Tauchsieder: Die Tyrannei des Besonderen
"Die Gesellschaft der Singularitäten - Zum Strukturwandel der Moderne" von Andreas Reckwitz
Quelle: Suhrkamp Verlag AG
Foto: PRAn Beschreibungen der Moderne mangelt es nicht. Sie wird von Soziologen gern auf die die Begriffe der „Rationalisierung“ (Max Weber) und „Individualisierung“ (Ulrich Beck) gebracht - zwei Worte, die im journalistischen Gebrauch zu Allgemeinplätzen geronnen sind, aber den Vorteil haben, dass sie eine ganze Reihe von Phänomenen umfassen. Einerseits die Standardisierung von Produktionsprozessen, die Formalisierung des Rechtssprechung oder die Bürokratisierung von Institutionen zum Beispiel. Andererseits die Pluralisierung der Lebensstile, die Liberalisierung der Gesellschaften oder die Ludifizierung der Welt.
Es ist daher auch kein Wunder, dass „Rationalisierung“ und „Individualisierung“ noch immer die Doppel-Matrix bilden, in die all die Bindestrich-Gesellschaften eingepasst werden, die Soziolgen in den vergangenen Jahrzehnten ersonnen haben: etwa die Arbeits-, Freizeit-, Erlebnis-, Risiko-, Angst-, Informations- und Multioptionsgesellschaft.
Natürlich hat es nicht an Versuchen gemangelt, die Moderne mit alternativen Meta-Theorien auf einen Oberbegriff zu bringen. Karl Marx erklärte die durch „Kapitalakkumulation“ in Gang gesetzte Industrialisierung, genauer: die dynamische Funktionslogik der Fabrikation von Mehrwert durch das Ausbeuten von Rohstoffen und Menschen zur Zentralfaktizität der Neuzeit. Niklas Luhmann griff Überlegungen zur Arbeitsteilung (Émile Durkheim) auf, um seine Theorie der funktionalen Ausdifferenzierung westlicher Gesellschaften (in Systeme der Wirtschaft, Politik, Massenmedien, Kultur) zu entwickeln. Zuletzt versuchte Hartmut Rosa, „Rationalisierung“, „Individualisierung“ und „Ausdifferenzierung“ unter Berufung auf Karl Marx und Max Weber als Epiphänomene von „Beschleunigung“ zu deuten.
Andreas Reckwitz, Professor für vergleichende Kultursoziologie an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder, tritt nun wieder einen Schritt zurück und knüpft an die traditionellen Begriffe der „Rationalisierung“ und Individualisierung“ an - freilich nicht, um mit ihnen die Moderne zu deuten, sondern um sie von der Spätmoderne abzugrenzen. Reckwitz sieht seit den 1970er Jahren eine „Neukonfiguration der Formen der Vergesellschaftung“ sich vollziehen, die „die Grundstrukturen und Gewissheiten“ der Moderne erschüttert - und offeriert uns in seinem neuen Buch eine Theorie der Gegenwart, die sich auf einen einfachen Nenner bringen lässt: Die „soziale Logik des Allgemeinen“ in der Moderne verliert ihre Vorherrschaft an die „soziale Logik des Besonderen“ in der Spätmoderne.
Menschen, Waren, Städte, Reiseziele, Konsumgüter und Karrieren - schlicht alles ist in Reckwitz’ „Gesellschaft der Singularitäten“ heutzutage einzigartig, authentisch, außeralltäglich und exzeptionell, aufgeladen mit Ästhetik, Exklusivität und Eigensinn. Entsprechend müssen in der Spätmoderne der Arbeitsplatz und die Abendgestaltung, der distinktive Einkauf und die allgemeine Lebensführung für Bewunderungen und Ergriffenheiten offen sein - müssen die Menschen jeweils selbst und ihre Mitmenschen affizieren, sei es nun ein Opernbesuch oder ein Eröffnungsspiel, ein Bungee-Sprung oder eine Städtereise, ein Sushi-Essen oder ein Facebook-Post.
