Entzauberte Mythen: Alter schützt vor Torheit nicht
Wem würden Sie Ihr Geld anvertrauen? Setzen Sie auf Erfahrung oder Jugend?
Foto: WirtschaftsWocheWelchem Anlageberater vertrauen Sie mehr: einem 25-Jährigen, der gerade seine Ausbildung abgeschlossen hat – oder einem 60-Jährigen, der alle Kursausschläge der vergangenen 40 Jahre miterlebt hat? Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, verlassen Sie sich auf den finanziellen Weitblick, der über Jahre gewachsen ist. Denn wer viel erlebt hat, konnte schon zeigen, dass er selbst harte Börsenzeiten überstehen kann.
Doch Erfahrung, Wissen und langjährige Praxis sind nur die eine Seite der Medaille. Um profitable Finanzentscheidungen zu treffen, sind Gefühle genauso wichtig wie rationales Denken. Untersucht man nämlich, worauf es im Gehirn von erfolgreichen Finanzakteuren ankommt, stellt man fest, dass es tatsächlich so etwas wie eine Signatur des Börsenerfolgs im Gehirn gibt.
Dabei hilft eine moderne Methode. Dank des sogenannten Hyperscannings konnte man bei mehreren Personen gleichzeitig messen, was im Gehirn vor sich geht, wenn sie in einem interaktiven Börsenspiel miteinander handelten. Interessanterweise kam es in allen Laborstudien zu Übertreibungen und anschließenden Kurseinbrüchen.
Benjamin Graham (1894 - 1976)
Graham wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf, nachdem seine verwitwete Mutter alles Hab und Gut durch Aktienspekulationen verloren hatte. Der Ausnahmeschüler schloss bereits mit 20 Jahren sein Studium ab und arbeitete anschließend an der Wall Street, wo auch die New Yorker Börse beheimatet ist. Später lehrte er an der Columbia University Wirtschaftswissenschaften. Sein Buch "Security Analysis" (1934) gilt als Standardwerk, die spätere populärwissenschaftliche Version "Intelligent Investor" gilt als Bibel der sogenannten Value-Investoren und war ein Bestseller.
Foto: WirtschaftsWocheAndré Kostolany (1906 - 1999)
In Budapest geboren kam Kostolany 1940 in die USA, wo er später bis 1050 eine Finanzfirma leitete. Legendär machten ihn jedoch Kolumnen, Vorträge und zahlreiche Bücher, die in acht Sprachen übersetzt wurden und sich millionenfach verkauften. Gemeinsam mit Gottfried Heller gründete er 1971 die Vermögensverwaltung Fiduka, eine der ältesten Deutschlands. Seine Börsenweisheiten aus seinen Veröffentlichungen und Auftritten werden noch heute gerne zitiert, zum Beispiel: "Ich kann Ihnen nicht sagen, wie man schnell reich wird; ich kann Ihnen aber sagen, wie man schnell arm wird: indem man nämlich versucht, schnell reich zu werden.“
Foto: dpa/dpawebWarren Buffett (geb. 1930)
Als Sohn eines Brokers erwarb Buffett seine ersten Aktien mit elf Jahren. Während des Studiums war Benjamin Graham einer seiner Professoren, später stieg Buffett in dessen Brokerunternehmen Graham-Newman als Wertpapieranalyst ein. Niemand setzte die Strategie Grahams an der Börse erfolgreicher um, fundamental unterbewertete Aktien günstig zu kaufen und auf ihre langfristige Wertentwicklung zu setzen. Buffett zählt heute zu den reichsten Menschen der Welt, sein Vermögen wird auf mehr als 60 Milliarden Dollar geschätzt. Es steckt fast vollständig in der von ihm selbst aufgebauten Holdinggesellschaft Berkshire Hathaway, die große Aktienpakete an Unternehmen wie etwa Coca Cola, Wells Fargo, McDonalds und großen Versicherungen wie Geico oder Munich Re hält. Die Renditen seiner Investments haben sich meist weit überdurchschnittlich entwickelt und viele seiner Aktionäre reich gemacht.
