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StudentenrekordStudium bereitet kaum auf den Job vor

Der Run auf die Hochschulen hält an. Es gibt in Deutschland so viele Studierende wie noch nie. 2,8 Millionen sind es derzeit. Doch fit für den Beruf fühlen sie sich nach dem Studium nicht. Offenbar fehlt der Praxisbezug. 25.11.2015 - 16:41 Uhr

Kaufmännische Berufe sind out

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat zusammen mit dem Bundesinstitut Berufsbildung (BBB) den Arbeitsmarkt der Zukunft analysiert. Schlechte Nachrichten haben die Experten für Arbeitskräfte in kaufmännischen Dienstleistungsberufen, Kaufleute im Handel, Lehrer und Ausbilder sowie für die rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe. In diesen Sektoren kommt es bis 2030 zu einem deutschlandweiten Überangebot. Heißt: Die Chancen auf einen Job und ein gutes Gehalt sind eher gering.

Foto: dpa

Gesuchte Handwerker und Techniker

Wenn sich die bisherigen Trends in der Zukunft fortsetzen, wird es besonders bei den klassischen Ausbildungsberufen im technischen Sektor eng. Laut der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektion wird es 2030 deutschlandweit zu einem Engpass an Fachkräften mit einer dualen Berufsausbildung kommen. "Auf der beruflichen Ebene ergibt sich in 15 von 20 untersuchten Berufshauptfeldern in mindestens einer Region ein rechnerischer Arbeitskräfteengpass", heißt es in der Studie. "Bei den technischen Berufen sind die Engpässe flächendeckend." Stattdessen erwarten die Experten eine Akademiker-Flut.

Foto: dpa

Engpässe in der Gesundheitsbranche

Auch Krankenpfleger und -schwestern, Fachkräfte aus der Altenpflege und sonstigen Gesundheitsberufen werden im Jahr 2030 Mangelware sein. Allein in der Pflege sollen bundesweit 155.000 Kräfte fehlen. Wer in diesem Sektor ausgebildet ist, hat also auch in Zukunft keine Probleme einen Job zu finden. Die Regionen Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) und Nordrhein-Westfalen werden deutschlandweit die einzigen Regionen mit einem Überangebot an Arbeitskräften bei den Gesundheitsberufen sein, so die Prognose. In Nordrhein-Westfalen wird es jedoch in den meisten Berufsfeldern ein Überangebot an Arbeitskräften geben.

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Nordrhein-Westfalen

Berufe, die 2030 in Nordrhein-Westfalen gesucht sein werden, sind laut der Prognose Medien-, geistes- und sozialwissenschaftliche Berufe (voraussichtlich 3000 unbesetzte Stellen), Berufe im Waren- und Einzelhandel (4.000 unbesetzte Stellen), technische Berufe (6000 unbesetzte Stellen) und Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und verarbeitung (20.000 unbesetzte Stellen). Außerdem gehen die Experten von einem Mangel an Wach- und Sicherheitsleuten aus.

Foto: dpa

Baden-Württemberg

In Zukunft entscheidet aber nicht nur der gelernte Beruf über die eigenen Jobchancen, sondern auch die Region - beziehungsweise die Bereitschaft, umzuziehen. In Baden-Württemberg wächst laut den Experten die Bevölkerung weiter - anders als in den anderen Bundesländern. Dort wird auch 2030 das Verarbeitende Gewerbe der Motor des wirtschaftlichen Wachstums sein. In den Maschinen und Anlagen steuernden und wartenden Berufen sowie den akademisch geprägten IT- und naturwissenschaftlichen Berufen wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen. Was klassische Ausbildungsberufe angeht, wird Baden-Württemberg die einzige Region sein, in der es laut Prognose nicht zu einem Mangel an Kräften kommen wird, da der Abschluss einer Berufsausbildung dort traditionell eine hohe Bedeutung hat. Doch auch hier wird es an rund 70.000 Fachkräften aus dem Gesundheitswesen fehlen.