Mit Reckwitz gesprochen bedeutet das: „Prozesse der Singularisierung, Valorisierung und Kulturalisieriung“ werden in der Spätmoderne „leitend und strukturbildend“: Sie lösen eine „Logik des Allgemeinen“ ab, die noch für die alte, industrielle Moderne kennzeichnend war - eine Welt, in der zum Zwecke der Optimierung, Berechenbarkeit und Effizienzsteigerung auf Teufel komm raus normiert, typisiert, standardisiert und generalisiert wurde. Fließbandfertigung, Massenkonsum und Sozialstaat, so Reckwitz, hemmten und eliminierten in der industriellen Moderne das Außergewöhnliche zugunsten des Funktionellen, begünstigten das Kollektive zulasten des Individuellen - es herrschte der Geist einer normierten Normalität, in der „außengeleitete Charaktere“ ein regelhaftes Leben führten und „organisation men“ (David Riesman, William Whyte) an ihrer Einpassung in die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) arbeiteten.
Natürlich weiß auch Reckwitz, dass seine soziologische Binärformel (Moderne - Spätmoderne) historisch nicht haltbar ist, weshalb er einerseits die Romantik als gegenaufklärerische Antizipation der Spätmoderne einführt - und weshalb er andererseits die „Logik des Allgemeinen“ durch den Primat des Besonderen in der Spätmoderne nicht vollständig aufgehoben sieht: Vielmehr seien die Institutionen der Egalität heute eine Art Hintergrund und Infrastruktur, auf dessen Basis sich die „Kultur des Besonderen“ entfalte. Dennoch dürften sich viele Leser fragen, ob Reckwitz nicht zuweilen zum Opfer seinen eigenen Diganose wird - und dem Zwang zur Überakzentuierung seiner originellen These erliegt. Seine soziologisches Raster ist für die Erschließung der mannigfaltigen Singularitäten etwa zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Kunst und Wissenschaft zu grob. Es schließt einen historischen Zugang zur Wirklichkeit der Moderne nicht auf. Sondern verstellt ihn.
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Foto: WirtschaftsWocheGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gegen die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Foto: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Foto: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Foto: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Foto: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Foto: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Foto: dpaIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Foto: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheAls Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.
Foto: WirtschaftsWoche, APWalter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.
Foto: PressebildFriedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.
Foto: WirtschaftsWocheJohn Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.
Foto: WirtschaftsWocheJoseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.
Foto: WirtschaftsWocheDer amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.
Foto: APReinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..
Foto: dpaDer US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden. Bereits 2005 warnte er vor einer US-Immobilienkrise – die letztlich Auslöser der Finanz- und Schuldenkrise war. Seine Theorien zur Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) gelten als Gegenentwurf zur lange propagierten Rationalität der Märkte. In seinen Hauptwerken geht es um Herdentrieb und irrationale Übertreibungen.
Foto: WirtschaftsWochePaul Anthony Samuelson (1915-2009) wurde 1970 mit dem Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den vielseitigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und prägte die Volkswirtschaftslehre wie kaum ein anderer. Samuelson modernisierte den Keynesianismus, indem er Keynes' sowie neoklassische Theorien zu einer Synthese verband, darüber hinaus forcierte er als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs. Sein in 19 Sprachen übersetztes Standartwerk "Economics" ist bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten.
Foto: LaifDer schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) gilt als Urvater der Nationalökonomie. Er untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten, und entwickelte die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, wo sie zuvor nur als wenig beachteter Teil anderer Fachrichtungen galt. Sein Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" findet sich auch heute noch auf den Literaturlisten von Volkswirtschaftsstudenten wieder, er gilt als Begründer dessen, was heute als die klassische Nationalökonomie bezeichnet wird. Seine Ideen sind noch immer Basis jeder angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.
Foto: Pressebild
Dennoch ist das Buch, gelesen als soziologische Diagnose der Zeit, ein großer Gewinn. Reckwitz kann überzeugend darlegen, dass der Begriff der „Rationalisierung“ zur Beschreibung der Spätmoderne nichts taugt, dass der Begriff der „Individualisierung“ deutlich zu kurz greift - und dass sich die Spätmoderne als „Gesellschaft der Singularitäten“ umfassend in den Blick nehmen lässt, zum Beispiel:
• Die (digitalisierte) Plattform-Wirtschaft bringt nicht durchorganisierte Großkonzerne hervor, deren Produkte auf Massenfertigung und -konsum geeicht sind, sondern sie erzeugt Winner-takes-it-all-Märkte, in denen eine Handvoll kapitalintensiver Firmen personalisierte Kunden exklusiv adressieren.
