Modernes Management: Was erfolgreiche Unternehmen anders machen
Guter Rat ist teuer, heißt es. Das stimmt wohl heute mehr denn je - schließlich bezahlen viele Menschen hohe Summen für professionelle Ratgeber. Die Branche boomt: Ob Coaches, Unternehmensberater oder Autoren von Lebenshilfe-Literatur. Doch der eine Ratschlag, den ein Mensch sein Leben lang mit sich trägt, den gibt es oft umsonst. Der Schweizer Autor und Unternehmensberater Frank Arnold fragte Topmanager nach dem besten Rat, den sie je bekommen haben. Das Ergebnis: Sein Buch „Der beste Rat, den ich je bekam“ (Hanser Verlag, 2014), in dem 98 Spitzenmanager und sieben Spitzenmanagerinnen aus unterschiedlichen Branchen, Generationen und Ländern verraten, welcher Tipp sie am nachhaltigsten geprägt hat. Und das ist häufig überraschend: Zum Beispiel die demütigen Worte des ehemaligen Deutsche-Bank-Chefs Josef Ackermann oder warum Schraubenkönig Reinhold Würth seinem Vater dafür dankt, kein Abitur gemacht zu haben. WirtschaftsWoche Online hat die besten Geschichten zusammengestellt.
Foto: WirtschaftsWoche OnlineEx-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: In andrer Glück sein eignes finden
Ich war noch ein Junge, als mir mein Vater das Gedicht von Christoph Martin Wieland aufschrieb: „In andrer Glück sein eignes finden, ist dieses Lebens Seligkeit. Und andrer Menschen Wohlfahrt gründen, Schafft göttliche Zufriedenheit.“ Seine tiefe Weisheit hab ich erst in der Finanzkrise vollständig erfasst. Unternehmen haben eine gesellschaftliche Aufgabe: sozialen Mehrwert zu schaffen. Die erste Aufgabe von Managern ist es, Gewinn zu erwirtschaften. Aber nicht des Gewinnes selbst wegen, der ist nur Mittel zum Zweck, damit das Unternehmen wachsen und neue Produkte entwickeln, Arbeitsplätze schaffen und Steuern zahlen – kurz Wohlfahrt gründen – kann.
Foto: dpaAxel-Springer-Chef Mathias Döpfner: Wenn du es eilig hast, nimm einen Umweg
Als ich darüber grübelte, was wohl das richtige Studium wäre, um ein berühmter Journalist zu werden und mir mein gesamter Bekanntenkreis und alle Profis rieten, Publizistik zu studieren, fragte ich zur Sicherheit noch Artur Joseph, Journalist und väterlicher Freund meiner Mutter. Er sagte: „Es ist egal, was du studierst, nur ein Fach auf keinen Fall: Publizistik“. Ich war verwirrt: „Aber das ist doch der direkte Weg?“ „Und deshalb ist es falsch. Wenn du es eilig hast, mach einen Umweg“. Er fragte mich, worüber ich am liebsten schreibe. Ich studierte Musik, Literatur und Theater. Zwei Jahre später war ich freier Musikkritiker bei der FAZ. 20 Jahre später CEO von Axel Springer.
Foto: dpaHenkel-Chef Kasper Rorsted: Mach es richtig
Mein Vater sagte mir schon als Teenager: Man kann als Schüler kein gutes Abitur machen, wenn man zehn Jahre in der Schule schläft, und auch an der Universität keinen guten Abschluss erzielen, wenn man erst kurz vor den Prüfungen anfängt, ernsthaft zu arbeiten. So ist es auch im Geschäftsleben. Es wird kein erfolgreiches Geschäftsjahr geben, wenn schon die ersten zwei Quartale schlecht gelaufen sind. Wenn man sich entschieden hat, etwas zu tun, dann natürlich auch richtig.
Foto: dpaAllianz-Chef Michael Diekmann: Eine kleine Lüge wird immer größer
„Eine kleine Lüge wird immer größer“, das war der beste Rat, den ich bekommen habe. Immer wieder habe ich erlebt, dass Unwahrheiten ihren Schöpfer einholen und womöglich übermannen. Deshalb rate ich zur Aufrichtigkeit. Nicht nur privat; beruflich erst recht. Ich finde es künstlich, die zwei Bereiche unter diesem Aspekt zu unterscheiden. Wenn ich beruflich handle, tue ich dies als Person.