Foto: AP

Ostdeutschland

Ganz anders sieht es im Osten der Republik aus: Die neuen Bundesländer, inklusive Berlin, haben deutschlandweit den größten Bevölkerungsrückgang bis 2030 zu verzeichnen. Entsprechend ist dies auch die einzige Region, in der die Autoren einen Engpass bei Akademikern voraussagen. Doch auch an anderer Stelle wird es knapp - mit entsprechendem Nutzen für Fachkräfte aus diesen Branchen.

So werden 45.000 Stellen in Verkehr-, Lager- und Transportberufen unbesetzt bleiben, 35.000 im Gesundheitssektor, 28.000 in Reinigungs- und Entsorgungsberufen, 25.000 in technischen Berufen, 24.000 Stellen im Bereich der Maschinen- und Anlagensteuerung und -Wartung, es fehlen außerdem 22.000 Hilfskräfte und Hausmeister, 16.000 Kräfte aus der Metallverarbeitung, dem Anlagenbau beziehungsweise -montage oder der der Anlagenelektronik, außerdem fehlen jeweils 8000 Kräfte in der Gastronomie und 8000 in Sozialberufen sowie 6000 in be- und verarbeitenden Berufe sowie Instandsetzung.

Foto: REUTERS

Bayern

In Bayern wird - wie auch in Baden-Württemberg - das Verarbeitende Gewerbe der Motor des wirtschaftlichen Wachstums bleiben. Entsprechend hoch wird auch dort die Nachfrage nach Maschinen- und Fahrzeugbauern sowie IT- und naturwissenschaftlichen Berufen sein. Bayern ist laut den Experten die Region mit den wenigsten Berufsfeldern, in denen mit einem Fachkräfteengpass zu rechnen ist.

Wer im Jahr 2030 in der Gastronomie (voraussichtlich 14.000 unbesetzte Stellen), dem Gesundheits- oder Mediensektor (zusammen circa 66.000 unbesetzte Stellen), einem geistes- und sozialwissenschaftlichen oder künstlerischen Beruf tätig ist, hat jedoch in Bayern die besten Chancen, eine gutbezahlte Stelle zu finden.

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Norddeutschland

In Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind vor allem Fachkräfte aus dem landwirtschaftlichen Bereich, Logistik und Verkehr gefragt. Allerdings gehen die Experten davon aus, dass Jobangebot und -nachfrage in Zukunft ausgeglichen werden. Wer in diesen Branchen tätig ist, bekommt also einen Job, wird aber nicht heißumkämpft. Anders sieht es dagegen bei den Rohstoff gewinnenden Berufen aus (voraussichtlich 30.000 unbesetzte Stellen). Ingenieure und Ingenieurinnen für Rohstoffgewinnung und -aufbereitung sollten spätestens in 15 Jahren ihre Koffer packen und sich auf den Weg in den Norden machen. Hier winken Jobs und gutes Geld.

Foto: dpa

Region Mitte-West

In Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist die Wirtschaftsstruktur durch die Bankenmetropole Frankfurt auch 2030 geprägt vom Finanz- und Versicherungssektor. In den besonders vorherrschenden Bereichen der kaufmännischen Berufe und rechts - und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen. Für Angestellte aus diesen Branchen gibt es dort also wenig zu holen. Anders sieht es bei den Fachkräften aus dem Gesundheitswesen aus: Hier fehlen voraussichtlich 37.000 Kräfte. Bei den technischen Berufen sollen im Jahr 2030 rund 9000 Stellen unbesetzt und bei den Wach- und Sicherheitsleuten werden 7000 Kräfte fehlen.

