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Privatpleitier Vural ÖgerDie Hölle des Löwen

In der Vox-Show „Höhle der Löwen" machte er Jagd auf Start-Ups. Nun ist der Reiseunternehmer Vural Öger pleite. Auf seinen Insolvenzverwalter kommt reichlich Arbeit zu.Henryk Hielscher 13.12.2016 - 16:58 Uhr

Der türkisch-deutsche Unternehmer Vural Öger.

Foto: Ursula Düdpa

Millionen von Gastarbeitern und Touristen reisten mit ihm in die Türkei, später versuchte er sich als Abgeordneter des EU-Parlaments und testete Jungunternehmer in der TV-Sendung „Höhle der Löwen". Nun hat der Unternehmer Vural Öger beim Amtsgericht München Privatinsolvenz angemeldet. Ein Verfahren zeichnet sich ab, bei dem es vor allem darum gehen wird, Vermögenswerte für die Gläubiger zurück zu holen.

So hat Öger ab Herbst 2015 Immobilien und Unternehmensanteile an Geschäftspartner, Familienangehörige und Banken übertragen. Darunter befanden sich laut „Spiegel Online“ unter anderem seine Privatvilla in Hamburg, Anteile seiner Beratungs- und Investmentgesellschaften, ein Bürogebäude in Hamburg und Grundstücke im türkischen Bodrum.

Das Problem dabei: In unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Verkäufen und Übertragungen hatten Ögers Reiseunternehmen V.Ö.T. Travel und  Öger Türk Tur Insolvenz angemeldet. Damit dürfte auch eine spätere Privatinsolvenz Ögers absehbar gewesen sein und die Frage steht im Raum, ob Öger sein Privatvermögen gezielt vor dem Zugriff der Gläubiger schützen wollte. Im Umfeld Ögers weist man das entschieden zurück. So seien die Unternehmensbeteiligungen, die übertragen wurden, de facto wertlos. Die türkische Immobilien seien an eine Bank gegangen, an die die Häuser als Sicherheit verpfändet waren. Zudem habe „Öger alles versucht, um die Insolvenzen abzuwenden“.

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Klar ist: Im Pleitefall können Insolvenzverwalter Geschäfte des Schuldners rückabwickeln. Das Instrument sind dabei so genannte Anfechtungsklagen, die aber oft über Ausgleichszahlungen und freiwillige Rückübertragungen des Schuldners vermieden werden. „Da sind wir dran“, sagte Ögers Insolvenzverwalter Matthias Hofmann von der Münchner Kanzlei Pohlmann Hofmann der WirtschaftsWoche. Öger habe bereits „zugesagt, Gespräche mit einzelnen Geschäftspartnern zu vermitteln, damit eine Lösung zu möglichen Anfechtungsvorgängen erarbeitet werden kann“, so Hofmann. In Deutschland kann das relativ zügig gehen. Heikel dürfte es für Hofmann werden, mögliche Ansprüche auf Vermögenswerte im Ausland – insbesondere in der Türkei – durchzusetzen.

Doch der Jurist gilt als Spezialist für komplexe Verfahren. So war Hofmann etwa gemeinsam mit seinem Kanzleikompagnon Rolf G. Pohlmann zuletzt bei der Abwicklung des Skandal-Fondsvertriebs dima24 im Einsatz.

Anfang Juli dürfte das Insolvenzverfahren über das Vermögen des derzeit wohl prominentesten Privatpleitiers eröffnet werden: Thomas Middelhoff. Der Ex-Bertelsmann und Arcandor-Chef soll bei seinen Gläubigern mit mehr 100 Millionen Euro in der Kreide stehen. Vor allem kreditfinanzierte Investments in Immobilienfonds sind ihm zum Verhängnis geworden. Im Zuge seiner Pleite muss Big T. auch um Haus und Hof bangen. So will der Insolvenzverwalter Thorsten Fuest zahlreiche Vermögensverschiebungen Middelhoffs rückgängig machen, darunter auch die Übertragung seiner Bielefelder Familienvilla.

