BörsenWoche 170 - Editorial: Wie Anleger vom Getreidepreis profitieren
Liebe Leser,
die aktuelle Trockenheit lässt deutsche Bauern aufstöhnen. Auf den verdorrten Feldern lasse sich weniger ernten, so die allgemeine Klage. Das bedeutet jedoch nicht den Untergang der gesamten Agrarbranche. Denn wo der eine verliert, kann der andere mehr verdienen. Nebeneffekt der Dürre ist unter anderem ein steigender Börsenpreis für Weizen: plus 14 Prozent seit Anfang Juli. Wer an den Rohstoffbörsen auf steigende Preise gewettet hat, zählt zu den Gewinnern.
Allerdings gilt es als politisch nicht korrekt, mit Agrarrohstoffen zu spekulieren. Wer an der Börse mit Lebensmitteln jongliere, sei mitverantwortlich für den Hunger in der Welt, so der Vorwurf. Aus Angst vor politischen Protesten haben Banken ihre Anlageprodukte auf Weizen, Sojabohnen oder gefrorenen Orangensaft längst eingestampft. Selbst wenn die Anleger kein schlechtes Gewissen plagt, können sie nicht investieren, weil ihnen das passende Vehikel fehlt. Was bleibt, ist der Umweg über Aktien von Agrarkonzernen.
Anleger sollten sich aber nicht aufs Glatteis führen lassen. Nicht jede Agraraktie zieht auch mit den Getreidepreisen an. Einige liefen zuletzt sogar schlechter, zum Beispiel der amerikanische Getreidehändler Bunge. Obwohl der Weizenpreis im Sommer stieg, ging es für den US-Konzern an der Börse abwärts. Denn die Zucker- und Bioenergiesparte lieferte im zweiten Quartal überraschend Verluste. Nun sucht Bunge einen Käufer für die defizitäre Zucker-Sparte. Aber auch im Getreidehandel lief es nicht rund. Dessen Chef musste daher Anfang August seinen Hut nehmen. Rückenwind von den Rohstoffbörsen hilft also wenig, wenn das Management des Unternehmens Fehler macht.
Wenn es einen positiven Hebel einer Aktie auf den Getreidepreis gibt, dann ist er nicht bei allen Unternehmen gleich ausgeprägt. In Deutschland beispielsweise läuft der Agrarhändler Baywa fast im Gleichschritt zum Weizenpreis. Die Schwankungen sind etwas geringer als beim Agrarrohstoff, aber die Aktie nimmt die Ausschläge nach unten und oben fast synchron mit. Dieser Paarlauf ist wenig überraschend. Schließlich hängt der Umsatz der Baywa-Produkte, etwa Saatgut und Dünger, am Einkommen der Landwirte. Je mehr die Bauern für ihr Getreide am Markt erhalten, desto mehr können sie ausgeben. Zudem verdient Baywa am Getreidehandel mit. Ist beispielsweise Weizen knapp, kann das Unternehmen auch höhere Preise bei seinen Kunden durchsetzen.
Ähnlich abhängig vom Weizenpreis ist ein anderer ehemaliger Depotwert, der Saatguthersteller KWS Saat. Auch hier beeinflusst das Einkommen der Bauern den Aktienkurs. Es gibt jedoch einen gravierenden Unterschied. KWS hat in den vergangenen fünf Jahren 45 Prozent Plus gemacht. Der Weizenpreis dagegen blieb unter dem Strich bei plus minus Null. Dafür gibt es zwei Gründe: Erstens hat KWS Saat in diesem Zeitraum mehrfach seine Ergebnisprognosen übertroffen. Zweitens investiert das Saatgutunternehmen immerhin 18 Prozent seines Gewinns in die Forschung. Das honorieren die Börsianer.
Ihr
Martin Gerth