Foto: dpa

Mobilität und Flexibilität helfen

Die gute Nachricht ist: Es handelt sich bei dem Ausblick von IAB und BIBB um eine Prognose. Diese Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. In den Projektionen erscheinende Engpässe oder Überhänge seien nicht als unausweichlich aufzufassen. "Die unterschiedliche demografische Entwicklung und die Wirtschaftsstruktur in den untersuchten Regionen geben die Richtung für die zukünftige Entwicklung des Arbeitskräfteangebots und -bedarfs nach Berufen und Qualifikationen vor", so die Forscher. Die Autoren erläutern: "Die Projektionen zeigen, auf welchem Entwicklungspfad wir uns bis zum Jahr 2030 befinden, wenn sich die bisherigen Trends in der Zukunft fortsetzen." Mehr regionale Mobilität und berufliche Flexibilität könnten beispielsweise Fachkräfteengpässe und –angebote teilweise ausgleichen.

Foto: AP

In Deutschland studieren 53 Prozent eines Jahrganges, wie der gestern veröffentlichte OECD-Bildungsbericht zeigte. Im OECD-Schnitt sind es 60 Prozent. Nun liefert das Statistische Bundesamt weitere Zahlen, die das deutsche Bildungsbürgertum freuen dürften: Die Zahl der Studierenden in Deutschland ist im laufenden Wintersemester auf einen Rekord von fast 2,8 Millionen gestiegen. Das waren noch einmal 2,2 Prozent oder gut 60.000 Studenten mehr als vor einem Jahr. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), Horst Hippler, sprach von einer "permanenten Hochleistung für die Bildung in Deutschland"

Ebenfalls Grund zur Freude bietet die Tendenz der Erstsemester hin zum Fach Informatik. Zwar gebe es nur wenig konkrete Ergebnisse, aber im Jahresvergleich hätten sich mehr Studienanfänger für Informatik eingeschrieben. Hipp hipp Hurra, könnte man meinen.

Doch all denen, die nun vor der Überakademisierung warnen, sei gesagt, dass nur 36 Prozent der deutschen Studenten ihr Studium auch abschließen.

Studienanfänger contra Studienabbrecher: In welchen Ländern die meisten Studenten durchhalten
Im Durchschnitt aller OECD-Länder beginnen 67 Prozent aller jungen Menschen im Laufe ihres Lebens ein Studium an, gehen auf eine Meisterschule oder eine andere höhere Berufsbildungseinrichtung. 50 Prozent der jungen MEnschen in den OECD-Ländern schließen dies auch ab.Quelle: OECD-Bildungsbericht
Spitzenreiter ist Australien: Hier ziehen 74 Prozent ihr Studium oder ihre Meisterschule auch bis zum Abschluss durch.
In Neuseeland beginnen 92 Prozent eines Jahrgangs ein Hochschulstudium.72 Prozent schließen das Studium auch ab.
71 Prozent der jungen Japaner beenden ihr Studium auch.
In Dänemark fangen 87 Prozent eines Jahrgangs ien Studium an, 62 Prozent bringen es zu Ende.
In Slowenien gehen 74 Prozent der jungen Leute an die Uni, 58 Prozent verlassen sie mit einem entsprechenden Zeugnis.
Auch in Lettland verlassen 58 Prozent der Studenten die Uni mit einem abgeschlossenen Studium.
In den USA schließen 54 Prozent der Studenten ihr Studium auch ab.
53 Prozent derer, die ein Studium begonnen haben, ziehen es auch bis zum Ende durch.
Hier gehen 52 Prozent mit einem Bachelor oder Master von der Uni ab.
In Chile beginnen 89 Prozent der jungen Leute ein Hochschulstudium oder eine Meisterausbildung, 52 Prozent schaffen es letztlich auch.
Nur 55 Prozent der jungen Finnen studieren. Von ihnen beenden 49 Prozent das Studium auch.
76 Prozent der jungen Schweizer gehen an eine Uni, nur 48 Prozent davon schließen das Studium auch ab.
In Großbritannien zieht es 58 Prozent eines Jahrgangs an die Unis und Fachhochschulen, 47 Prozent machen einen entsprechenden Abschluss.
Auch in der Türkei schließen 47 Prozent der jungen MEnschen das Studium ab.
In Tschechien beenden 46 Prozent ihre Unilaufbahn mit einem Zeugnis.
60 Prozent der jungen Slowaken studieren. Den Abschluss machen jedoch nur 45 Prozent der Studenten.
Die Abschlussquote in den Niederlanden und in Norwegen beträgt ebenfalls je 45 Prozent. In beiden Ländern verlassen also 55 Prozent der Studenten die Uni ohne einen Abschluss.
In Portugal gehen zwar 63 Prozent eines Jahrgangs auf eine Universität, dohc nur 43 Prozent der Studenten schließen ihr Studium auch ab.
In Schweden verlassen sogar nur 41 Prozent der Studenten die Uni oder FH mit einem entsprechenden Zeugnis.
Zählt man die jungen Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft mit, beginnen in Deutschland 59 Prozent eines Jahrgangs ein Studium oder gehen auf eine Meisterschule. Doch nur 36 Prozent machen auch einen Abschluss.
In Italien schaffen nur 34 Prozent der Studenten auch einen Abschluss.
Luxemburg ist sowohl bei der Anzahl der Studenten als auch bei den Absolventen Schlusslicht: Nur 19 Prozent eines Jahrgangs beginnen dort ein Hochschulstudium oder vergleichbares. Und nur 16 Prozent schließen das Studium auch ab.

