Nobelpreise: Ehrungen für mutigen Politiker, kluge Köpfe und einen Songpoeten
Der Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften Oliver Hart.
Foto: dpaMit viel Pomp und Wertschätzung sind am Wochenende die Gewinner der Nobelpreise gefeiert worden. In Oslo nahm der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos den Friedensnobelpreis entgegen. Die Auszeichnung war ihm für seine Bemühungen um ein Ende des blutigen Guerilla-Kriegs in seinem Land zuerkannt worden. „Wir haben das Unmögliche möglich gemacht“, sagte Santos am Samstag. Am Sonntagabend sollte zu Ehren des Friedensnobelpreisträgers in Oslo ein Nobel-Konzert stattfinden.
In der schwedischen Hauptstadt Stockholm überreichte König Carl XVI. Gustaf den Preisträgern in Medizin, Physik, Chemie und Wirtschaftswissenschaft ihre Auszeichnungen. Nur der Literaturnobelpreis wurde am Samstag nicht persönlich verliehen, weil Preisträger Bob Dylan für die Feier abgesagt hatte.
Bei einem festlichen Bankett am Abend las die US-Botschafterin in Stockholm, Azita Raji, eine Dankesrede vor, die Dylan an die schwedische Akademie geschickt hatte. Darin entschuldigte sich der 75-jährige Musiker, nicht persönlich bei der Feier dabei sein zu können. Der Preis habe ihn sehr überrascht. Er hätte sich nie gefragt, ob seine Lieder Literatur seien. Wann und auf welchem Wege er die Auszeichnung bekommt, ist noch unklar.
Den Medizin-Nobelpreis nahm der japanische Zellforscher Yoshinori Ohsumi für seine Entdeckung entgegen, wie die Müllabfuhr der Körperzellen funktioniert. „Ihre bahnbrechende Forschung hat ein uraltes Rätsel in der Biologie gelöst“, sagte Laudator Nils-Göran Larsson vom Nobelkomitee für Medizin.
Mit dem Physik-Preis wurden die theoretischen Physiker David Thouless, Duncan Haldane und Michael Kosterlitz für ihre Beschreibung exotischer Materiezustände geehrt. Die gebürtigen Briten leben und forschen in den USA.
Den Nobelpreis in Chemie überreichte der schwedische Monarch dem gebürtigen Briten James Fraser Stoddart, Jean-Pierre Sauvage aus Frankreich und dem Niederländer Bernard Feringa für die Entwicklung der kleinsten Maschinen der Welt. „Ihre Arbeit hat die Grundlage für ein völlig neues Forschungsfeld geschaffen“, sagte Nobeljuror Olof Ramström.
Nobelpreis-Verleihung
Es ist die Krönung jeder wissenschaftlichen Laufbahn, aus der Hand des schwedischen Königs den Nobelpreis in Empfang zu nehmen. für eine bahnbrechende Entdeckung den Nobelpreis bekommen. Doch damit das passiert, braucht es neben Talent und Wissen auch sehr viel Glück. Denn selbst wenn die Forschungssensation da ist, warten auf dem Weg zu der Auszeichnung noch etliche Stolpersteine. Hier eine Auswahl. (Foto: dpa)
Foto: DPA1. Lange Wartezeit
In der Regel müssen Forscher viele Jahre darauf warten, bis ihre Entdeckung oder Erfindung mit dem Nobelpreis geehrt wird. Dann sind sie oft schon sehr alt. Und wer stirbt, bevor er den Nobelpreis bekommen hat, hat Pech gehabt – da mag die Entdeckung noch so groß sein. Denn ein Toter kann laut Satzung der Nobelstiftung den Preis nicht bekommen.
Foto: DPADag Hammarskjöld
Allerdings gibt es eine Ausnahme von dieser Regel: Wer nach Bekanntgabe, aber vor Verleihung des Preises stirbt, bekommt ihn trotzdem. Der wohl bekannteste posthum Geehrte war der damalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld, dem 1961 der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde. Hammarskjöld kam drei Monate vor der Verleihungszeremonie bei einem Flugzeugabsturz ums Leben.
Foto: DPA2. Forscherstreit um die Entdeckung
Die Entwicklung der Genschere Crispr-Cas9 gilt als Jahrhundertcoup. Um das Wunderwerkzeug, mit dem Erbgut wie mit einem Skalpell verändert werden kann, liefern sich die Forscherinnen Emmanuelle Charpentier (r.) und Jennifer Doudna auf der einen Seite und der Bioingenieur Feng Zhang auf der anderen Seite bis heute einen erbitterten Patentstreit. Keine guten Aussichten für einen Nobelpreis, denn...
Foto: DpaNobelpreis-Jury
...ein Gerichtsstreit um eine Erfindung ist zwar kein Ausschlusskriterium für einen Nobelpreis, doch wenn die Forscher selbst sich so uneins sind, kann die Jury kaum entscheiden, wer denn nun die Auszeichnung verdient hat.
Foto: DPA3. Wer zuerst kommt...
Wer hat im Rennen um eine bahnbrechende Entdeckung die Nase vorn? Das Veröffentlichungsdatum einer Studie liefert den Juroren zumindest einen Hinweis. „Man muss die wissenschaftliche Literatur gründlich lesen, um zu sehen, wer über eine Entdeckung wann eine Studie veröffentlicht hat“, sagt Nobeljuror Gunnar Ingelman.