Foto: AP

„Ich war völlig am Boden, bekam keine Kreditkarte mehr, kein Bankkonto. Ich kriegte nicht mal mehr einen Handyvertrag“, erinnerte sich Lars Windhorst in einem Interview an seine private Pleite. Windhorst galt einst als Wunderknabe der deutschen Wirtschaft, der mit 14 Jahren schon elektronische Bauteile aus China importierte, im Schlepp des damaligen Kanzlers Helmut Kohl Asien besuchte, in Vietnam einen 224 Meter hohen Windhorst-Tower plante – und dessen Reich 2004 schließlich krachend implodierte.  Auch privat konnte Windhorst seine Rechnungen nicht mehr bezahlen und meldete Konkurs an. Allerdings gelang Windhorst ein erstaunliches Comeback: Er einigte sich mit seinen Gläubigern und konnte so den Pleite-Makel schon nach ein paar Monaten wieder abschütteln. Heute fädelt er als Investor Milliardendeals ein, zuletzt mit der BASF-Tochter Wintershall.

Foto: dpa

Manches Traumschiff läuft auf Grund - so wie das Reedereigeschäft der Schwestern Gisa und Hedda Deilmann, die es 2003 vom Vater geerbt hatten. Die "MS Deutschland" und andere Kreuzer bekamen die beiden Erbinnen jedoch nicht mehr so richtig flott. Sieben Jahre später übernahm der Insolvenzverwalter das Kommando am Firmensitz Neustadt an der Ostsee. Auch die privaten Finanzen der  Unternehmerinnen hatten da schon erhebliche Schlagseite. Die Folge:  Eine Zwillings-Insolvenz.

Foto: gms

Mit 21 Jahren war Anton Schlecker der jüngste Metzgermeister der Republik, mit seinen nunmehr 70 Jahren ist er einer der bekanntesten Pleitiers des Landes. 2012 war sein Drogerieimperium Schlecker implodiert und der Freund schneller Autos und bunter Versace-Hemden rutschte mit in die Insolvenz. Schleckers Schnitzer: Er hatte sein Unternehmen als Einzelkaufmann geführt und haftete für alle Schulden persönlich. Einziger Trost für den Patron: Tochter Meike Schlecker sagte zwar öffentlich, es sei „nichts mehr da“. Doch für das Nötigste reichte es dann doch: Dem Insolvenzverwalter kaufte der Clan seine alte Villa in Ehingen ab, um die Restschuldbefreiung standesgemäß im Eigenheim auszusitzen.

Foto: dapd

Einst angesprochen auf seine Schwächen, nannte Windreich-Gründer Willi Balz seinen Hang zur  „Ungeduld“. Das dürfte das Aussitzen des privaten Insolvenzverfahrens für den früheren Geschäftsführer und Eigentümer des Windparkentwicklers nicht eben leichter machen. Einer seiner Intimfeinde, die Bank Safra Sarasin hatte den Antrag gestellt. Das Institut hatte Windreich Kredite in Höhe von rund 75 Millionen Euro gewährt, für die Balz persönlich bürgte.

Foto: dpa

Niels Stolberg durfte einst die stolzen Titel "Mutmacher der Nation" und "Entrepreneur des Jahres" führen. Der Vorzeigereeder hatte mit seiner Gesellschaft Beluga schließlich einen Weltmarktführer geschaffen. Inzwischen taugt wohl eher der Titel „der Untergeher“.   2010 stieg der US-Investor Oaktree bei Schwerlastreederei ein, 2011 meldete diese dann Insolvenz an und in ihrem Fahrwasser musste auch Kapitän Stolberg den Gang zum Insolvenzgericht antreten. Zu den finanziellen gesellten sich juristische Unbillen. Nach jüngster Zählung hat die Bremer Staatsanwaltschaft drei Anklagen gegen Stolberg erhoben.

Foto: dpa

Der Kieler Augenarzt Detlef Uthoff leitete im Sommer 2014 eine finanzielle Not-OP ein und stellte   Insolvenzantrag. Hintergrund war ein Steuerstreit mit der Stadt Kiel in Millionenhöhe. An der monatelangen Auseinandersetzung war schon die damalige Oberbürgermeisterin Susanne Gaschke (SPD) gescheitert. Besonders spannend: Uthoff, der unter anderem die Augenklinik Bellevue, zu seinem Besitz zählte, spannte einen so genannten Insolvenz-Schutzschirm über sich und die Klinik auf. Nebeneffekt: Er konnte das Insolvenzverfahren maßgeblich mitsteuern und einen Insolvenzplan vorbereiten. Dann durchkreuzte jedoch das Finanzamt Uthoffs Plan. Im Mai 2015 kippte sein Verfahren in eine Regelinsolvenz.