• Die Arbeitswelt ist nicht gekennzeichnet von generalisierten Lohnvereinbarungen und Steinkühlerpausen für routinierte Facharbeiter im regelhaften Achtstundenbetrieb, sondern durch Kreativitätszwang in heterogenen Kollaborationen, Projekten und Netzwerken - und von flexiblen, freien Vertragsverhältnissen.
• In modernen, „innovationsorientierten Wettbewerbsstaaten“ werden tendenziell weniger allgemeine Leistungen verteilt, vielmehr besondere Leistungen prämiert: „Selbstunternehmer“ müssen sich mit „Alleinstellungsmerkmalen“ am Arbeitsmarkt anbieten.
• Nicht mehr das allgemein Verbindliche einer Nation ist der natürliche „Container“ einer Gesellschaft; statt dessen konkurrieren heute Regionen und Städte mit ihren Besonderheiten um Aufmerksamkeit von Investoren und Touristen. Und statt dessen haben heute Welt-Metropolen und Globalisierungseliten mehr miteinander gemein als zum Beispiel Köln mit der Eifel oder Berlin mit Brandenburg.
• Der kulturelle Liberalismus der Spätmoderne gibt sich zum Beispiel mit der allgemeinen Durchsetzung der „Menschenrechte“ nicht mehr zufrieden, sondern hegt und pflegt die besondere Identität von Persönlichkeiten und kulturellen Gruppen. Der Eigenwert von Kollektiven hat unter den Regimen der Nicht-Diskriminierung (Schwule, Behinderte etc.) und der Lebensqualität (Veganer) dramatisch zugenommen.
Metamorphose I
In der Frühphase des Kapitalismus werden aus Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England.
Foto: imago / united archives internationalMetamorphose II
Mit der Industrialisierung werden aus Handwerkern Arbeiter: Produktion bei Krupp in Essen, 1914.
Foto: dpaMetamorphose III
Im Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen.
Foto: dpaOrt der Verteilungsgerechtigkeit
Den reibungslosen Tausch und die Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen.
Foto: GemeinfreiOrt der Kapitalkonzentration
Der Börsenticker rattert, die Märkte schnurren, solange der Staat ein wachsames Auge auf sie wirft
Foto: Library of Congress/ Thomas J. O'HalloranOrt der Wachstumsillusion
Wenn Staaten Banken kapitalisieren, sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren...
Foto: APKarl Marx
Für ihn war der Unternehmer ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der Arbeiter ihrer Freiheit beraubt.
Foto: dpaMilton Friedman
Für ihn war der Geschäftsmann gut, der gute Geschäfte macht.
Foto: APPapst Franziskus
Für ihn ist die Ökonomie Tyrannei und Kapitalismus an der Wurzel ungerecht.
Foto: dpa
Kurzum: Mit Reckwitz’ „Gesellschaft der Singularitäten“ lassen sich die entscheidenden ökonomischen, kulturellen und politischen Prozesse und Probleme der Spätmoderne in den Blick nehmen. Denn dass der Vormarsch der „Logik des Besonderen“ problematisch ist, weil er „die Gesellschaft“ nicht nur partikularisiert, sondern auch in Gewinner und Verlierer zerfallen lässt - daran lässt Reckwitz am Ende keinen Zweifel.
Wenn Arbeitsverhältnisse, Lebensstile und Lebensräume sich polarisieren und der Raum für das gemeinsam Geteilte eng wird, ruft das nicht nur Abwehrreaktionen hervor, wie sie in „kulturessentialistischen“ und identitären Neogemeinschaften ihren Ausdruck finden. Sondern das wirft auch die Frage auf, wie sich die „Arbeit an der Allgemeinheit“ unter dem Regime des Besonderen organisieren ließe, wenn das Regime zugleich am Abbau der Möglichkeit arbeitet, diese Frage überhaupt noch zu stellen.