Foto: dpaUBS-Chef Sergio Ermotti: Der beste Rat ist der, den man sich holt
Fragen Sie andere um Rat, wenn Sie nicht weiterwissen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, im Gegenteil. Aber wählen Sie Ihre Berater sorgfältig aus. Und messen Sie die Qualität der Ratschläge stets daran, ob und wie gut diese auf Ihre eigenen Bedürfnisse und Ziele zugeschnitten sind. Dies zu beurteilen kann Ihnen kein Berater abnehmen.
Foto: REUTERSUnternehmer Reinhold Würth: Von der Pike auf lernen
Der beste Rat meines Lebens war die Entscheidung meines Vaters, mich nach den acht Pflichtschuljahren von der Schule zu nehmen und mich als ersten Lehrling in seinem Unternehmen zu beschäftigen. Noch heute, 64 Jahre später, bin ich meinem Vater dafür dankbar, denn über die Lehrzeit hinaus konnte ich noch zwei weitere Jahre bis zu seinem Tod mit ihm zusammen arbeiten. Dadurch war ich wohlgerüstet, die kleine, solide Schraubengroßhandlung mit zwei Mitarbeitern weiterführen zu können und wachsen zu sehen bis zu einer Unternehmensgruppe mit zehn Milliarden Euro Umsatz.
Foto: dpaDeutsche-Bank-Chef Jürgen Fitschen: Keine Angst vor Veränderungen
In Veränderungen sollte man eine Chance sehen, diese Welt und die Zukunft mitgestalten zu können. Denn Zukunft geschieht nicht von allein: Jeder Einzelne ist Teil der Zukunft. Wer davor Angst hat, wird in unserer schnelllebigen Zeit keine Chance haben. Technischer Fortschritt und gesellschaftlicher Wandel in einer äußerst kompetitiven Umgebung erlauben keinen Müßiggang.
Foto: dpaRewe-Chef Alain Caparros: Kleiner Rat mit großer Wirkung
Wenn man mich nach dem besten Rat fragt, den ich in meinem Berufsleben bekommen habe, fällt mir der frühere Chef der Metro-Gruppe, Hans-Joachim Körber, ein. Ich war vor vielen Jahren Chef der Schweizer Bon-Appétit-Gruppe und hatte den Auftrag, dieses Handelsunternehmen zu verkaufen. Körber gab mir den Rat, mich an Hans Reischl zu wenden, der damals Chef der Kölner Rewe-Gruppe war. Tatsächlich konnte ich 2003 die Bon-Appétit-Gruppe an Rewe verkaufen – aber Reischl war sehr schlau und hat dem Verkauf nur unter der Bedingung zugestimmt, dass ich mit zu Rewe komme. Ohne diesen Deal wäre ich damals nicht bei Rewe und wahrscheinlich nie an der Spitze gelandet.
Foto: dpaNovartis-Chef Joseph Jimenez: Karrieren müssen nicht geradlinig verlaufen
Der beste Rat, den ich je erhielt, war, mich dem gängigen Drang nach einem geradlinigen Karriereweg zu verweigern. Damals war ich als Produktmanager für eine bekannte Marke verantwortlich, die rund 300 Millionen Dollar erwirtschaftete. Ich dachte, in meiner weiteren Laufbahn immer größere Marken zu führen. Es war deshalb ein Schock, als ich eines Tages eine unbekannte Marke übernehmen sollte. Doch bald wurde mir klar, dass dieser Job hohe Ansprüche stellt. Durch diesen Sprung ins kalte Wasser überdachte ich meine Karrierevorstellungen. Und anstatt dem geradlinigen Weg zu folgen, baute ich mir eine wirklich persönliche Karriere auf.
Foto: APDeutsche-Telekom-Vorstand Marion Schick: Überlegen Sie sich, wofür Sie kämpfen
Meine Lebenserfahrung ist: Kompromisse gehören zum Leben, aber man darf sich zu nichts zwingen lassen, was den tiefsten Überzeugungen widerspricht. Überlegen Sie gut, wofür Sie kämpfen und wofür nicht.
