Hauptstadt-Flughafen BER: Die Politik kann es einfach nicht

Die Führung entgleitet der Politik nun vollends. Der derzeitige Chef Karsten Mühlenfeld wird das Unternehmen verlassen.
Foto: dpaDie vielleicht folgenschwerste Entscheidung im Zusammenhang mit dem Berliner Flughafenbau traf die Politik bereits im Jahr 2003. Eigentlich wollten die drei Gesellschafter – der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg – das Projekt an einen externen Konsortialführer vergeben, der die Baustelle koordiniert hätte.
Es gab auch Interessenten. Hochtief beispielsweise hätte den Flughafen für zwei Milliarden Euro gebaut. Doch den Ländern Berlin und Brandenburg war das zu teuer. Sie wollten nur 1,7 Milliarden Euro bezahlen. Gemeinsam erklärten der ehemalige Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck im Jahr 2003: "Wir bauen den Flughafen in eigener Regie.“ Angepeilter Eröffnungstermin: 2009.
Das war ein fataler Fehler. Und der Grundstein dafür, dass der Politik die Kontrolle über den Flughafenbau komplett entglitt. Denn von nun an war sie deutlich stärker in der Verantwortung, den Bau selbst mit zu steuern. Doch dazu war sie nicht in der Lage.
Acht Jahre später ist der Flughafen noch immer nicht fertig gestellt. Schlimmer noch: Die Führung entgleitet der Politik nun vollends. Noch-Chef Karsten Mühlenfeld wird das Unternehmen vorzeitig verlassen. Ihm folgt Engelbert Lütke Daldrup – ein Staatssekretär aus Berlin.
Die Personalrochade ist ein weiterer Tiefschlag für den Bau des Hauptstadt-Flughafens. Und ein Symbol für das Versagen der Politik. Der Bau des BER zeigt eindrücklich, was passiert, wenn man der Politik in Wirtschaftsfragen zu viel Verantwortung überträgt. Wenn politisches Prestige wichtiger wird als ökonomische Vernunft, dann ist ein Scheitern vorgezeichnet. Und die Politik hat sich beim BER von Anfang an zu viel eingemischt.
Natürlich ist es zunächst Aufgabe der Gesellschafter, zu bestimmen, wie der Flughafen aussehen soll. Doch aus heutiger Sicht weiß man: Hätte ein Konsortialunternehmen von Anfang an den Bau gesteuert, wären fatale Fehler vermeidbar gewesen.
Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Bauzeichnungen stimmten in keinster Weise mit dem tatsächlichen Gebäudebau überein. Als man 2012 entschied, die Eröffnung des Flughafens zu verschieben, stellte man fest, dass die einzelnen Baufirmen unabhängig voneinander gebaut hatten. Jeder baute, wie er wollte. Am Ende passte nichts aufeinander.
Der hauptsächlich von der Politik besetzte Aufsichtsrat hat die Misere nicht kommen sehen. Der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg schickten Minister und Staatssekretäre in das Kontrollgremium. Doch sie stellten nicht die richtigen Fragen, um zu erkennen, dass das Projekt völlig aus dem Ruder lief.
So wurde der Bau in 50 Einzellose unterteilt. Die Folge: Die Steuerung der Frischluft und die Steuerung der Entrauchungsanlage wurde etwa von zwei unterschiedlichen Firmen übernommen. Die eine plante analog, die andere digital. Das konnte nicht zusammenpassen. Doch es viel keinem auf.