Foto: REUTERSGeorge Soros (geb. 1930)
Geboren im ungarischen Budapest kam Soros 1956 in die USA und übernahm 1968 einen Hedgefonds, später folgten die berühmten Quantum-Fonds. Mit dem Kauf und Verkauf von Aktien der französischen Großbank Société Générale verdiente er 1988 Millionen, wurde aber mehr als zwei Jahrzehnte später wegen Insiderhandels bei diesen Geschäften verurteilt. Vor allem seine Wetten gegen - aus seiner Sicht überbewertete - Währungen wie das Pfund Sterling 1992 machten ihn berühmt und bescherten ihm Milliardengewinne. Soros geht mit seinen Geschäften offen um, zumal er sie häufig politisch begründet. 2008 war er mit einem Einkommen von 1,1 Milliarden Doller der bestbezahlte Hedgefondsmanager der Welt. Soros ist aber auch ein großer Menschenfreund, der sich für eine offene Gesellschaft engagiert und Milliarden spendet.
Foto: dpaJens Ehrhardt (geb. 1942)
Ehrhardt stieg bereits mit 27 Jahren als Partner in die Vermögensverwaltung Portfolio Management ein, gründete 1974 jedoch seine eigene Firma, die Dr. Jens Ehrhardt Vermögensverwaltung, die heute als DJA Kapital AG firmiert. Schon seine Doktorarbeit widmete sich dem Einfluss der Geldmengensteuerung durch die Notenbanken auf die Entwicklung der Börsenkurse. Seine Strategie orientiert sich bis heute an den Bestimmungsfaktoren der Aktienkurse jenseits der Unternehmen. Ehrhardts seit 1974 erscheinender Börsenbrief "Finanzwoche" gilt als einer der erfolgreichsten hierzulande und erscheint noch heute.
Foto: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Doch die erfolgreichsten Anleger zeigten eine besondere Hirnaktivität. Kurz bevor die Kurse einbrachen, war jener Teil ihres Gehirns aktiv, der ein negatives Gefühl der Verlusterwartung auslöste: die Inselrinde, die negative Affekte und Vermeidungsverhalten verursacht. Weniger wissenschaftlich ausgedrückt: Ihnen wurde es zu heikel, und sie stiegen aus – genau rechtzeitig.
Um an der Börse erfolgreich zu sein, muss das Gehirn zweierlei schaffen. Zum einen muss es von der Aussicht auf Gewinn motiviert werden. Das ist nicht schwer, die Belohnungsregion im limbischen System sorgt bei jedem Menschen für diesen eingebauten Antrieb. Zum anderen müssen wir rechtzeitig skeptisch werden. Genau diese Vorsicht wird von der Inselrinde gesteuert. Sie richtet dazu gewissermaßen ein Warnsignal an unser bewusst denkendes Stirnhirn: Vorsicht, gleich könnte es bergab gehen!
Das Problem ist bloß: Je älter wir werden, desto schwächer wird dieser Warnruf im Gehirn weitergeleitet, weil sich die Nervenfasern im Laufe des Lebens umstrukturieren. Im Vergleich zu jüngeren Testpersonen treffen deswegen ältere Menschen über 60 schlechtere Finanzentscheidungen, wenn sie sich in einem riskanten Marktumfeld befinden und beispielsweise in einem Börsenspiel mit Aktien handeln. In einem risikoärmeren Anleihemarkt sind sie unter Laborbedingungen hingegen genauso gut wie die jungen Probanden. Je älter man wird, desto schwerer fällt es dem Gehirn, im richtigen Moment auszusteigen.
Das soll jetzt natürlich nicht bedeuten, dass ältere Anleger generell immer schlechter wären als jüngere. Denn natürlich kann man seine langjährige Erfahrung nutzen, um dieser Denkfalle des Gehirns zu entkommen. Am wichtigsten dabei ist: Machen Sie sich klar, wann und wie Gewinne überhaupt erst entstehen – nämlich dann, wenn sie aus dem Markt aussteigen.