Digitale Transformation: Ist Künstliche Intelligenz nun Job-Killer oder -Motor?
Die Industrie wird - schon allein, um wettbewerbsfähig zu bleiben - auf neue Technologien der Künstlichen Intelligenz gar nicht verzichten können.
Foto: FotoliaKünstliche Intelligenz ist auf der Hannover Messe Industrie in aller Munde. Sie zählt zu den Schlüsseltechnologien, die nicht nur in den Produktionshallen für umfassende Veränderungen sorgen wird. Doch in der Bevölkerung gibt es auch Sorge um einen potenziellen Kontrollverlust. Ob es dazu kommen könne, liege in den Händen der Entwickler und Anwender, ist Ralph Appel, Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure VDI, überzeugt. Es sei Aufgabe von Ingenieuren und Informatikern, einen Kontrollverlust nicht zuzulassen, sagte Appel zum Auftakt der Messe am Montag.
Immer mehr Entscheidungen werden durch entsprechende Systeme automatisch getroffen. Und Roboter übernehmen schon heute zahlreiche Arbeitsschritte in den Werkhallen. Entscheidungen, die von KI-Systemen vorgeschlagen oder getroffen würden, müssten für den Anwender jedoch plausibel und transparent sein, fordert Appel. „Hierfür müssen die aktiven Player in die Pflicht genommen werden.“
Laut einer Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft BVDW glauben 48 Prozent der Befragten, dass der Mensch die Kontrolle beim Verhältnis Mensch-Maschine verlieren werde. 69 Prozent geht davon aus, dass durch Künstliche Intelligenz massenhaft Arbeitsplätze entfallen werden. Dass sich negative und positive Effekte die Waage halten werden, meint aber etwa die Hälfte (53 Prozent).
Einen Grund für die Befürchtungen sieht Ingo Notthoff vom BVDW darin, „dass das tatsächliche Verständnis, wie Künstliche Intelligenz funktioniert, insgesamt sehr gering ist“. Es handele sich um ein „sehr komplexes Thema“, für das zunächst Vertrauen aufgebaut werden müsse.
Künstliche Intelligenz steckt nach Überzeugung des VDI in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Sie sei aber der „nächste logische Schritt im Rahmen der digitalen Transformation“, sagte Appel. Der VDI gehe jedoch nicht davon aus, dass Roboter künftig den Menschen die Jobs streitig machen werden. „Wenn wir die digitale Transformation und die Möglichkeiten der KI richtig bewerten und angehen, wird daraus ein Jobmotor“, sagte Appel. In einer Umfrage des Verbandes ist eine überwältigende Mehrheit der Mitglieder jedoch der Meinung, dass das Thema Künstliche Intelligenz in einem breiten gesellschaftlichen Rahmen diskutiert werden müsse.
Kaufmännische Berufe sind out
Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat zusammen mit dem Bundesinstitut Berufsbildung (BBB) den Arbeitsmarkt der Zukunft analysiert. Schlechte Nachrichten haben die Experten für Arbeitskräfte in kaufmännischen Dienstleistungsberufen, Kaufleute im Handel, Lehrer und Ausbilder sowie für die rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe. In diesen Sektoren kommt es bis 2030 zu einem deutschlandweiten Überangebot. Heißt: Die Chancen auf einen Job und ein gutes Gehalt sind eher gering.
Foto: dpaGesuchte Handwerker und Techniker
Wenn sich die bisherigen Trends in der Zukunft fortsetzen, wird es besonders bei den klassischen Ausbildungsberufen im technischen Sektor eng. Laut der BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsfeldprojektion wird es 2030 deutschlandweit zu einem Engpass an Fachkräften mit einer dualen Berufsausbildung kommen. "Auf der beruflichen Ebene ergibt sich in 15 von 20 untersuchten Berufshauptfeldern in mindestens einer Region ein rechnerischer Arbeitskräfteengpass", heißt es in der Studie. "Bei den technischen Berufen sind die Engpässe flächendeckend." Stattdessen erwarten die Experten eine Akademiker-Flut.
Foto: dpaEngpässe in der Gesundheitsbranche
Auch Krankenpfleger und -schwestern, Fachkräfte aus der Altenpflege und sonstigen Gesundheitsberufen werden im Jahr 2030 Mangelware sein. Allein in der Pflege sollen bundesweit 155.000 Kräfte fehlen. Wer in diesem Sektor ausgebildet ist, hat also auch in Zukunft keine Probleme einen Job zu finden. Die Regionen Nord (Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein) und Nordrhein-Westfalen werden deutschlandweit die einzigen Regionen mit einem Überangebot an Arbeitskräften bei den Gesundheitsberufen sein, so die Prognose. In Nordrhein-Westfalen wird es jedoch in den meisten Berufsfeldern ein Überangebot an Arbeitskräften geben.