Foto: dapdUnternehmensberater Roland Berger: Stehen Sie dem Zufall offen gegenüber
Die besten Chancen ergeben sich unerwartet oder sind erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen. Während meines BWL-Studiums baute ich eine erfolgreiche Wäscherei auf, aber mir war klar, dass ich nicht als „Wäscherei-Millionär“ enden wollte. Bei einer Seminararbeit entdeckte ich den Beruf des Unternehmensberaters, der mich gleich faszinierte. Aber damals war der Job hierzulande noch völlig unbekannt. Eines Tages sagt mir eine Stammkundin der Wäscherei, dass ihr Sohn für eine italienisch-amerikanische Unternehmensberatung in Mailand arbeite. Ich schaffte es dort binnen fünf Jahre zum Partner und gründete 1967 meine eigene Firma.
Foto: REUTERSContinental-Vorstand Elke Strathmann: Raus aus der Komfortzone
Mein Rat lautet: Raus aus der Komfortzone! Denn wer sich immer wieder in neue Themenfelder wagt, den Weg ins Ausland nicht scheut und neue Kulturen und Sprachen lernt, bewegt sich kontinuierlich vorwärts. Menschen mit Profil sind gefragt, denn Fortschritt beginnt damit, Bestehendes zu hinterfragen. Ja-Sager sind deutlich bequemer als Warum-Frager, aber nur Letztere erzielen Wirkung. Wer die Komfortzone verlässt, ist bereit Fehler zu machen und daraus zu lernen. Ich habe im Laufe meiner Karriere einige Fehler gemacht und bin mir sicher, dass ich dadurch gewachsen und besser geworden bin.
Foto: WirtschaftsWoche, dpa Picture-AllianceEx-Morgan-Stanley-Chef Lutz Raettig: Erst denken, dann handeln
Dieser Spruch hing an der Wand des Büros meine Vaters. Ich habe den Spruch schon in jungen Jahren gelesen, doch nicht gleich verstanden. Heute ist die genannte Handlungsmaxime wichtiger denn je. Es ist nämlich sehr verlockend, durch Schnellschüsse wirtschaftlichen, politischen oder geschäftlichen Druck kurzfristig zu lindern – aber eben auch möglicherweise fatal. Das Befolgen des Prinzips „Erst denken, dann handeln“ führt eher zu richtigen Entscheidungen.
Foto: dpa Picture-AllianceMövenpick-Chef Guido Egli: Lernen Sie Fremdsprachen
Der beste Rat für meine berufliche Karriere kam von meinem Vater. Er riet mir, schon in recht jungen Jahren möglichst viele Fremdsprachen zu lernen. Dabei legte er großen Wert darauf, dass ich die Sprache nicht in Schulen oder aus Büchern lernte, sondern vor Ort. So verbrachte ich einen Teil meiner Studienzeit in unterschiedlichen Ländern. Diese so erworbenen Fähigkeiten haben mir in meinem Berufsleben immer wieder geholfen.
Foto: PRUhrenchef des Luxus-Konzern LVMH Jean-Claude Biver: Die Spur des Lebens
In den 1960er Jahren war ich Teil der Hippie-Bewegung. Dies trug maßgeblich dazu bei, dass ich mich fragte: Weshalb lebe ich? Eines Tages im Jahr 1968 riet mir mein bester Freund, mir Gedanken darüber zu machen, welche Spur ich hinterlassen möchte. Das Nachdenken über diese Frage, führte mich zu der Erkenntnis, dass ich zwei Spuren hinterlassen möchte: erstens eine Liebesspur und zweitens eine Kompetenzspur. Diese zwei übergeordneten Ziele haben von diesem Tag an mein ganzes Leben geprägt, und ich werde bis zu meinem letzten Atemzug versuchen, diese zwei Spuren zu ziehen.
