Weihnachtszeit: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, du wurdest mir gestohlen
Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber im schlechtesten Fall auch das Fest der Diebe. Und das an einem Ort, an dem Sie es nicht unbedingt vermuten würden: auf der Weihnachtsbaum-Plantage.
Dass Konfliktherde vor den Weihnachtstagen überall ausbrechen, ist nicht neu. Es gibt heftige Diskussionen um das richtige Weihnachtsmahl (Gänsebraten vs. Kartoffelsalat), den richtigen Weihnachtsfilm („Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ vs. „Stirb Langsam“) und natürlich die Deko (Lametta vs. der gute Geschmack). Doch beim Weihnachtsbaum kann es auch kriminell hoch hergehen.
Beim Landwirt meines Vertrauens, bei dem ich seit meiner Kindheit die Weihnachtsbäume meiner Familie fälle, gab es nämlich lange ein System. Wer früh im Advent kam, konnte sich einen Baum aussuchen und reservieren. Markiert wurde mit Flatterband oder alten Schals. Fällen und abholen konnte man seinen Baum dann wenige Tage vor Weihnachten. So gab es kein Risiko, dass er zu lange in der Wohnung stand und mehr Nadeln am Boden als an der Tanne hingen.
Reservierter Baum lockt Konkurrenz an
Das System fand vor einigen Jahren sein Ende. Die Erklärung: Andere Kunden hatten immer wieder die Markierungen entdeckt, schnell auf eine weniger schöne Tanne umplatziert und den reservierten Baum selbst mitgenommen. Denn was jemand anders bereits markiert hat, das muss ja gut sein. Auch mein Wunschbaum war mir in einem Jahr so abhanden gekommen.
Man könnte in so einer Lage den Anbieter wechseln. Schließlich gibt es Weihnachtsbäume auch im örtlichen Gartenbau. Der liefert ihn manchmal sogar bis ins Wohnzimmer. Oder beim Baumarkt, wo schon Mitte November die Bäume in ihren Netzen und zur Kolonne aufgereiht vor dem Eingang stehen. Aber diese Methoden haben ihre Nachteile. Die Lieferung der Gärtnerei ist teuer, die Netze der Baumarkt-Tannen verdecken allzu oft hässliche Kahlstellen.
Dazu kommt die Romantik, den Baum selbst zu fällen. Da können Obi und Bauhaus einfach nicht mithalten. Also doch wieder auf die Nordmann-Plantage. Dort hatte auch der Landwirt nicht direkt aufgegeben. Stattdessen bat er seine Kunden, die gewünschte Tanne mit einem Fahrradschloss zu reservieren. Das kann auch ein listiger Kunde nicht so schnell vom Baum nehmen. Professionelle Diebe hingegen schon. So schilderte der Landwirt es mir im Folgejahr: Dutzende reservierte Bäume wurden in der Nacht abgesägt, die Schlösser blieben, ebenfalls durchgesägt, zurück.
Der ehrliche Kunde musste also auf die Tanne seiner Wahl verzichten. Häufig blieb als Alternative nur ein eher spärlich bewachsenes Modell, statt des ausgewählten Prachtbaums. Die Aufregung über die Diebe ist dabei natürlich am größten. Sie schaden schließlich nicht nur dem Kunden, sondern auch dem Landwirt, dem als Dank für sein freundliches Reservierungsmodell seine schönsten Bäume gestohlen werden.
Aber auch die Enttäuschung über die Mitmenschen bleibt hängen. Dann womöglich doch lieber noch beim Gartenbau anrufen. Vielleicht liefern sie das Trost-Lametta gleich mit.