Foto: dpaNordrhein-Westfalen
Berufe, die 2030 in Nordrhein-Westfalen gesucht sein werden, sind laut der Prognose Medien-, geistes- und sozialwissenschaftliche Berufe (voraussichtlich 3000 unbesetzte Stellen), Berufe im Waren- und Einzelhandel (4.000 unbesetzte Stellen), technische Berufe (6000 unbesetzte Stellen) und Bauberufe, Holz-, Kunststoffbe- und verarbeitung (20.000 unbesetzte Stellen). Außerdem gehen die Experten von einem Mangel an Wach- und Sicherheitsleuten aus.
Foto: dpaBaden-Württemberg
In Zukunft entscheidet aber nicht nur der gelernte Beruf über die eigenen Jobchancen, sondern auch die Region - beziehungsweise die Bereitschaft, umzuziehen. In Baden-Württemberg wächst laut den Experten die Bevölkerung weiter - anders als in den anderen Bundesländern. Dort wird auch 2030 das Verarbeitende Gewerbe der Motor des wirtschaftlichen Wachstums sein. In den Maschinen und Anlagen steuernden und wartenden Berufen sowie den akademisch geprägten IT- und naturwissenschaftlichen Berufen wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen. Was klassische Ausbildungsberufe angeht, wird Baden-Württemberg die einzige Region sein, in der es laut Prognose nicht zu einem Mangel an Kräften kommen wird, da der Abschluss einer Berufsausbildung dort traditionell eine hohe Bedeutung hat. Doch auch hier wird es an rund 70.000 Fachkräften aus dem Gesundheitswesen fehlen.
Foto: APOstdeutschland
Ganz anders sieht es im Osten der Republik aus: Die neuen Bundesländer, inklusive Berlin, haben deutschlandweit den größten Bevölkerungsrückgang bis 2030 zu verzeichnen. Entsprechend ist dies auch die einzige Region, in der die Autoren einen Engpass bei Akademikern voraussagen. Doch auch an anderer Stelle wird es knapp - mit entsprechendem Nutzen für Fachkräfte aus diesen Branchen.
So werden 45.000 Stellen in Verkehr-, Lager- und Transportberufen unbesetzt bleiben, 35.000 im Gesundheitssektor, 28.000 in Reinigungs- und Entsorgungsberufen, 25.000 in technischen Berufen, 24.000 Stellen im Bereich der Maschinen- und Anlagensteuerung und -Wartung, es fehlen außerdem 22.000 Hilfskräfte und Hausmeister, 16.000 Kräfte aus der Metallverarbeitung, dem Anlagenbau beziehungsweise -montage oder der der Anlagenelektronik, außerdem fehlen jeweils 8000 Kräfte in der Gastronomie und 8000 in Sozialberufen sowie 6000 in be- und verarbeitenden Berufe sowie Instandsetzung.
Foto: REUTERSBayern
In Bayern wird - wie auch in Baden-Württemberg - das Verarbeitende Gewerbe der Motor des wirtschaftlichen Wachstums bleiben. Entsprechend hoch wird auch dort die Nachfrage nach Maschinen- und Fahrzeugbauern sowie IT- und naturwissenschaftlichen Berufen sein. Bayern ist laut den Experten die Region mit den wenigsten Berufsfeldern, in denen mit einem Fachkräfteengpass zu rechnen ist.
Wer im Jahr 2030 in der Gastronomie (voraussichtlich 14.000 unbesetzte Stellen), dem Gesundheits- oder Mediensektor (zusammen circa 66.000 unbesetzte Stellen), einem geistes- und sozialwissenschaftlichen oder künstlerischen Beruf tätig ist, hat jedoch in Bayern die besten Chancen, eine gutbezahlte Stelle zu finden.
Foto: dpaNorddeutschland
In Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein sind vor allem Fachkräfte aus dem landwirtschaftlichen Bereich, Logistik und Verkehr gefragt. Allerdings gehen die Experten davon aus, dass Jobangebot und -nachfrage in Zukunft ausgeglichen werden. Wer in diesen Branchen tätig ist, bekommt also einen Job, wird aber nicht heißumkämpft. Anders sieht es dagegen bei den Rohstoff gewinnenden Berufen aus (voraussichtlich 30.000 unbesetzte Stellen). Ingenieure und Ingenieurinnen für Rohstoffgewinnung und -aufbereitung sollten spätestens in 15 Jahren ihre Koffer packen und sich auf den Weg in den Norden machen. Hier winken Jobs und gutes Geld.
Foto: dpaRegion Mitte-West
In Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist die Wirtschaftsstruktur durch die Bankenmetropole Frankfurt auch 2030 geprägt vom Finanz- und Versicherungssektor. In den besonders vorherrschenden Bereichen der kaufmännischen Berufe und rechts - und wirtschaftswissenschaftlichen Berufe wird es zu einem Überangebot an Fachkräften kommen. Für Angestellte aus diesen Branchen gibt es dort also wenig zu holen. Anders sieht es bei den Fachkräften aus dem Gesundheitswesen aus: Hier fehlen voraussichtlich 37.000 Kräfte. Bei den technischen Berufen sollen im Jahr 2030 rund 9000 Stellen unbesetzt und bei den Wach- und Sicherheitsleuten werden 7000 Kräfte fehlen.