Foto: dpa Picture-AllianceFord-Deutschland-Chef Bernhard Mattes: Visitenkarten erteilen keine Autorität
„Autorität wird nicht über die Visitenkarte verliehen. Autorität erwirbt man sich durch ausgezeichnete fachliche und persönliche Führungsqualitäten“. Diesen Rat hat Eberhard von Kuenheim, ehemaliger BMW-Chef, seinen „Oberen Führungskräften“ mitgegeben. Ich war damals einer der Jüngsten in dem Kreis.
Foto: dpa Picture-AllianceFresenius-Medical-Care-Chef Rice Powell: Respektiere andere Sichtweisen
Ich weiß, das ist durchaus konventionell und vielleicht sogar trivial, aber meine Eltern haben auf mich einen größeren Einfluss gehabt als jeder andere. Ich war eigentlich kein sonderlich eigensinniges Kind, aber sie haben mir trotzdem immer wieder eingebläut, dass ich mir die Meinung anderer Person anhören- und diese beachten soll – egal ob ich mich dann dieser Meinung anschließe oder nicht.
Foto: dpa Picture-AllianceViele Unternehmen, die heute die Weltmärkte erobern, sind erfolgreich, weil sie ihre Zusammenarbeit moderner gestalten. Ihre Arbeitsweisen könnten auch anderswo segensreich wirken - wenn sie bekannter wären. Gemessen daran, was wir über eine leistungsfähige Arbeitskultur wissen könnten, organisieren wir uns im Arbeitsalltag meist kaum besser als in der Frühzeit der Industrialisierung. Schon merkwürdig. Denn es ist längst vielfach bekannt und wissenschaftlich bestens fundiert, was Menschen brauchen, um gerne viel zu leisten, und wie Führungskräfte begeisternde Zusammenarbeit fördern können.
Erstens sind Menschen von Natur aus motiviert, sinnvolle Aufgaben eigenverantwortlich anzugehen. Das heißt aber auch: Boni und Leistungsanreize sind meist wirkungslos und entwerten geradezu das angestrebte Ergebnis.
Zweitens finden Menschen in echter Gemeinschaft Schritt für Schritt viel leistungsfähigere Lösungen für komplexe Herausforderungen, als wenn nur wenige denken - und der Rest deren Pläne umsetzt.
Und drittens gilt: Wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind, engagieren Menschen sich auf Dauer viel intensiver für gemeinsame Anliegen als nur für persönliche Vorteile.
Wollen wir solche Erkenntnisse im Arbeitsalltag wirklich auf Dauer ignorieren? Nein, sagen immer mehr Unternehmen. Stattdessen suchen sie nach neuen Wegen der Zusammenarbeit, um zu führen und zu kommunizieren.
Sie hinterfragen die bisherigen Grundwerte und Strukturen. Und sie wollen beweglicher werden. Innovativer. Authentischer. Menschlicher. Und damit letztendlich wettbewerbsfähiger und leistungsfähiger.
Es sind keinesfalls nur die exotischen "Start-Ups", "Apples" und "Googles" dieser Welt, die neue Wege gehen: Etwa ein börsennotierter Energiekonzern, der die Jahresbudgets abschafft. Ein großes führendes Ingenieurbüro, in dem die Mitarbeiter Jobtitel und Tätigkeit selber wählen. Ein mittelständischer Weltmarktführer, in dem die Führungskräfte die Arbeiter unterstützen statt umgekehrt. Ein Großkonzern, der aktiv den Mut zu heiklen Dialogen fördert.
Sie alle sind erfolgreich. Gerade weil sie so arbeiten, nicht trotzdem. Denn Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten fühlen sich bei ihnen wohl.
Ansteckende Beispiele
Solche Beispiele stecken an: Wer einmal in einer solchen Umgebung gespürt hat, was es bedeutet, sich entfalten und vertrauen zu können, statt in ständiger Absicherung, Fehlervermeidung, unternehmensinterner Politik und Dienst nach Vorschrift zu erstarren - der will nicht mehr zurück. Er will mehr. Mehr hinzulernen, den Weg stärken und weitergehen.
Jeder solche Weg der Veränderung ist individuell. Aber kein Unternehmen muss jeden seiner Schritte selbst neu erfinden. Längst sind in den Pionierunternehmen wiederholbare Muster erkennbar, die sich regelmäßig bewähren und damit auch an anderen Orten nützlich sein können.