Karsten Mühlenfeld ist seit März 2015 Chef der Berliner Flughäfen. Für das Bauchaos ist er nicht verantwortlich, aber er muss es lösen. Der 53-Jährige hielt lange an der Eröffnung bis Ende 2017 fest. Nun erfuhr die Deutsche Presse-Agentur dpa, dass die Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens BER erneut verschoben verschoben werden müsse. Ein Termin 2017, wie er bislang geplant war, ist nicht mehr zu halten, erfuhr die dpa von einer Person, die mit dem Vorgang vertraut ist. Im Aufsichtsrat werde nun eine Eröffnung im Frühjahr 2018 angepeilt. Zuvor hatte die „Bild“-Zeitung über die erneute Verschiebung berichtet.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheBeobachter halten einen Eröffnungstermin in 2017 für wenig wahrscheinlich. Bis dahin bleiben die Sitzbänke wie hier im Pier Nord geschützt.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheEin Problem: Der Flughafen musste nach der verpatzten Eröffnung 2012 kilometerlang neue Kabel verlegen und zusätzliche Entrauchungskanäle in enge Decken quetschen. Solche Bilder sieht man an vielen Stellen im Flughafen.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheSorgen macht auch die Gepäcksortieranlage. Sie funktioniert technisch zwar einwandfrei. Nur ein Software-Update ist noch nötig. Doch ausgelegt ist die Sortieranlage für rund 25 Millionen Passagiere. Im vergangenen Jahr fertigten die beiden Flughäfen Tegel und Schönefeld aber bereits fast 30 Millionen Passagiere ab. Schönefeld wird deshalb bis 2023 weiterbetrieben. Eine Notlösung.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Haupthalle des BER ist hell und stilvoll. Von der Decke hängt der „fliegende Teppich“, eines von sechs Kunstwerken im Flughafen. An der Glasfassade muss noch ein Schornstein angebaut werden. Der ist nötig, um im Brandfall Frischluft von außen in das Terminal zu leiten.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDer Duty-Free-Bereich gilt als große Hoffnung des Managements. Bislang sorgt dieser Bereich zusammen mit den gastronomischen Angeboten an Tegel und Schönefeld für einen Umsatzanteil von 20 Prozent. Die Berliner Flughafengesellschaft FBB will den Non-Aviation-Umsatz am BER in Zukunft verdoppeln.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDemnächst checken hier die Fluggäste von Air Berlin ein. Der Pavillon befindet sich neben der Haupthalle. Er wurde angebaut, weil der Flughafen zu klein geplant wurde. Lufthansa bekommt also die große Halle zugewiesen, Air Berlin den kleinen Anbau.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheJeder Laie weiß: Rauch zieht nach oben. Doch die Planer des Flughafens BER wollten sich den physikalischen Gesetzen widersetzen. Im Brandfall sollten meterhohe Ventilatoren den Rauch aus dem Terminal durch riesige unterirdische Tunnel saugen. Das hat die Technik überfordert. Jetzt entrauchen sie nur die unteren Ebenen. Die oberen Etagen erhalten Schornsteine. Mitarbeiter nannten die Anlage liebevoll das „Monster“. Es muss immer noch gebändigt werden.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Verzögerung des Baus hat auch die Arbeiter am Flughafen verärgert. Im Entrauchungstunnel kritzelten sie ihren Frust von der Seele: BBI steht für „Berlin Brandenburg International“, dem ursprünglichen Flughafen-Kürzel des BER.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Gepäckausgabe. Auch hier mussten neue Kabel für die Steuerung der Entrauchungsanlage gezogen werden. Die offene Decke zeigt, dass die Arbeiten noch immer nicht fertig sind.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheRund 700 Mitarbeiter sind auf der Baustelle des BER beschäftigt. Pause machen sie an Imbissbuden auf dem Vorfeld.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheIm „Raum der Stille“ finden Gläubige Ruhe zum Beten. Es gibt einen christlichen, muslimischen, überkonfessionellen und nicht-religiösen Raum.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Gewichtswaagen am Check-In-Schalter in der Haupthalle sind schon einsatzbereit. Sie funktionieren und leuchten jeden Tag.