Gründungsjahr mit einem fünfköpfigen Team startet, sollte demnach idealerweise nach einem Jahr zwölf Mitarbeiter haben, nach zwei Jahren 28 und nach fünf Jahren 382. Wenn ein Unternehmen doppelt so schnell wächst, die Zahl der Mitarbeiter also jedes Jahr um etwa 275 Prozent steigt, senkt das die durchschnittliche Mitarbeiterzufriedenheit um knapp zehn Prozent.
Wachsen mit Frühwarnsystem
Dass unternehmerisches Wachstum auch Risiken mit sich bringt, beschrieb schon die amerikanisch-britische Ökonomin Edith Penrose in ihrem Klassiker „The Theory of the Growth of the Firm“ aus dem Jahr 1959. In den folgenden Jahrzehnten hat die Managementforschung diese Erkenntnis immer wieder bestätigt. Die Schwierigkeiten entstehen demnach auf zwei Ebenen: auf der operativen und der sozialen.
Ersteres bezieht sich vor allem auf die Überlastung von Geschäftsprozessen, aber auch Führungskräften, letzteres auf eine veränderte Unternehmenskultur und zunehmende Kommunikationsprobleme – zum Beispiel dadurch, dass die zahlreichen neuen Mitarbeiter nicht gut integriert werden. Beide Phänomene können zu Frust in der Belegschaft führen.
Eine schwedische Studie mit Daten zu knapp 11.000 Beschäftigten in Start-ups kam im vergangenen Jahr zu dem Ergebnis, dass ein sprunghaftes Wachstum mit einem erhöhten Burnout-Risiko und einer verringerten Arbeitszufriedenheit einhergeht – insbesondere bei den weniger erfahrenen Mitarbeitern.
Um die negativen Effekte einzudämmen, empfehlen Bort, Wiklund und Yu, in der Phase der Expansion besonders viel Feedback aus der Belegschaft einzuholen – etwa durch offene Town-Hall-Gespräche sowie die Möglichkeit, jederzeit anonym Meinungen abzugeben. Schleichende Kommunikationsprobleme oder Reibungen im Arbeitsablauf sollen so ans Licht kommen, bevor sie dem Unternehmen Schaden zufügen – als Frühwarnsystem für Wachstumsschmerzen.
Lesen Sie auch: Kann man Gründen wirklich lernen?