Dazu gehört zum Beispiel Design Thinking, das Mitarbeiter unter anderem bei Audi, BMW, SAP, Telekom und der Swisscom systematisch dabei fördert, ernsthaft in die Gefühlswelt der Kunden einzutauchen. So entwickeln sie intuitiv Lösungen, die sie weit mehr begeistern als technische Raffinessen vom Reißbrett.
Oder agile Herangehensweisen wie Scrum, auf die jedes Jahr tausende Führungskräfte und Mitarbeiter geschult werden. Agile Organisationen tasten sich gemeinsam mit allen Beteiligten schrittweise an komplexe Lösungen und Endprodukte heran. Das ist besser, als wenn nur wenige planen und der Rest bloß umsetzt. Ein weiterer Vorteil: Egal ob Softwarekonzern oder Automobilzulieferer - sie sind wesentlich schneller, günstiger und vor allem marktnäher als mit klassischen, zentralistischen Planungsprozessen per Vorgabe und Lastenheft.
Mythos 1: Stress macht schlank
„Wenn ich stress habe, vergesse ich manchmal sogar zu essen“, sagen manche Menschen gerne. Grundsätzlich hat Stress aber einen gegenteiligen Effekt: Das Hormon Kortisol verändert den Stoffwechsel und führt zur vermehrten Fetteinlagerung, vor allem im Bauch- und Taillenbereich - und dort schadet es der Gesundheit besonders. Wer unter hoher Belastung leidet, ernährt sich außerdem häufig unausgewogen – Gestresste greifen vermehrt zu kohlenhydrat- und fettreichen Speisen. Da man auf der Arbeit wenig Zeit hat, vertilgt man sie schnell zwischendurch - oder isst am Abend die doppelte Portion.
Foto: dpaMythos 2: Stress ist immer schädlich
Genauso falsch ist es, Stress zu verteufeln. Denn er ist eine natürliche Reaktion, die Menschen hellwach und reaktionsschnell macht. Der Körper ist auf Angriff gepolt. Damit bewältigen wir schwierige Situationen besser und fühlen uns zunächst leistungsfähiger. Positiver Stress, den man auch Eustress nennt, tut gut. Der Grund: Es kommt zur Ausschüttung bestimmter Hormone wie zum Beispiel Dopamin, Serotonin oder Endorphin. Diese biochemische Mixtur kann dafür sorgen, dass wir Stress als neutral oder angenehm empfinden. Das gilt jedoch nur für bestimmte Situationen. Chronischer Stress ("Distress") wirkt sich hingegen schädlich auf die Gesundheit aus. Denn dann zirkulieren die Stresshormone im Körper und werden nicht abgebaut.
Foto: FotoliaMythos 3: Gegen Stress hilft nur Entspannung
Die Arbeit stresst, Zuhause geht auch alles drunter und drüber – da hilft nur noch, sich ganz bewusst zu entspannen. Falsch! Denn wer viel Stress hat, steht unter Strom und kann nicht auf Knopfdruck entspannen. Der Grund: Das Hormon Kortisol macht gleichzeitig zappelig macht, steigert Aggression und Unruhe. Die lässt sich nicht einfach wegmeditieren oder wegbaden. In diesem Fall hilft Bewegung, etwa eine Runde joggen oder ein Spaziergang. Hinzu kommt: Wer beim Nichtstun ständig grübelt, hält sein Stresslevel trotz vermeintlicher Entspannung auf konstantem Niveau. Besser ist dann Ablenkung in Form von Spielen oder Gesprächen.
Foto: dpaMythos 4: Stress wirkt auf Männer und Frauen gleich
Körperlich reagieren Männer und Frauen zwar prinzipiell gleich auf Stress – die Folgen unterscheiden sich aber je nach Geschlecht. Während bei Männer ein hoher Stressfaktor eher zu Herz-Kreislauf-Problemen führt, macht er Frauen anfällig für psychische Erkrankungen. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass sich Frauen grundsätzlich mehr Gedanken über ihre Gesundheit machen. Laut DAK-Gesundheitsbericht stehen psychische Erkrankungen bei Frauen mit einem Anteil von 12,2 Prozent an dritter Stelle der häufigsten Krankheiten.
