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  4. Insolvenz bei Alno: Küchenhersteller muss sich sanieren

Alno ist insolventMitarbeiter sind "wütend, ohnmächtig und enttäuscht“

Alno ist zahlungsunfähig. Der angeschlagene Küchenhersteller hat einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt. Großaktionär Tahoe, hinter dem die Familie Hastor steht, hat Unterstützung zugesichert. 12.07.2017 - 17:59 Uhr aktualisiert

In Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina, leben eine halbe Million Menschen. Die bosnische Unternehmerfamilie Hastor hat dort den Hauptsitz ihres Technologiekonzerns ASA Prevent Group angesiedelt. Der zweite wichtige Firmensitz ist in Wolfsburg.

Foto: Jasmin Brutus

Die Firmenzentrale von ASA Prevent in Sarajevo. Die Prevent-Gruppe beschäftigt rund 12.000 Mitarbeiter in 16 Ländern, etwa 6.500 davon in Bosnien. Die enge Zusammenarbeit mit VW hat sie groß gemacht. Prevent ist der größte private Arbeitgeber und Exporteur Bosnien-Herzegowinas.

Foto: Jasmin Brutus

Volkswagen-Werbung in den Straßen von Sarajevo. Als VW-Importeur kontrollierte der Hastor-Clan bis 2015 große Teile des bosnischen Automarkts, dann übernahm der VW-Konzern den Autovertrieb in der Region selbst. Die gute Beziehung zwischen VW und dem Hastor-Clan hat darunter gelitten.

Foto: Jasmin Brutus

Prevent stellt neben Auto-Teilen auch Stoffe her. In einem Flagship-Store in Sarajevo, genannt Prevent Labs, verkaufen die Hastors Designer-Mode, mutig dekoriert mit einem Autositz als Hinweis auf die Firmenhistorie.

Foto: Jasmin Brutus

Firmenpatriarch Nijaz Hastor und Gattin Mirsada sind Sponsoren und regelmäßige Besucher des Sarajevo Film Festival, zu dem alljährlich auch Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Robert De Niro kommen.

Foto: Jasmin Brutus

Gewandet in Blau, der Farbe des Prevent-Firmenlogos, sprechen Nijaz und Mirsada Hastor mit dem Direktor des Sarajevo Film Festivals 2015, Misrad Purivatra.

Foto: Jasmin Brutus

Gut 100 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Sarajewo liegt der Ort Gorazde, wo Prevent eine Fabrik unterhält. Etwas außerhalb von Gorazde, im Dörfchen Hladila, wurde der Prevent-Gründer Nijaz Hastor 1950 geboren.

Foto: Jasmin Brutus

Prevent-Gründer Hastor baute die Moschee in seinem Heimatdorf Hladila wieder auf. Sie war im jugoslawischen Bürgerkrieg zerstört worden.

Foto: Jasmin Brutus

In seinem Elternhaus in Hladila wuchs Prevent-Gründer Nijaz Hastor in den 50er- und 60er-Jahren als eines von sechs Geschwistern auf – ohne Strom und ohne fließendes Wasser. Heute gehört er zu den reichsten Bosniern. „Er hat das Brot der Armut gegessen - wir hatten keine andere Wahl, als etwas aus uns zu machen“, sagt ein früherer Mitschüler über ihn.

Foto: Jasmin Brutus

Hladila liegt am Gebirgsfluss Drina in den Bergen östlich von Sarajevo. Ganze 54 Einwohner hat der Heimatort von Prevent-Gründer Hastor.

Foto: Jasmin Brutus

Zwei Millionen Flüchtlinge und 100.000 Tote sind die Bilanz des Bosnienkriegs. Nijaz Hastors Heimatdorf Hladila lag unweit der Frontlinie. Während er in Wolfsburg lebte, harrte ein Teil der Familie unter Beschuss im belagerten Gorazde aus. Nijaz Hastors Bruder Agan fiel dem Krieg zum Opfer.

Foto: Jasmin Brutus

In dem Haus mit dem Dach in Prevent-Blau lebte Nijaz Hastors Bruder, bevor er starb. Jetzt wird es von seiner Schwägerin und ihrem Sohn genutzt.

Foto: Jasmin Brutus

„Zum Glück gibt es noch Menschen wie Nijaz Hastor“, sagt die 77-jährige Dzefa Kadric, „ohne ihn hätten wir hier nicht einmal fließendes Wasser“. Nijaz Hastor hat die Wasserleitungen und Brunnen im Ort gespendet. Die Enkelin von Dzefa Kadric ist Stipendiatin der Hastor-Stiftung, die über 1700 Schüler und Studenten finanziell unterstützt.