Foto: DPANobelpreis-Medaille
Wer sich nicht genug gesputet hat, riskiert, dass der Konkurrent das Rennen macht. Aber Ingelman betont auch: „Wenn nur kurze Zeit zwischen zwei Veröffentlichungen vergangen ist, könnte es sein, dass man das als gleichzeitig ansieht und beide Forscher den Preis bekommen.“
Foto: DPA4. Die magischen Drei
Wichtig ist aber vor allem, wer den entscheidenden Anteil an einer Entdeckung hatte. Zu Nobels Zeit waren es meist einzelne Wissenschaftler, die vor sich hintüftelten und eine Entdeckung machten. Deshalb sollte der Preis nach seinem Willen an Einzelpersonen gehen – und zwar höchstens an drei pro Preis. Haben mehr Forscher gleichberechtigt an einem Projekt gearbeitet, hat einer von ihnen deshalb im Zweifelsfall heute noch das Nachsehen. Denn an Nobels Regeln halten sich die Jurys streng.
Foto: Dpa5. Teamwork unerwünscht
Viel mehr als früher ist Forschung aber heute Teamwork. „Besonders in der Physik gibt es große Kollaborationen“, sagt Ingelman. Deshalb wäre es gerecht, den Preis auch an Organisationen wie etwa das europäische Kernforschungszentrum Cern zu vergeben, finden viele. Doch solche Institutionen sind bisher leer ausgegangen.
Foto: DPAPeter Higgs (r.) und François Englert
Kritik gab es 2013, als Peter Higgs und François Englert den Nobelpreis für die Vorhersage des Higgs-Bosons bekamen. Viele meinten, dass auch das Forschungszentrum Cern hätte ausgezeichnet werden müssen, das dieses wichtige Elementarteilchen schließlich entdeckte.
Foto: AP6. Falsches Forschungsfeld
Vor allem in den ersten Jahren hätten die Mitglieder der Nobeljurys am liebsten Wissenschaftler aus ihrem eigenen Forschungsfeld ausgezeichnet, sagt Gustav Källstrand vom Stockholmer Nobel-Museum. „Dafür gibt es sehr berühmte Beispiele.“ Als etwa Albert Einstein zum ersten Mal nominiert wurde, waren schlicht nicht genug theoretische Physiker in der Jury, um seine Arbeit zu würdigen, sagt Källstrand. (Foto: dpa)
Foto: DPAAlbert Einstein 1946
Erst 1922, als mehr theoretische Physiker im Komitee saßen, bekam Einstein den Preis. Heute sei es fast umgekehrt, sagt Källstrand: „Die Jurys versuchen das heutezu vermeiden.“
Foto: DPA7. Die Qual der Wahl
„Es gibt viel mehr wissenschaftliche Entdeckungen, die den Preis verdient haben, als ihn bekommen können“, sagt Nobelforscher Källstrand. Geniale und fleißige Forscher auf der ganzen Welt müssen deshalb der Tatsache ins Auge sehen, dass sie die Auszeichnung wohl nie bekommen werden, weil es einfach zu viele bahnbrechende Forschungserfolge gibt.
Foto: Dpa8. Ein Quäntchen Unsicherheit
Wenn eine Jury einen Nobelpreis vergibt, will sie sich ganz sicher sein, dass eine Entdeckung so sensationell ist, wie sie im ersten Moment erscheint. Das kann dazu führen, dass sie eine Errungenschaft unterschätzt: „Es gibt Beispiele dafür, dass etwas den Preis nicht bekommen hat, weil das Komitee nicht rechtzeitig begriffen hat, wie bedeutend eine Entdeckung war“, sagt Källstrand.
Foto: DPADNA-Modell
Als etwa der Kanadier Oswald Avery Mitte des 20. Jahrhunderts das Molekül DNA als Träger des Erbguts ausmachte, war sich die Forschungsgemeinschaft zunächst nicht sicher, ob seine Ergebnisse stichhaltig waren. Trotz zahlreicher Nominierungen zögerte die Jury – und bevor ihm der Nobelpreis zuteilwerden konnte, starb Avery.
Foto: Dpa9. Zu spät dran
Im Februar verkündeten US-Forscher einen Durchbruch in der Physik: den weltweit ersten Nachweis von Gravitationswellen. Ein klarer Nobelpreis-Kandidat! Für dieses Jahr waren sie damit aber wohl zu spät dran. Denn wer die begehrte Auszeichnung bekommen will, muss seine Erkenntnisse bis Ende Januar des jeweiligen Jahres veröffentlicht haben.
Foto: DPAGravitationswellen-Modell
Am 31. Januar endet die Nominierungsfrist, und was bis dahin nicht schwarz auf weiß in einem der einschlägigen Fachblätter steht, hat keine Chance auf einen Nobelpreis. „Aber es kommt ja immer ein nächstes Jahr“, tröstet Ingelman.
Foto: DPASchließlich wurden die in den USA lehrenden Forscher Oliver Hart und Bengt Holmström mit dem Nobelpreis für Wirtschaft bedacht. Ihre Arbeiten helfen beim Verständnis von komplizierten Verträgen, etwa von Top-Managern. Im Gegensatz zu den traditionellen Nobelpreisen geht die Wirtschafts-Auszeichnung nicht auf das Testament des schwedischen Dynamit-Erfinders Alfred Nobel zurück. Sie wurde erst 1968 von der Reichsbank gestiftet.
Alle Preise sind mit jeweils acht Millionen schwedischen Kronen (rund 830 000 Euro) dotiert und werden jedes Jahr am Todestag des Preisstifters Alfred Nobel verliehen, dem 10. Dezember.