Typisch männliche Stressfolgen sind dagegen Herzinfarkt und Schlaganfall. Hinzu kommen Übergewicht, hoher Blutdruck sowie erhöhte Cholesterinwerte. Das Risiko, daran zu erkranken, steigt bei Managern, die wöchentlich mehr als 60 Stunden, rapide an.
Foto: FotoliaUmfangreiche Aufgaben ganz klein machen
Ein riesiger Berg ungeliebter Aufgaben liegt vor Ihnen? Nutzen Sie die Salamitaktik: Gliedern Sie im Geiste die umfangreiche Aufgabe in mehrere kleine Arbeitsschritte. So scheinen sie leichter zu bewältigen und nach jedem Arbeitsschritt haben Sie ein kleines Erfolgserlebnis.
Foto: FotoliaMythos 6: Stress ist ein modernes Phänomen
Die Gesellschaft wird schnelllebiger, permanent müssen wir erreichbar sein, die Zeit wird knapper – und der Stress immer größer? Könnte man meinen, doch eigentlich ist Stress ein uralter Überlebensmechanismus: Der Puls beschleunigt sich, der Blutdruck steigt, Muskeln spannen sich an. Bei Stress schüttet unser Körper große Mengen der Hormone Adrenalin und Kortisol aus – alles ist auf Angriff oder Flucht gepolt. Auch wenn wir uns heute nicht mehr vor dem Säbelzahntiger retten müssen, läuft die körperliche Reaktion auf Stress ab wie bei den Steinzeitmenschen. Das Thema „Stress“ ist also keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Als erster hat Walter Cannon die sogenannte Notfallreaktion durch Stress beschrieben. Demnach reagiert der Körper auf Bedrohung blitzartig durch die Herstellung einer „Flucht oder Angriffsbereitschaft“ (Fight or Flight) oder den sogenannten Todstellreflex - wie zu Zeiten der Neandertaler.
Foto: FotoliaMythos 7: Ältere Menschen sind schneller gestresst
Das stimmt ebenfalls nicht - zumindest nicht generell. Zwar hat Stress bei Menschen höheren Alters schneller körperliche Folgen, weil sie weniger belastbar sind. Trotzdem ist die Zahl psychischer Erkrankungen durch Stress in der vergangenen Jahren in der Gruppe der 20- bis 35-Jährigen am stärksten angestiegen und hat den höchsten Anteil bei den 40- bis 44-Jährigen. Hier erreichen psychische Erkrankungen mit einem Anteil von 12,2 Prozent ihren Höchststand. Das liegt an den steigenden Leistungsanforderungen im Job - und zunehmend unsicheren Arbeitsverhältnissen.
Foto: dpaMythos 8: Stress entsteht durch die Arbeit
Richtig ist, dass Stress häufig im Arbeitsumfeld entsteht. Aber die Arbeitsbelastung selbst ist nicht ausschlaggebend, wie Wissenschaftler der Universität Helsinki herausfanden. Vielmehr sind oft negative Beziehungen und Emotionen am Arbeitsplatz die eigentlichen Übeltäter. Wer sich ständig mit anderen vergleicht, löst eine dauerhafte Frustrationsspirale in Gang, wie sie etwa Michael Cohn von der Universität Michigan beschreibt. Wissenschaftler sprechen dabei von der „Gratifikationskrise“: Wer viel leistet, ohne dafür angemessen belohnt zu werden, hat ein doppelt so hohes Risiko an Depression oder Herzinfarkt zu erkranken.
Gestresst ist außerdem, wer wenig Kontrolle über sein Handeln hat, zu wenig Anerkennung bekommt, nicht genug verdient oder nur geringe Aufstiegschancen hat.