Foto: dpaMobilität und Flexibilität helfen
Die gute Nachricht ist: Es handelt sich bei dem Ausblick von IAB und BIBB um eine Prognose. Diese Zukunft ist nicht in Stein gemeißelt. In den Projektionen erscheinende Engpässe oder Überhänge seien nicht als unausweichlich aufzufassen. "Die unterschiedliche demografische Entwicklung und die Wirtschaftsstruktur in den untersuchten Regionen geben die Richtung für die zukünftige Entwicklung des Arbeitskräfteangebots und -bedarfs nach Berufen und Qualifikationen vor", so die Forscher. Die Autoren erläutern: "Die Projektionen zeigen, auf welchem Entwicklungspfad wir uns bis zum Jahr 2030 befinden, wenn sich die bisherigen Trends in der Zukunft fortsetzen." Mehr regionale Mobilität und berufliche Flexibilität könnten beispielsweise Fachkräfteengpässe und –angebote teilweise ausgleichen.
Foto: APDie Industrie wird - schon allein, um wettbewerbsfähig zu bleiben - auf neue Technologien der Künstlichen Intelligenz gar nicht verzichten können. Neben den USA wird vor allem China als mächtiger Konkurrent gesehen. „China verfügt über einen riesigen Markt und eine große Anzahl von Menschen, die sich mit KI beschäftigen“, sagte Kurt Bettenhausen, Vorsitzender des VDI-Gremiums Digitale Transformation. Neben Robotern und selbstlernenden Systemen gibt es eine Vielzahl an Verfahren. Viele seien von der Idee her nicht neu, aber heute hätten wir die Datenmengen und Technologien zur Verfügung, um sie zu realisieren, sagte Frank Breuer, Mathematiker bei der Beratungsagentur McKinsey. In neuronalen Netzen etwa, die dem menschlichen Gehirn nachgebildet sind, steckt nach Erhebungen von McKinsey ein „gigantisches“ Potenzial. Allein bei Technologien wie dem sogenannten Deep Learning sehen die Berater ein Wertschöpfungspotenzial in Höhe von bis zu 5,8 Billionen Dollar jährlich.
Gemeinsam mit Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto und seiner Ehefrau Rivera de Peno schaut sich Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Auftakt der Hannover Messe die Industrietechnik von morgen an. Mexiko ist in diesem Jahr Partnerland.
Foto: REUTERSAm Partnerstand Mexikos erklärt ein Mitarbeiter der Bundeskanzlerin und dem mexikanischen Präsidenten die Neuheiten in der Röntgenfahrzeug-Entwicklung.
Foto: dpaDer Kuka-Chef Till Reuter (links) stellt Merkel, Nieto und de Peno beim Rundgang den Kuka-Roboter "i do" vor.
Foto: dpaAm Stand von Siemens erläutern Experten Merkel und dem mexikanischen Präsidenten-Paar die Illustration eines Motors.
Foto: dpaSiemens-Chef Joe Kaeser (links) schenkt der Bundeskanzlerin und Mexikos Präsidenten einen im 3D Druckverfahren hergestellten Turnschuh und ein Trikot.
Foto: dpaAm Stand des Technologiekonzerns ABB bekommen die beiden Regierungschefs von ABB-Vorstandsvorsitzenden Ulrich Spiesshofer die Ladetechnik für Elektroautos präsentiert. Neben Merkel: Der BMW i8, der mit ABB-Unterstützung bei der Formel E startet.
Foto: dpaAuch ein Unterrichtsprojekt ist Teil des Merkel-Rundgangs auf der Hannover Messe: Schüler der David-Röntgen-Schule Neuwied zeigen der Bundeskanzlerin und Enrique Pena Nieto ein Roboterprojekt.
Foto: dpaAm Stand des Roboterspezialisten Franka Emika geht es für Angela Merkel und Enrique Pena Nieto auf Tuchfühlung mit einem Roboter. Dabei bekommen sie Anleitung von Sami Haddadin vom Institute of Automatic Control der Leibniz Universität Hannover (rechts neben Merkel.)
Foto: dpaAm Stand von Rittal, einem Hersteller von Schaltschrank- und Klimatisierungs-Systemen aus Herborn, inspiziert Merkel bei der Hannover Messe einen gekühlten Schaltschrank. Neben ihr: Friedhelm Loh, Geschäftsführer von Rittal (Mitte) und Karl Ulrich Köhler, Vorstandsvorsitzender von Rittal.
Foto: dpaAm Jungheinrich-Stand probierten Angela Merkel und Enrique Pena Nieto eine digitalisierte Steuerung aus.
Foto: imago images