Viel gelernt, aber nichts für die Praxis

Nur: Die, die ihr Studium beenden, fühlen sich dadurch nicht auf den Beruf vorbereitet, wie die Umfrage "unicensus kompakt" des Personaldienstleisters univativ unter mehr als 1000 Studenten und Studentinnen ergab. Kaum einer fühlt sich durch das Studium allein ausreichend qualifiziert, so das Ergebnis. 90 Prozent der Studenten setzen auf Praxiserfahrung und Weiterbildung, um auf den Start im Job optimal vorbereitet zu sein. Nur eine Minderheit von 16 Prozent der Befragten sieht das Studium als beste Vorbereitung für das spätere Berufsleben.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Studenten ihrer Uni per se ein schlechtes Zeugnis ausstellen: 60 Prozent fühlen sich durch ihr Studium sehr gut beziehungsweise gut auf die zukünftig relevanten Themen ihres Fachbereichs vorbereitet. Nur auf die tatsächliche Anwendung werde man nicht vorbereitet. "Wir beobachten, dass sich Studenten bereits bei Nebenjobs mit Anforderungen konfrontiert sehen, die sie nicht allein durch Studienwissen erfüllen können", sagt Olaf Kempin, Co-Geschäftsführer von univativ.

Denn auch bei Berufseinsteigern erwarten Arbeitgeber Fremdsprachenkenntnisse, Soft Skills - und Praxiserfahrung. Nur auswendig gelerntes Wissen hilft im Job nicht weiter. "Die universitäre Lehre in Deutschland ist sehr gut. Doch akademisches Fachwissen reicht nicht aus, um im Arbeitsleben zu bestehen", bestätigt Kempin.

Deshalb schwören Studenten auf Praktika: 51 Prozent wollen dadurch fit für den Beruf werden, weitere 42 Prozent hoffen auf den qualifizierenden Erfolg eines Nebenjobs mit Studienfachbezug. Aber auch theoretisches Zusatzwissen ist gefragt: Jeder Fünfte nimmt Angebote von Hochschulen wahr, die nicht Teil des Studiengangs sind. 18 Prozent der Befragten eignen sich relevantes Wissen im Selbststudium an.

56 Prozent versuchen es allgemein mit Weiterbildungsangeboten wie Kurse, Workshops oder Barcamps. Hauptmotivation ist dabei die Verbesserung der eigenen Employability. 30 Prozent wollen sich durch Zusatzqualifikationen von anderen Bewerbern abheben. 17 Prozent der Studenten bereiten sich sogar schon ganz gezielt auf das Anforderungsprofil eines potenziellen Arbeitgebers vor. Dumm nur, wenn der einen dann nicht anstellt.

ked
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