Foto: Jasmin Brutus

Nach jahrelangem Kampf gegen die finanzielle Misere geht der Küchenhersteller Alno in die Insolvenz. Das börsennotierte Unternehmen aus Pfullendorf reichte am Mittwoch einen entsprechenden Antrag ein, um sich in Eigenregie sanieren zu können. Der Vorstand habe sich zu diesem Schritt entschlossen, weil in Verhandlungen mit potenziellen Investoren und Gläubigern „zuletzt keine Einigung erzielt werden konnte“, hieß es in einer Mitteilung.

Großaktionär Tahoe, der erst seit Jahresbeginn das Sagen bei der Alno AG hat, stützt den Kurs und sieht den Sanierungsplan als Chance. Die IG Metall hingegen warf dem Management schwere Fehler vor.

Seit dem Börsengang 1995 hat Alno bis auf wenige Ausnahmen jedes Jahr Verluste gemacht. 28,5 Millionen Euro vor Steuern waren es im ersten Halbjahr 2016. Eine Bilanz für das Gesamtjahr hat das Unternehmen bisher nicht vorgelegt, dreimal wurde der Termin zur Veröffentlichung verschoben. Der Umsatz in den ersten fünf Monaten 2017 fiel im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 6,8 Prozent.

Die Alno-Aktien brachen bis zum Abend um mehr als 50 Prozent auf rund 0,14 Euro ein und kosteten damit so wenig wie noch nie. 2018 wird eine Mittelstandsleihe in Höhe von 45 Millionen Euro fällig, die Alno ausgegeben hat - unter anderem auch an viele Kleinanleger. Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) rechnet damit, dass sie durch die Insolvenz auch Geld verlieren werden. Es sei zu erwarten, dass von den Anleihegläubigern ein Beitrag zur finanziellen Sanierung der Gesellschaft abverlangt werde, hieß es.

Hastor bei Alno Küchen

Dieses Investment war ein Schuss in den Ofen

von Melanie Bergermann

Hinter Großaktionär Tahoe steht die bosnische Unternehmerfamilie Hastor, die mit der gescheiterten Machtübernahme beim bayerischen Autozulieferer Grammer für Schlagzeilen gesorgt und per Lieferstopp ihrer Firmengruppe Prevent im vergangenen August die Bänder von VW in Wolfsburg und Emden stillgelegt hat.

Mit Christian Brenner hatte Tahoe nach der Machtübernahme bei Alno zunächst einen Vertreter als Finanzchef installiert. Später löste Brenner dann überraschend Vorstandschef Max Müller ab. Seit Jahresbeginn fuhr das Unternehmen einen Sparkurs und hatte angekündigt, Stellen zu streichen. Im Inland sollten früheren Angaben zufolge 140 Arbeitsplätze abgebaut werden. In den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen schon mehrfach Stellen gestrichen. Aktuell zählt Alno 1900 Beschäftigte, in Deutschland gibt es Werke in Pfullendorf, Enger (NRW) und Coswig (Sachsen-Anhalt).

Küchenhersteller Alno

Bosnische Unternehmer steigen bei Alno ein

Zwar seien die Restrukturierungsmaßnahmen der vergangenen Monate weitgehend umgesetzt und das operative Ergebnis signifikant verbessert worden, betonte Tahoe. Das habe aber nicht gereicht, den Sanierungsstau und die finanzielle Belastung aus Altlasten der vergangenen zehn Jahre zu kompensieren. „Ziel der geplanten Sanierung in Eigenverwaltung muss vor allem sein, die Alno AG finanziell, bilanziell und operativ nachhaltig zu stabilisieren.“

Aus Gewerkschaftssicht kommt die Entwicklung nicht überraschend. Die finanzielle Situation bei Alno sei seit Jahren schon angespannt gewesen, sagte der zweite Bevollmächtigte der IG Metall Albstadt, Michael Föst. Die Standorte müssten erhalten bleiben, außerdem dürfe es keinen weiteren Stellenabbau geben, forderte er. Das Management habe über Jahre hinweg Stellen gestrichen. Dies habe aber keine großen Änderungen gebracht.

Betriebsratschefin Waltraud Klaiber sagte dem „Südkurier“ (Donnerstag), die Mitarbeiter seien „verärgert, wütend, ohnmächtig und enttäuscht“. Zugleich zeigte sie sich zuversichtlich, dass das Insolvenzverfahren auch eine Chance biete, „insbesondere wenn man den eingeschlagenen Spar- und Restrukturierungskurs rigoros weiter verfolgt“.

Die Tochtergesellschaften Gustav Wellmann GmbH & Co. KG und Alno Logistik & Service GmbH sollen in den Insolvenzantrag einbezogen werden. Alle übrigen in- und ausländischen Tochtergesellschaften einschließlich der Pino Küchen GmbH seien nicht betroffen, hieß es. Der Geschäftsbetrieb laufe unverändert weiter.

dpa
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