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheSixt, Daimler und Bayer haben sich als Werbepartner im Flughafen eingebucht. Bezahlen müssen sie dafür noch nichts.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Perlenkette ist eines von sechs Kunstwerken am Flughafen. Das Unternehmen wurde verpflichtet, rund ein Prozent der Bausumme in Kunst am Bau zu investieren. Zum Glück orientiert sich die Summe an den ursprünglich avisierten Kosten, nicht den tatsächlichen. Sonst wäre der BER ein Museum.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDie Check-In-Schalter in der Haupthalle stechen optisch vom Design anderer Flughäfen hervor. Ursprünglich sollten hier mal bis zu 17 Millionen Passagiere einchecken können. Inzwischen wurde der Flughafen auf eine Kapazität von 25 Millionen Fluggästen ausgebaut.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheNoch zeigt die Anzeigetafel zum Bahnhof keine Züge an. Obwohl die Deutsche Bahn bereits jeden Tag drei Züge durch den Tunnel fahren lässt, um durch den Fahrtwind Schimmelbefall zu vermeiden. Ohne Fahrgäste natürlich. Als Problem erweist sich weiterhin der Zugang zum Bahnhof. Den hat man ohne trennende Türen geplant. Weltweit gibt es das nur hier. Jetzt muss der Flughafen Zulufttürme nachrüsten, um den Brandschutz vom Bahnhof zu optimieren. Eine behördliche Abnahme steht noch aus.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheVereinzelt muss das Unternehmen bis heute noch Bauzeichnungen auf den aktuellen Stand bringen. Das Problem war, dass 2012 der damaligen Planungsgesellschaft fristlos gekündigt wurde. Damit ging sämtliches Wissen verloren. Die ohnehin fehlerhaften Baupläne mussten komplett erneuert werden. Die Auswirkungen dieses Planungschaos sind bis heute spürbar.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheDennoch soll es Ende 2017 losgehen. Die Bundespolizei lässt bereits Sicherheitsschleusen einbauen.
Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWocheUnd nun glaubt Berlins Bürgermeister Michael Müller allen Ernstes, es sei die beste Lösung, die Führung des BER gleich ganz zu übernehmen. Auf Mühlenfeld folgt mit Staatssekretär Daldrup Müllers rechte Hand in der Senatskanzlei. „Das ist eine sachgerechte, gute und schnelle Lösung“, sagte Müller.
Doch das ist sie nicht. Daldrup ist zwar Kenner der Materie, da er Berlin als Flughafenkoordinator seit Langem im Aufsichtsrat vertritt. Doch auch er ist der Politik hörig. Und das ist genau das, was der BER nicht braucht.
Es mag zwar sein, dass sich Mühlenfeld auf dem politischen Parkett nicht immer sehr diplomatisch verhalten hat. So ließ er mal durchblicken, dass ihn die zahlreichen Nachfragen der Politik zunehmend nervten. Auch hat er den Aufsichtsrat wohl sehr spät darüber informiert, dass weitere Bauverzögerungen zu erwarten sind.
Mühlenfeld wollte zudem Technikchef Jörg Marks vor die Tür setzen, was bei der Politik gar nicht gut ankam. Teile des Aufsichtsrates warfen ihm eigenmächtiges Verhalten vor. Die Flughafengesellschaft verliere wichtiges Know-how, um den Bau fertig zu stellen, so die Argumentation.
Doch ist die neue Lösung eine bessere? Wohl kaum. Dass Mühlenfeld gehen muss, ist kein gutes Zeichen. Daldrup wird Technikchef Marks wieder zurückholen. Aber mit Mühlenfeld geht ebenfalls Wissen verloren.
Vor allem hat auch Marks nicht überzeugen können. Er soll beispielsweise Termine verfehlt haben. Im Internet kursiert ein Dokument mit dem Titel „Problemthemen BER“, das dem Technikchef zahlreiche Versäumnisse vorwirft. Auch Berlins Oberbürgermeister Müller räumt ein, dass es kritische Diskussionen um den Bauleiter gegeben habe.
Das Personal-Chaos am BER droht den Eröffnungstermin weiter nach hinten zu verschieben. Das Jahr 2017 ist längst überholt. Kaum einer glaubt noch an 2018.
Aber wen interessiert das eigentlich noch. Auf das ein oder andere Jahr kommt es jetzt wohl eh nicht mehr an.