Foto: dpaMythos 9: Stress lässt sich vermeiden
Ein Leben ohne Belastung gibt es nicht, auch wenn viele Ratgeberbücher „Nie mehr Stress“ versprechen. Doch er entsteht automatisch und lässt sich nicht vermeiden. Bereits wenn wir morgens aufwachen, schüttet unser Körper Stresshormone aus, damit wir in Schwung kommen. Ebenso lösen Geräusche – Lärm, Babyschreien oder Straßenverkehr – unwillkürlich Stress aus. Sogar wenn wir leidenschaftlich Küssen, ist das Stress. Denn auf jeden Reiz reagiert das Gehirn mit Gedanken und Gefühlen – und der Ausschüttung von Stresshormonen. Entscheidend dafür, ob sich der Stress auf unsere Gesundheit auswirkt, ist daher nicht ob wir Stress haben, sondern wie viel und wie lange.
Foto: dpa-tmn10. Das Eisenhower-Prinzip
Das besagt diese Theorie: Aufgaben müssen priorisiert werden! Das erkannte schon der ehemalige US-Präsident Dwight Eisenhower. Er teilte seine Aufgaben in vier Gruppen auf: Sofort erledigen! Später machen! Delegieren! Vergessen!
So wenden Sie diese Theorie an: Legen Sie sich eine Liste an, in der Sie Ihre Aufgaben in diese vier Kategorien einteilen. Müssen Sie das selbst tun? Oder können Sie es einem Mitarbeiter geben? Wenn nicht, in die Tonne damit. Meiden Sie Zeitfresser. Merken Sie sich Zeit vor, um gewisse Aufgaben zu erledigen. Das Haus wird nicht einstürzen, wenn Sie Dinge nicht sofort erledigen – aber schieben Sie es trotzdem nicht ewig auf. Manche Dinge können nicht warten, sie sollten Sie sofort erledigen.
Weitere Theorien beschreiben James McGrath und Bob Bates in ihrem Buch "Der 5-Minuten-Manager" (Börsenmedien, 2014).
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Solche Herangehensweisen sind nicht nur als Erfolgsrezepte im Sinne eines klassischen "Schneller, höher, weiter" zu sehen. Sie sind vor allem Reformansätze, die frische, mutige und vor allem menschliche Haltungen fördern - und damit den Fortbestand des Unternehmens wirksamer sichern helfen als jede Verbesserung des Controllingsystems.
Haltungen, die ganz anders sind als das Verhaltensrepertoire, das in vergangenen Jahrzehnten Erfolg garantierte. Haltungen, die vielen Angehörigen der Generation Y wesentlich leichter fallen als den Älteren.
Verstehen statt Dominanzstreben. Integration und Transparenz statt Abgrenzung und Abschottung. Schrittweises Herantasten statt Planungsillusionen. Courage statt Angst. Bescheidene Authentizität statt schöner Schein.
Mit diesen Haltungen ziehen die Aufsteiger der Weltwirtschaft die besten Talente an und erzielen kometenartige Erfolge. Denn hier verwandelt sich die Energie der Belegschaft in Innovation, Vertrauensaufbau, Qualität und Kundennutzen statt in persönliche Absicherungstaktiken, Dienst nach Vorschrift, organisationsinterne Politik und Rivalitäten.
Ein Kunde spürt, wie ein Unternehmen tickt. Er wandert schnell dorthin ab, wo er sich wohler fühlt. Die ungleiche Entwicklung der Drogerieketten Schlecker und dm ist alles andere als ein Einzelfall. Denn die Liste von Unternehmen, die statt in Erneurungskraft in Starre investierten und damit untergingen, ist lang.
Überlebenswichtige Haltungen
Noch kennen wir die Namen: Kodak, Agfa, Quelle, AEG, Telefunken, Karstadt. So unterzugehen muss nicht sein. Denn die Unternehmen, die seit Generationen bestehen und sich immer wieder neu erfanden, beweisen das Gegenteil - egal ob familiengeführter Mittelständler oder börsennotierter Industriegigant.
Auch für das Überleben von Institutionen sind die Haltungen, die das Haus prägen, ein wesentlicher Faktor: Was zählt bei uns? Gedeiht der Mensch? Darf jeder sehen, was wir hier tun? Ziehen wir wirklich an einem Strang?
Verbundenheit, Ehrlichkeit, Demut, Hingabe, Courage: Die Zukunftsfähigkeit unserer Institutionen hängt davon ab, ob wir es schaffen, reifen menschlichen Haltungen im Haus Raum zu geben, sie zu kultivieren und mit geeigneten Strukturen flächendeckend zu fördern.