Foto: Fotolia

Der Fall Öger ist ähnlich spektakulär. Schon vor Monaten sorgte ein zentraler Gläubiger des Reiseunternehmers für Aufsehen. Der Münchner Gleiss-Lutz-Anwalt Luidger Röckrath erwirkte für SunExpress, ein Gemeinschaftsunternehmen von Turkish Airlines und Lufthansa, im Mai einen Arrestbeschluss gegen Öger wegen ausstehender Forderungen in Höhe von 17 Millionen Euro. Später beantragte die Isbank über ihren Anwalt Hans-Georg Fischer von der Kanzlei Rossbach & Fischer die Einleitung eines Insolvenzverfahrens gegen Öger.

Ögers Anwälte, die Insolvenzrechtler Christoph Henningsmeier und Christoph Seiffert, von Henningsmeier Rechtsanwälte parierten den Fremd- mit einem Eigenantrag. Die Privatinsolvenz sei „aufgrund hoher persönlicher Haftungsverpflichtungen, die Herr Öger für die Öger Türk Tur GmbH übernommen hat, unvermeidbar“ geworden, teilte die Kanzlei mit.

Henningsmeier hatte bereits die zwei Unternehmenshavarien im Öger-Reich rechtlich begleitet und im Vorfeld versucht, die Gläubiger von einer Restrukturierung zu überzeugen. Doch dazu kam es nicht.  V.Ö.T. Travel meldeten einen Tag vor Silvester 2015 Insolvenz an. Als vorläufiger Insolvenzverwalter wurde der Hamburger Jurist Dietmar Penzlin von Schmidt-Jortzig Petersen Penzlin bestellt. Penzlin fand im Unternehmen allerdings wenig Verwertbares vor. Gut zwei Monate nach dem Antrag informierte Penzlin das zuständige Amtsgericht Hamburg über die „drohende Masseunzulänglichkeit“ des Unternehmens.

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Über mehr Substanz verfügte das älteste Unternehmen aus Ögers Firmengruppe, der 1972 gegründeten Flugveranstalter Öger Türk Tur (ÖTT). Im Zuge des Insolvenzantrags war der Sitz der Firma von Hamburg nach Düsseldorf verlagert worden. Der Name wurde in Fly Türk GmbH geändert. Fortan versuchte der Düsseldorfer Jurist Dirk Andres zu retten, was zu retten ist - zunächst als vorläufiger Verwalter, mit Verfahrenseröffnung am 1. April als Insolvenzverwalter. In dem Verfahren könnte es auf eine Forderungshöhe in knapp zweistelliger Millionenhöhe hinauslaufen. Da es eine Patronatserklärung zwischen ÖTT und Öger gab und zusätzliche Haftungsansprüche im Raum stehen, zählt auch Andres nun zu den Gläubigern im Münchner Verfahren.

Dass es überhaupt zu den wirtschaftlichen Schwierigkeiten kam, begründen Ögers Anwälte mit dem Einbruch des Reisegeschäfts in Folge des Syrien-Konflikts sowie den politischen Spannungen zwischen der Türkei und Russland und mehreren Terroranschlägen. „Der hierdurch bedingte Umsatzrückgang brachte die Unternehmen unseres Mandanten in die Verlustzone“. Der Unternehmer habe daraufhin „versucht, seine Gesellschaften durch die Zuführung erheblicher privater Mittel zu stützen". Das vertragswidrige Verhalten eines wichtigen Geschäftspartners habe Ende 2015 schließlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch der Unternehmensgruppe geführt, heißt es in einer Mitteilung der Kanzlei.

Ziel sei es nun den Privatmann Öger im Rahmen des Insolvenzverfahrens  zu entschulden. Explizit nennen seine Anwälte dabei auch die Möglichkeit eines Insolvenzplans. Ein solches Instrument ist bei Privatpersonen zwar nicht allzu verbreitet, böte Öger aber die Möglichkeit, deutlich schneller aus der Pleite zu kommen als im Regelverfahren. Noch ist das jedoch allenfalls eine theoretische Option, die erst eine Rolle spielen könne, wenn die Anfechtungsthemen vom Tisch seien, sagt Insolvenzverwalter Hofmann. Zudem müssen letztlich die Gläubiger zustimmen. Zumindest bei Ögers Geschäftspartner SunExpress dürfte die Bereitschaft dafür aktuell gering sein. 

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