Dennoch stellt sich die Frage: Wie können Unternehmen solche Haltungen und Herangehensweisen übernehmen? Jede Veränderung beginnt mit einem ersten Schritt - und meist entfalten eher leichte, unspektakuläre Schritte echte Wirkung.
Dazu zählt zum Beispiel, sich heiklen Fragen wie Delegation und Verantwortung einmal mit einem Kartenspiel zu nähern. Mitarbeiter einzuladen, das Geschäftsmodell des Unternehmens zu visualisieren und sie damit stärker in dessen Weiterentwicklung einzubinden. Unterschiedliche Sichtweisen verschiedener Abteilungen in einer "World-Café" Veranstaltung zusammenzuführen, statt sie als trennende Faktoren zu erleben.
Solche Ansätze mögen unorthodox wirken. Doch sie und Dutzende andere haben in aller Welt Tausenden Unternehmen und Institutionen den Weg zu mehr Innovation, Leistungsfähigkeit und Miteinander eröffnet und geebnet.
Eine wesentliche Gemeinsamkeit dieser erfolgreichen Neuerungen ist, dass sie uns erleichtern, in unserer Arbeitswelt wieder mehr Mensch sein zu können. Unsere spezifischen Stärken und Qualitäten als Menschen für die Kunden einzusetzen. Unsere Intuition, Empathie, unseren Pioniergeist und unsere Sehnsucht nach Sinnerfülltheit - statt nur Untertanengeist, Kontrollstreben und geistlose Routine zu bieten.
Das macht uns zum Mensch: Ein Mehr an Technokratie wird uns kaum helfen, die Herausforderungen der Welt zu bestehen - ein Mehr an solch zutiefst menschlichen Qualitäten schon eher.
Gemeinsam ist diesen neuen Ansätzen auch, dass sie Menschen überall faszinieren, ob im Konzern oder im Kleinbetrieb: Gerade weil sie dazu einladen, mehr Menschlichkeit zu erleben und gemeinsam erfolgreicher zu sein.
Das heißt nicht, dass alles Bisherige falsch wäre. Im Gegenteil: Unseren vertrauten Strukturen und Denkmustern verdanken wir viel, nicht zuletzt die große Stabilität unserer Infrastrukturen.
Doch überall dort, wo wir Neuland betreten, wo Unvorhersehbares die Regel ist und wo die Rezepte der Vergangenheit keine Antworten bieten, haben viele moderne Unternehmen ihre traditionellen Herangehensweisen durch neue ergänzt. Zugleich tragen sie mit der einhergehenden menschlicheren Unternehmenskultur stark zur Begeisterung ihrer Kunden und Mitarbeiter bei.
Moderne Herangehensweisen mögen in den unterschiedlichsten Kontexten erfolgreich einsetzbar sein. Doch letztlich kommt keine Organisation darum herum, ihren eigenen Weg zu leistungsfähigeren Formen der Zusammenarbeit zu entdecken.
Überall Unterstützung
Auch wer in seinem Unternehmen erst einmal in kleineren Kreisen mit solchen Herangehensweisen Erfahrungen sammeln möchte, profitiert dabei stark davon, sich unternehmensübergreifend zu vernetzen.
Und es geht problemlos, denn man ist nicht allein. Dutzende von Plattformen, Konferenzen und informellen Netzwerktreffen haben sich den Kulturwandel zum Thema gemacht. In unterschiedlichen Formaten von örtlichen "Scrumtischen" und Workshops bis zu überregionalen Konferenzen und virtuellen Netzwerken laden sie dazu ein, sich offen auszutauschen und davon weit mehr zu profitieren als von jeder Theorie und Kanzelpredigt.
Viele Unternehmen fördern eine solche Vernetzung zum Kulturwandel auf allen Ebenen. Damit investieren sie wirksamer in ihre Attraktivität und Zukunftsfähigkeit als mit jeder Nachhaltigkeits- und Imagekampagne. Und sie erweisen damit ihren Mitarbeitern zugleich einen weit größeren Dienst als das politisch ausgewogenste Anti-Stress-Gesetz es je leisten kann.